MCC Köln: Kirche für/mit Vielfalt

Menschen – Christus – Community

Und was ist mit UNEINIGKEIT?

Predigt MCC Köln, 4. Oktober 2020
Ines-Paul Baumann

2. Mose 3,13-14

Das CSD-Motto „FÜR MENSCHENRECHTE. VIELE. GEMEINSAM. STARK!“ aus der Perspektive der MCC Köln als „Kirche für/mit Vielfalt“. Eine halbe Stunde Gemeinschaft mit Gott, einander und uns selbst mit Raum für Gemeinsamkeiten UND Uneinigkeit.

Neulich las ich, der Begriff „lesbisch“ betone Gemeinsamkeiten, während der Begriff „queer“ die Unterschiede betone. Die Botschaft dazu war: Das Betonen der Gemeinsamkeiten ermögliche Sichtbarkeit und politische Wirksamkeit, das Betonen der Unterschiede spalte und vereinzele nur.

Ich finde, wir sollten diese Begriffe nicht gegeneinander ausspielen, sondern miteinander im Gespräch denken.
Für die einen mag „lesbisch“ ein wichtiger Begriff sein – für ihre Geschichte, ihre Identität, für Erfahrungen von Gemeinschaft, ihren Kampf um Gleichberechtigung. Andere mögen gemerkt haben, dass es auch innerhalb der lesbischen Erfahrungen große Unterschiede gibt. Die Erfahrungen von Lesben of Color mögen anders sein als die von weißen Lesben, und beide wiederum sind in sich ja auch nicht alle gleich. Vor allem gab und gibt es immer wieder Auseinandersetzungen darum, wer sich denn nun als lesbisch bezeichnen darf und wer nicht. Um schief angeguckt zu werden, kann es da schon reichen, nicht lesbisch genug auszusehen. Und bisexuell sind eh nur diejenigen, die sich noch nicht trauen, sich aus dem patriarchalen Griff der Männerwelt zu lösen? Manche, die den Kriterien für „lesbisch“ nicht genügen, haben erfahren, dass gerade der Begriff „Lesbe“ Gemeinschaften nicht ermöglicht, sondern verhindert.

Ein queerer Ansatz kann dann durchaus hilfreich sein mit seinen durchaus auch mal kritischen Fragen: Wo kommen diese ganzen Einteilungen (z.B. in Mann und Frau und in „lesbisch oder nicht“) überhaupt her? Warum ist es so wichtig, dass ich „schon immer“ Lesbe war und jetzt auf „immer und ewig“ Lesbe bin, und stimmt das überhaupt für alle? Wem dienen solche Begriffe, welche Machtverhältnisse reproduzieren und stärken sie? Und wen machen sie erneut unsichtbar?

Wo eine Gemeinschaft auf GemEINSAMKEIT aufbaut und manche sich nur in einem Teil davon wiederfinden, bleibt für sie wortwörtlich schnell nur der Teil der EINSAMKEIT übrig. Der Begriff „queer“ könnte dann Unterschiede anerkennen statt vereinnahmen, könnte dann Raum geben für Bündnisse und Gemeinschaften jenseits UND inmitten von Gemeinsamkeiten.

Wir können diese Fragen direkt auf Glaubensthemen übertragen. Wer ist Gott? Wer darf sich „Christ_in“ nennen?

Gott selbst antwortet auf die Frage „wer bist du?“ mit: „Ich bin, der ich bin“, bzw. „Ich bin, der ich sein werde“. Nach einer festgelegten Identität klingt das nicht; Gott ist hier ganz schön Gottesbild-fluide bzw. Gottesnamens-fluide. Trotzdem war und ist es für Menschen immer wieder wichtig, Gott als Gegenüber konkret denkbar und ansprechbar zu machen. Mit „Ich bin mal so und mal so“ ist Gott also nicht „nichts“, sondern vieles: mal Vater, Gebärend, Quelle, Fels, die Ewige etc etc etc. In der Bibel haben alle diese Gottesnamen und -bilder Platz. Erst sie alle GEMEINSAM ermöglichen überhaupt, dass wir Gott nicht auf EIN Bild einengen. Jedes Bild hat seine Berechtigung, aber jedes Bild hat auch seine Grenzen – insbesondere da, wo dieses Bild ungerechte Machtverhältnisse mitträgt und manche Menschen an den Rand drängt, ausgrenzt, unterdrückt oder nicht mitdenkt.

Eines von vielen Beispielen für diese Vielfalt an Bildern und Deutungen sind die Evangelien. Vier haben es in den biblischen Kanon geschafft, und diese vier reichen, um die Festlegung auf EINE Wahrnehmung der Geschichte Jesu unmöglich zu machen – und dabei doch jeder dieser Wahrnehmungen Geltung und Gültigkeit zuzugestehen. Diese vier Evangelien sind voller Widersprüche, haben unterschiedliche Schwerpunkte, deuten das Geschehene jeweils ganz unterschiedlich – aber in sich sind sie voller bedeutungsvoller Aussagen, beeinflussen Leben und verändern die Sicht auf die Welt.
In queerem Sinne wird damit klar: Perspektive zählt, es gibt nicht die eine absolute Wahrheit, je nach Situation sind andere Dinge „wirklich“ und wichtig.
Im „lesbischen“ Sinne wird klar: Erfahrungen sind nie unkonkret und nie unbedeutend, Dinge haben Konsequenzen, und Übereinstimmungen können wirkungsvolle Gruppen bilden.

BEIDES ist wichtig. Erst so ermöglichen wir ein Miteinander, in dem wir nicht gleich sein müssen, um teilzuhaben. Eine Gemeinschaft, in der Einzelne nicht ausgeschlossen sind, wenn sie unterschiedlich sind. Wo nicht Gemeinsamkeiten darüber entscheiden, wer Teil der Gemeinschaft sein darf und wer nicht. Wir müssen uns nicht immer einig sein. Was uns eint, ist unsere Vielfalt und gegenseitiger Respekt. Das sollte für Gemeinden ebenso gelten wie für den CSD.

Sowohl für den CSD als auch für Gemeindeleben hat das praktische Konsequenzen. Das Ganze funktioniert nur, wenn Menschen die Vielfalt ihrer Anteile auch sichtbar machen (dürfen und sich trauen) – vor allem da, wo diese womöglich nicht dem entsprechen, was andere gerade erwarten.

Wie merke ich also, ob ich an einem Ort bin, an dem Vielfalt wirklich gelebt werden kann? Wie merke ich, dass eine Gemeinschaft nicht nur auf Gemeinsamkeiten beruht? Bezogen auf Gemeinde wäre das jedenfalls kein Ort, wo ich immer alles teile, was andere sagen und tun. Im Gegenteil: Erst dann, wenn ich mich manchmal über andere wundere oder aufrege, kann ich den Umgang mit Vielfalt wirklich erleben und einüben. Ich freue mich auf die nächsten Monate in der MCC Köln, in denen eine Vielzahl von unterschiedlichen Menschen die Gottesdienste mitgestalten wird.

Wenn ihr anderer Meinung seid (oder auch gerne, wenn ihr ähnlicher Meinung seid): Ich freue mich auf den Austausch mit euch!

 

Gott* segne dich in der Gemeinsamkeit.
Gott* schenke dir Gemeinschaften, in denen du mit all deinen Anteilen dabei sein darfst, mit den lauten, den leisen, den schweren, den leichten.
Gott* schenke euch Raum für Streit, für Reibungen und Uneinigkeit, und Gott* schenke euch immer wiederkehrende Versöhnung.
Gott* stärke dich mit der Kraft zu gehen, wenn eine Gemeinschaft dir nicht guttut.
Gott* begleite dich auf deiner Suche nach Gemeinschaften, die dich wachsen lassen.
Gott* sehe dich in deiner Einsamkeit.
Gott* halte, umarme und trage dich, wenn deine eigenen Arme müde werden.
Gott* schenke dir Gemeinsamkeit ohne Einsamkeit, und Einsamkeit voller Gemeinsamkeit.

(M.R.)

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