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Glaube als Kraftquelle auch für politischen Aktivismus

Predigtimpuls MCC Köln, 15. August 2021
Manfred Koschnick

Apostelgeschichte 5,25-29

In diesem Predigtimpuls werde ich Euch einige meiner Gedanken über das Thema „Glaube als Kraftquelle für Politik“ vortragen, denen Ihr natürlich wie immer heftig widersprechen dürft. Viele hören insgeheim „Mein Glaube als Kraftquelle für meinen politischen Aktivismus“. Da werde ich etwas zu kritischer Distanz verhelfen. Als Impuls stelle ich Euch 2 bis 3 Gedanken vor und Ihr dürft unterscheiden, abwägen und für Euch entscheiden, welcher Gedanke eher zu Eurer Erfahrung und Überzeugung passt. Dann komme ich zum Thema Gewissen als Glaubenskraft. Zum Schluss bezweifel  ich ein wenig die Spiritualität vermeintliche großer politischer Taten und Ideen. Die Predigt schliesst mit einer eigenen persönlichen Erfahrung.

Christen fragen, ob es eine Beziehung zwischen Glauben und Politik überhaupt geben darf oder überhaupt geben kann. Es gibt darauf mindestens 3 Antworten.

  1. Erste Antwort: Manche Menschen, so auch mein Vater, sagten nach Ende der Naziherrschaft „nie wieder darf es eine Vermischung von Glauben/Kirche und Politik geben! Nie wieder aus dem Glauben eine Ideologie machen! Keine Politische Macht oder Ideologie darf durch die Glaubenslehre begründet oder gerechtfertigt werden, vor allem kein Krieg! Und kein anderer soll unser Herr und Führer sein als Jesus allein!“
  2. Zweite Antwort: Eine andere Gruppe von Christen sagt nicht nur, der Glaube darf nicht sondern er kann von Natur aus nicht politisch sein, muss neutral sein, da Gott Geist ist. Da Gott Geist ist, kann es beim Glauben nur um die Hinwendung zum Geistigen gehen, niemals um schnöde weltliche Politik.
  3. Die dritte Gruppe von Christen behauptet, dass es keine Neutralität gibt, wie man z.B. am Schweigen der Deutschen und dessen Folgen beim Holocaust doch sehen konnte. Die Bibel, besonders das AT , sei voll von Politik. Die heutige Unterdrückung der Schwulen in Polen, und Russland  werde doch aus glaubenskräftigem politischem Aktivismus heraus betrieben. Auch der jetzige Papst, geprägt durch die  Theologie der Befreiung, betreibt (wie alle vor ihm) aus seiner Glaubenskraftquelle heraus Politik. Auch Donald Trump konnte nur durch die glaubensstarken Christen und deren glaubensstarken entschiedenen politischen Aktivismus die Wahl gewinnen. (Übrigens ist offiziell auch die Mehrheit der katholischen Bischöfe auf seiner Seite.)

Die Frage, ob der Glaube Kraftquelle für politischen Aktivismus sein kann, ist damit beantwortet. Niemand sollte die Kraft des Glaubens unterschätzen. Der Glaube kann Berge versetzen oder die Twintower (das Welthandelszentrum) in New York, zum Einsturz bringen. Und niemand sollte anders herum den Einfluss der  Politik und der religionsfeindlichen Propaganda auf den Glauben unterschätzen!

Also ist einerseits jedes Verhalten Ursache  politischer Konsequenzen. Andererseits gibt es anscheinend, (wie mein Vater befürchtete) eine Grenze des christlich-politischen Aktivismus, wo dieser  seine Identität  in Abhängigkeit von der Ideologie (oderPolitik) ( z.B. Rassismus, Feminismus, Sozialismus,…) selbst „verrät“  – oder in Terror umschlägt.

Woher aber kommt diese Kraft des Glaubens? Ich meine nicht die Kraft Gottes. –  Ihr wisst doch selbst, was jede Glaubenskraft stärkt …von Atemübungen über Gesang, Meditation, Bibellesung, Beichte, Vergebung bis Gebet usw. Muss ich wirklich noch darüber predigen? Interessanter ist doch, woher grundsätzlich diese Kraft im Menschen kommt.

  • Ich denke, am Entscheidendsten für die Durchsetzungs-Kraft des Glaubens ist das religiöse Gewissen!, das im Bewusstsein und im Unterbewusstsein wirkt. Es bindet den Einzelnen an eine Gruppe, die ihm kulturelle, religiöse Heimat und vor allem Schutz bietet. Verliert er die Bindung, gerät der Mensch in Gefahr. Die bedrohlich andere Meinung  wird bekämpft. Dies ist seit der Steinzeit  vererbt worden. Dieses kulturell gebundene Gewissen wird immer als gut und richtig empfunden, – als Unschuld. Das gilt auch von der polit. Neutralität über den Aktivismus  bis zum Terrorismus eines Widerstandkämpfers wie Graf von Stauffenberg oder für jenen Baggerführer, der aus Gewissensgründen mit Rosenkranz und Gebet ganz allein den Abfluss der  (einsturzgefährdeten) Steinbachtalsperre freischaufelte.
  • Die Kraft des Glaubens selbst ist weder gut noch schlecht. Sie kann der Umsetzung guter und schlechter politischer Ziele dienen. Was den Unterschied macht, ist allein das politische Ziel (und dessen Mittel), das nicht automatisch durch das Gewissen, den Glauben oder die Bibel wirklich gerechtfertigt ist, … (da von Sklaverei bis Krieg alles biblisch begründbar ist). Für Martin Luther war das Gewissen eine (Zitat) „Hure“, mal diesem mal jenem zu Diensten.
  • Manchmal müssen Christen um der Liebe-Christi willen die Grenzen des eigenen Gewissens übertreten, und auf kindliche Unschuld verzichten – manchmal sogar unter Lebensgefahr ihrem Glauben untreu werden; … Jesus überwand seine jüdisch kulturelle Gewissensprägung in Liebe und Freiheit. Z.B. heiligte er den Sabbat im Interesse und Sinne der Menschen in ganz neuer Form. Wie aber können wir uns von der Kraft des eigenen Gewissens befreien?
  • Es braucht Liebe, kritische Vernunft, vor allem mutige würdevolle Skepsis gegenüber den eigenen Überzeugungen (!) Es braucht Tapferkeit …und Gott-Vertrauen. Jesus hat die Macht des Satans wirklich überwunden, wir sind darum frei, den politischen Gegner nicht mehr zu verteufeln. Aber das geht nur mit Gottvertrauen.
  • Dem Propheten Elia zeigte Gott grosse Spektakel wie etwa einen gewaltigen Sturm (vielleicht Symbol einer Revolution) oder ein gewaltiges Feuer (Dramen des Lebens) …und ganz zuletzt ein leises Säuseln, in dem sich Gott selbst offenbarte.
  • Erinnert Euch an das Lied, dass wir vorhin gesungen haben! „Wenn die Hand, die wir halten uns selber hält…“. Wenn ich an der Hand meines Lebenspartners, Arne Siebert, uns durch das Menschengewühl auf der wuseligen Geschäftsstraße führe, segnet mich Gott anscheinend durch die Hand meines Freundes, weil die Hand, die wir halten uns selber hält in der Liebe, die alles umfängt. So wird auch der harmlose Spaziergang zweier Männer Hand in Hand in der Geschäftsstraße (für einige abscheulich) zu meiner subtilen aber entschiedenen christlich-politischen  Aktion, einem Plädoyer für die Liebe –
  • Dieser Predigtimpuls helfe Euch, zwischen „Glaube als Politik“ und „Ideologisierung des Glaubens“ selbst Euern eigenen Weg zu finden, über den Tellerrand Eures Gewissens und Glaubens schauen zu können  …für mutige Entscheidungen…. und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre auch Deinen politischen Aktivismus in Jesus Christus!  Amen

Fürbitten

(von Manfred)

Gott, der Du uns nach Deinem Bilde erschaffen hast als Vielfalt von Frau und Mann und allem dazwischen, Schwarze und Weiße und allem dazwischen, Heilige und religiös Unbegabte und allem dazwischen, dem Papst, den Bischöfen und allen, die in den Dienst der Kirche gestellt sind, Evangelische und Katholische …und besonders in Jesus von Nazareth, schenke uns Dein Erbarmen, Deinen Frieden unter uns, damit wir trotz aller Verschiedenheit erkennen, dass wir gerade in Deiner Vielfalt eins sind in Dir.
Christus erhöre uns!

Manche Christin fragt vielleicht: „Wie kann Gott die Naturkatastrophe an der Ahr zulassen; wo warst Du Gott oder Göttin?“ Gott fragt vielleicht: „Wie konntet die Menschheit im 20. Jahrhundert den Klimawandel zulassen? Wo warst Du Mensch?“ Herr erbarme Dich! Wir bitten im Sinne Jesu: Gib Frieden in die Herzen derer an der Ahr und Erft und anderen Überschwemmungsgebieten, die scheinbar gottverlassen so viel in der Flut verloren haben, z.T. sogar ihre Angehörigen. Gib ihnen Trost und Hilfe auch durch uns.
Christus erhöre uns!

Bitte lass kritische Vernunft walten in allen, die mit der Coronapandemie umgehen und persönliche wie auch politische Entscheidungen treffen.
Christus, erhöre uns!

Herr hab Erbarmen! Bitte gib Kraft, Mut, Glaube und Vertrauen allen, die zweifeln, ob sie Mitglied ihrer jeweiligen Kirche bleiben sollten. Bewahre sie vor Verwirrung und der Versuchung , Dich nur in oder nur ausserhalb einer Institution zu suchen.
Christus erhöre uns!

Gib bitte Opfersinn und stifte Sinn wo Opfer gebracht werden müssen. Erbarme Dich unser! Rette die, die sich selbst und das Glück irrtümlich opfern wollen aus unbewusster Liebe oder falschem Gehorsam andern gegenüber oder Dir, der Du Menschenopfer nicht willst.
Christus erhöre uns!

Offenbare Dich bitte beim CSD und in allen Veranstaltungen in Deiner Gnade, Freiheit und Deinem Erbarmen, wo der Menschenwürde gedacht wird. Auch sie ist nur Spiegelbild Deiner eigenen göttlich heiligen Würde.
Christus erhöre uns!

Eröffnung des Abendmahls

(von Ines-Paul)

Gott, du weißt, ob und wie wir uns mit unserem Glauben als politisch verstehen oder auch nicht.

Du weißt, wo wir in deinen Verheißungen eine Vision für eine bessere Welt sehen. Wo uns die Bergpredigt zu einem achtsamen und nachhaltigen Umgang mit der Schöpfung, miteinander und mit uns selbst motiviert. Hab Dank für einen Glauben als Kraftquelle für politisches Engagement.

Hab aber auch Dank für Beispiele von Menschen, die von Jesus politisch enttäuscht waren – die sich von ihm viel mehr Mitmischen bei den damals Mächtigen gewünscht hätten. Die es in den Zorn trieb, dass Jesus sich den politischen Spielregeln so radikal verweigerte und er so ganz unbeeindruckt vom bestehenden System einfach das durchzog, was er für einen besseren Umgang mit der Schöpfung, mit einander und mit sich selbst hielt. Wie viele machen es – gerade aus Glaubensgründen – seither anders und nutzen jede Gelegenheit, politische und religiöse Plattformen für ihre Zwecke zu nutzen. Auch der enttäuschte Judas war eingeladen an den Tisch beim letzten Mahl.

Und hab Dank für die Überlieferungen von einem Jesus, der Ruhe brauchte und das achtete. Der sich immer wieder zurückzog. Betete. Schwieg. Schlief. Aß und trank.
Der auch feiern konnte.
Der auch Zeit hatte für Einzelne.

An diesem Tisch kommt das alles zusammen.
Es war die Nacht, bevor Jesus hingerichtet wurde, weil seine Worte und Taten so viel Kraft entfalteten, dass der politische und religiöse Status Quo sich gefährdet sah.
Es war die Nacht, nachdem Jesus sich den politischen und religiösen Plattformen seiner Zeit verweigert hatte und damit ihre Einflussmöglichkeiten, aber auch ihre Mechanismen zurückgewiesen hatte.
Es war die Nacht, in der Jesus die Gemeinschaft mit seinen Vertrauten suchte und mit denen, die bei ihm waren, zu Tisch saß. Und er aß und trank mit ihnen.

Jesus Christus nahm das Brot (…)

Sendung & Segen

(von Ines-Paul)

Gott segne dich
mit einer Fülle an Verheißungen und Anliegen,
die dich und andere mit dem Leben verbinden
und die zur Quelle von Veränderungen werden.

Gott segne dich
mit einer Fülle an achtsamen Bezügen,
die sowohl der Schöpfung und anderen, aber auch dir selbst gelten,
und die zur Quelle von Gebet, Schweigen, Schlaf und wohltuender Gemeinschaft werden.

Gott segne dich
als Quelle der Kraft deines Engagements
UND
als Quelle deiner Pausen und Ruhe.

So segne dich Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.