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Abtreibung und die Vehemenz christlicher Stimmen in der Öffentlichkeit

Beim Thema Abtreibung sind christliche Stimmen im öffentlichen Raum sehr laut. Und sehr dagegen. Die MCC Köln lädt heute ein zu leiseren Zwischentönen und einer Öffnung an Perspektiven.

Begrüßung (S.)

Guten Morgen! Schön, dass ihr heute dabei seid – ob online, oder hier im Gemeindezentrum. In unserem heutigen G*ttesdienst beschäftigen wir uns mit dem Thema Abtreibung bzw. Schwangerschaftsabbrüche. Das ist ein Thema, bei dem christliche Stimmen im öffentlichen Raum sehr laut, und vor allem sehr dagegen sind. Dazu möchten wir heute einen Gegenimpuls setzen, und uns mit Perspektiven und Zwischentönen beschäftigen, die sonst nicht so viel Gehör finden. Wenn du merkst, dass das heute nicht dein Thema ist, dann sorg bitte für dich – du kannst dich jederzeit rausziehen und etwas anderes tun, was dir heute guttut, auch mitten im Gottesdienst. Es gibt viele Möglichkeiten, heute Gottesdienst zu feiern und Teil unserer Gottesdienstgemeinschaft zu sein. Du musst dafür weder körperlich noch mental anwesend sein. Was mir heute aber besonders wichtig ist: auch wenn du vielleicht eine sehr gefestigte Meinung zu Abtreibung hast, möchte ich dich bitten, respektvoll mit den Perspektiven und Personen umzugehen, die ihre Perspektiven hier teilen werden.

Wir sind heute versammelt im Namen G*ttes, die uns in Vielfalt geschaffen hat – in Tag und Nacht, in Abenddämmerung und Morgenröte. [Kerze]
Wir sind heute versammelt im Namen Jesu, der unsere Gemeinschaften sieht und uns zeigt, wie wir miteinander leben können. [Kerze]
Wir sind heute versammelt im Namen der Ruach, der heiligen Geistkraft, die uns sieht und uns durch unsere eigenen Erfahrungen begleitet. [Kerze]
Und wir entzünden die Gemeindekerze, die uns als Gemeinschaft miteinander verbindet – mit denen, die heute hier sind, und mit denen, die heute nicht dabei sein können. [Kerze] G*ttes bedingungslose Liebe vereint uns – in Solidarität mit allen Menschen und Religionen.

Gemeindelied

Gespräch

E. hat im Alter von 16 Jahren eine Schwangerschaft abgebrochen. Im Gespräch mit S. erzählt E. von Erfahrungen, Wünschen und Einordnungen.

Theologischer Impuls: Schwangerschaftsabbrüche – Versuche einer Positionierung in der Nachfolge Jesu

Predigtimpuls MCC Köln, 11. September 2022
Ines-Paul Baumann

Bei Themen, zu denen sich Jesus nicht direkt geäußert hat, finde ich Statements wie „Jesus sagt JA hierzu…“ oder „Jesus sagt NEIN dazu…“ noch schwieriger als sonst eh schon. Mein Ansatz ist dann eher, anhand der Evangelien zu gucken: Was lässt sich in Jesu’ Umgang mit Menschen und Situationen erkennen, das von den Prinzipien her auf das Thema übertragbar sein könnte, um das es gerade geht?

Heute, zum Thema Schwangerschaftsabbrüche, versuche ich das anhand der Begegnung Jesu mit der – in der Lutherübersetzung als „blutflüssig“ bezeichneten – Frau:

Eine große Menschenmenge schloss sich Jesus an und drängte sich um ihn. Unter den Leuten war auch eine Frau, die seit zwölf Jahren an schweren Blutungen litt. Sie war bei vielen Ärzten in Behandlung gewesen und hatte dabei viel gelitten und ihr gesamtes Vermögen ausgegeben, aber es hatte nichts genützt; im Gegenteil, ihr Leiden war nur noch schlimmer geworden. Diese Frau hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand, denn sie sagte sich: »Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich gesund.« Und wirklich, im selben Augenblick hörte ihre Blutung auf, und sie spürte, dass sie von ihrem Leiden geheilt war. Im selben Augenblick merkte auch Jesus, dass eine Kraft von ihm ausgegangen war. Er drehte sich um und fragte die Leute: »Wer hat mein Gewand berührt?« Seine Jünger erwiderten: »Du siehst doch, wie sich die Menschen um dich drängen, und da fragst du: ›Wer hat mich berührt?‹« Aber Jesus blickte in der Menge umher, um zu sehen, wer es gewesen war. Zitternd vor Angst trat die Frau vor; sie wusste ja, was mit ihr geschehen war. Sie warf sich vor Jesus nieder und erzählte ihm alles, ohne etwas zu verschweigen. »Meine Tochter«, sagte Jesus zu ihr, »dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden! Du bist von deinem Leiden geheilt.«
Markus 5,24b-34 (NGÜ)

In beiden Fällen geht es um Menschen mit Vagina und Uterus und Blutungen. Es geht um Gefahren bei Verletzungen und Verwundungen in diesem Bereich. [1] Die blutflüssige Frau blutet seit 12 Jahren. Verschränkt ist ihre Geschichte mit der von einem Mädchen, das 12 Jahre alt ist. Die Frau trifft auf Jesus, als dieser gerade auf dem Weg zu diesem Mädchen ist, dessen Leben er retten soll. Der Textaufbau im Evangelium legt den Gedanken nahe, dass die Fokussierung auf das Wohlergehen der seit 12 Jahren blutenden Frau dem Überleben der 12-jährigen Tochter im Wege steht.

[1] Manche betonen, vorrangig beim Thema Schwangerschaftsabbrüche sei das Gebot „Du sollst nicht töten“. Ich möchte dem Gebot gar nicht seine Relevanz absprechen, schon gar nicht im Zusammenhang mit dem Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen: Da, wo Schwangerschaftsabbrüche verboten sind, gibt es zwar nicht signifikant weniger Abbrüche. Aber es gibt signifikant mehr Schwangere, die bei Abbruchsversuchen sterben.

Zunächst mal das Offensichtliche: Es geht um Frauenkörper; mir wäre wichtig, dabei auch Körper von Männern und nicht-binären Personen mitzudenken, die ebenfalls menstruieren und schwanger werden können. Im zeitgeschichtlichen Kontext der Bibelstelle wurde aber alles binär geschlechtlich zugeordnet und führte zu klaren geschlechtlichen Hierarchien. Zu diesen Hierarchien gehört/e, dass cis Männer (in diesem Zusammenhang also Menschen, die keine Ahnung haben, was hier körperlich und sozial abgeht), meinten und zum Teil immer noch meinen, über die Körper und das Verhalten der Betroffenen entscheiden zu können.

Eine der damals geltenden Regeln lautete, dass eine menstruierende Person als „unrein“ galt – und Berührungen mit ihr und allem, was sie berührt hatte, ebenfalls „unrein“ machten. Auch die Situation der „blutflüssigen“ Frau im Text ist explizit geregelt:

Eine Frau, die einen Ausfluss hat, Blut ist ihr Ausfluss aus ihrem Körper. Sie ist sieben Tage in ihrer menstruationsbedingten Kultunfähigkeit, und wer sie berührt, ist kultunfähig bis zum Abend. Alles, auf dem sie in ihrer Menstruation liegt, ist unrein, und alles, worauf sie sitzt, ist unrein. Jeder, der ihr Lager berührt, wasche seine Kleider und bade sich in Wasser, und er ist kultisch unrein bis zum Abend. Jede Person, die irgendeinen Gegenstand berührt, auf dem sie sitzt, wasche ihre Kleider und bade sich in Wasser, und sie ist kultisch unrein bis zum Abend. Wenn etwas auf dem Lager oder auf einem Gegenstand ist, auf dem sie sitzt, so wird die Person, die es berührt, unrein bis zum Abend. Wenn ein Mann bei ihr liegt, kommt der dem Kult widerstreitende Zustand ihrer Menstruation auf ihn, und er ist sieben Tage kultisch unrein. Und jedes Lager, auf dem er liegt, ist unrein.
Eine Frau, deren Blutfluss viele Tage außerhalb der Zeit ihrer Menstruation andauert oder deren Ausfluss über die Zeit der Menstruation hinausgeht, ist alle Tage des Ausflusses ihrer Unreinheit wie in den Tagen der Menstruation, kultisch unrein ist sie. Jedes Lager, auf dem sie während der Dauer ihres Flusses liegt, ist wie das Lager ihrer Menstruation. Jeder Gegenstand, auf dem sie sitzt, ist unrein wie die Kultunfähigkeit ihrer Menstruation. Wer diese Dinge berührt, ist unrein und soll seine Kleidung waschen und sich in Wasser baden und ist bis zum Abend unrein.
Leviticus 15,19-27 (BigS)

Aus einer religiös-moralisch fixierten Sichtweise scheint die Situation also klar: Die Frau in dem Text war „unrein“, und Berührungen mit ihr führten dazu, ebenfalls „unrein“ zu werden. Um andere nicht kultunfähig zu machen, hätte sie sich von ihnen fernhalten müssen – von der Menge, die sich um Jesus versammelt hatte (wie soll es bei so einer Enge nicht zu Berührungen kommen!), aber spätestens die Berührung mit Jesus hätte unterbleiben müssen.

Es gibt Gläubige, die sich heute auf Gehwegen vor Kliniken versammeln, in denen Schwangerschaftsabbrüche medizinisch betreut so durchgeführt werden, dass möglichst wenig Leid und Schmerz entsteht. Diese Gläubigen stehen da und machen den Behandlung suchenden Frauen den Weg dorthin zur Hölle. Ihre Begründung: „Das verstößt gegen Gottes Gebote.“
Wären sie Teil der Menschenmenge um Jesus gewesen, hätten sie aus dieser Logik heraus die „blutflüssige“ Frau mit allen Mitteln davon abhalten müssen, zu Jesus zu kommen. Und Jesus hätte die Frau spätestens nach der Berührung als Sünderin verurteilen müssen.

Tut Jesus das? Nein. Jesus verurteilt die Frau nicht. Er bestätigt sie sogar in ihrem Verhalten. Er straft sie nicht ab, er belohnt sie: Sie ist nicht nur geheilt, sondern Jesus erklärt sie für gerettet. Jesu‘ Aufmerksamkeit und Gedanken gelten dem Leben und Befinden der Frau, sowohl körperlich als auch seelisch-geistlich.
Bei Jesus zählt angesichts der lebensbedrohlich erkrankten Frau ihr Heil und Wohl.

Manche sehen hier die große Ausnahme: Wenn das Leben einer schwangeren Person ernsthaft bedroht ist, dann (und nur dann!) kann ein Schwangerschaftsabbruch ausnahmsweise gerechtfertigt sein. Was ist also, wenn die Situation der blutenden Frau nicht ganz so lebensbedrohlich war?„Schließlich hat sie schon 12 Jahre damit gelebt“, mögen manche gedacht haben, „kann sie dann nicht weitere 12 Jahre damit leben? Immerhin ist Jesus gerade auf dem Weg, die Tochter des Synagogenvorstehers zu retten – ist das Überleben des Kindes nicht viel wichtiger? DARUM muss sich Jesus doch kümmern!“ Die Anordnung des heutigen Textes stellt genau diese Frage – und beantwortet sie eindeutig: Womit ein Mensch mit Uterus und Blutung leben kann und muss, ist nicht die Entscheidung Außenstehender. Schauen wir dazu nochmal genau hin:

Als die „blutflüssige“ Frau zu Jesus kommt und ihn berührt, passiert genau das, wovon SIE weiß, dass es gut für sie ist: Die Blutung stoppt.
Was hier gänzlich fehlt, ist eine vorherige Auseinandersetzung darüber, ob dieser Wunsch angemessen und erlaubt ist. Jesus dreht sich nicht um und fragt: „Oh, hallo. Sie möchten also Ihre Blutung gestoppt haben. Ist es denn lebensbedrohlich? Oder wollen Sie sich einfach nur besser fühlen und ein unbeschwerteres Leben führen? Wieso bluten Sie denn überhaupt? Mit den Konsequenzen ihres Tuns müssen Sie schon leben, wissen Sie. Was haben Sie also gemacht? Vielleicht sind Sie ja selber schuld daran, dass Sie bluten? Hätten Sie sich anders verhalten, wäre das vielleicht nicht passiert?“
Jesus fragt nicht. [2]

[2] Jesus fragt auch nicht für die Dabeistehenden. Selbst, wenn Jesus als Sohn Gottes eh alles weiß (bzw. gerade dann weiß er ja um ihre Blutung und das Überschreiten der Gebote durch die Berührung), verzichtet er darauf, den Umstehenden auch nur ansatzweise mitzugeben, dass es bestimmt Gründe gibt, aus denen er dem Wohlergehen der Frau den Vorrang vor den Geboten Gottes einräumt, um anschließend die Gebote Gottes wieder an den rechten Platz zu stellen.
Jesu’ Gedanken und sein Handeln sind ganz auf die Situation der Frau konzentriert, bis dahin, dass er ihre Situation teilt: So, wie bei ihr mit der Blutung die Kraft aus ihr herausfließt, „fühlte auch Jesus an sich, wie die Kraft aus ihm herausfloss“ (Markusevangelium 5,30 / BigS).

Noch mehr: Jesus stellt nicht nur keine Fragen, er entscheidet gar nicht mit. Die Frau bekommt, was sie möchte und braucht, ganz unabhängig davon, ob Jesus dem zustimmt oder nicht. Die Entscheidung liegt einzig und allein bei der Frau.

Die Aufgabe Jesu in dieser Geschichte ist nicht,
– moralische Debatten zu führen,
– ein Exempel zu statuieren für das Einhalten der Gebote Gottes,
– oder über Leidensfähigkeiten und Aufgaben von Frauenkörpern zu reden.
Die Aufgabe Jesu in dieser Angelegenheit ist einzig und allein: Kraft zu geben.

Stille

Abendmahl

Lasst uns beten nach dem Vorbild, wie Jesus uns zu beten gelehrt hat: (…)

Wir sind an diesem Tisch in Gemeinschaft mit Gläubigen auf der ganzen Welt und durch die Zeiten,
auch mit denen, die sich ihre Begegnung mit G*tt heimlich und trotzig erkämpfen mussten,
auch mit denen, die sich heute von anderen Gläubigen moralisiert, verurteilt und ausgeschlossen fühlen.
Im Blick auf Jesus Christus, der sie eingeladen hat, da zu sein, sich von ihm berühren zu lassen, sich zu zeigen, eine Stimme zu haben, und ihnen Kraft zu geben,
verkünden wir vor allen sichtbaren und unsichtbaren Mächten das Geheimnis und Wunder unseres Glaubens: Christus ist geboren – Christus hat gelebt – Christus ist gestorben – Christus ist auferstanden – Christus wird wiederkommen.

Es war die Nacht, bevor Jesus hingerichtet wurde,
weil im Raum der in ihm gegenwärtigen Liebe Gottes
die Macht der Mächtigen und die Urteile der Verurteilenden erkennbar, benennbar und angreifbar wurden.

– Abendmahl –

Gebet

Erbarme dich aller Starken;
denn sie setzen auf Strafe, nicht auf Heilung;
sie klagen an, statt zu helfen.
Erbarme dich, Schöpferin Liebe,
ich bin eine Wunde,
mache mich heil.
(Christa Peikert-Flaspöhler)

Erbarme dich derjenigen Lauten;
die nur sich sehen, nicht mich;
sie gehen vor, statt zu begleiten.
Erbarme dich, Schöpferin Ruhe,
gib mir in dir Raum,
und lass mich sein.

Schlusssegen

G*tt segne dich mit einem Glauben,
der G*tt an deiner Seite weiß.

G*tt segne dich mit einem Glauben,
der auch angesichts einengender und unheilvoller Grenzen anderer Glaubender
befreiende und heilvolle Wege findet.

G*tt segne dich mit einem Glauben,
der Erfahrungen, Erwartungen und Zuschreibungen auch hinter sich lassen kann.

G*tt segne dich mit einem Glauben,
der dich zu Entscheidungen, Begegnungen und Berührungen ermutigt,
die dich gedeihen lassen.