[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Keine Deutungshoheit durch Einzelne! (Und gerade Unklarheiten und Unsicherheiten gehören auch dazu…)

Predigt MCC Köln, 21. April 2019 (Ostern)
Ines-Paul Baumann

Johannes 20,11-20 („Maria von Magdala“)

Von Anfang der Auferstehung an: Es gibt nicht DIE EINE Art und Weise, wie sich das Leben und Wirken Jesu nach seiner Hinrichtung vermitteln lässt. Es gibt nicht EINE Erzählung zur Auferstehung in der Bibel, sondern ganz viele. KEINE DAVON IST ALLEINE „WAHR“. Nur im Zusammenspiel mit den anderen haben sie jeweils ihren Platz, ihre Geltung, ihre Botschaft.

Alle Beteiligten erleben den Auferstandenen jeweils anders. Schon von den Umständen her:
Manche sind in der Situation allein (Maria von Magdala, die Jesus erst für den Gärtner hält).
Manche sind zu zweit (die Emmaus-Jünger, die unterwegs sind zurück in ihren Alltag, als sich Jesus unerkannt zu ihnen gesellt und mit ihnen läuft – und erst beim abendlichen Brotbrechen erkennen sie Jesus in dem Fremden).
Manchmal sind sie als Gruppe zusammen (die Jünger am See, als Jesus am Strand auftaucht; die Jünger im Haus, als Jesus in ihre Mitte tritt).

Sie alle erleben Jesus unterschiedlich. Und manchmal erkennen sie Jesus erst an einem bestimmten Wort. An der Art und Weise, wie er spricht. Oder an einem bestimmten Ritual – die Art und Weise, wie er das Brot bricht.

Maria von Magdala kapiert bei ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen erst mal gar nichts. Sie, die Jesus so nahe war, ruft nicht spontan aus: „Jesus! Du bist es!“

Maria von Magdala wird oft „in Schutz genommen“, indem auf ihr Weinen verwiesen wird. Das Weinen habe der Ärmsten so sehr die Augen verwischt, dass sie schlichtweg kaum noch was erkennen konnte.
Glaube ich nicht (die Engel erkennt sie sehr wohl auf Anhieb, und mit Engeln ist ja wohl noch weniger zu rechnen!).
Hat sie auch gar nicht nötig! Das klingt so nach: „Arme hysterische Frau! Unzuverlässig als Zeugin! Übermannt (haha) von ihren Emotionen!“

Nein, ich glaube, wir müssen Maria von Magdala hier nicht in Schutz nehmen.
Es liegt nicht an ihr, dass sie Jesus erst nicht erkennt. Es liegt an Jesus. Genauer gesagt: an der Art und Weise, wie Jesus ihr begegnet.

Jesus begegnete Menschen schon vor seiner Hinrichtung immer in Beziehung, im Dialog, im Miteinander. Jesus hat nicht wie ein Musiker auf Tour ein Programm mit dabei, das er allen vorträgt und immer wiederholt, egal wo er ist. Jesus BEGEGNET Menschen. Er spricht mit ihnen, er hört ihnen zu, er reagiert auf das, was sie sagen oder brauchen oder tun. Die Menschen sind immer Teil der Begegnung; sie gestalten mit, was passiert. Jesus lässt sich auf sie ein, auf ihre Situationen, ihre Anliegen, ihre Sichtweisen.

Und Jesus ist bewusst, dass in keiner der Begegnungen ALLES enthalten ist, was ihn ausmacht. Vielleicht gibt es „den einen Jesus“ gar nicht. Es gibt Jesus, Menschensohn und Gottessohn, aber alle erfahren ihn anders. Andere Worte, andere Taten, andere „Ausschnitte“ von ihm, aber diese Ausschnitte sind eben nicht wie einzelne Teile in einem Puzzle. Jesus ist jeweils GANZ DA, nicht nur als Teil oder halb oder zu 10%. Aber er ist eben je nach Situation ANDERS da. Genau wie er als Auferstandener den Menschen jeweils ANDERS in Erscheinung tritt.

Seid ihr immer dieselben?
Wie bist du, wenn du deine Eltern besuchst (oder deine Kinder, oder deinen Ex-Mann)? Wie bist du, wenn du in der Reha in der Gruppentherapie sitzt? Wie bist du, wenn du in der Sauna jemanden siehst, mit dem was gehen könnte? Wie bist du, wenn du in die Gemeinde kommst?
Würden alle, denen du begegnet bist, dich gleich beschreiben?
Würden alle dasselbe von dir sagen?

Auch Jesus fragt seine Jünger einmal: „Was sagen die Leute, wer ich sei?“ Die Antworten sind vielfältig, keine davon erfasst Jesus. Auch die Jünger können ihn nicht erfassen.

Im Auferstandenen setzt sich das fort. Jesus erscheint Maria von Magdala, den Emmaus-Jüngern, dem Zwölferkreis im Rahmen ihrer Lebenssituationen. Sie können Jesus gar nicht anders begegnen. Und wie immer ordnen sie das, was ihnen begegnet, erst mal im Rahmen dessen ein, was sie erwarten. Maria von Magdala ist am Grab – und Männer, die da rumlaufen, sind höchstwahrscheinlich Gärtner. Der Typ am Strand, der Mitreisende auf der Wanderung – Menschen, unspektakulär, nahe, Teil unseres Alltags, unserer Welt, des ganz normalen Geschehens.

Und wohlgemerkt: Wir reden hier von Menschen, die Jesus SEHR nahe gestanden haben. Maria von Magdala, die Jünger: die WUSSTEN, wie Jesus ausgesehen hat. Wie er sich bewegt hat. Wie er gestikuliert hat. So sehr KONNTEN die gar nicht weggucken, um Jesus nicht zu erkennen, wenn er auch nur ansatzweise gleich ausgesehen hätte. In anderen Situation erkennen sie ihn DURCHAUS sofort. Es gibt nicht DIE EINE Wahrheit. DIE EINE Art und Weise, in der Jesus sich als Auferstandener gezeigt hat.

Aber jede Erscheinung, jede Begegnung mit dem Auferstandenen, hat dazu beigetragen, Jesu Leben und Wirken weiterzutragen. Durch UNTERSCHIEDLICHE Menschen. Die UNTERSCHIEDLICHE Erfahrungen mit Jesus gemacht haben.
Von da an sollten SIE es sein, die sein Zeugnis weitertrugen. Seine Worte, seine Taten, sein Wirken. Bis zu uns heute. Von Generation zu Generation, von Kultur zu Kultur, trugen Menschen das Leben und Wirken Jesu weiter zu uns.
Und heute sind wir dazu gerufen, Jesu Worte und Jesu Wirken weiterzutragen.

Auch heute sehen wir vielleicht Gärtner, Mitreisende, Strandspaziergänger. Aber dann berührt uns vielleicht ein Satz, ein Ritual, eine Geste, ein Segen. Wir erkennen plötzlich etwas wieder (oder sehen es das erste Mal), und wir spüren: Hier ist Jesus gegenwärtig. Diese Momente, in denen uns etwas berührt auf eine Art und Weise, die uns sagt: In dem, was wir gerade gehört und gesehen haben, fühlen wir uns von Gott angesprochen und berührt.

Das geschieht heute in so unterschiedlichen Situationen und mit so unterschiedlichen Menschen wie es in der Bibel für die Erfahrungen mit dem Auferstandenen gilt, in all der Vielfalt, in der sich Jesus damals und heute den Menschen zeigt.

Deswegen werde heute nicht ich alleine diese Gottesdienst gestalten, sondern wir alle zusammen, die mitgestalten wollen.

Das hier gibt es zu aufzuteilen. Nehmt euch (alleine oder mit anderen) den Teil, den ihr beitragen wollt. Tragt ein, was das ist. Im Anschluss tragen wir alles hier vorne zusammen und feiern gemeinsam.

 

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