MCC Köln: Kirche für/mit Vielfalt

Menschen – Christus – Community

Peinlicher Ort, peinliches Personal? Wie sollen Menschen da was von Gott spüren?

Krippenspiel MCC Köln, 24. Dezember 2019
Ines-Paul Baumann

Lukasevangelium 2,1-16

Rollen:
– G*: Gott; Leiter* des Himmelreichs
– PR: Himmelreichs-Abteilungsleiterin PR- & Marketing
– DIV: Himmelreichs-Abteilungsleiter Diversity
– O: Ober im Himmelreich (sieht ähnlich aus wie G*, wirkt nur etwas adretter und zugänglicher)

Drei Gestalten (G*, PR, DIV) stehen auf eine Wolkentheke gestützt in einer Runde und blicken nach unten auf die Erde. Ein gewissenhafter Ober (O) steht dienstbereit daneben, in den Händen ein Tablett mit Gläsern, Getränkeflaschen und Obst.

DIV (ganz gerührt): Da liegt es nun, das kleine Jesulein.

PR (distanziert): Ja, in einem ärmlichen Stall. Peinlich. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich gegen den Stall bin.

O (biedert sich ungefragt an): Darf es noch etwas sein? Ein Äpfelchen, ein Smoothie?
(wird von allen ignoriert)

PR (redet einfach weiter): Was soll das denn für eine Aussage sein? Da kommt Gott auf die Erde, und was bekommen die Menschen zu sehen? Ein hilfebedürftiges Baby in einem erbärmlichen Stall. Toll! SO haben sich die Menschen ihren Gott schon immer vorgestellt!

DIV: Na komm, immerhin hast du dich mit der Idee durchgesetzt, dass es ein Mann sein soll. Das finde ich viel bedenklicher. Als ob Gott ein MANN wäre! Was das für Folgen haben wird! Nicht auszudenken!

PR: Aber Männer repräsentieren nun mal Macht, und es geht doch um Gottes Macht, oder? Männer HABEN nun mal das Sagen, und Gott WILL doch was sagen, oder?

O (unterbricht wieder ungefragt): Darf ich etwas anbieten? Wenn Sie nicht bald ein Schlückchen trinken, wird Ihre Konzentration nachlassen und damit Ihre Leistungsfähigkeit!
(wird weiterhin ignoriert)

DIV: Nein, Gott will zu den Menschen kommen, und zwar für ALLE Menschen, nicht nur für Männer. Wie sollen sich denn Menschen diesem Gott nahe fühlen, die nicht in die Kategorie ‚Mann‘ passen? Frauen… Transmenschen… Intersexuelle Menschen… Männer mit anderen Männerbildern… Menschen, die sich da nicht zuordnen können oder wollen… Gott will doch auch IHNEN nahe sein und sie zu einem gottverbundenen Leben bewegen.

O (mischt sich erneut ungefragt ein): Apropos bewegen; Sie sollten jetzt Ihr Yoga machen. Sie haben schon das Joggen heute morgen ausgelassen. So werden Sie diese Woche NIE durchstehen. Sie müssen sich schon fit halten!
(wird weiterhin ignoriert)

PR: Da sind wir wieder bei der Frage, welchen Sinn das Ganze haben soll. Hab ich ja von Anfang an nicht verstanden. Was war der PLAN? Gott kommt auf die Erde, und dann? Worum geht es denn? Frieden bringen? Ein besseres Leben? Dann hätten wir das ganz anders angehen müssen. Das Römische Reich wäre eine hervorragende Ausgangsbasis gewesen. Da hätten wir gut mit einsteigen können. Wir hätten viel mehr Menschen erreicht. Wir hätten allen sagen können, wie sie ab sofort zu leben haben. Was sie zu glauben haben. Wir hätten mit EINER Stimme sprechen können. ALLE Gläubigen hätten dasselbe geglaubt. Am selben Tag zur selben Stunde dieselben Texte gelesen. Das hätte die Verbundenheit miteinander gestärkt. Gemeinschaftsgefühl ist wichtig!

DIV: Und du meinst, Gemeinschaftsgefühl bedeutet, dass alle dasselbe tun?

PR: Ja, klar. Was bist du denn so ablehnend? Wenn das mit euch nicht geht, muss ich das halt selber angehen. (gerät ins Schwärmen:) Ich sehe sie schon vor mir: eine große Organisation. Mit vielen Möglichkeiten, vielen Kontakten, viel Öffentlichkeit und viel Geld. Große Gebäude – nicht so ein kleiner Stall. Mit klaren Machtstrukturen. Mit Bibelleseplänen. Mit einheitlichen Gottesdienstformen auf der ganzen Welt. Mit einem öffentlichkeitstauglichen Mann an der Spitze.

DIV: „Mit einem öffentlichkeitstauglichen Mann an der Spitze“?

PR: Naja, irgendwann dürfen vielleicht auch mal andere die offiziellen Posten einnehmen – Frauen, Transgender, was weiß ich. Sollen sie ruhig. Also, solange sie öffentlichkeitstauglich sind – also NORMAL aussehen, gut reden können, sich präsentieren können, sicher im Auftreten sind, nicht provozieren und so. Sollen sie ruhig! Hauptsache, sie sehen nach außen hin angepasst und einladend aus. UND sie dürfen die Strukturen zur Verteilung der Macht natürlich nicht in Frage stellen. Aber warum sollten sie das tun, wenn sie erst mal selber die guten Posten bekommen – sie werden ja selber davon profitieren. (denkt kurz nach:) Ich denke, ich werde das Gleichstellungspolitik nennen. Das wird schön. Alle werden uns fortschrittlich finden!

DIV: Und der Jesus hier im Stall, was macht der dabei?

PR: Der bleibt am besten in den Armen seiner Mutter. Immer klein und niedlich. Nicht, dass der irgendwann stört. Du weißt doch, Herkunft und so. In einem Stall geboren! Uneheliches Kind! Was soll denn aus dem mal werden! Da ist doch jetzt schon klar, dass der es nie zu etwas bringen wird.

DIV: Immer noch besser als Teil der Welt zu werden, die du beschreibst! Lieber Außenseiter bleiben oder was eigenes aufziehen, als DA mitzumachen!

PR: Moment Mal, du romantischer Träumer. Geht es jetzt darum, dass Gott Macht bekommen soll oder nicht?

DIV: Aber doch nicht SO. Und was heißt „Macht“?

O: Gutes Stichwort, gutes Stichwort. Denkt an die Macht eurer Gedanken! Ich empfehle den Hitzköpfen 10 Minuten Meditation und anschließend ein Glas basisches Wasser zur Entgiftung mit Vitaminen und Detox-Wirkung. Aus einem ungesunden Körper kommen ungesunde Gefühle, also gebt etwas besser Acht auf euch!

PR: Das bringt mich auf eine Idee. Gefühle sind in der Tat wichtig. Und wenn der Stall schon so erbärmlich ist, können wir da vielleicht etwas nachhelfen. Wir könnten um diesen Stall herum ein großes Gedenkfest veranstalten. Ein Mal im Jahr wird groß gefeiert. Alles soll festlich sein. Viel Schmuck, viel Gedöns, Geschenke überall, und vor allem viel Essen – Gänsebraten und Plätzchen und so.

O (ganz erschrocken): oh nein oh nein oh nein, das geht jetzt wirklich zu weit. Fett und Zucker! Davon werden die Menschen doch krank! Wie soll das dazu passen, dass Gott dieses Kindlein schickt, damit sie Heil erfahren sollen? Wir müssen den Menschen beibringen, wie wichtig es ist, sich gesund zu ernähren und Sport zu treiben! Dann sind sie dem Heil schon viel näher!

DIV: Hä? Was versteht IHR beide denn unter Heil? Gott kommt zu den Menschen auf die Erde, damit die in Zukunft gleichzeitig dieselben Bibeltexte lesen und dafür verantwortlich gemacht werden, gesund zu sein?

PR (empört): SO hat das niemand gesagt! (verklärt:) Aber ein Mal im Jahr diesen Anblick zu feiern, das wäre doch toll. Guck doch, wie einträchtig und friedlich sie beisammen sind. Mama, Papa, Kind. Heile Familie.

DIV: Du siehst auch immer nur, was du sehen willst, oder? Du blickst auf einen Mann, dessen Partnerin ohne sein Wissen oder Einverständnis von jemand anderem geschwängert wurde. Und auf eine Frau, die nicht gefragt wurde, was SIE davon hält, schwanger zu werden. Heile Welt sieht für MICH anders aus!

PR (wacht auf; räuspert sich): Hast ja Recht. (verlegen-opportunistisch:) Ich war ja von Anfang an dagegen!

DIV (unbeeindruckt): Ja, Frau PR-und-Marketing-Expertin! Weil du von Anfang an nur auf die Prinzipien gesetzt hast, die in der Welt da unten was gelten! Macht. Hierarchien. Herkunft. Gemeinschaft durch Gleichförmigkeit.

PR: (wirkt etwas kleinlaut. Denkt kurz nach. Dann trotzig:) Ja genau, Herr Minderheiten-Anwalt! Es geht nämlich um eine gute und wichtige Sache! Irgendwie MÜSSEN wir das Heil Gottes doch durchsetzen!

O (ganz eifrig dabei): Wie wäre es mit Fastenzeiten? Die sind gesund! Und Schuldgefühle, ganz viel Schuldgefühle! Wenn sich die Menschen nie ‚gut genug‘ fühlen, kommen sie gar nicht erst in Versuchung, Freiheit und Befreiung einzufordern. Oder noch schlimmer: Wenn sie meinen, etwas wert zu sein, tun die sich womöglich zusammen und fangen an, an die Möglichkeit einer besseren Welt zu glauben. Nicht auszudenken! Stellt euch vor, die verbessern irgendwann gemeinsam das Klima statt ihre individuelle Fitness! (bietet sein Tablett an:) Ein Schluck aromatischer Fruchtsaft für alle?

G* (mischt sich nun das erste Mal ein; wendet sich gütig-freundschaftlich an den eifrigen Kellner): Kannst du nicht EIN Mal die Klappe halten, mein lieber kleiner OberTeufel?

O (genauso freundschaftlich, mit untertänigster Theatralik): Oh Verzeihung, HerrGott. (verneigt sich:) Stets gegen Sie zu Diensten.

DIV (blickt gedankenverloren auf die Krippe): Ihr habt ja Recht. Ein großer und mächtiger Herrgott ist hier nur schwer auszumachen. (schweigt nachdenklich. Kommt hoffnungsfroh zu dem Fazit:) Aber das sagt doch schon mal eine ganze Menge.

G* (freut sich verschmitzt): Na also, es funktioniert. Ihr tauscht euch aus. Ihr macht euch Gedanken. Ihr redet miteinander, ihr streitet miteinander. Ihr haltet einander aus, ihr widersprecht einander, ihr korrigiert einander, ihr inspiriert einander. Alles getragen von der Frage, was Gottes Gegenwart auf Erden bedeuten und bewirken soll. Finde ich super. Dann macht euch schon mal auf die nächsten 30 Jahre gefasst. Das hier im Stall ist nur der Anfang!

Gebet vor dem Abendmahl

1: Gott, in Jesus hast du dich selbst in die Welt gesandt, als winziges, zerbrechliches und verletzliches Kind, in Windeln gewickelt und in einer Futterkrippe liegend, mitten im Stroh.

2: Gott, wie sollen wir darin deine Macht erkennen?
WAS FÜR EINE Macht offenbarst du uns da?
Verstehst du den menschlichen Wunsch, dich lieber mit Gold, Weihrauch und Myrrhe zu umgeben?

1: Gott, in diesem Jesus hast du dich offenbart, auch als er heranwuchs, in seinen Worten und Taten. Aber nach drei Jahren seines Wirkens wurde Jesus hingerichtet, sollte für immer zum Schweigen gebracht werden.

2: Gott, wie sollen wir darin deine Macht erkennen?
WAS FÜR EINE Macht offenbarst du uns da?
Verstehst du den menschlichen Wunsch, dass deine Stimme doch endlich laut und eindeutig die Welt regieren soll?

1: Gott, der Auferstandene vertraute die Zukunft seines Wirkens einem Haufen ganz normaler Menschen an – Menschen, die ihn kurz zuvor noch geleugnet hatten,
die ihn in den Jahren davor so oft missverstanden hatten,
die sich Posten im Himmelsreich sichern wollten und untereinander zankten,
die selber verzweifelten an diesem Jesus und seiner Art,
die sich nach seinem Tod gar nicht mehr außer Haus getraut hatten.

2: Gott, wie sollen wir darin deine Macht erkennen?
WAS FÜR EINE Macht offenbarst du uns da?
Verstehst du den menschlichen Wunsch, dass wir uns lieber von starken, überzeugten, fehlerfreien, beeindruckenden Menschen inspirieren lassen?

1: Gott, auch heute fragen sich Kirchen, mit welchen Mitteln deine Gegenwart am besten zu vermitteln ist.
Auch heute blicken wir auf Organisationen, die weitaus allwissender und allmächtiger und allgegenwärtiger erscheinen als du; tragen Ideologien und Stimmen in uns, deren Verheißungen und Zwänge uns ganz krank machen.
Auch heute blicken wir auf Glaubenserfahrungen, die so manche in unserer Mitte schon zum Zweifeln und Verzweifeln gebracht haben.

2: Gott, wie sollen wir darin deine Macht erkennen?
WAS FÜR EINE Macht offenbarst du uns da?

(kurze Stille)

1: Gott, am Kreuz wird deutlich, dass du dich nicht hast vereinnahmen lassen. Du hast dich nicht verbiegen lassen. Du hast nicht auf Anpassung und Anerkennung von Mächten gebaut, deren Machtmittel nicht auf die Möglichkeiten deiner Liebe gebaut haben. Auch hast du ihre Gewalt nicht mit Gegengewalt beantwortet, sondern mit der Auferstehung. Hab Dank, dass es seitdem nichts mehr gibt, was uns von deiner Nähe und deiner Liebe trennen darf.

Sendung & Segen

Gott segne dich und behüte dich.
Ob dein Leben sich gerade anfühlt, als ob dich pieksendes Stroh quält oder als wärst du von güldendem Glanz umgeben: Gottes Liebe bewahre dich.

Gott lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig.
Inmitten all der Stimmen, die uns Heil, Heilung und Heiligung nicht nur anbieten, sondern vielleicht auch erzwingen wollen: Gott schenke dir einen gnädigen Blick auf dich selbst und auf deine Mitmenschen.

Gott hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
Inmitten all des Scheinfriedens und Unfriedens in unserer Welt: Gottes Frieden, der höher ist als unsere Vernunft, möge uns wieder Vernunft annehmen lassen und einen friedfertigen Umgang ermöglichen miteinander und mit uns selbst.

So segne dich Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.

 

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