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Was dürfen wir hoffen?

Predigt MCC Köln, 1. August 2021
Daniel Großer

Matthäus 4,18-22

Mein Name ist Andreas, und ich will dir davon erzählen, was Hoffnung ist. Hätte ich keine Hoffnung gefunden, dann würde das, was du “Evangelium” nennst, nicht davon erzählen, wie Jesus meinen Bruder Simon und mich am Ufer fand, und was dann passierte.

Manche finden, dass es ein Wunder war, dass Simon und ich uns auf Jesus eingelassen haben. Weißt du, ich habe viel mit Jesus erlebt, und einiges davon ist auch für mich ein Wunder. Aber der Moment, in dem ich Jesus folgte? Ein Wunder? Ehrlich gesagt, für mich war das eine Vernunftentscheidung. Meine Eltern sahen das natürlich anders, ich kann sie auch verstehen. Wir hatten ja sowas wie ein kleines Familienunternehmen, und das lief ganz gut! Im See gab es viele große Fische; einmal gefangen, konnten wir sie für einen guten Preis verkaufen. Ich war ein erfolgreicher Kleinunternehmer, hatte sogar ein paar Angestellte. Ich war nicht arm, und auf kurz oder lang hätten wir den Betrieb von Vater geerbt – vielleicht sogar ein Haus gebaut. Aber weißt du, wenn du dir um dein Überleben keine Sorgen machen musst, kommst du auf kurz oder lang zur Ruhe und denkst nach über dich und dein Leben.
Nachts bist du auf dem Boot, die Netze sind ausgeworfen, dann ist es dunkel, und du wartest, dass dir die Fische in die Falle gehen. Simon und ich, wir haben viele lange Nächte so auf dem See verbracht. Manchmal haben wir geschwiegen, aber oft haben wir miteinander geredet. Wir waren jung, klar hatten wir Träume. Wir haben gesehen, wie andere in unserem Alter leben.

Da gab es die ganz armen Schlucker, die keine Chance hatten, sich jemals irgend etwas aufzubauen, deren Leben nur aus harter Arbeit bestand. Oder man schloss sich der römischen Legion an; wer das überlebte, war irgendwann frei und hatte ausgesorgt – aber wer von denen hätte sich je wieder hier blicken lassen können? Nein, in der Fremde einsam sterben, das wollten wir nicht. Man hätte sich auch den Gelehrten anschließen können, aber am Ende des Tages war das doch genauso fremd und einsam, lauter Regeln, die Klüngelei und die ewigen Intrigen. Eher ein Albtraum. Überhaupt, die ewige Anbiederei, sei es nun bei den Schriftgelehrten oder der römischen Besatzung, oder gar den Rebellen. Wenn du auf einem Fischerboot in der Mitte des Sees bist, hast du leicht träumen von der Freiheit. Aber wenn du am Morgen wieder ans Ufer fährst, wer bist du dann? Dann bist du wieder ein Fischer, weiter nichts. Ich war nicht arm. Aber war ich deswegen reich? Wofür das alles? Eine Frau nehmen und mit ihr Kinder kriegen, die wieder unfrei sind – sei es wegen der Römer, wegen der Pharisäer, wegen der Armut oder, wie für die meisten von uns, wegen alledem zugleich? Mein Name ist Andreas. Ich habe vor 2000 Jahren gelebt. Ich hatte ein Herz, wie du. Ich hatte Träume, wie du. Ich war verzweifelt, genau wie du. Ich hatte ein Lachen, genau wie du. Ich habe versucht, im Leben klar zu kommen, genau wie du. Ich hatte ein kleines Fleckchen Freiheit, das ich von einer Seite bis zur anderen abschreiten konnte, genau wie du. Ich hatte Pläne und habe mir vieles lange durch den Kopf gehen lassen, bevor ich es tue, genau wie du.

Jesus kannten wir da ja schon, der war ja in der Region kein Unbekannter, die Leute redeten, und wir haben ihn auch ein paar Mal getroffen. Simon und ich haben uns manchmal über ihn unterhalten, Nachts, auf dem See. Ich gebe zu, wir haben unsere Witze gemacht über ihn, denn war der nicht ein schräger Vogel? Und seine ewigen Reden… Simon hat ihn manchmal nachgeäfft, wir haben herzlich gelacht. Aber dann wurde es irgendwann still und es blieben die Dunkelheit, der See, Simon und ich. Und der leise Zweifel in mir. Wie kann Jesus das sagen, was er sagt? Wie kann er das versprechen, was er verspricht? Warum ist er so viel freier, als ich, der ich einen soliden Job habe und ein Ansehen? Aber frei, nein, frei… war Jesus nicht genau das? Wie einer, der wirklich noch auf etwas hoffen kann.

Wir haben nichts gefangen in dieser verrückten Nacht. Stell dir das vor, du fragst dich, wozu du das alles machst, und ob es das schon gewesen sein soll in deinem Leben… und dann gelingt dir nicht mal mehr das! Simon überspielt sowas ja schnell, aber ihm ging es glaub ich genau so, wie mir, wenn er ganz ehrlich ist.

Am Ufer war die Enttäuschung groß, die Leute zogen schnell wieder ab, denn wir hatten ja nichts an Bord. Aber wer blieb? Jesus. Kein Witz über unseren erfolglosen Fang. Hat einfach nur eine Weile still da gesessen. Und dann lud er uns ein, und zwar ganz typisch, wie Jesus immer war. Mitten im Leben, aber weit über das hinaus, was mein Leben war.

Wäre ich etwa irgendwo freier gewesen, als bei Jesus? Hätte ich ernsthaft auf irgendetwas meine Hoffnung setzen können, außer auf den, der Hoffnung hat? Auch dann, wenn mir absolut unklar her, woher er die bezog – ich konnte sie doch sehen in seinem Blick.
Mein Name ist Andreas. Ich bin meiner Vernunft gefolgt, weil ich der Hoffnung begegnet bin.

Sendung & Segen

Gott segne dich
mit Hoffnungen, die dich und andere mit dem Leben verbinden und zur Quelle von Veränderungen werden.

Gott segne dich
mit den Hoffnungen, von denen du dich trennst – auf dass nach dem Schmerz Raum für Neues entstehen kann.

Gott segne dich
mit Menschen, deren Erfahrungen dir Hoffnung machen für deinen eigenen Weg.

Gott segne dich
mit Begegnungen, in denen deine Erfahrungen zum Hoffnungsschimmer für andere werden.