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Kein verquastes Gottesbild hat Hilfe verhindert. (Zur Jahreslosung 2020)

Predigt MCC Köln, 12. Januar 2020
Daniel Großer

Markusevangelium 9,24-28 & Exodus 32,1-4

[Predigt für 2 Stimmen. Stimme 1 ist eher emotional und einfühlsam. Stimme 2 erklärend und lehrend. Die Stimmen arbeiten nicht gegeneinander, sondern miteinander.]

Stimme 1:
Beinahe will ich nörgeln: “Nicht schon wieder! Diese Story hatten wir doch schon!”
Und zwar im Alten Testament, sofern wir dieser Geschichte Glauben schenken wollen. Mose ist auf dem Berg Sinai, wo Gott sich ihm offenbart. Mose erhält die Zehn Gebote. Schließlich steigt er den Berg wieder hinab zum Volk Gottes. Und was muss er sehen? Chaos! Sie haben sich inzwischen ein eigenes Gottesbild geschaffen, denn der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs scheint ihnen nicht zu gefallen. Ihr neues Gottesbild hingegen entspricht so ganz und gar nicht dem Gott, der sich Mose auf dem Berg gezeigt hat.

Stimme 2:
Der Wüstengott, der in einem Zelt wohnt, der sich manchmal gewaltig zeigt und sich manchmal verbirgt, gegen das Goldene Kalb, glitzernd und glänzend, berechenbar und harmlos, aber immer im Mittelpunkt des übermütigen Feierns.

Stimme 1:
Im Text unserer Jahreslosung steigt nun Jesus mit Petrus, Jakobus und Johannes vom Berg herab, auf dem auch sie eine Offenbarung Gottes erlebten.
Und was müssen sie sehen? Chaos!

Stimme 2:
Die übrigen Jünger streiten mit den Schriftgelehrten. Es ist den Jüngern nicht gelungen, einen kranken Jungen zu heilen. Ein gefundenes Fressen für die Schriftgelehrten! Die haben natürlich sowieso gewusst, dass die Jünger als selbsternannte Wunderheiler nur Hokuspokus veranstalten. Das lassen die Jünger nicht auf sich sitzen. Von den Schriftgelehrten, die viel reden, aber den Menschen nicht helfen wollen oder können, wollen sie sich nicht vorführen lassen.

Hier stehen gleich zwei Goldene Kälber im Raum:
Das Gottesbild der Schriftgelehrten ist das des zurückgelehnten Gottes, der einfach alles geschehen lässt, und den es lediglich durch ein “gerechtes” Leben zu beeindrucken gilt.

Stimme 1:
Was kann man von so einem Pantoffel-Gott denn noch erwarten, wird so ein mürrischer Gott sich jemals vom Sofa erheben?

Stimme 2:
Das Gottesbild der Jünger hingegen ist der Gott des Eingreifens und der Macht, mutig und ungestüm.

Stimme 1:
Was soll man aber davon halten, wenn das Eingreifen Gottes ausbleibt und die Macht verpufft? Macht Gott sich aus dem Staub beim ersten Anzeichen von Problemen?

Vom Gezanke der Jünger mit den Gelehrten ist dem Vater nicht geholfen, und seinem kranken Sohn schon gar nicht.
Was haben die beiden nicht schon alles durchgemacht!? Bei so vielen Ärzten waren sie schon! Die Wechselbäder halfen nicht, auch nicht die Globuli, nicht der Hirnschrittmacher, nicht das MRT, nicht die teuren Medikamente, nicht das indianische Ritual. Keiner weiß, was es ist. Alle sind sehr beflissen, nur helfen kann niemand. Und wo ist die Mutter in dieser Geschichte? Wird sie nicht erwähnt, weil man Frauen so selten erwähnte damals, oder hatte sie einfach keine Kraft mehr? War im Herzen des Vaters, der sich andauernd für seinen Sohn aufopfert, denn überhaupt noch Platz für die Frau an seiner Seite? Oder war im Herzen der pflegenden Mutter noch Raum für die Liebe in ihrer Ehe? Sicher war ihre Beziehung sehr belastet.
Ach du, namenloser Vater, wie erschöpft musst du gewesen sein! Ich an deiner Stelle wäre einfach verzweifelt.

Stimme 2:
Auf dem Höhepunkt der AIDS Katastrophe protestierten vor allem in den USA abertausende Menschen dafür, dass Medikamente wesentlich schneller auf den Markt kommen. Sie hatten einfach keine Zeit, auf Langzeitstudien zu warten oder alle Wirkweisen zu erforschen. Viele nahmen infolgedessen hochgiftige, brutale Medikamente zu sich – oftmals vergebens. Andere investierten ihr ganzes Vermögen in völlig wirkungslose Therapieansätze. Aber alles ist besser, als die Verzweiflung! Sie wollten leben, und noch viel mehr als das wollten sie glauben, leben zu können! ‘Wir glauben – helft unserem Unglauben, rückt die Medikamente raus!’

Stimme 1:
Jesus, du fragst den Vater: “Seit wann hat dein Sohn das?”
Die Jünger hätten ihn das nicht gefragt. Ihr Gottesbild stört sich doch nicht daran, wie alt das Leid ist! Ihr Gottesbild zertritt das Leid im Staub!

Stimme 2:
Ihr Gottesbild hat keine Zeit für die Geschichte des Leids.

Stimme 1:
“Seit wann hat dein Sohn das?”
Die Gelehrten hätten den Vater das auch nicht gefragt. Denn sicher musste ja der Vater oder gar der Sohn selber Schuld an seinem Schicksal haben. Aber welche Schuld soll schon ein Kind auf sich geladen haben ab seiner Geburt? Nein, dann lieber erst gar nicht diese Frage stellen! Denn man hat viele Antworten darauf, wie das Leid begann – und alle sind sie zynisch.

Stimme 2:
Ihr Gottesbild hat keine Zeit für die Geschichte des Leids.

Stimme 1:
Jesus, du fragst den Vater: “Seit wann hat dein Sohn das?” Du hast Zeit für die Geschichte des Leids.
Du hast ein Ohr für die Schmerzen des Sohnes. Du hast ein Auge für die endlose Verzweiflung des Vaters. Du bringst ihn dazu, zu bekennen: “Ich glaube! Ich muss glauben! Ich muss glauben an das Leben! Hilf meinem Unglauben! Denn, sobald ich den Glauben verliere, bin ich innerlich tot, und mein Sohn auch! Ich stehe am Abgrund und kann nicht mehr.”
Jesus, bei dir darf der Vater sagen: “Ich bin bankrott. Alle Kraft ist ausgegeben, es ist nichts mehr da.”

Stimme 2:
In dieser Geschichte dürfen viele Gottesbilder zerbrechen und zerschlagen werden.
Fort mit dem Goldenen Kalb der Schriftgelehrten! Gott lehnt sich nicht tatenlos zurück, und Jesus fragt nicht nach den bösen Taten des Vaters oder des Sohnes. Jesus hilft.
Fort mit dem Goldenen Kalb der Jünger! Leid geschieht, auch das Zulassen des Leides steht in der Macht Gottes. Gott ist gut, aber uns ist nicht verheißen, dass uns nur Gutes geschehen wird. Uns ist ja noch nicht einmal verheißen, dass wir Gutes vollbringen werden!
Fort mit dem Goldenen Kalb des frommen Gebets! Wir können tausende fromme Gebete für uns sprechen lassen oder selbst sprechen – aber Gottes Wirken gehört immer noch Gott, und nicht uns. Die Macht des Gebets steckt ja nicht im Gebet, sondern in der Antwort Gottes darauf. Unser jahrelanges beschwörendes Flehen im Gebet kann Gott im Winde zerstreuen, und unser nur einmal zaghaft gehauchtes “wenn du kannst” kann SIE in Tiefe erhören. Wer mag es sein, der in dieser Geschichte gebetet hat?
Fort mit dem Goldenen Kalb, dass Gott “nur” eine Psycho-Stütze ist, ein hilfreiches Gedankengebäude, das uns hilft, mit Problemen besser klar zu kommen! In dieser Geschichte wird der Junge geheilt, ganz körperlich.

Stimme 1 (zu Stimme 2):
Ein großer Teil von mir will diese Geschichte glauben.
Dem Vater wurde geholfen.
Seinem Sohn wurde auch geholfen.
Irgendwie finde ich, wurde auch den Jüngern geholfen.
Und ein kleines bisschen, ja, wurde auch den Schriftgelehrten geholfen.
Kein verquastes Gottesbild hat Gottes Hilfe verhindert. Das liebe ich an dieser Geschichte.

Stimme 2 (zu Stimme 1):
Dann hat Jesus heute auch dir geholfen.

Stimme 1 (lächelnd):
AMEN.

 

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