[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Das, was ängstigt, anschauen.

Predigt MCC Köln, 18. März 2018
Manfred Koschnick

4. Mose 21,4-9 „Die eherne Schlange“

Liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer!

Da haben wir ihn wieder, den rachsüchtigen, autoritären, eifersüchtigen Gott, der uns das Glauben manchmal so schwer macht. Nicht die angebliche Schuld des überforderten und frustrierten Volkes, sondern das Leid, das Gott über sein Volk bringt, steht der Mehrheit heutiger Menschen vor Augen. Daher sagen manche, dass sie mit diesem Gott, der das Böse (im Menschen) repräsentiert, nichts zu tun haben wollen – um ihren Glauben an Liebe, Vertrauen und Hoffnung nicht unterwandern, infizieren oder vernichten zu lassen.
In meiner Kindheit hieß es: „Du sollst Deine Eltern ehren, aber wenn sie dich schlagen, darfst Du dich wehren“. Liebe, Vertrauen und Hoffnung haben oberste Priorität, sagen die Anhänger des Gottes der Liebe. Dem habe sich alle Theologie und die Auswahl der Predigttexte unterzuordnen.

Wer so denkt und dies will, darf jetzt aufstehen und vorne einen Kaffee trinken und sich leise (um die andern nicht zu stören) mit den Menschen gleicher Gesinnung austauschen. Natürlich kann sie jederzeit auch wieder der Predigt zuhören. Die andern dürfen, wenn sie dies wollen und entscheiden, hierbleiben und mit dem 4. Buch Mose, Kapitel 21, Verse 4 bis 9 etwas riskieren.

4 Die Israeliten brachen vom Berg Hor auf und schlugen die Richtung zum Roten Meer ein, um Edom zu umgehen. Das Volk aber verlor auf dem Weg die Geduld,
5 es lehnte sich gegen Gott und gegen Mose auf und sagte: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser und es ekelt uns vor dieser elenden Nahrung.
6 Da schickte der HERR Feuerschlangen unter das Volk. Sie bissen das Volk und viel Volk aus Israel starb.
7 Da kam das Volk zu Mose und sagte: Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den HERRN und gegen dich aufgelehnt. Bete zum HERRN, dass er uns von den Schlangen befreit! Da betete Mose für das Volk.
8 Der HERR sprach zu Mose: Mach dir eine Feuerschlange und häng sie an einer Stange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht.
9 Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Stange auf. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben.

4. Mose 21,4-9

Geliebte Gemeinde,

Historisch-kritisch kann man sagen, dass die Schlange aus Kupfer eine Gottheit der Kanaaniter und lange auch vieler Israeliten darstellt. Ihre Heilkraft wurde allmählich dem Gott Jahwe zugeordnet. Dennoch störte sie irgendwann den Monotheismus, weshalb die Schlangenverehrung später vom judäischen König Hiskia (2. Könige Kap. 18, Vers 4-9) verboten wurde. Auch Luther hatte die Reliquien- und Heiligenverehrung missfallen, eben weil alles Heil ohne Vermittlung direkt und nur von dem dreieinigen Gott ausgeht. So fremd ist uns heutigen Christen so ein Glaubenswandel also nicht, und ich als Protestant kann den Glauben der Katholiken konfliktfrei nachvollziehen, ohne ihm folgen zu müssen. Vielleicht gelingt ähnliches auch mit dieser archaischen Glaubensgeschichte aus dem Alten Testament.

Das Wunder als solches ist nicht so spektakulär. Jedes Jahr werden derzeit 5 Mio. Menschen von Schlangen gebissen; für ca. 100.000 der Opfer ist dies tödlich. Die Schlangen gehörten als Teil der Schöpfung einfach zur Wüste dazu – schon lange vor dem Auszug aus Ägypten. Es ist nachvollziehbar, dass die Vorsicht und Aufmerksamkeit der Israeliten, Schlangen zu bemerken und ihnen auszuweichen, wegen mentaler und körperlicher Erschöpfung nachließ, und es deswegen zeitweise vermehrt zu tödlichen Schlangenbissen der sich bedroht fühlenden Tiere kam. Die Feuerschlangen waren keine mythischen Wesen aus Feuer, sondern sogenannte Brandschlangen, deren Biss bzw. tödliches Gift auch heute noch im Körper wie Feuer brennt.

Recht  merkwürdig, fast spektakulär, ist die ganz unübliche Art des Wunders, die vielleicht einen Schlüssel zum theologisch-psychologischen Verständnis bietet.

Die Geschichten vom Auszug aus Ägypten sind Legenden. In Wahrheit waren die Israeliten nicht versklavt. Sie waren Gastarbeiter und wurden so mies behandelt wie die ersten Türken in Westdeutschland. Auch die Arbeiter an den Pyramiden waren keine Sklaven, sondern Freiwillige, die nach ihrer religiösen Überzeugung mit dem Pyramidenbau für den Fortbestand der Welt sorgten. Sie wohnten (anders als die ersten Türken) in bequemen soliden Arbeiterhäusern und wurden gut verköstigt. Der Einzug und Auszug von Israeliten geschah in kleinen Familienverbänden, keineswegs als eine organisierte Völkerwanderung. Dass es unter diesen vielen auch einen besonderen Anführer Mose gegeben hat, darf durchaus vermutet werden. Die Beschreibungen und Legenden im 4. Buch Mose sind viel spätere theologische Reflektionen mit teils politischen Absichten der Schreiber. Dass ein großes Unheil oder Unglück nur Sinn macht, wenn es seinen Platz im Wirken Gottes hat, dass das Unheil nur Folge eines Fehlverhaltens des Volkes sein konnte (denn Gott ist gerecht), war nur folgerichtig (logisch)! Das sage ich den Erwachsenen.

Aber zugleich hören auch unsere inneren Kinder die biblischen Geschichten. Für Kinder machen Märchen einen ganz anderen Sinn – wie Träume in der Psychoanalyse. Die Schlange steht im Traum für Versuchung, Verführung und Gier. Die geistigen Enkel von Sigmund Freud gingen aber davon aus, dass alles im Traum ein Aspekt unserer Persönlichkeit ist, also auch: die Schlangen, Kanaan, der wütende Gott, der hilflose Mose, die Revolte des Volkes, der König der Edomiter, die Wüste und die Vergangenheit in Ägypten. Alles hat der Träumende aus sich erschaffen. Kennen wir das? So wütend und enttäuscht zu sein über jemanden, der nicht mehr vertraut und nicht mehr an uns glaubt, obwohl wir ihm mehrfach geholfen haben, so wie Gott es tat mit dem gesegneten Manna-Essen, das vom Himmel viel? Alle Aspekte der Legende halten uns Spiegel vor. Jeder wird sich in allem wiedererkennen. So können wir Verständnis für alle Seiten aufbringen. Die Perspektive ist nicht mehr so eingeschränkt, und dadurch auch nicht die emotionalen Reaktionen und Festlegungen auf eine bestimmte Deutung. Das erleichtert das Finden von inneren Glaubenskonfliktlösungen. Die Urenkel Freuds interessiert nur noch die Reflektion und Interpretation des Patienten. Der Traum selbst ist nicht mehr so wichtig. Man könnte auch beliebige Zeitungsauschnitte oder Tarotkarten benutzen. Ich will das jetzt nicht weiter vertiefen. Es würde eine eigene Predigt werden. Ich glaube aber, dass schon dieser Hinweis Euch etwas öffnen kann für ganz neue neue Gedanken.

Für Kinder machen Märchen einen eigenen ursprünglicheren, weniger verkopften Sinn, gleich Träumen in der Psychoanalyse – und um den Sinn geht es hier speziell bei der Art des Wunders mit der kupfernen Schlange. Sie wird wie ein Zeichen in die Erde gerammt. Im Krieg sollten solche Zeichen und Fahnen die Feinde erschrecken – wie das plötzliche Hissen der Fahne eines Piratenschiffs mit dem Totenschädel. Nun erschreckte sich Gottes Volk aber selbst, die eigenen Leute – nicht die Feinde, die Schlangen. Das macht eigentlich keinen Sinn, denn die Kupferschlange sollte doch helfen im Kampf gegen die Schlangenbisse. Die Schlangen ließen sich von der Kupferschlange nicht beeindrucken. Also was soll das?
Gott erweist sich hier – wie später auch Jesus – in Wahrheit als psychotherapeutischer Heiler oder Arzt. Er weiß, dass das hoffnungslose erschöpfte Volk, das nun wieder zurückwandern soll zum Schilfmeer (um von dort Edom zu umwandern, weil der König von Edom die Durchreise verboten hatte), mental so geschwächt nun große Angst hatte. Das Unvorhersehbare, die Schlangen und der Menschen mangelnde Umsicht, Aufmerksamkeit und Konzentration unter den Schlangen gaben den Menschen den Rest!
In Ihnen, den Schlangen, bündelte sich symbolisch aller Widerspruch, alle Verzweiflung, aller Trotz und aller Frust, einerseits in ein Land zu kommen, wo Milch und Honig fließen, andererseits zurückzugehen in die Richtung, aus der sie kamen. Einerseits dafür die großen Fleischtöpfe Ägyptens zu verlassen, andererseits nun statt Milch und Honig tagein tagaus nur Manna essen zu können. Einerseits Gott zu vertrauen, andererseits so von ihm im Stich gelassen zu werden, dass sie von diesen Schlangen bedroht und getötet wurden. So entstand die Revolte gegen Moses und Gott. Die Schlange aus Kupfer erinnerte an den Widerstand gegen Gott.

Wenn wir uns als Christen in diese Menschen hineindenken, fällt uns assoziativ (eine weitere Methode der Psychoanalyse) vielleicht noch eine andere für uns wichtigere Geschichte ein… :  Ich z.B. denke an die Geschichte von der Kreuzigung Jesu. Jesus ruft ähnlich wie das Volk Israel: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?!“ (Zum Glück schickt Gott diesmal keine Feuerschlangen als Strafe für die glaubensschwache Frage Jesu.)

Es sind diese Widerspruchssymbole wie das Kreuz oder die Kupfer- und Feuerschlange, die Gläubige ängstigen und innerlich zerreißen können. Lieber nicht so genau hinschauen! Lieber verdrängen ins religiöse Unbewusste! Gott zu vertrauen erscheint plötzlich als gefährlich. Plötzlich ist Gott rachsüchtig und vernichtend – ist er doch letztlich die Ursache von allem, …u.a. z.B. auch von den fehlgeschlagenen  Attentaten gegen Hitler. Alle Haare auf dem Kopf habe Gott gezählt, heißt es im NT, und es falle kein Spatz vom Himmel, ohne dass Gott das will. Er ist somit an allem „Schuld“. Er trägt die Verantwortung auch für die Folgen seines „Götzenzorns“, dem bei der Sintflut fast die ganze Menschheit wie einem Götzen geopfert wurde. (Als ein Kriegskamerad meines Vaters sagte, dass man angesichts der misslungenen Attentate doch erkennen müsse, dass Gott seine segnende Hand über den Führer und die nationalsozialistische Bewegung halte, damit die Vorsehung in Erfüllung gehe, antwortete mein Vater, dass er dies auch glaube. Es geschehe aber nach dem Motto: Die Suppe, die ihr euch selbstverantwortlich eingebrockt habt, sollt ihr jetzt auch ganz alleine, ohne meine Hilfe und vollständig auslöffeln! – so spricht der Herr.)

Aber ausgerechnet dieses Symbol der beängstigenden Schlange soll Israel nun anschauen. Ausgerechnet dieses Symbol des Kreuzes sollen Christen in der Passionszeit anschauen. Johannes schreibt im 6. Kapitel die Verse 31-33: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden.“

Widersprüche möchten viele Menschen nicht anschauen. Nicht im Kapitalismus, nicht im Christentum oder der Institution Kirche, und nicht in der Demokratie.  – Schöner wäre ein Verkehrsschild gewesen „Nach Kanaan immer geradeaus“. Wie es heute in der AFD heißt: „Alle Kümmelhändller und Kameltreiber zurück hinter den Bosporus zu ihrer Vielweiberei!“ Oder „Zurück zu D-Mark und Wohlstand!“ Das sind die klaren Ansagen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Die Wirklichkeit ist beängstigend kompliziert , erschließt sich über Umwege, Paradoxien, vorübergehende Täuschungen und späte Einsicht, und so auch der christlich-jüdische Glaube als Teil dieser Wirklichkeit.
Dennoch konnte die von Schlangen gebissenen verzweifelten Menschen nichts anderes heilen als die Blickrichtung (hinab zum gebissenen Fuß) zu verändern und hinauf zur Schlange aus Kupfer zu richten, den Horizont und mehrere Lösungsmöglichkeiten und Mitmenschen in den Blick zu nehmen.

„Worum geht es heutzutage in der Kirche?“, wurde Papst Franziskus gefragt. Er sagte, die Kirche gehe wie eine alte gebückte Frau, die nur noch sich selbst, ihre Füße und Mühsal sieht (theologisch nach Augustinus ihre sündhafte menschliche Natur). Es gehe in der Kirche aber darum, nicht mehr gedanklich um Sünden und kirchliche Probleme zu kreisen, sondern sich selbstbewusst aufzurichten und dadurch andere Mitmenschen auf Augenhöhe in  den Blick zu nehmen, wahrzunehmen und anzuschauen. (Nicht in der Dogmatik sondern) zwischen Menschen will Gott sein, glaubt Papst Franziskus. Martin Luther nannte dies die Befreiung des in sich verkrümmten Menschen.

Es geht also bei dieser Geschichte vom Auszug aus Ägypten weniger um die Themen Schuld und Leid, sondern um das Thema Freiheit und Befreiung. Es geht weniger um einen rachsüchtigen Gott (ein verständlicher Irrglaube), sondern um den therapeutischen Gott, der/die weiß, wie ihre Kinder sind. Befreiung ist offenbar nicht ohne zeitweilige Angst und Rückschritte zu haben. Man könnte auch wie der berühmte Psychotherapeut Walter Lechner sagen: „Wo die Angst ist, da geht’s lang!“  Dazu scheint zuweilen auch die irreführende Angst vor Gott zu gehören und die Erfahrung, dass es unsere Angst ist, die wir pflegen – die wir aber auch ablegen könnten; so wie Hiob, der mutig trotz allem sagte: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt“. – Bei Markus Kapitel 16, Vers 18 kann man eine  träumerische tröstende Vision lesen, die zeigt, dass auch die Angst von der Zeit überwunden wird, denn keine Angst lebt ewig. „…Schlangen werden sie mit bloßen Händen aufheben – und tödliches Gift, das sie trinken, wird ihnen nicht schaden…“.

Aufrecht das Kreuz anschauen,
das, was ängstigt, anschauen,
das, was uns mit Jesus am Kreuz verbindet, weil es keine einfachen Antworten gibt,
das wollen wir in der MCC bei einer „kleinen“ Andacht am Karfreitag versuchen. Ich bin sehr gespannt darauf.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Herzen und Sinne der Gotteskinder während der Passionszeit in unserm gekreuzigten Bruder Jesus – Christus. Amen

 

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