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Wenn du zu „falsch“ bist, läuft da was falsch! (Weihnachten 2021)

Krippenspiel & Impuls MCC Köln, 24. Dezember 2021
Ines-Paul Baumann

Matthäusevangelium 2,1-11

Erzählstimme: Die drei Sterndeuter befinden sich auf dem Weg nach Bethlehem.

Sterndeuter 1: Also, ich habe mich mal schlau gemacht, welche Gebräuche uns hier erwarten. Allerdings ist mir noch unklar, wonach wir uns richten sollen. Hier gibt es eine römische Regierung, es gibt ganz viel Judentum, es gibt ganz viel griechische Einflüsse. Was gilt denn jetzt, wenn wir dem neuen Königsgott begegnen?

Sterndeuter 2: Mach dir keine Gedanken. Wenn wir erst mal da sind, können wir das bestimmt am Gebäude erkennen. Ein jüdischer Tempel sieht ganz anders aus als ein römisches Herrscherhaus. Warte es einfach ab. Wir achten einfach auf den Stern.

Sterndeuter 1: Ok. Trotzdem sollten wir uns vorbereiten. Nicht alle dürfen einfach so zu Gott rein! Zum Beispiel ist es üblich, bestimmte Reinheitsvorschriften zu beachten. Und in den Vorschriften steht auch: „Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden.“ (Gen 17,10–14)

Sterndeuter 3 (besorgt): Ich glaube, wir sind falsch. Wir sind doch gar nicht beschnitten. Und ich weiß gar nicht, wie das geht mit den Reinheitsritualen.

Sterndeuter 2: Warte es einfach ab. Wir achten einfach auf den Stern.

Sterndeuter 3 (beruhigt sich selbst): Zum Glück haben wir wenigstens Geschenke dabei.

Sterndeuter 1: Warte, zu Geschenken stand da auch irgendwas. Ah, hier: „Du sollst (…) keine Geschenke nehmen.“ (5 Mose 16,19) Und ein Stück weiter: „Wer (…) seine Hände bewahrt, dass er nicht Geschenke nehme (…) Der wird in der Höhe wohnen (…) Deine Augen werden den König schauen in seiner Schönheit“ (Jes 33,15-17)

Sterndeuter 3 (leicht panisch): Aber wir wollen doch AUCH den König schauen in seiner Schönheit! Was machen wir denn jetzt mit unseren Geschenken? Ich glaube, wir sind falsch.

Sterndeuter 2: Warten wir es einfach ab. Wir achten einfach auf den Stern.

Sterndeuter 1: Naja, ganz so einfach ist es vielleicht nicht. Ein Kommentar zu den Vorschriften betont: „‘Ich steh vor Dir mit leeren Händen, Herr’. Das ist das Tor zum Empfang seines Trostes und seiner Weisung.“ (https://www.steyler.eu/svd/seelsorge/anregung/artikel/2011/januar-GD-4-so-JkA-predigt.php)

Sterndeuter 3: Seht ihr? Mit leeren Händen! Unsere Hände sind viel zu voll! Ich glaube, wir sind falsch.

Sterndeuter 2: Wir sind doch nicht falsch. Glaub mir, wir sind auf dem richtigen Weg! Wir sind gute Sterndeuter!

Sterndeuter 1: Mmmh, das könnte noch zum Problem werden. Hier sagt einer von denen, die Gott schon begegnet sind: „Zudem war es für mich ein Erkennen, dass ich nicht gut bin und schwach bin. Diesen Bruch des Stolzes braucht es, um überhaupt Gott zu empfangen. (…) Demut ist der Anfang für Gott, in dein Leben zu treten“ (https://www.david-dienst.ch/category/news/)

Sterndeuter 3: Hört ihr? Wir müssten viel schwächer sein, damit dieser Gott stärker ist. Viel kleiner, damit dieser Gott wahrhaft groß ist. Viel demütiger, damit Gott wahrhaftig angebetet wird. Ich glaube, wir sind falsch.

Sterndeuter 2: Sag mal, wer hat DIR denn den Kopf verdreht? Was soll denn das für ein Gott sein, wenn der nur dann toll ist, wenn wir es nicht sind? Kommt, besinnt euch mal. Wir achten einfach weiter auf den Stern.

Sterndeuter 1: Hm. Zu den Sternen steht in den Vorschriften auch was. Hier: „Hebe auch nicht deine Augen auf gen Himmel, dass du die Sonne sehest und den Mond und die Sterne, das ganze Heer des Himmels, und fallest ab und betest sie an und dienest ihnen.“ (5. Mose 4, 19)

Sterndeuter 2: Na und? Wir beten die Sterne doch gar nicht an, wir DEUTEN sie nur.

Sterndeuter 1: Ja, aber in einer Anmerkung zu diesen Vorschriftenbüchern steht: „Für die Bibel ist jede Form der Sterndeutung bestenfalls nutzlos, schlimmstenfalls Götzendienst.“ (https://www.sonntagsblatt.de/artikel/glaube/horoskope-sterndeutung-der-bibel) Hier ein anderes Zitat dazu aus den Vorschriften: „Dass nicht jemand unter dir gefunden werde, der Wahrsagerei, Hellseherei, geheime Künste oder Zauberei treibt oder Zeichendeuterei vornimmt.“ (5. Mose 18, 10ff)

Sterndeuter 2: Hä? Da steht doch gar nichts von Sternen. Die sind aber komisch mit ihren Anmerkungen und Auslegungen.

Sterndeuter 3 (immer jammernder): Ich glaube, wir sind falsch. Es reicht doch, dass die DENKEN, dass Sterne nicht gedeutet werden dürfen…

Sterndeuter 2: Also, laut Stern sind wir jetzt am richtigen Ort.

Sterndeuter 1: Ich kann nichts erkennen. Hier ist kein Tempel oder Herrscherhaus.

Sterndeuter 3 (resigniert): Ich glaube, wir sind falsch.

Erzählstimme: Ein paar Hirten kommen ihnen entgegen und laufen an ihnen vorbei.

Sterndeuter 3 (jetzt ganz sicher): Hirten. Hier laufen Hirten herum. Ich sag doch, wir sind falsch. Wo soll denn hier ein König geboren sein oder Gott wohnen? Es gibt keinen Palast, kein Personal, keinen Glanz, keine Orgel, keine Diener, keine Waschgelegenheiten, keinen Opferaltar, keine Gesänge, keine schönen Bilder, nichts. Stattdessen gibt es eine Krippe, und es stinkt nach Esel und Ochsen, und Hirten laufen herum.

Sterndeuter 1: Hm. Gemessen an den ganzen Vorschriften und Gebräuchen und Erwartungen zeugt das wirklich nicht von einer Gegenwart Gottes. Hier menschelt es viel zu sehr.

Sterndeuter 2: Aber wenn dieser Gott unter den Menschen wohnen möchte, dann MUSS es doch ab sofort menschlich zugehen, wenn das Göttliche eine Wohnung haben soll. Kommt schon, lasst uns doch jetzt nicht aufgeben. Der Stern bringt uns schon zu dem neuen Königsgott.

Sterndeuter 3 (windet sich): Wir passen hier nicht her. Wir sind zu reich und zu vornehm und zu gebildet und bringen viel zu viel mit. Wir sind zu anders. Kommt, wir gehen. Hier haben wir keinen Platz. Wir sind hier falsch.

Sterndeuter 2: Nein. Ich glaube, genau darum geht es. Dieser Gott ist für ALLE da. Wenn dir demnächst gesagt wird, du könntest Gott nicht begegnen, so wie du bist, und du seist zu falsch für die Gegenwart Gottes – dann läuft da etwas falsch!

Nachtrag Ines-Paul:

Du bist willkommen, auch wenn einzelne Bibelverse aus dem Zusammenhang gerissen und gegen dich verwendet werden.
Du bist willkommen, auch wenn du dich unpassend fühlst im Vergleich mit anderen.
Lass dich nicht abhalten von der Gegenwart Gottes – auch nicht dadurch, dass es menschelt.
Du bist willkommen.

Ich möchte noch einen Schritt weitergehen: Es muss nicht immer darum gehen, dass wir uns passend und eingeladen fühlen. Wenn etwas falsch läuft, können wir uns ruhig auch mal falsch fühlen – und das Falsche sichtbar machen. Einfach indem es uns gibt. Indem wir einfach da sind.

Feminist*innen sind gegen Frauenhass – aber nur, solange dieser Frauenhass sich nicht gegen Transfrauen richtet? Hier läuft was falsch.

Lesben nehmen sich nur noch Anne Will und L-World als Vorbild (hyperfeminine, super normschöne, gebildete, privilegierte cis-Frauen). Hella von Sinnen (laut, maskulin, alternativer Lebensentwurf) und andere männliche Lesben werden als Kampflesben betitelt. Für die Gleichstellung und Anerkennung und die Ehe-für-alle werden nur noch die „normalen“ weiblichen Lesben als nützlich empfunden. Männliche Lesben stehen im Wege, fallen zu sehr auf, stören. Seit zwei Jahrzehnten werden maskuline Frauenbilder deswegen aus der Öffentlichkeit verdrängt. Und dann wird Transmännern vorgeworfen, dass IHR plötzliches Auftauchen die Sichtbarkeit maskuliner Weiblichkeiten verdrängt? Hier läuft was falsch.

Wenn in Deutschland Menschen, die nicht weiß genug aussehen oder sich nicht weiß genug benehmen, gefragt werden, wo sie denn „ursprünglich“ und „eigentlich“ herkommen – da läuft was falsch.

Ein Männerpaar zieht gemeinsam Kinder auf. Als Eltern leben sie unterschiedliche Männerrollen vor. Und dann werden SIE gefragt, ob ihren Kindern nicht was fehlt, wenn diese kein weibliches Rollenvorbild bei ihren Eltern sehen? Und heterosexuelle Eltern, die ihre Rollen ganz traditionell besetzen, müssen sich NIE die Frage anhören, ob sie ihren Kindern denn genügend Rollenvorbilder anbieten? Da läuft was falsch.

Wenn Arme sich für ihre Armut rechtfertigen müssen (sollen sie doch mehr arbeiten, mehr sparen und sich besser um sich kümmern, dann könnten sie auch mehr aus sich machen) und nicht Reiche für ihren Reichtum – dann läuft da was falsch.

Die Geschichten der Geburt Jesu sind – wenn wir den ganzen Kitsch mal weglassen – der Gipfel an Situationen, in denen (gemessen an den Gepflogenheiten) etwas „falsch“ läuft:

  • Josef soll ein Kind großziehen, das er nicht gezeugt hat.
  • Der angeblich große und wunderbare Gott zeigt sich der Welt als hilfsbedürftiges kleines Kind. Der, der angeblich die ganze Welt in seinen Händen hat, muss gehalten werden von den Händen einfacher Menschen.
  • Wer in der Weihnachtsgeschichte die Gegenwart Gottes sucht, findet sie nicht in religiösen Bauten, nicht in rituellen Gebräuchen, nicht bei spirituellen Meistern – Gottesbegegnung findet statt unter den gewöhnlichsten Umständen. Nicht mal das: sogar unter Umständen, die ablenken und herausfordern.

Diese Weihnachtsgeschichten bedienen Erwartungen nicht, sie brechen mit Erwartungen.
Und das war nur der Anfang der Geschichte Gottes geoffenbart in Jesus Christus.

Möge Gott uns (als Einzelne als auch als Kirche) die Kraft geben, im richtigen Moment so falsch zu sein, wie es passend und unpassend ist.
Und mögen auch wir uns in Situationen führen lassen, die mit unseren Erwartungen auch mal brechen – und die gerade damit Raum geben zur Begegnung von Gott und Menschen.