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Manifest zum Umgang mit (A-)Sexualität und Glaubensfragen

Predigtimpuls MCC Köln, 25. Juli 2021
Ines-Paul Baumann

1. Korinther 6,9-20

Content Hinweis: Es geht um Sex. Körperflüssigkeiten werden explizit genannt.

Meinungen über erlaubte und unerlaubte Sexualität ändern sich. Auch innerhalb der Bibel. Laut 3. Mose 20,17 ist Sex zwischen Halbgeschwistern eine „Schandtat“, die mit dem Tod bestraft werden muss. Die beiden Halbgeschwister Abraham und Sarah (1. Mose 20,11+12) können also von Glück sagen, dass sie davor gelebt haben – all die großen Geschichten über die beiden wären sonst nie geschrieben worden. Auch bei den meisten Christen genießen Abraham und Sarah bis heute größtes Ansehen. Meinungen über erlaubte und unerlaubte Sexualität ändern sich. IN der Bibel und ÜBER das, was da steht.

Nachdem ihr gerade die Meinung des Paulus zum Umgang mit Sexualität gehört habt, möchte ich euch nun meine offenlegen. Ich halte sie für genau so „biblisch“ und in meinem Glauben gegründet wie Paulus das für sich in Anspruch genommen hat. Ich sehe in der Bibel drei Stränge zu dem Thema:

  1. Aufklärung über Infektionswege und Risiken.
    Was in der Bibel mit „rein/unrein“ oft so moralisch daherkommt, sind aus meiner Sicht in vielen Fällen frühere Hygienevorschriften. Sperma und Blut wurden als Ausgangspunkt für Infektionen durchaus wahrgenommen. Das macht sie nicht an sich „schlecht“ und verwerflich. Es macht Menschen, die sich anstecken, nicht als solche „schlecht“ und moralisch verwerflich. Aber gewisse Regeln im Umgang damit können darüber entscheiden, ob eine Ansteckung erfolgt oder nicht. Hier galt früher offenbar oft der Grundsatz: „besser zu viel Schutz als zu wenig“. Kann mensch so sehen. Ich finde aber wichtig, das Anliegen des Schutzes zu verstehen und als solches anzuerkennen – und nicht zu verwechseln mit einem allgemeinen Verbot. Auch damals waren Sperma und Blut ja nicht an sich problematisch; sondern die Infektionen (nicht die infizierten Menschen!) waren problematisch. Es muss also nicht automatisch alles verboten sein, was grundsätzlich eventuell womöglich eine Ansteckung zufolge haben könnte. Aber es geht um das Wissen darum. Nur dann kann ich informierte Entscheidungen treffen. (Mitdenken und sich Informieren sollten ALLE, unabhängig vom eigenen Infektionsstatus.)
    Eine heutige Version der früheren Reinheitsgesetze sehe ich in der Aufklärungs-Kampagne „Ich weiß, was ich tu.“ (https://www.iwwit.de)
    Informiert euch, klärt euch auf, dann entscheidet.
  2. Soziale Absicherung.
    Ganz viele biblische Regeln zum Umgang mit Sexualität sind eigentlich Regelungen für Eigentum. Nicht nur, weil Frauen lange Zeit als Besitz galten. Wer erbt? Wer sorgt für mich im Alter? Wer kümmert sich um die Versorgung von materiellen und sozialen Bedürfnissen? Wo finde ich Schutz und ein Auskommen? Wie verantwortlich verhalte ich mich in Bezug auf getroffene Vereinbarungen? Sexualität ist hier bis heute ein oft stellvertretendes Kriterium (bestes Beispiel: eine „treue“ Verbindung samt steuerbegünstigendem Ehegattensplitting meint meistens sexuelle Exklusivität). Bis heute ist Sexualität damit oft ein Tauschfaktor. Ich möchte nicht wissen, wie viele Beziehungen darauf beruhen, dass Sexualität gegeben wird, um eine Partnerschaft zu bekommen oder zu erhalten. Wie viele Menschen lassen sich auf Sex ein, um dafür materielle und soziale Absicherung zu bekommen. Dass Menschen sich überhaupt an andere binden müssen, um sozial und materiell abgesichert zu sein, macht sie abhängig. Den meisten fällt das nur dann kritisch auf, wenn sie im Paulustext von „Hurerei“ lesen; DANN denken sie an Sex gegen Geld und prangern mangelnde Freiwilligkeit an. Ich sehe das Problem schon in so manchem Verständnis von Beziehung angelegt. Ich will weder in der Sexarbeit noch in Eheschließungen noch in anderen Verhältnissen verbieten, Sex als Tauschmittel einzusetzen. Aber auch hier gilt: Entscheidungen sind nur möglich, wenn es Alternativen gibt. Und die gibt es nur, wenn wir aufhören, Sex mit einer Währung (oder gar einem Beweis) für Liebe, Verbundenheit und Miteinander zu verwechseln. Und wenn wir aufhören, Beziehungsgefüge zu einer Voraussetzung für soziale Absicherung zu machen. Soziale Absicherung ist eine gesellschaftliche Aufgabe, keine individuell abpressbare.
  3. Einverständnis.
    Kein Sex ohne informiertes, freiwilliges und bewusstes Ja aller Beteiligten. Zunicken in der Cruising-Zone kann dafür ausreichen. Miteinander verheiratet zu sein ist kein Freifahrtschein. Sex muss einvernehmlich sein, innerhalb und außerhalb aller Formen von anerkannten Beziehungskonstellationen. Nur Ja heißt Ja. Bevor der Sex anfängt und auch jederzeit währenddessen.

Grundsätzlich bin ich mit Paulus also durchaus einer Meinung: „Nicht alles dient zum Guten.“
Zusammengefasst sind meine drei Kriterien dafür:

  1. Es ist nicht ok, sich selbst oder andere Beteiligte darüber im Unklaren zu lassen, für welche Infektionsrisiken wir gerade alle zusammen Verantwortung übernehmen.
  2. Es ist nicht ok, aus einem Beziehungsstatus oder aus materiellen/sozialen Voraussetzungen irgendein Anrecht auf Sex abzuleiten.
  3. Es ist nicht ok, mich selbst oder andere in Sex zu verwickeln, solange nicht alle Beteiligten mit jedem Schritt einverstanden sind.

Für mich ergeben sich daraus keine moralischen Kategorien von besseren oder schlechteren Beziehungskonstellationen oder Sexpraktiken. Wenn ich BDSMer*in bin und das vor mir und anderen leugne, führt das nicht zu moralisch hochwertigerem Sex. Wenn ich einem Menschen zuliebe mal was mache, was ich sonst nicht machen würde, einfach um dieser Person eine Freude zu machen, kann das voll ok sein. Wenn ich oder andere NIE an mich selbst denken, naja, da wird es wieder schwierig. Was in der einen Situation ok ist, kann in einer anderen nicht ok sein.

Ich finde nicht, dass ich das jetzt alles so überladen formulieren muss wie Paulus, mit Reich Gottes und so. Diese Grundsätze gelten aus meiner Sicht für alle Menschen, unabhängig davon, ob und welchen Glauben sie haben.

Aber dass unsere Körper Teil des Leibes Christi sind und Tempel des Heiligen Geistes, finde ich faszinierend: Wenn jeder Sex, den wir haben und nicht haben, Christus mit verkörpert und in Christus mit verkörpert ist – werden dann nicht auch immer die Grenzen Christi überschritten, wenn die Grenzen einer glaubenden Person überschritten werden? Wie viel Gänsehaut und wie viele Orgasmen hatte Christus dann schon, und mit wie vielen Leuten? Und in (und mit) wie vielen Geschlechtern? Und wie schön, wenn Christus sich jedes Mal entspannt zurücklehnen kann, wenn asexuelle Menschen sich ernst nehmen und ernst genommen werden!

Aus meiner Sicht ist so gesehen kein Zufall, dass mein Manifest zum Umgang mit (A-)Sexualität auch mein Manifest zum Umgang mit (Nicht-)Glauben ist: Gemeinsam Verantwortung für die Risiken übernehmen. Sozial-materielle Lebenslagen nicht dafür ausnutzen. Nur Ja heißt Ja. Diese drei Grundsätze sollten nicht nur für Sexualität gelten, sondern immer auch in Glaubensfragen.

Lesetipps

  • zu den „Hygienevorschriften“: „Das Tagebuch der Menschheit – was die Bibel über unsere Evolution verrät“ von Carel van Schaik & Kai Michel, Hamburg 2020 (6. Auflage)
  • „Ich weiß, was ich tu“: https://www.iwwit.de
  • „Konsens lernen“: https://konsenslernen.noblogs.org (Übersetzung der Broschüre und weitere Links)

Ergänzung

(Danke für den Impuls aus dem Predigtnachgespräch!)

Auch mein Manifest ist nicht gedacht als weiteres Regelwerk zur Unterscheidung von Gut und Böse. Auch bei diesen „nicht ok“-Anliegen können wir dumme Riesenfehler machen. Dann müssen wir gucken, wie wir den Karren wieder aus dem Dreck ziehen. Resigniere nicht. Keine Wahrheit ist zu schlimm oder zu beschämend, um sich ihr nicht stellen zu können. Bitte hol dir ggf. Hilfe! Nutze Angebote: Beratung, Behandlung, Seelsorge, Therapieplatz, Selbsthilfegruppen, Gottesdienste, …

Kommentar

Hallo Ines-Paul,
Deine Ergänzung finde ich gut. Mein Anliegen war jedoch, dass nicht alle gutgemeinten Regeln und Gesetze der komplexeren in sich widersprüchlichen Seelenlandschaft/Psychodynamik der Menschen entsprechen. Diese lassen sich gar nicht immer fassen in den Kategorien von GUT und BÖSE (Seelsorge, Gottesdienst, Justiz) oder von GESUND und KRANK (Therapie). Vergebung ist oft gar nicht nötig. Missverständnisse und das Lernen durch das freie Ausprobieren alternativer Strategien gehören zum Leben. Der Kompromiss z.B. fehlt in Deiner Forderung, JA und NEIN zu akzeptieren, aber ohne Kompromisse funktioniert keine Beziehung. Und daher gehört in der Sexualität nicht alles eindeutig in die großen Schubladen der Menschenrechte, der Justiz oder Psychotherapie. Das meinte ich, aber Deine Predigt ist auch ohne meine Bemerkung und ohne Änderungen verständlich und gut. Wenn jemand daraus für sich mitnimmt „Ich darf mittendrin STOP sagen!“, dann reicht das, oder wenn jemand mitnimmt“Dass jemand asexuell sein kann, war mir neu; es scheint ein Tabu zu sein“, dann ist doch viel erreicht.
Mit freundlichen Grüßen! Manfred

Hallo Manfred,
danke für deinen Kommentar! In der o.g. Broschüre „Konsens lernen“ findest du eine MENGE zu Kompromissen, zum Aushandeln, zum Umgang mit dem ganzen komplexen Thema insgesamt: https://konsenslernen.noblogs.org
Viel Spaß allen beim Stöbern,
Ines-Paul