Impuls MCC Köln, 28. März 2021
Ines-Paul Baumann

28. März Palmsonntag
31. März International Transgender Day of Visibility
Johannes 12,12-14a

Zusätzlich zum jetzigen Transgender Day of Visibility gibt es jedes Jahr auch den Transgender Day of Remembrance. Auf Palmsonntag folgt Karfreitag. Manchmal wird Sichtbarkeit mit dem Leben bezahlt, bei Trans*-Menschen genau wie bei Jesus.

Trotzdem – oder gerade deswegen! – ist es so wichtig, heute zu feiern. Sich feiern zu lassen. Jesu Feier an Palmsonntag ist das Gegenteil davon, wie der römische Kaiser anderen Ende der Stadt nach Jerusalem einzieht. Statt auf hohen Rossen zu sitzen, schnappt Jesus sich einen Esel. Statt einer Militärparade grenzt die Parade Jesu an Parodie. Statt einer Demonstration von Macht demonstriert Jesus GEGEN Macht, ach was, Jesus richtet seine Aufmerksamkeit an diesem Tag nicht mal GEGEN die herrschenden Mächte und Normen. Was Jesus interessiert, ist ein ganz anderer Umgang miteinander. Jesus gibt sich dafür nicht ansatzweise die Mühe, bestehende Strukturen von Macht und Sicherheit für seine Zwecke zu nutzen. Er will ihnen nicht angehören, und sie sollen nicht zu seinem System werden. Jesus geht nicht zum Herrscher in Rom und fordert ein, doch bitte in dessen Kreise mit aufgenommen zu werden, und dass Frauen doch bitte auch mitmachen dürfen und Schwule doch bitte von diesem System den Segen bekommen mögen.

Auf meinem eigenen Weg als Trans*-Mensch erlebe ich diesen Jesus als befreiend. Wessen Anerkennung ist mir wichtig? Wo will ich dazugehören? Lange wusste ich immer nur, wo ich NICHT dazugehören will bzw. kann: im herrschenden System von zwei Geschlechtern sah ich keinen Platz für mich. Dann lernte ich Menschen kennen, die mit der Macht von Geschlechtlichkeiten so umgingen wie Jesus mit der Macht Roms: Statt sich daran abzuarbeiten, versuchen wir es doch mal mit einer Alternative. Manche Elemente greifen wir gerne mit auf, verdrehen sie, parodieren sie, zelebrieren sie – aber wir huldigen ihnen nicht. So wie Jesus mit dem Esel und den Palmzweigen: was sichtbar wird, wird sofort wieder durchbrochen.

Es wirkt fast, als brauchten diese gegensätzlichen Bilder von Esel und Palmzweigen einander, wie um sich gegenseitig ins Wort zu fallen. „He, da kommt ein König! Aber nein, er sitzt doch auf einem Esel, das tut ein König doch nicht. Also ist er kein König? Aber warum jubeln sie ihm dann zu mit den Palmzweigen? Dann kann er doch nicht KEIN König sein!“ Beides stimmt nicht, und von beidem stimmt ein bisschen, manchmal, je nach Situation, aber eigentlich erfasst beides Jesus nicht, zumindest nicht so, wie wir es sonst kennen. Also was dann??
SO geht es mit mit meinen Sichtbarkeiten. „Bart und tiefe Stimme? Ein Mann! Äh, doch kein Mann? Aber, eine Frau doch auch nicht!“ Ja, was dann?

Am Transgender Day of Visibility wird sichtbar, was binäre Auffassungen von Männlichkeit und Weiblichkeit alles unsichtbar machen. Mitgemeint und mitbetroffen sind dabei auch alle, deren Augen auf diejenigen blicken, die heute sichtbar im Mittelpunkt stehen, ja ein ganzes System. An Palmsonntag war es unmöglich, Jesus richtig zu lesen. An Palmsonntag hat Jesus das ganze Durcheinander sichtbar gemacht und zelebriert. Im selben Geist machen wir heute das Durcheinander von geschlechtlichen Zuweisungen sichtbar und zelebrieren es. Ich bin ganz sicher: Jesus feiert mit.

 

 

 

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Von Gegensätzen und Gegenmacht (zu Palmsonntag und Transgender Day of Visibility)