[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Muss den Unglaubenden geholfen werden – oder den Glaubenden?… (Zur Jahreslosung 2020)

Predigt MCC Köln, 5. Januar 2020
Ines-Paul Baumann

Markusevangelium 9,24-28.33+34

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24 Lutherbibel 1984)
»Ich glaube! Hilf mir heraus aus meinem Unglauben!« (Mk 9,24 NGÜ)

Diese Predigt widme ich allen, die nicht (mehr) glauben wollen oder nicht (mehr) glauben können. Ich verspreche, euch damit ernst zu nehmen und das nicht schönzureden. Ich versuche es zumindest. Ich glaube nicht, dass ihr vom Gegenteil überzeugt werden müsst. Nicht ihr müsst euch an die Nase packen. Das sollten vielmehr so manche derjenigen tun, die Glauben predigen.

Vielleicht sehnt ihr euch (wie der Vater im Bibeltext) danach, dass euch jemand aus eurem Unglauben heraushilft. Viele Glaubende sehen jetzt ihren Moment gekommen. Und so manche werden versuchen, eure Situation auszunutzen.

Leider finden sie in dem Verhalten Jesu und seiner Jünger genügend Beispiele, die sie dafür als Vorbild nehmen werden. Meine Predigt möge uns und euch vor solchen Kurzschlüssen bewahren.

(Die Grenzen zwischen „Ungläubigen“ und „Gläubigen“ bzw. zwischen „Unglauben“ und „Glauben“ sind natürlich fließend. Bezieht die Begriffe bitte auf die jeweils passenden Anteile in euch.)

1.

Manche werden versuchen, euer Leiden und eure Sehnsucht nach Besserung auszunutzen. Je größer eure Not ist, desto mehr Druck liegt in dieser Masche. Sie werden euch sagen: „Ja, dein Leid ist wirklich schrecklich. Du sehnst dich nach Heilung? Dann glaube! Dass du aus deinem Unglauben herauskommen möchtest, ist ein guter Anfang. Schieb endlich alle Zweifel beiseite. Lass die kritischen Stimmen in dir ruhen. Wenn du genug und richtig glaubst, dann wird alles gut. Solange sich an deinem Leiden nichts ändert, beweist das nur, dass du noch nicht genug glaubst.“
Und dann werden sie Jesus zitieren: „Für den, der glaubt, ist alles möglich.“

Was sie dabei vergessen: Jesus heilt das Kind des Mannes, OHNE dass der vorher seinen Glauben „korrigiert“. Der Vater muss gerade NICHT erst bekennen, dass er nun uneingeschränkt an die Möglichkeiten Jesu glaubt.

„Für den, der glaubt, ist alles möglich.“ Wenn das früher genau so oft gesagt wurde wie heutzutage, dann könnte Jesu das auch mit einem ganz anderen Tonfall zitiert haben. Hier nochmal der GANZE Ausschnitt des Dialogs:
Der Vater sagt zu Jesus „Doch wenn es dir möglich ist, etwas zu tun, dann hab Erbarmen mit uns und hilf uns!« »Wenn es dir möglich ist, sagst du?«, entgegnete Jesus. »Für den, der glaubt, ist alles möglich.«
Vielleicht hat Jesus das ganz anders betont, und diesen ewigem Spruch eher höhnisch und spöttisch zitiert, eher nachäffend: „Für den, der glaubt, ist alles möglich.“ Nach dem Motto: „Bla bla bla. Immer dieser Spruch. Danke, dass du so ehrlich sagst, wie es dir geht!“ Damit würde Jesus im Gegensatz zu allen anderen tatsächlich anerkennen, dass der Vater so ehrlich ist.

Später fragen die Jünger bei Jesus nach, warum es ihnen nicht möglich war, den Geist auszutreiben. Jesus antwortet gerade NICHT: „Weil ihr nicht genug geglaubt habt. Für den, der glaubt, ist alles möglich.“ Stattdessen sagt Jesus: „Diese Art ´von Dämonen` kann durch nichts anderes ausgetrieben werden als durch Gebet.“ (Nur komisch, dass von einem Gebet Jesu hier gar nichts berichtet ist. Bei anderen Heilungen ist das so.)

Nochmal, der Moment VOR der Heilung ist NICHT ein “Ich-glaube-dass-alles-möglich-ist“-Bekenntnis. „Als Jesus sah, dass immer mehr Leute zusammenliefen“ – DA trat er dem bösen Geist entgegen. Aber warum hat Jesus gerade dann nicht noch kurz abgewartet? Dann hätten doch NOCH mehr Leute mitbekommen, wie toll er heilen kann… Ich glaube, dass Jesus genau das vermeiden wollte, was andere bis heute tun: Glauben und Heilung (bzw. Leid und Bekehrungsmöglichkeiten) füreinander ausnutzen. Vielleicht wollte er den leidenden Vater genau davor schützen und sprang ihm zur Seite, bevor dieser in seinem Leiden zu einem Exempel für richtigen und falschen Glauben gemacht werden konnte.

Ich weiß nicht, warum Gott manchmal heilt und manchmal nicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass Leid oder Heilung niemals ein Maßstab für (mangelnden oder vorhandenen) Glauben sein dürfen. Dass Anteile des Glaubens am Leid zerbrechen können, das glaube ich hingegen schon. Unsere Aufgabe ist es nicht, das auszunutzen. Unsere Aufgabe ist es, das anzuerkennen – und trotzdem zu tun, was zur Besserung des Leids in unserer Macht steht.

2.

Manche werden auch sagen: “Du möchtest glauben? Dann komm zu uns in den Gottesdienst.“ Was sie nicht sagen (und sicherlich auch nicht immer bewusst denken, aber halt trotzdem oft machen): „Wir werden dich mit Musik und Botschaften berieseln, bis du weich geworden bist. Deine Zweifel und Sorgen werden wir so weit in den Hintergrund drängen, dass du willig sein wirst, sie nicht mehr ernst zu nehmen. Wir setzen ganz auf dein Gefühl. Und glaub uns, du WIRST dich GUT fühlen. Du wirst das Gefühl haben, dass du Gott SPÜREN kannst. Und du wirst tun, was alle um dich herum auch tun werden. Sie werden dich mitreißen. Dein gutes Gefühl wird dich davon überzeugen, dass es richtig ist: Du wirst dich gegen den Unglauben und FÜR den Glauben entscheiden. Einfach weil du spürst, dass das richtig ist. Dein krankes Kind bekommen wir damit zwar nicht geheilt, aber wir bekommen dich als neues Mitglied unserer Gemeinde.“
Und wieder werden sie auf Jesus verweisen und sagen: „Mit der Heilung des Kindes hat Jesus auch nichts anderes gemacht. Er hat dem Vater ein gutes Gefühl gegeben. War die Heilung des Kindes nicht die Antwort Jesu auf die Sehnsucht des Vaters, glauben zu können? Na also. Nichts anderes machen wir. Die Menschen werden bei uns ein gutes Gefühl bekommen. Sie sollen spüren, wie gut Gott ist. Das wird sie zum Glauben bringen.“

Es ist psychologisch belegt, dass Musik und Gruppenverhalten enormen Einfluss darauf haben, wie Menschen Entscheidungen treffen. Irgendwie sind wir so gestrickt, dass unser Verstand Abkürzungen liebt. Und insbesondere dann, wenn wir uns gut fühlen, neigen wir dazu, diesem Gefühl quasi das Denken zu überlassen. Was auf Missionsveranstaltungen, beim Weihnachtssingen im Stadion und in manchen Gottesdiensten so gut funktioniert, ist also kein Zufall.

Ich glaube aber nicht, dass Jesus den Jungen heilt, um damit den Vater zu bekehren. Jesus nutzt die Sehnsucht des Vaters nach Heil und Heilung nicht aus, um ihm gute Gefühle vorzugaukeln und seine Gedanken damit vergessen zu machen. Im Gegenteil, Jesus WIDMET sich der Ursache des Leidens anstatt sie zu leugnen. Er macht sie nicht vergessen, er macht sie weg. Warum dienen christliche Gottesdienst so oft dazu, Leiden eine weitere Woche mit aushalten zu können anstatt die Ursachen dafür zu bekämpfen?

Ein Glaube, der mit Manipulation arbeitet und Ursachen für Leid ignorieren hilft, wäre für mich persönlich eher ein Grund, diesem Glauben nicht über den Weg zu trauen.

3.

Andere werden es etwas rationaler angehen, aber die Verantwortung werden auch sie allein bei euch Unglaubenden sehen: „Wir helfen die gerne aus deinem Unglauben heraus. Weißt du, im Grunde ist da doch gar kein Widerspruch. Ein bisschen Unglaube ist für jeden Glauben wichtig. Unglaube ist die Würze des Glaubens. Unglaube macht den Glauben tragfähig, stabil und tief. Eigentlich müssten wir alle viel öfter darüber reden, wo wir selber Schwierigkeiten haben mit unserem Glauben. Einen Glauben ohne Unglaube gibt es doch eh nicht – die anderen sind nur nicht so mutig wie du, darüber zu reden. DU bist ehrlich vor Gott und dir! Dein Glaube hält aus, was andere nicht aushalten. Du bist ein toller Glaubender! Mach dir also keine Sorgen: Auch und gerade mit deinem Unglauben bist du bei uns herzlich willkommen. Und jetzt reden wir weiter über unseren Glauben.“

In diese Richtung gehen übrigens die meisten Auslegungen der Jahreslosung, die ich bisher gelesen habe. *)

*) Zum Beispiel:

„Dieser Aufschrei des Vaters ist ein erster Schritt des Vertrauens. Wie wunderbar, dass Jesus das nicht zu wenig ist! (…) Dieses Bekenntnis ist zugleich ein Hilfeschrei, in dem er nicht nur seinen Sohn, sondern sein ganzes Leben Jesus anvertraut.“ (http://www.jahreslosung.eu/jahreslosung-2020.php)

„Glaube gegen Unglaube: Klingt wie ein Widerspruch, gehört aber zusammen. (…) ist das Eingeständnis des eigenen Unglaubens nichts anderes als Glaube.“ (https://www.evangelisch.de/inhalte/161861/02-01-2020/auslegung-der-jahreslosung-2020-markus-924-glaube-und-unglaube)

„Egal, wie klein oder groß das Vertrauen auf Jesus ist, ob es durch Enttäuschung geschwächt ist wie im Fall des Vaters oder ob ein Mensch durch intellektuelle Zweifel am Glauben gehindert wird – für Jesus ist wichtig, dass jeder damit zu ihm kommt und ehrlich vor ihm ist. (…) Zweifel sind bei Gott willkommen, denn sie zeigen, dass wir die Frage nach Gott ernst nehmen. (…) Sie sind eingeladen, so wie Sie sind, zu Jesus zu kommen. Glauben heißt: Ehrlich sein vor Gott und seine Wunder erwarten. Bleiben Sie dran! Es lohnt sich!“ (https://www.jesus.de/jahreslosung-2020-ich-glaube-hilf-meinem-unglauben/)

„Er glaubt, obwohl ungläubige Gedanken und Gefühle an ihm zerren. Dieses Obwohl ist der Mut des Glaubens. Der Mut zum Sein. Der Mut, sein Leben Gott anzuvertrauen.“ (https://www.ekd.de/auslegung-der-jahreslosung-2020-52453.htm)

Der mit dem Unglauben ist eigentlich der wahre Glaubende, er weiß es nur nicht?

Liebe Unglaubende, das habt ihr nicht verdient. Ich glaube, euer Unglaube hat gute Gründe. Dass wir am Leid verzweifeln können, habe ich schon erwähnt. Dass bei bestimmten Arten von Glaubenskultur Unglaube eine angemessene Reaktion sein kann, habe ich schon erwähnt. Aber es gibt einen dritten guten Grund für Unglauben, den wir Glaubende uns mal anschauen sollten – und der hat mit uns selber zu tun.

Eine gute Portion an Gründen für Unglaube ist darin zu finden, wie sich Kirchen und Kirchenmenschen verhalten. Dass Menschen ihren Kirchen den Rücken kehren, hat Gründe. Dass Menschen sich nicht mehr für Kirche interessieren, hat Gründe. Wie viele Menschen würden gerne glauben – aber angesichts dessen, was sie durch und in Kirchen erleben, können sie es nicht. Dann einfach zu sagen: „Och, dein Unglaube ist doch kein Hindernis, das passt doch eigentlich alles ganz gut zusammen mit dem Glauben, du weißt es nur noch nicht“ – das reicht nicht.

Und damit meine ich nur zum Einen, dass Kirchen und Kirchenmenschen zu viele Fehler machen. Freilich, Kirchen und Kirchenmenschen haben aus meiner Sicht einiges zu tun und einiges anderes zu lassen, wenn sie Glauben ermöglichen wollen.

Aber damit meine ich nicht, dass Kirchen und Kirchenmenschen frei von Fehlern werden können oder sollen. Das geht gar nicht. Im Gegenteil, wir müssen endlich aufhören so zu tun, als seien Gläubige auch nur ansatzweise allein deswegen bessere Menschen, weil sie glauben.

Deswegen liebe ich die 12 Jünger Jesu so. Die benehmen sich manchmal dermaßen unchristlich. Eben noch wundern sie sich, warum sie einen bösen Geist nicht austreiben können. Jesus sagt: Da hilft nichts außer Gebet. ICH an ihrer Stelle hätte mich jetzt dem Gebet gewidmet (behaupte ich jetzt mal). Was machen die Jünger?: „Zu Hause angelangt, fragte Jesus seine Jünger: »Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?« Sie schwiegen, denn sie hatten sich auf dem Weg gestritten, wer von ihnen wohl der Größte sei.“ (Haha! Genau so ist es doch. Von wegen, oh, die tollen Jünger, so nah beim tollen Jesus, Helden!)

Liebe Ungläubige,
in der MCC sind wir auch oft so. Ich bitte um Entschuldigung für jedes Verhalten, mit dem wir es euch schwer machen zu glauben. Wenn ihr wirklich aus eurem Unglauben herauskommen wollt und wir euch dabei helfen sollen – glaubt bitte nicht, dass hier alles perfekt läuft. Auch unser Verhalten kann dazu beitragen, nur ein Stück weit glauben zu können. Es liegt nicht einfach alles an euch. Wir können nicht mit dem Finger auf euch zeigen, wenn WIR es euch schwer machen mit dem Glauben. Zumindest mit einem falschen Versprechen sollte also Schluss sein: Dass wir alles besser machen, dass hier alles gut wird, und dass es entweder kein Leid mehr gibt oder es uns nichts mehr ausmacht. Bitte messt die Verheißungen Gottes nicht nur daran, auch wenn es noch so oft gepredigt und versprochen wird und dabei tolle Musik läuft. Euer Unglaube hat oft sehr gute Gründe. Was uns betrifft: Wir versuchen, daran zu arbeiten. Zumindest, wenn wir nicht gerade damit beschäftigt sind, die Größten sein zu wollen. Oder uns klein zu machen.
Aber was wir euch anbieten können: Nehmt euch Zeit und Raum, der Ursache eures Leidens oder eures Unglaubens auf den Grund zu gehen. Versucht herauszufinden, was euch helfen könnte, z.B. mit einer Freundin, die euch zuhört und ernst nimmt und umarmt… oder in der Stille… oder in der Anklage: „Jesus, was würdest du an meiner Stelle tun?“…
Darin begleiten wir euch gerne.
Eure MCC Köln

 

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