[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Anerkennung – (k)eine Frage von Anpassung

Predigt MCC Köln, 15. April 2018
Ines-Paul Baumann

1. Petrusbrief 5,1-4

Meine Mutter kann gar nicht genug Freude daran finden, dass ihre Tochter (also ich) als Mann so normal aussieht.
Die Mutter einer meiner früheren Freundinnen fand es persönlich gar nicht schlimm, dass ihre Tochter lesbisch war – sie war nur in Sorge, dass sie es deswegen schwerer haben würde im Leben. Das war die Zeit, als Hella von Sinnen die einzige Lesbe war, die Leute kannten.
Damit es Lesben nicht so schwer haben im Leben, gab es Tipps wie: „Lesben müssen sich doch auch nicht immer benehmen wie Kerle. Wenn die etwas weiblicher aussehen würden, würden die auch mehr Anerkennung finden.“
Transfrauen fallen meistens auf der anderen Seite vom Pferd; hier heißt es immer: „ Wenn die sich mal nicht so übertrieben weiblich anziehen würden, würden die auch mehr Anerkennung finden.“
Bei der CSD-Parade (äh, „CSD-Demo“, entschuldigung) wünschen sich manche, dass sich alle Teilnehmenden ÜBERHAUPT mal genügend anziehen würden. „Müssen die denn jedes Jahr halbnackt an der Leine jemanden hinter sich herziehen und so wenig anziehen, dass man wirklich fast ALLES sieht?“
Es war DIE Strategie auf dem Weg zur Ehe für alle: „Wir (die Homosexuellen) sind doch ganz normal, also erkennt uns doch bitte an.“
(Klingt alles nach Klischees? In der Tat. Anerkennung, Anpassung und Klischees hängen oft zusammen.)
Manchmal kommen Leute zur MCC, um uns wohlwollend zu bescheinigen, dass auch wir hier doch eigentlich ganz normal seien. Nicht nur als Menschen, sondern auch als Christen. Wenn Gemeinden sich schwer damit tun, Homosexuelle anzuerkennen, können sie jetzt sogar in einem Buch nachlesen, dass auch Homosexuelle ganz normale Christen sein können (hat der Autor selbst erlebt!), und deswegen eigentlich wirklich Anerkennung finden sollten.
An meiner Uni gibt es jede Menge Angebote, bei denen Studierende lernen können, sich so zu präsentieren, dass sie mehr Anerkennung finden: Wir können unsere Stimmen trainieren, unsere Körpersprache verbessern, selbstbewusster auftreten – wer nervös ist, ist selber schuld, wenn sie nicht so viel Anerkennung bekommt. Frauen, die Karriere machen wollen, müssen sich halt durchsetzen lernen, richtig? Depressive sind auch selber schuld. Können die sich nicht einfach mal einen Ruck geben?
Wer nicht schlank und rank und leistungsfähig ist, muss sich über mangelnde Anerkennung auch nicht wundern. Geh halt mal joggen. Iss weniger Pommes.
So wie manche Leute rumlaufen und sich benehmen, ist es keine Wunder, dass die keinen Job und keine Beziehung und keine Anerkennung finden. Allein diese Frisur!

So wie sich manche Christen Ende des ersten Jahrhunderts im Römischen Reich benahmen, war es ebenfalls kein Wunder, dass sie keine Anerkennung fanden. Sie wurden verfolgt oder verachtet. Und auch damals gab es gute Tipps:

Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen
Ehrt jedermann, habt die Brüder lieb, fürchtet Gott, ehrt den König! (…)
Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen (…)
Desgleichen sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch die, die nicht an das Wort glauben, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden,
wenn sie sehen, wie ihr in Reinheit und Gottesfurcht lebt.
Euer Schmuck soll nicht äußerlich sein wie Haarflechten, goldene Ketten oder prächtige Kleider,
sondern der verborgene Mensch des Herzens im unvergänglichen Schmuck des sanften und stillen Geistes: das ist köstlich vor Gott.
Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter.

1. Petr. 2,13.17.18
1. Petr. 3,1-4
1. Petr. 5,5a

„Benehmt euch anders, kleidet euch anders, dann findet ihr Anerkennung.“

Allerdings schien das NICHT immer zu heißen: „Benehmt euch so wie alle anderen.“ Seltsamerweise scheint der Brief die Gemeinden nämlich immer wieder aufzurufen, sich ANDERS zu verhalten, als es damals üblich war. Ihr Verhalten SOLL die Gesellschaft geradezu dazu bringen, von ihnen befremdet zu sein (1. Petr. 4,4).

Der 1. Petrusbrief scheint an vielen Stellen die Strategie zu haben, als CHRISTEN Anerkennung zu finden, indem sie sich ANDERS verhalten als erwartet – ohne sich dabei gänzlich von diesen Erwartungen lossagen zu können. Eine schwierige Situation.

Auch das erinnert mich z.B. an die Diskussionen um „richtige Strategien“ beim CSD. Manche sagen: „Wir müssen uns anpassen und normal sein, dann finden wir Anerkennung!“ Manch andere sagen: „Nein, wir müssen provozieren und anders sein, denn wir SIND nun mal anders!“.

Der heutige Predigttext ist Teil dieses Petrusbriefes und seinem Ringen um das passende Verhalten inmitten einer befremdeten Umwelt:

Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

1. Petr 5,1-4 („Mahnungen an die Ältesten und die Gemeinde“)

Als erstes fällt auf, dass Leiterschaft überhaupt zum Thema gemacht wird. Was erwarten wir von unseren Leitenden? Was sollen sie tun, was nicht? Diese Debatte findet sich immer wieder in der Bibel.
Ich nehme daraus mit: Es ist auch im Gemeindekontext wichtig, dass wir miteinander klären, was für Erwartungen wir haben an Gemeindeleitung.

Zweitens fallen die biblischen Antworten auf diese Frage unterschiedlich aus. Je nach Zeit und Kontext werden an die Leitenden unterschiedliche Erwartungen gestellt. Schon die Frage, ob es ÜBERHAUPT Leitende geben soll oder nicht, fällt unterschiedlich aus. (Mit einigem Schmunzeln muss ich an das Alte Testament denken, wo Gottes Volk sich einen König wünscht und Gott geradezu die Hände über‘m Kopf zusammenschlägt, weil sich Menschen nach einem Herrscher sehnen!)
Ich nehme daraus mit: Wenn wir klären, ob und welche Art von Gemeindeleitung wir haben wollen, gibt es nicht DIE EINE biblische Vorgabe, nach der wir uns richten können. HEUTE müssen WIR klären, was wir brauchen und was wir wollen.

Damit sind Leitenden auch Grenzen gesetzt! Leitung in Gemeinde fällt eben nicht gottgegeben vom Himmel, sondern muss ausgehandelt werden.

„Niemand hat das Recht zu gehorchen.“

Hannah Arendt

Anstatt dass in Kirchen klar ist, was Leitung bedeutet, müssen wir darüber reden.
Zuletzt haben wir das getan beim Aushandeln meines Pastorenvertrags. Viele, die heute Teil der Gemeinde sind, hatten nicht die Gelegenheit, daran mitzuwirken.
Ich möchte die Gelegenheit heute nutzen und ein bisschen dazu sagen, was ICH erwarte und was ihr von MIR erwarten könnt.

Dazu finde ich auch in dem Petrusbrief inhaltliche Punkte, die ich aufgreifen möchte:

Ich denke, es passt zu unseren Wertvorstellungen, dass Gemeindeleitung nicht dem eigenen Gewinnstreben dienen darf. Und dass sie eine Herzensangelegenheit ist. Und dass sie freiwillig ausgeübt wird, nicht gezwungen.
All das passt aus meiner Sicht gut dazu, dass wir mich für dieses Amt nicht bezahlen. Ich bin mir immer unsicher, inwiefern ich woanders „freiwillig“ arbeite, um meine Miete zu bezahlen. Es ist durchaus entlastend, dass solche Zwänge hier keine Rolle spielen. Ich bin schlichtweg nicht materiell abhängig von der MCC. Auf der letzten GV haben wir gemerkt, was materielle Abhängigkeit ausmachen kann. Wenn das Trödelcafé Teil der materiellen Lebensgrundlage von Tom ist, dürfen wir uns dann wirklich davon trennen? Manche hatten mehr Angst davor, als dass unser Vorstand oder der Verein zugrunde gehen. Und wenn ich als PASTOR bei der MCC Köln angestellt wäre? Würdet ihr euch bei Bedarf wirklich mit mir auseinandersetzen, wenn das dazu führen könnte, dass ihr mich „entlassen“ müsst und mir mein Einkommen „wegnehmt“? Wie viele Dinge werden nicht wahrgenommen und ausgesprochen, wenn es auch um Geld geht? ICH bin froh, als Pastor* der MCC Köln frei davon zu sein.

„Sogar“ der Petrusbrief mit all seinen Aufforderungen zu Gehorsam und Unterordnung lässt es also nicht zu, dass sich Gemeindeleiter_innen aufspielen dürfen als „Herren“ der Gemeinde (1. Petr. 5,3). Hier soll eben NICHT wiederholt werden, was außerhalb der Gemeinde gang und gäbe war: Nach unten treten, Machtpositionen nutzen, etc.: „Auch wenn ihr selber vielleicht so behandelt werdet, wiederholt das nicht in der Gemeinde. Kopiert nicht diese Strukturen von Herrschaft und Macht und Unterdrückung.“
Sich hier den Gepflogenheiten des „Üblichen“ anzupassen, würde es sogar gefährden, als Christen Anerkennung zu finden. Sie würden vielleicht Anerkennung finden – aber nur dafür, so zu sein wie alle anderen auch.

Entgegen der Gepflogenheiten fordert der Petrusbrief also, die Gemeinde nicht als Herren leiten, sondern als „Vorbilder der Herde“. Nun sehe ich euch nicht als Herde voller Schafe, die meiner weisen Leitung bedürften. Auch der Petrusbrief sieht in den Schafen keine dumme Herde, sondern „die königliche Priesterschaft“ (1. Paetr 2,9). Das ist schon im Alten Testament so: Das Volk Gottes ist nicht geteilt in oben und unten, sie ALLE sind Könige und Priester.

Im Volk Gottes gibt es keine Menschen, die über andere Menschen herrschen dürfen.
Das Volk Gottes besteht aus Menschen, die einander dienen.

Ich bin gerne Pastor der MCC Köln, und tatsächlich „von Herzensgrund“. Nicht, weil ich so überzeugt von mir wäre. Oder so überzeugt von meinen eigenen Überzeugungen. Am meisten überzeugt bin ich von der Idee der MCC Köln. Von euch allen hier und der Gemeinschaft, die wir alle zusammen bilden. Und von der Liebe Gottes zu uns allen. Das ist die Überzeugung, die mich trägt.

Auch ich genieße natürlich Anerkennung. Die Anerkennung, die ich in unserer Gemeinde erfahren habe, hat mich vor allem gelehrt, mich selber anzuerkennen. Was für ein Geschenk! Ich musste mich NICHT verstellen, um Anerkennung zu erfahren. (Dann hätte ich ja gar keine Anerkennung erfahren, sondern nur mein verstelltes Erscheinungsbild.)

Euer Umgang mit mir ermöglicht mir erst, mit meinen Stärken und Schwächen Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Dasselbe gilt für alle anderen Gaben, die hier zusammenkommen. ALLE unsere unterschiedlichen Stärken und Schwächen. Es geht hier eben NICHT darum, so zu sein wie die anderen hier. Oder unsere Gaben einzubringen, um Anerkennung zu finden. Wir können einander anerkennen IN und MIT unseren unterschiedlichen Gaben (und Grenzen) – aber nicht bloß WEGEN ihnen.

Weil IHR Gaben habt und lebt, kann ICH meine Gaben leben. Meine Gaben trafen dazu bei, dass ihr eure Gaben leben könnt. Und eure Gaben tragen dazu bei, dass ich meine Gaben leben kann. Nur da, wo ALLE Geistesgaben Raum haben, kann auch Leitung ihren Platz einnehmen: Gastfreundschaft. Barmherzigkeit. Prophetie. Lehre. Helfen. Weisheit.
LEITUNG ist EINE davon. Nicht mehr und nicht weniger. EINE Gabe inmitten vieler Gaben, die sich um Jesus herum scharen. Im Zentrum des Kreises steht Jesus, nicht die Gabe der Leitung.

Raum geben. Meine Gaben einbringen, damit andere Gaben sich entfalten können. Anerkennung ermöglichen und weitergeben – eine Anerkennung, die gründet in dem Blick Gottes auf uns und unsere Mitmenschen (nicht in Anpassung oder Leistung oder Gehorsam)!

Vielfalt nicht nur aushalten, sondern fördern. Dafür bin ich gerne Vorbild (auch wenn ich selbst daran dauernd scheitere, und ganz im Gegenteil von euch lerne und lerne und lerne und lerne): Ich darf ich selbst sein. Mit meinen Stärken und Schwächen. Mit meinen Gaben und Unzulänglichkeiten. Dadurch, dass ich so hier sein kann, wie ich bin, mache ich hoffentlich anderen Mut, das auch zu tun. Dass ich das tun kann, habt ihr mir geschenkt. Es geht nur im Miteinander.

Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die uns am meisten Angst macht. (…) Aber Dich selbst klein zu halten, dient nicht der Welt. Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu manifestieren. Er ist nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem einzelnen. Und wenn wir unser Licht erscheinen lassen, geben wir anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

Nelson Mandela

Hier macht sogar das Bild mit der Herde Sinn (mit Jesus als unserem Hirten):
Wenn die Schafe nicht Schafe sind,
und die Hunde nicht Hunde sind,
kann der Hirte nicht Hirte sein.
Es funktioniert nur, wenn wir sind, wer wir sind.
Sei du selbst.
Nur dann kannst du Gemeinschaft mit tragen.
Und nur dann kann dich die Gemeinschaft mit tragen.

Weil Gott Freude an dir hat und angesichts dessen, dass im Reich Gottes Menschen kein Recht haben, über andere zu herrschen:

  • Bist du an der richtigen Position? Wäre es dran, einen Schritt nach vorne zu gehen? Einen Schritt zurückzutreten? Einen Schritt zur Seite zu treten? Jemandem zur Seite zu treten?
  • Wofür bekommst du Anerkennung? Wofür erwartest du Anerkennung? Wofür erkennst du andere an? Inwieweit erkennst du dich an?
  • Was machst du mit deinen Gaben und Unzulänglichkeiten? Kennst du deine Gaben? Glaubst du, du hast keine Gaben? Was würde dir helfen, deine Gaben in eine Gemeinschaft einzubringen? (Kennst du deine Unzulänglichkeiten? Glaubst du, du hast keine Unzulänglichkeiten? Was würde dir helfen, deine Unzulänglichkeiten in eine Gemeinschaft einzubringen?)
  • Wie kannst du mit deinen Stärken und Schwächen anderen dienen? Wo dürfen andere deine Schwächen und Stärken nicht länger dazu ausnutzen?
  • Wie viel Gleiche(s) brauchst du, um dich wohlzufühlen? Wie viel Vielfalt hilft dir, auch selber mal „anders“ zu sein als es andere erwarten?

 

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