[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Gott kann ihre Meinung ändern, wenn sie sich getäuscht hat. (Kirchen und Glaubende könn[t]en das auch!)

Predigt MCC Köln, 25. Feb. 2018
Ines-Paul Baumann

Jesaja 5,1-7 „Das Lied vom Weinberg“

Dieses Gleichnis zeigt ein Gottesbild, das weit entfernt ist von einem „allmächtigen“ und „allwissenden Gott“, dessen Worte „ewig“ sind.

Gott weiß alles?

Der Gott in diesem Gleichnis kann sie sich offensichtlich täuschen. Gott bepflanzt einen Weinberg, der nichts taugt. Steckt Unmengen an Kraft und Zeit und Energie da rein, und am Ende hat es gar nichts gebracht.

Hat Gott sich geirrt, als sie sich für DIESEN Weinberg entschieden hat? Ja, genau das hat sie offenbar – Gott hat sich getäuscht. Gott hat den Weinberg falsch eingeschätzt.

Gott scheint es lange selbst nicht wahrhaben zu wollen. Gott hadert und investiert noch mehr. (Wie wir Menschen manchmal bei Projekten, wenn die nicht wirklich laufen – und wir uns trotzdem nicht eingestehen wollen, dass sie eigentlich am Ende sind…)

Aber wir reden hier doch von GOTT! Gott, der „Allmächtige.“ Steht nicht alles schon fest geschrieben im Buch des Lebens? (Kann Gott nicht lesen??) Wo ist er hier, der trinitarische, ewige und allwissende Gott? Die alles geschaffen hat, alles weiß, alles kennt…?

Dieser Gott weiß NICHT alles im Voraus. Dieser Gott hat NICHT alles vorherbestimmt. Dieser Gott ist NICHT allwissend und allmächtig. Mit dem Gott mancher christlicher Dogmen hat der Gott in diesem Gleichnis nur wenig gemeinsam.

Dieser Gott geht die Entwicklung seines Weinbergs mit, hat Anteil und nimmt Anteil an seiner Entwicklung, geht Schritt für Schritt vor und passt sein Verhalten der Situation an. Beobachtet Prozesse. Dieser Gott REAGIERT statt dass er REGIERT.

Gottes Worte sind ewig?

Zumindest haben Gottes Worte manchmal eine kurze Halbwertszeit… Im Jesaja-Buch halten die „ewigen Worte Gottes“ gerade mal 22 Kapitel lang. Der Predigttext endet mit dem festen Entschluss, den Weinberg kaputtzumachen und dass da nie wieder etwas wachsen wird. Schon in Jesaja 27,2-5-4a sieht das aber ganz anders aus:

Zu der Zeit wird es heißen: Lieblicher Weinberg, singet ihm zu!
Ich, der HERR, behüte ihn und begieße ihn immer wieder. Damit man ihn nicht verderbe, will ich ihn Tag und Nacht behüten.
Ich zürne nicht.

Jesaja 27,2-4a

Es ist kein Einzelfall, dass die Bibel Gottes Aussagen revidiert:

  • Zum Beispiel werden Eunuchen erst ausgeschlossen (Lev 21,16-20 und Dtn 23,2), dann aber geradezu umarmt und emporgehoben (Jesaja 56,3-5).
  • Zum Beispiel nimmt die Bibel im Lauf der biblischen Geschichte immer mehr Abstand von Opfern: Zuerst zeigt sie einen Gott, der sich von Menschenopfern distanziert. Auch Tieropfer und Brandopfer sind später „ein Greuel“. Bei Jesus schließlich ist der Gedanke von „Opfer bringen“ und „Aufopfern“ gänzlich weg. (Nach Jesus waren Opfergedanken allerdings auch schnell wieder wieder zurück.)
  • Die Entwicklungen gehen aber keineswegs immer nur vom „Strengen“ zum „Lockereren“, sondern auch umgekehrt. Wo Gott in Jesaja beispielsweise nur sehr vorübergehend richtet, gilt Gottes Richten im Matthäus-Evangelium auf ewig. Gott ist keineswegs immer ungnädig im AT und immer gnädig lieb im Neuen Testament! Weder im AT noch im NT ist Gott grundsätzlich so ODER so. Jeweils innerhalb von AT und NT, aber auch übergreifend zeigen sich immer wieder Entwicklungen. Wenn sich Situationen ändern, ändert sich auch, was die Bibel als Gottes Wort festhält.
  • Auch Jesus hat nicht immer dasselbe geredet. Wo Selbstgerechte von Jesus eher Warnungen zu hören bekamen, haben Verachtete und Ausgeschlossene von Jesus Trost und Zuspruch bekommen.

Manches unterliegt in der Bibel also ständiger Gegenkorrektur. Manches entwickelt sich eher linear. So oder so: In der Bibel wird „Gottes Wort“ immer wieder mal zurückgenommen oder revidiert.

Wenn Gott ihre Meinung ändern kann, können das Kirchen und Glaubende auch!

Zum Beispiel beim Thema Scheidung: Auch Eheleute müssen nicht bei einem Menschen bleiben, der sie misshandelt. Oder wenn ich geheiratet habe, als ich noch nicht wusste, wer ich wirklich bin (oder ich wusste es, dachte aber, es ließe sich schon irgendwie regeln….), und Jahre später geht es nicht mehr anders und ich oute mich als homosexuell (oder als heterosexuell, je nachdem…): Dann nützt es nichts, noch weiter Energie in einen Weinberg zu investieren, auf dem nichts mehr gedeihen kann.

Wenn selbst Gott erkennen kann, dass es manchmal Zeit ist, sich von etwas (oder von wem) zu trennen, dürfen wir das als Christen auch tun. Kirche sollte Menschen darin begleiten, anstatt Wiederverheiratete vom Abendmahl auszuschließen.

Auch in anderen Bereichen meines Lebens mag es anstehen, dass ich mich von etwas trennen muss. Auch hier muss ich nicht bei Lebensweisen bleiben, die Ungerechtigkeit vermehren – auch wenn ich drei Jahrzehnte lang meine Hoffnung auf etwas Bestimmtes gesetzt habe, meine Ausbildung und meinen Beruf daran ausgerichtet habe, Geld und Zeit investiert habe, … Wenn sich dieser Weg als falsch herausstellt, ist es besser, diesen Weg nicht weiterzuverfolgen! Gott lässt ab von dem Weinberg, als sich das Projekt als fruchtlos herausstellt.

Vielleicht habe ich irgendwann einem Menschen oder einer Kirche oder einem Staat ewige Treue geschworen – und dann stellt sich heraus, dass ich ungerecht behandelt werde (oder Teil davon bin, andere ungerecht zu behandeln). Wenn sogar Gottes Worte nicht ewig sind, müssen es meine Worte auch nicht immer sein.

Nochmal: Das ist hier kein Einzelfall eines Gleichnisses, in das ich zu viel hineinlese. Das ganze Alte Testament ist durchzogen von so einem Gott; so auch bei Jona und Ninive: Gott kündigt etwas an, und dann kommt doch alles ganz anders. Gottes Wort ist NICHT ewig; es ändert sich mit der Situation.

Wenn Gott sich also täuschen kann und manchmal seine Meinung ändert:

Ist dann alles beliebig? Ist Gott wankelmütig und lässt alles mit sich machen?

Nein, es gibt einen Maßstab, und dieser Maßstab IST immer derselbe. Die entscheidende Frage ist immer: Dient etwas der Gerechtigkeit oder nicht (mehr)?

Mit dem Weinberg klagt Jesaja eine Gesellschaft an, die sich nicht mehr für Gerechtigkeit einsetzt. Und mögen sie vorher noch so sehr „Volk Gottes“ gewesen sein: Nun, wo sie sich nicht um Gerechtigkeit bemühen, agieren sie nicht mehr „im Namen Gottes“. So ein Tun steht nicht mehr unter Gottes Segen.

Das gilt z.B. auch bei neuen Kirchengründungen: Vielleicht ist anfangs alles super. Sie kümmern sich um Ausgeschlossene. Sie stehen denen bei, die ungerecht behandelt werden. Gott ist mit ihnen, segnet sie und behütet sie und nährt sie. Aber dann entwickeln sie sich selber zu einer Elite mit Anspruch und Ausgrenzung. Sie fangen selber an, andere ungerecht zu behandeln. Ab hier sagt Gott: Nicht in meinem Namen! Nicht mit meinem Segen!
(Das gilt auch für die MCC: Wenn wir irgendwann genau so werden, können wir nicht mehr beanspruchen, im Namen Gottes zu handeln!)

Es gibt viele andere Beispiele, seien es neue Befreiungsbewegungen (FÜR Arme, aber GEGEN Frauenrechte und Homosexuelle?) oder „Volksparteien“ (FÜR die Benachteiligten aus den eigenen Reihen, aber GEGEN Menschen aus anderen Ländern?). Sobald sie selber an Unrecht und Ungerechtigkeit beteiligt sind, sollen sie nicht auch noch behaupten können, „christlich“ zu handeln. In „Gottes Namen“ handeln sie nicht mehr.

Ich lese dieses anschauliche Beispiel vom Weinberg also nicht als Warnung an diejenigen, die ungerecht behandelt werden (als würde Jesaja sagen wollen: „Vorsicht, nehmt euch in Acht, Gott will euch ausreißen….“ – diese Warnung gilt vielmehr denjenigen, die am Tun von Unrecht beteiligt sind).

Stattdessen lese ich das Gleichnis als Zusage von Schutz: Gott achtet darauf, dass Unterdrückung und Unrecht eben NICHT in seinem Namen geschehen dürfen.

Und wenn es sein muss, stellt sich dieser Gott zu deinem Schutz gegebenenfalls auch mal vor einen „allmächtigen“ Gott, dessen Worte „ewig“ sind und dem rechter Glaube angeblich wichtiger ist als Gerechtigkeit.

 

Comments are currently closed.