[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Ganz eigener Glaube: Authentisch und selbstverantwortlich statt dogmatisch und propagandistisch

Predigt MCC Köln, 28. April 2019
Manfred Koschnick

1. Petrusbrief 1,3-9

Manchmal werden Ohren so zugebrüllt, dass Du nichts mehr hörst. Manchmal ist die Logik der Gedankengänge so bestechend, dass Du die Gedanken zwischen den Zeilen nicht spüren kannst. So kann es mir mit dem heutigen Predigttext gehen – und Petrus (bzw. der, der sich auf ihn beruft) macht ja wirklich ’ne laute euphorische Ansage, unüberhörbar. Wen lobt er mehr, die Glaubenden oder Gott? Ich weiß es nicht. Seine Begeisterung kommt daher wie ein Sturm! Er will begeistern, klingt dabei in seinen langen Sätzen aber trotzdem wohlüberlegt, ausgewogen, dogmatisch, etwas wie von außen überstülpend. „Ich sage euch, was ihr glauben sollt.“

Woran liegt das? Es kommt daher, dass der Brief wahrscheinlich nicht von Petrus stammt, sondern ca. 90 nach Christus, also nach Petrus‘ Tod und viele Jahre vor dem apostolischen Glaubensbekenntnis („Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erden…“) in Altgriechisch verfasst wurde. Man wollte von Seiten der Kirche eine logisch gesicherte Glaubenslehre verkünden und verkündigen.

Und heute in Deutschland? Nur 29% derer, die 65 Jahre und älter sind, erwarten noch ein ewiges Leben nach dem Tod. Nur noch 76% der gläubigen Protestanten glauben an Gott. Engel- und Wunderglaube nehmen dagegen zu. Nur noch 58% der Protestanten glauben an die Auferstehung Jesu. Kirchliche Autoritäten wie die Priester verlieren an Überzeugungskraft. Wie würden die Glaubensbekenntnisse solcher Leute klingen, die sicher auch in dieser Gemeinde zu Hause sein wollen und sind? Wie viele Worte des Glaubensbekenntnisses würden sie noch mitsprechen können? Vermutlich alle – aus Höflichkeit. Man steht aber besser auf nur einem Quadratmeter festem Boden als auf 5 Quadratmetern schwankendem Boden! Bevor ich sage, was ich aus anderer Perspektive in dem Text entdeckt habe, erzähle ich zunächst, wie der Text bei mir ankam:

Das kenne ich. Oh, wie ich das alles kenne!… von meiner Mutter. Gefühle und Gedanken unerbittlich einreden, inszeniert und lautstark übergestülpt, nur um einem Ideal und einer (z.B. heterosexuellen) Ideologie zu entsprechen.

Muttis Aktionen waren wie ein Vorschlaghammer, wie die übergriffigen Propagandareden mancher Missionare, das „Maschinengewehr Gottes“, wie Billy Graham genannt wurde. Und dann das Erzwingen von Bekenntnis und Offenbarung, wenn sie mir gegen meinen Willen vor andern die Hose herunterzog, um den schönen Unterschied zwischen meiner weißen und meiner braunen Haut zu zeigen. Ist das nicht bekloppt, von andern zu verlangen, etwas Bestimmtes zu fühlen?! „Sei dankbar und freu Dich, dass Jesus sich zur Vergebung Deiner Sünden hat kreuzigen lassen!“ Heutzutage antworten viele: „Ja. Danke Jesus, aber bitte, das wäre doch nicht nötig gewesen“. (Auch in der Psychotherapie gibt es geistigen Missbrauch.)

Mutter – Wer war sie? Sie hatte ein verdammt schweres Schicksal; ich kann hier gar nicht alles aufschreiben und erzählen. Ihre ältere Schwester musste sterben, weil sie nicht körperbehindert sein durfte. Ein Beinbruch wurde absichtlich nicht operiert. Daran starb sie. Lieber tot als lebenslang behindert. Insgesamt starben vor meiner Mutter drei ihrer Schwestern. Meine Schwester wurde nach der benannt, die der Gesundheit geopfert wurde, therapierte als Physiotherapeutin behinderte Kinder und adoptierte einen totgesagten Säugling. Das Drama geht weiter. Ich bin mit den toten Frauen identifiziert. Meine Depression erinnert liebevoll an sie.

Aufgrund ihres Überlebens war meine Mutter für die Großeltern eine lebendige Hoffnung. Mein Großvater war Promi im Sportmanagement und 1. Reichsjugendpfleger im deutschen Kaiserreich.

Meine Mutter hatte allem Tod zum Trotz einen starken Lebenswillen, sportliche Kraft, hohe Intelligenz, überbordende Kreativität und ein ungewöhnliches Organisationstalent. Darum heiratete sie einen evangelischen Pastor, lebte mit ihm auf dem pommerschen Gut einer Baronin, wollte da 10 Kinder kriegen und teilweise die Organisationsarbeit bzw. Leitung der Gemeinde übernehmen – die Fülle des Lebendigen. Währenddessen könnte sich mein Vater auf die Predigten usw. konzentrieren… Und dann kam die Katastrophe:

Krieg und Verhungern der ersten Tochter im Flüchtlingstreck während der Vertreibung aus Pommern – am Straßenrand die Leichen der andern Kinder, über ihnen russische Flieger, die die flüchtenden Zivilisten erschossen. Mit Depression und Ehekrise im Gepäck, als Pfarrfrau der 50er Jahre, ausgebremst in allen Fähigkeiten und Lebensbereichen (Berufsverbot, Fahrverbot), im viel zu spießigen Sauerland.

Sie glaubte trotzdem heimlich (mit Zustimmung meines Vaters) an eine lebensspendende und lebensbejahende Frau und Mutter in göttlicher Gestalt. Sie war kritische Feministin, ohne sich da einzureihen oder so zu definieren. Und so entschieden und erwartungsfroh starb sie auch – mit festem Glauben an ein himmlisches Jenseits, wo sie die Seele ihres im Krieg verhungerten Kindes finden würde. Ich begleitete sie in den letzten, für sie sehr schmerzvollen Tagen ihres Lebens. Diese Zeit hätte viele andere in den Atheismus geführt, ich allerdings wurde Zeuge ihres unerschütterlichen Glaubens. Jeden Tag beteten wir gemeinsam. Ich beneide sie um ihren entschieden unerschütterlichen Glauben, frei von Angst und Schuldgefühlen. Selbstbewusst und cool in der Erwartung der Göttin starb sie auch! Auf ihrem toten Gesicht lag ein selbstbewusstes, etwas spöttisches Lächeln.

Ihr Glaube war so entschieden wie der im 1. Petrusbrief. Daher musste ich an meine Mutter denken, als ich den Bibeltext für den heutigen Gottesdienst las. Wie würde sich das Glaubensbekenntnis des Petrus aus der Individualität meiner Mutter heraus anhören? Wie würde es bei ihr klingen? Würde meine Mutter, diese Christin, ein Glaubensbekenntnis unabhängig von fremdbestimmenden dogmatischen Vorschriften schreiben, dann fände ich dies vor allem in und zwischen den Zeilen des lautstarken 1. Petrusbriefes. Was in der Bibel dogmatisch und propagandistisch wirkt, wäre bei meiner Mutti pure Überzeugung und Lebenserfahrung. Es klänge angesichts ihrer Lebensgeschichte authentisch und selbstverantwortlich (trotz altem Lutherdeutsch) wohl etwa so:

(ab Vers 3:)
„Gepriesen sei mein Gott und die Mutter unseres Herrn Jesus Christus: Meine Göttin hat mich durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten in seinem großen Erbarmen neu gezeugt zu einer lebendigen Hoffnung für meine Eltern und viele andere, zu einem unzerstörbaren, makellosen und unvergänglichen Erbe, das im Himmel für mich aufbewahrt ist. Gottes Kraft behütet mich durch meinen ganz eigenen Glauben, damit ich die Rettung erlange, die am Ende offenbart werden soll. Deshalb bin ich trotzdem voll Freude, obwohl es für kurze Zeit jetzt sein muss, dass ich durch mancherlei Prüfungen und Herausforderungen betrübt werde. Es ist mein Training! Dadurch darf sich meine eigene Standfestigkeit im Glauben bewahren und bewähren zu Lob, Herrlichkeit und Ehre – bei der Offenbarung Jesu Christi. Ihn habe ich selbst noch nie gesehen und dennoch liebe ich ihn, als menschliche Offenbarung meiner Göttin. Ich sehe ihn auch jetzt nicht, aber ich glaube dennoch fest an ihn und jubel in unaussprechlicher und von Herrlichkeit erfüllter Freude, weil ich das Ziel unseres Glaubens empfangen werde: unsere Rettung.“

Auch so könnte man also die offizielle Verkündigung der Apostel theoretisch versuchsweise lesen – als das, was jemand selbst als Individuum aufgrund seiner eigenen Lebenserfahrung glaubt, auch dann, wenn andere zum Verwechseln identisch exakt genau das gleiche (oder etwas ganz anderes) glauben, obwohl der heutige biblische Text eigentlich mehr allgemein offizielle Verlautbarung als primär eigene Erfahrung und Überzeugung war. So könnte ich  Petrus, Paulus oder anderen biblischen Autoren ohne Furcht vor kirchenpolitischer Manipulation zuhören. Und wenn der Papst meint, schwule und lesbische Teenager sollte man zum Psychiater schicken, kann ich ihm diese Meinung souverän lassen, ohne seine Ansicht zu teilen. Ich werde sein eigenes Christsein und seine Aufrichtigkeit nicht in Frage stellen.

Ich glaube an eine unendlich gütige, große Kraft in mir und überall. Manchmal habe ich den Eindruck, ich könnte etwas von dieser Güte spüren. Diese Kraft im Leben und Sterben haben Menschen in ihren eigenen Bildern und biblischen Geschichten damals im Rahmen ihrer antiken Kultur als Glaubensbekenntnisse und Predigten zum Ausdruck gebracht und als Heilige Schriften sortiert. In ihnen finde ich manchmal ein wenig Orientierung und Sinn für mein Leben. Das ist „mein“ Glaubensbekenntnis, ohne Jungfrauengeburt und leibliche Auferstehung.

Manchmal glaube ich, dass das Leben keinen Sinn hat, dass nur Gott ihm Sinn geben könnte, wenn es ihn gäbe. Auch darin liegt noch ein winziger Funke Hoffnung auf das eventuell Mögliche – ein Senfkorn, das zum Baum werden kann.

Über Gott kannst Du nicht sprechen, allenfalls von ihm. Aber was Menschen an Worten auch finden und aussprechen – es kann nicht Gott sein. Denn wenn er sich Menschen direkt offenbart, finden viele zunächst gar keine Worte dafür, da das den normalen, sprachlich zu bewältigenden Erfahrungshorizont sprengt. Erst die Religion gefriert das Er-leben in wie in Stein gemeißelte Worte. Doch gerade diese Worte, wie das Glaubensbekenntnis, sind dem Zeitlichen unterworfen. MCC ist Teil von Religion. Glaubensbekenntnisse als gemeinsame Orientierung brauchen Gemeinden, aber auch das subjektive Bekenntnis Einzelner!

Darüber hinaus: Wenn Du am Beckenrand Fachbücher über das Schwimmen liest, wirst du das Schwimmen nicht lernen. Ebenso nutzt es nichts, nur in der Bibel zu lesen. Du musst schon selber ins Wasser springen. Du musst schon selber glauben, was Du selber ehrlich, wirklich (!) und (daher) wirksam glaubst, und danach handeln – ja, und danach handeln. Manchmal ist es wie Fallschirmspringen. Je länger Du in der geöffneten Fliegertür den Sprung hinauszögerst, umso schwieriger wird es. Und es gibt keine Garantie, dass Gott Dich nicht durch die Wüste führt und der Fallschirm sich öffnet; aber Du wirst Freiheit spüren und eine große Kraft.

Madeleine zitierte Schleiermacher: „Wem das Universum unmittelbar begegnet, der bedarf keiner Schriftautorität mehr, der ist seine eigene religiöse Autorität.“ Es sind leider nur wenige Menschen.

Dein heutiges, eigenes, ehrliches Glaubensbekenntnis kannst Du Dir erspüren, ausdenken oder Dir in dieser MCC-Gemeinde in Köln von Gott schenken lassen, es auf den Punkt bringen und daheim aufschreiben. Ines-Paul sagt: „Die Menschen sind immer Teil der Begegnung; sie gestalten mit, was passiert.“ Bestimme mit, was Du glaubst! Theologie und Dogmatik sind die religiöse Bekleidung nackter Tatsachen und Glaubenserfahrung – und Kleider machen Leute. Sei ein Schneider!

Auf der ARTCOLOGNE sah ich, wie entzaubert – wie entkleidet – einige Kunstwerke waren, weil sie nicht mehr in Kunsttempeln inszeniert waren, sondern wie beiläufig zum Verkauf an Stellwänden der Messe hingen. Andere Werke überzeugten mich gerade dort mit ihrer zeitlos künstlerischen Qualität.

Hier im Gottesdienst müssen wir nichts verkaufen, nur Herzen erreichen, vor allem das eigene! Vielleicht können wir Dein persönliches Bekenntnis einmal mit gegenseitigem Respekt und Toleranz in der Liturgie verwenden – so wie das Glaubensbekenntnis von Marianne und Janine oder das Gebet von Stefan Bauer, der diese Predigt Korrektur gelesen hat. Es wird dann Teil unserer von Menschen gemachten, immer wieder irrenden (Hexenverbrennung, Kreuzzüge) christlichen Religion.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alles Denken und Reden, bewahre unser Denken und Reden in Jesus Christus.

AMEN

 

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