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Auferstehung verspricht NICHT ein Leben „zurück zur Normalität“

Predigt MCC Köln, 12. April 2020
Ines-Paul Baumann

Johannesevangelium 20,19-20.24-26

Kein Werbefilm, keine Netflix-Serie und kein Instagram haben bereits Bilder produziert, die nun in den Köpfen ablaufen: Im Neuen Testament entfaltet sich jede Begegnung mit dem Auferstandenen anders. Keine Influencer und keine religiösen Rampensäue haben bereits (sinnvolle oder realitätsferne) Maßstäbe gesetzt.

Alle, die dem auferstandenen Jesus begegnen, erleben etwas anderes. Jede Situation ist anders. Nichts wiederholt sich. Jede Auferstehungsgeschichte gestaltet sich ausschließlich zwischen den direkt Beteiligten.

Es gibt da kein Muster. Es gibt keine Regel. Keine Kriterien. Keine Vergleiche. Kein Urteilen und Bewerten aufgrund dessen, wie andere das bereits gemacht haben. Es gibt hier kein „so ist das normalerweise“. Damit gibt es auch kein „hm, das ist aber anders“. Es gibt noch keine Deutungshoheit, keine Mehrheitsmeinung, kein „so-ist-das“ und kein „das-ist-die-Ausnahme“. Es gibt keinen Standard, keinen Durchschnitt, kein „so-gehört-sich-das“.

Wisst ihr, wie manche so etwas nennen? Wenn es keinen Standard gibt? Keine Macht, die definiert, ob eine Begegnung gerade erwartungsgemäß abläuft? Keine Normalität, die als Maßstab auftritt? Manche nennen das „queer“.

Queer ist für manche Englischsprechende ein unangenehmes Wort. Sie erinnern sich an die Zeit, als Queer ein Schimpfwort war.

Für andere ist „queer“ ein ideologisches Wort; erfunden von abgehobenen Intellektuellen, die den Bezug zur Realität verloren haben.

Nochmal für andere ist „queer“ ein neumodischer Begriff für alle, die nicht heterosexuell leben und nicht Cisgender sind.

Mit dem Kreuz bei den ersten christlichen Gruppen war das früher ähnlich.

Für manche waren die ersten christlichen Gruppen nur eine neumodische Erscheinung eine eigenartigen Sekte. Ein paar religiöse Spinner, eine Randerscheinung. Leute, die nicht ganz normal sind.

Für andere waren die ersten Christen eine Gruppe von ideologischen Leuten, die jeglichen Bezug zur Realität verloren hatten. Liebe und Gerechtigkeit und Güterteilung und Inklusivität, also bitte!

Und wieder andere dachten beim Kreuz an die Hinrichtungen im Römischen Reich. Hier war das Kreuz ein Ort der Schande. Aufständische wurden daran aufgehängt. Das Kreuz war der Ort der endgültigen Erniedrigung und Ausgrenzung, schlimmer als jedes Schimpfwort.

Die ersten christlichen Gruppierungen haben damals mit dem Kreuz etwas gemacht, was heute mit dem Begriff „queer“ passiert. Es war erniedrigend gemeint. Und sie haben es umgedreht zu etwas, womit sie sich mit Stolz identifiziert haben. Sie haben sich das, was ihrer Beschimpfung dienen sollte, angeeignet. Sie haben es denen, die sie damit ausgrenzen wollten, weggenommen – und ihnen damit auch die Macht genommen.

GlitzerkreuzeDeswegen sieht ihr heute hier diese Kreuze. Kreuze sind immer noch Kreuze der Hinrichtung. Der Ort, an dem Aufständische zum Schweigen gebracht werden sollen. Aber aus christlicher Perspektive haben diese Kreuze eine andere Bedeutung bekommen. Die Macht der Einschüchterung und der Unterdrückung haben die Kreuze verloren. Stattdessen sehen wir in den Kreuzen die Macht der Auferstehung. Eine wunderschöne, beeindruckende, befreiende Botschaft der Liebe. Deswegen sind DIESE Kreuze angemalt mit Nagellack und Glitzerkleber.

Die Macht der Auferstehung ist mehr als „das Leben geht weiter (auch nach der Coronavirus-Pandemie und anderen Katastrophen)“.

Die Macht der Auferstehung ist etwas anderes als „zurück zur Normalität (nach der Coronavirus-Pandemie und anderen Katastrophen)“.

Um die Macht der Auferstehung zu verstehen, hilft ein Blick auf das Gegenteil. Was wäre die Alternative gewesen? Als Jesus im Garten Getsemane gebetet hat, dass der Kelch des Kreuzestodes an ihm vorübergehen möge, wird er genau darüber nachgedacht haben. Wie könnte das aussehen, dass der Kelch an ihm vorübergeht? Was wäre die Alternative dazu, gekreuzigt zu werden? (Ich predige hier als jemand, der nie vor die Frage gestellt war, sich für etwas kreuzigen zu lassen. Ich rede hier nicht von menschlichen Entscheidungen. Mir geht es um die Gottesbilder, die wir mit der Kreuzigung und der Auferstehung verbinden.)

Jesus betet, dass der Wille Gottes geschehen soll. Er WILL nicht ans Kreuz. (Klingt nicht nach einem gut abgestimmten Plan, den Gott mit langer Hand eingefädelt hat, um die Menschheit mit sich zu versöhnen. Zumindest wusste der, der doch angeblich eins mit dem Vater ist, offensichtlich nichts davon. Oder war da anderer Auffassung…) Jesus WILL nicht ans Kreuz. Trotzdem ist das einzige, was Jesus weiterhin antreibt: Den Willen Gottes zu offenbaren. Das ist sein Lebensinhalt. Das ist seine Aufgabe. An Jesus sollen die Menschen sehen und erkennen, wie Gott ist.

Was also würde es über Gott aussagen, wenn Jesus beispielsweise SO denken würde?: „Gott, ich habe Angst. Ich will nicht ans Kreuz. Wäre es nicht viel sinnvoller, noch weiterzuleben? Ich könnte noch viel mehr von Gott erzählen. Könnte weiter Wunder tun. Aussätzige heilen. Fragen beantworten. Für Leute da sein. Liebe und Gerechtigkeit predigen. Wie wichtig wäre es, dass ich noch weiter wirke! Was muss ich also dafür tun? Wie entkomme ich dem Kreuz? Naja, ich müsste alles dafür tun, nicht als Aufständischer angeklagt werden zu können. Vielleicht könnte ich mit den Religionsführern und den politischen Oberhäuptern zusammenarbeiten. Ich sollte aufhören, Sachen zu sagen, von denen sie sich angegriffen fühlen. Das wäre auch allein deswegen gut, weil sie über viel größere Mittel verfügen als ich. Geld und Einfluss! Ich könnte viel mehr Leute erreichen und viel mehr Einfluss haben! Das wäre doch viel besser, als jetzt am Kreuz alles zu beenden. Oder, Gott?“

Was für einen Gott hätte so ein Jesus offenbart? Wir würden auf einen Gott blicken, der mit den Mächtigen gemeinsame Sacht macht und dabei seine eigene Botschaft verrät, seine Werte aufgibt, sich anpasst. Ja, Jesus hätte dem Kreuz entgehen können. Er hätte dafür nur sich selbst aufgeben müssen.

Der Entschluss Jesu, genau das NICHT zu tun, lässt nur eine Rückfolgerung zu: Jesus glaubt nicht, dass es der Wille Gottes ist, sich selbst aufzugeben. Den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Sich nach dem zu richten, was alle anderen wollen, um damit Sicherheit und Einflussmöglichkeiten zu gewinnen.

Nochmal zu den Begegnungen mit dem Auferstandenen, die alle so unterschiedlich verlaufen sind. Ich hatte ja gesagt, dass sie sich in nichts wiederholen. Und doch gibt es etwas, was sich in diesen Begegnungen wiederholt. Das, was sich darin wiederholt, sind die Worte und Taten Jesu. Der Auferstandene redet und handelt so, wie es der irdische Jesus getan hatte. DARAN erkennen sie ihn.

(Es gibt nur eine Situation, in der Anhänger_innen Jesu sofort kapieren, dass sie es mit Jesus zu tun haben – und nicht mit einem Gärtner, einem Mitwanderer oder einem Spaziergänger am Strand. In all diesen anderen Situationen erkennen sie Jesus erst mal gar nicht. Und das, obwohl sie jahrelang mit ihm unterwegs gewesen waren! Paulus erkennt Jesus natürlich auch sofort auf Anhieb. Aber Paulus hatte Jesus nie zuvor gesehen. Trotzdem weiß Paulus sofort, dass es der auferstandene Jesus ist, der ihm da erscheint. „Ist ja auch Paulus!“, könnten wir jetzt sagen. Aber darum geht es nicht. Ich will damit unterstreichen, was ich eingangs gesagt habe: Es gibt keinen Maßstab, keine Regel, keine Normalität, auch nicht in Bezug auf das Äußere Jesu. Mal spielt es eine Rolle, meistens nicht. Aus dem früheren Äußeren Jesu lassen sich einfach keine Schlüsse auf das Äußere des Auferstandenen ziehen.)

Das Leben, das die Auferstehung verspricht, ist kein „Nach der Katastrophe geht es weiter wie vorher.“

Das Leben der Auferstehung wird da erkennbar und machtvoll, wo sich das wiederholt, was Jesus in den drei Jahren VOR seiner Kreuzigung GESAGT und GETAN hat. In dieser Wiederholung, in diesem Wiedererkennen, da wird die Gegenwart und Lebendigkeit Jesu spürbar.

Der Umgang mit der Coronavirus-Pandemie öffnet derzeit viele Diskussionen. Über Sicherheiten und Freiheiten. Überwachungen. Einschränkungen. Datensammeln. Die Macht von Staaten und von Konzernen. Über die Verteilung oder Umverteilung von Vermögen. Über Ungerechtigkeiten. Über ein Wirtschaftssystem mit Zwang zu ständigem Wachstum. Über den Sinn von Leistung und Selbstoptimierung. Über Egoismus und Hilfsbereitschaft, über unsere Menschenbilder. Darüber, was uns wirklich wichtig ist.

Die Osterbotschaft der Auferstehung verspricht nicht, dass alles wieder so wird, wie es einmal war.

Die Auferstehung stellt nicht nur den Tod auf den Kopf, sondern schon das Leben vorher.
Macht euch die Nägel schön und glitzert miteinander im Licht der Liebe!

 

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