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Der Kern von Jesu Leidensmystik

Predigt MCC Köln, 8. April 2018
Madeleine Eisfeld

Brief an die Kolosser 2, 12-15

Liebe Gemeinde der MCC!

Und wieder obliegt es mir, über einen Paulustext zu predigen, einen, der zudem die Sühneopfertheologie beinhaltet, der ich weitgehend ablehnend gegenüberstehe.
Ist das Zufall, oder könnte es bedeuten, dass ich mich im Besonderen damit auseinandersetzen sollte?

Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.

Brief an die Kolosser 2, 12-15

Ich habe einige verschiedenen Bibelausgabe zu Rate gezogen, angefangen bei der Lutherbibel, der Jerusalemer Bibel, der Einheitsübersetzung und schließlich die Bibel in Gerechter Sprache.

Welche Begriffe und Aussagen fielen mir dabei besonders ins Auge?

Alle Übertretungen sind uns vergeben.
Alle Verordnungen, die gegen uns gerichtet waren, sind ausgelöscht.
Mit Christus zum neuen Leben gelangt.
Ihr wart tot, doch nun hat euch Christus lebendig gemacht.
Die Mächtigen und Tyrannen werden ihrer Macht entkleidet.

All das sind positive Aussagen, die mir sofort ins Auge springen und die ich vorbehaltlos bejahen kann.

Doch ein kurzer Satz lässt mir das Blut in den Adern gefrieren.

„ANS KREUZ GENAGELT!“

Da haben wir es wieder: Um der Vergebung, der Auferstehung, des ewigen Lebens teilhaftig zu werden, bedarf es eines brutalen Marterwerkzeuges – des Kreuzes.
Wir scheinen im Banne des Kreuzes zu stehen. Wir kommen einfach nicht los davon.
Schuld, immer wieder Schuld, ich bin schuld daran, dass Jesus vor 2000 Jahren getötet wurde, durch meine Schuld starb er am Kreuz.

Am Karfreitag führte mich mein Weg nach langer Zeit wieder einmal in die Karfreitagsliturgie der Katholischen Kirche. Ich wollte genau prüfen, wie viel Schuldgefühl ich noch ertragen kann. Es war furchtbar. Diese entsetzlichen Kirchenlieder. Diese grausame, sich ständig wiederholende Anklage. Du bist schuld. Schuld am Tode eines Menschen vor nunmehr fast 2000 Jahren.
An meinen Händen klebt Blut, es ist Jesu Blut, das Blut meines Bruders, ich bin schuld an seinem Tod. Wer hilft mir, das Blut von den Händen zu waschen?

Wir gehen hinauf nach Jerusalem und sehen, wie einer für alle stirbt, singen wir.
Ach ja, ein Vergnügungsspaziergang nach Golgatha, mal eben vorbeischauen, wie einer unter entsetzlichen Schmerzen langsam am Kreuz verblutet und erstickt.
Ich begreife es nicht! Wie kann ein Mensch solche Lieder dichten?
Alles rebelliert in mir! Aufhören!
Ich kann es nicht mehr ertragen! Wie viel Schuld erträgt ein Mensch?
Ich möchte nicht dabei zusehen, wie Jesus durch meine angebliche Schuld stirbt.

Oder doch?
Sollte gerade ich dabei sein und ihm in der letzten Stunde die Treue halten?
Ist es das, was er mir sagen will?

Paulus jedenfalls war nicht dabei, als Jesus am Stamm des Kreuzes geschlachtet wurde, die anderen Jünger ebenfalls nicht, etwa Petrus, der Übereiferer. In der Nacht zuvor hat er Jesus dreimal verraten.
Alle starken Männer sind getürmt und haben ihren Meister in der schweren Stunde im Stich gelassen.
Nur die Frauen stehen am Kreuz. Maria, Jesu Mutter, Maria Magdalena, seine Frau und engste Vertraute. Und Johannes, der einzige aus der Jüngerschar. Johannes der weiche, sanfte und schöne Jüngling, auf Bildern stets bartlos und mit androgynen, ja femininen Gesichtszügen dargestellt.

Als Paulus den Brief an die Kolosser schrieb, hatte er ausschließlich den nachösterlichen und bereits verherrlichten Christus im Blick.
Den lebenden, menschlichen Jesus hat er nicht gekannt Die beiden sind einander nie begegnet.
Eigenartig, schließlich waren sie Zeitgenossen und lebten in einem kleinen, überschaubaren Landstrich.

Hat Paulus Jesus je predigen gehört? Oder war er Zeuge, wie der Nazarener den Menschen die Hände auflegte und sie von ihren Leiden heilte?
Wir wissen es nicht.
Vermutlich war er es nicht so, sonst hätte Paulus seine Schriften völlig anders formuliert. Dann stünde ihm ein deutlich anderes Bild vor Augen als ausschließlich diese verklärte, geheimnisvolle, unnahbare Stimme, die ihn vor Damaskus erreichte.
Wir müssen aufhören, die Christus-Geschichte ausschließlich durch die Paulus-Brille zu betrachten.
Paulus macht sich sein Bild von Jesus. Das ist sein gutes Recht. Aber ebenso ist es unser Recht, auf je eigene Weise auf Jesus, auf den Christus zu blicken.
Jeder und Jede von uns hat sein/ ihr eigenes spezielles Christuserlebnis. Es gibt keine Doktrin, wie und auf welche Weise wir Christus zu begegnen haben. Im Himmel gibt es keine Glaubenskongregation, die über eine wie auch immer geartete Rechtgläubigkeit wacht.
Paulus macht uns ein Angebot, wie wir seiner Meinung nach zu Christus gelangen könnten. Es ist ein Angebot von vielen. Es gibt zahlreiche andere Wege, die zur Erkenntnis führen. Die Lehre des Paulus ist nicht allmächtig, ebenso wenig, wie es jene von Karl Marx ist.

Doch wenden wir uns zunächst einem ausgesprochen positiven Begriff zu, dem der Auferstehung.
Dieses Wort spricht uns sofort an, das lässt niemanden kalt, es vermittelt uns Hoffnung, Zuversicht, die Aussicht auf eine ewige Freude, die uns in nahen oder fernen Zeiten erwartet.
Wir alle, die mit Christus gestorben sind, werden mit ihm auferstehen. Alle Verfehlungen sind uns in diesem Augenblick vergeben.
Die Art, wie Jesus (oder der Christus) dabei zu Tode kommt, spielt in Wirklichkeit keine Rolle.
Jesus hat uns diese Zusage gegeben, wenn wir auf Gottes Kraft vertrauen und wir unser Leben, all unser Denken und Handeln auf ihn ausrichten und am Aufbau des Reiches Gottes teilhaben.
Wir, die wir tot waren, werden leben, gleichsam wie Neugeborene. Quasimodogeniti, so heißt dieser heutige Sonntag in den evangelischen Kirchen. Das bedeutet „wie die Neugeborenen“.
Wir blicken auf die Welt, sie steht noch, alles scheint unverändert, doch irgendetwas ist anders, es scheint neu. Wir erkennen Dinge, die wir vorher nicht erblicken konnten, weil uns die Gabe dazu noch nicht vermittelt war.
Wer einmal ein Erweckungserlebnis hatte, ist sicher in der Lage nachzuvollziehen, wovon ich spreche. Ich hatte gleich mehrere.

Weißer Sonntag, so wird dieser Tag in der katholischen Kirche bezeichnet. Weiß ist die Farbe der Unschuld, aber auch der Reinheit und der Erneuerung.
Ostern ist erst eine Woche her, unser Blick richtet sich noch ganz auf dessen zentrale Botschaft, eben Auferstehung.
Zu groß, zu überwältigend ist die Verheißung, wir benötigen Tage, ja Wochen, um deren Sinn zu erfassen, oder sind es gar Monate, Jahre, ein Leben lang?
Ihr werdet in Ewigkeit leben!

Zweifel tun sich auf. Wir wollen glauben, aber es gelingt uns nicht so ganz. Das wäre in der Tat zu schön, um wahr zu sein.
Wir brauchen uns unserer Zweifel nicht zu schämen, denn wir sind damit nicht allein. Einem aus dem engsten Jüngerkreis erging es da nicht anders. Sein Name ist Thomas.
Das Evangelium dieses Sonntags beinhaltet die Geschichte des „Ungläubigen Thomas“.
Den Begriff ungläubig können wir in Anführungszeichen setzen. Denn in Wahrheit war Thomas der gläubigste von allen.
Thomas, das ist einer, der nicht alles schluckt, was man ihm unterjubeln will, einer, der sich überzeugen will. Einer, der tiefer denkt, getreu nach Jesu Weisung, die da heißt: „Denkt tiefer und glaubt an das Evangelium!“ Ja, richtig gelesen, so lautet die tatsächliche Übersetzung. Nicht „Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“, wie bei unserem gestrengen Martin Luther zu lesen ist. Auch nicht „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ wie in vielen moderneren Übersetzungen. Nein! „Denkt tiefer!“ Es ist die Aufforderung, den Erkenntnisweg zu gehen. Thomas kommt dieser Aufforderung mit seinem Zweifel sehr nahe.
Er war nicht dabei, als sich der Auferstandene zum ersten Mal bei den Jüngern zeigte.
Erzählen könnt ihr viel. Ich glaube erst, wenn ich ihn mit eigenen Augen betrachtet habe, wenn ich ihn berührt und mit ihm gesprochen habe. Thomas bleibt hart.
Als Jesus ein zweites Mal in der Mitte erscheint, ist Thomas zugegen.
Er berührt ihn und fällt auf die Knie, dann ist auch er überzeugt.
Jesus spricht: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig aber sind jene, die nicht sehen, aber trotzdem glauben. (Joh. 20, 19-31)

Jesus denkt hier bereits an all jene Generationen, die noch kommen werden und denen allein der Glaube bleibt.
Wir alle beherbergen tief in unserem Herzen einen ungläubigen Thomas. Auch wir möchten sehen, uns überzeugen, tiefer blicken, uns ein genaues Bild von all dem machen, was da berichtet wird. Das ist normal, eben menschlich. Wir sind Menschen, warum also sollten wir nicht auch menschlich handeln?
Auch bei einem noch so gefestigten Glauben ist ein Rest Zweifel stets vorhanden. Und das ist gut so.
Geht es da drüben, auf der anderen Seite tatsächlich weiter? Gibt es da etwas, auf das wir voller froher Hoffnung setzen können. oder erwartet uns nur ein schwarzes Loch, ein Nichts, eine gefühllose Leere?
Treffen wir dort all jene wieder, die uns im Leben lieb und teuer waren? Menschen aus unserer Familie, plötzlich aus dem Leben gerissen, oder nach langem schwerem Leiden aus dem Leben erlöst.
Werden wir sie erkennen? Mit welchen Körpern haben sie sich bekleidet?
Erwarten uns dort tatsächlich Strafen für unsere irdischen Vergehen, wie früher oft behauptet?
Oder gibt es eine himmlische Belohnung für all unsere Liebe und unsere guten Taten?

Wir wissen es nicht! Der Blick hinter den Vorhang bleibt uns versperrt. Erst in der Stunde unseres Todes öffnet er sich.
Was bleibt, ist die Hoffnung. Hoffen auf die ewige Freude. Ohne die wären wir verloren.
Ohne Hoffnung auf das ewige Leben. Das wäre Wahnsinn, nicht auszuhalten, Absturz, tiefe, ewig währende Depression.
Ohne eine unsterbliche Seele wäre unser Leben nur ein Gärungsprozess zwischen geboren werden und sterben, wäre der Mensch eine gefühllose Maschine, die eine bestimmte Zeit, an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten Zweck zu funktionieren hat, bevor sie ausgeschaltet und entsorgt wird.

Selbst Päpste waren nicht vor Zweifel gefeit, wie uns das Beispiel Johannes XXIII deutlich vor Augen führt.
Als der noch kein Oberhaupt der katholischen Kirche war, noch Angelo Roncalli hieß, Kardinal und Patriarch von Venedig war, fuhr er zur Beerdigung seiner Schwester in sein Heimatdorf in den Bergen.
Nach Ende der Trauerfeierlichkeiten bestieg er den Zug. um sich wieder in seine Residenzstadt zu begeben.
Schwer betrübt und traurig blickte er die gesamte Zugfahrt aus dem Fenster. Sein Sekretär, der ihn stets begleitete, glaubte, ihn aufmuntern zu müssen.
Warum er so traurig sei, wollte der wissen. Die Schwester sei doch im Himmel, in der ewigen Freude, am Tisch des Herrn.
Roncalli blickte nur stumm vor sich hin. Nach einer Weile sagte er:
„Jaja, aber wehe uns, sollte sich am Ende alles nur als Illusion erweisen!“

Wenn selbst ein späterer Papst in dieser zentralen Aussage ins Zweifeln gerät? Wie könnten wir dann vor dem Zweifel sicher sein?

Wehe uns, wenn alles nur Illusion wäre!

Die Auferstehung ist die zentrale Botschaft des christlichen Glaubens. Doch hat das Christentum keine Exklusivrechte darauf.
Auch in den meisten anderen Religionen gibt es solche oder ähnliche Vorstellungen, das ist gut und beruhigend. Es bestätigt unsere Auffassung.
Es gibt keine falsche Religion. Entweder alle Religionen sind gleich richtig, oder alle sind falsch.

Jesu ursprüngliche Botschaft war ausgeschlossen diesseitsorientiert. Lasst die Toten die Toten begraben, so seine Worte. Sorgt euch nicht darum, was nach diesem Leben kommt, ihr könnt es nicht beeinflussen. Vertraut darauf, dass Gott dafür sorgen wird.
Bemüht euch lieber, dass ihr in diesem Leben, in eurer derzeitigen Existenz nach Gottes Geboten handelt.
Das Reich Gottes ist bereits unter euch, im Jetzt und Hier, es ist in euch und in euren Nächsten.
Sucht es nicht in steinernen Tempeln oder in komplizierten Ritualen, Doktrinen und Lehrsätzen.
Spalte ein Stück Holz und ich bin bei dir, hebe einen Stein auf und du wirst mich finden.
In den einfachen profanen Dingen und Tätigkeiten kannst du das Antlitz des Göttlichen finden, wenn du ausreichend dafür geschult und sensibilisiert bist.
Das Reich Gottes ist lange schon präsent. Wenn wir uns bemühen, die Lehren der Bergpredigt umzusetzen, können wir mit daran bauen, jeden Tag, immer wieder von Neuem. All diese Zusagen hat uns bereits der irdische, menschliche Jesus gegeben, dazu bedarf es keines blutigen Opferrituals am Kreuz.

Öffne mir die Augen, heilige Weisheit, auf dass ich erkenne, auf dass ich begreife, dass ich tiefer blicke. Wer immer nur auf die Oberfläche eines Teiches blickt, wird niemals ergründen, was sich darunter eventuell für ein Mysterium verbirgt. Also bringt den Mut auf, einzutauchen und bis auf den Grund vorzudringen. Auch oder gerade wenn das Wasser trübe ist und am Anfang den Durchblick erschwert.
Wir sind dazu aufgefordert, uns weiterzuentwickeln, stets zu lernen und allem Neuen aufgeschlossen gegenüberzutreten.
Hafte nicht unnötig dem Alten, dem Überholten an. Stagnation ist stets kontraproduktiv.

Im Hier und Jetzt sollen wir das Unrecht beim Namen nennen, doch müssen wir uns zuvor in Kenntnis darüber setzen, was Unrecht heißt und wo es sich finden lässt.
Wir sind dazu in der Lage, die Not anderer zu erkennen, um ihr entgegenzuwirken.
Das ist es, was uns Jesus sagen will. Er spricht zu uns jeden Tag. Doch sind wir bereit, unsere Sensoren entsprechend einzurichten, dass wir seine Botschaft tatsächlich empfangen?

Es gibt ein Leben nach dem Tod, Jesus wird uns dort willkommen heißen, wenn unsere Zeit gekommen ist, und mit ihm all die anderen Avatare der Zeitgeschichte, aus allen Religionen.

Doch zunächst einmal gibt es ein Leben vor dem Tod, und das gilt es in der rechten Art zu leben.
Es ist unser Recht, in der uns entsprechenden Weise daran teilzuhaben. Was könnte uns daran hindern?
Es ist das Leid, das immer wieder kehrende Leid, das uns nur allzu oft den Weg versperrt und uns an unsere Unvollkommenheit erinnert. Wie ein scharfes Schwert dringt es in unsere Herzen und droht uns plötzlich und unerwartet aus der Bahn zu werfen. Wir sind vergänglich, dieses Leben ist endlich. Und diese kurze Lebensspanne ist noch gespickt mit Leid, Verdruss und Verzweiflung.
Wie gehen wir mit all dem Leid um, das uns herausfordert? Etwa verdrängen? Ihm aus dem Weg gehen? Das können wir nicht. Auch noch so vieles positives Denken kann uns davor nicht schützen. Oft sind wir dem Leid auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Besteht dann die Gefahr, dass wir am Leid verzweifeln, weil wir keinen Sinn darin erkennen?
Leid gehört zum Leben, es lässt sich nicht wie ein Lichtschalter ausknipsen. Es bleibt uns nichts weiter übrig, als uns darauf einzustellen und damit zu leben. Ein Kompromiss mit dem Leid? Ist das möglich? Ja, mit der richtigen Einstellung könnten wir lernen, dessen Logik zu erfassen. Es ist möglich, am Leid und durch das Leid zu reifen, unsere Persönlichkeit weiterzuentwickeln und neue Menschen zu werden. Das ist der Kern von Jesu Leidensmystik. Auch das Kreuz gehört dazu, das ihm den Tod brachte.
Auch auf uns wartet der Tod, irgendwann in nahen oder fernen Zeiten, wir können ihm nicht entfliehen, wir können nicht mit ihm handeln. „Nein, jetzt noch nicht! Ich bin noch nicht bereit zu sterben! So vieles gäbe es noch zu sagen oder zu tun.“

Diesseits und Jenseits lassen sich nicht trennen, sie bedingen einander, sind dynamisch und fließen an vielen Stellen in einander über.
Der Tod ist/hat nicht das letzte Wort. Was ist der Tod anderes als ein Teil des Lebens?
Ein keltisches Sprichwort besagt sogar: „Der Tod ist die Mitte des Lebens!“
Die alten Kelten hatten eine ausgesprochen plastische Vorstellung davon, was uns hinter dem Horizont erwartet. Aus diesem Grund konnte das junge Christentum auch in keltisch geprägten Kulturen so leicht Fuß fassen. Die friedliche Missionierung Irlands gibt uns ein lebendiges Beispiel.
Am tiefsten treffen uns das Leid und der Tod uns sehr nahestehender Menschen.
Den eigenen Tod stirbt man nur, doch mit dem Tod eines geliebten Menschen muss man leben. Jeden Tag, immer wieder neu, 24 Stunden lang. Qualvolle Stunden, die uns wie Jahrhunderte vorkommen.
Wer einmal ein Trauertrauma erlebt hat, weiß, wovon ich spreche.
Fünf Jahre ist es her, seit meine Michaela von mir ging. Nein, fünf Jahre, drei Monate, sechs Tage und der heutige Morgen. Ich habe jede Stunde gezählt, seit sie nicht mehr bei mir ist.
Abgrund, das Gefühl, hilflos einem Dämon ausgeliefert zu sein. Wo bist du jetzt, meine Gefährtin? Geht es dir gut dort drüben, auf der anderen Seite? Wie kann ich dich erreichen? Einen Tag, nachdem ich die Todesnachricht erhielt, wählte ich ca. 50 Mal ihre Handy-Nummer. Doch da meldete sich keine Stimme am anderen Ende. Abgeschaltet! Endgültig! Aus! Für immer! Ich werde Michaela in diesem Leben nie mehr wiedersehen. Wie ein Fallbeil saust diese Erkenntnis auf mich nieder. Wehe uns, wenn alles nur Illusion ist! In einem solchen Moment der tiefsten Verzweiflung hilft nur der Glaube. Unglaubliches Leid! Ein Trauertrauma, das wünsche ich meinem ärgsten Feinde nicht.
Wie kann ich einem solch entsetzlichen Leid auch noch eine positive Seite abgewinnen?
Ein Jahr nach Michaelas Tod bin ich nach Köln gezogen. Ihr Tod machte mir erst richtig bewusst, wie wenig mich noch mit meiner alten Heimat verbindet. Michaelas Tod gab mich frei. Frei notwendige Abschiede einzuleiten, die ich schon vor 20 Jahren hätte tun sollen. Frei für einen Neuanfang. So führte mich mein Weg schließlich auch in die MCC, zu euch.

 

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