MCC Köln: Kirche für/mit Vielfalt

Menschen – Christus – Community

Ungeschützter Kontakt?

Predigt MCC Köln, 17. Mai 2020
Ines-Paul Baumann

IDAHOBIT 2020 & Evangelium nach Markus 7,31-35

„Vorgestern hatte ich ungeschützten Kontakt. Wir hatten vorher noch darüber geredet, ob wir mit oder ohne machen. Aber wir sehen gesund aus und fühlten uns symptomfrei. Was sollte schon passieren! Andererseits weiß man ja nie. Aber hätten wir uns jetzt erst mal gegenseitig Testergebnisse vorlegen sollen, dass wir nicht positiv sind?? Naja – hoffentlich ist nichts passiert. Richtig wissen kann man es ja erst später. Es war echt schön. Aber war es das wert? Ich höre schon die Stimmen: Selbst schuld. Hättet ihr halt besser aufgepasst. Was musstet ihr euch auch treffen?“

Bis vor kurzem klang das noch, als wäre es um eine sexuelle Begegnung gegangen.
Heute kann sich so eine Aussage auch auf eine Geburtstagsfeier im Freundeskreis beziehen.
Überlegungen, die bisher nur für sexuelle Kontakte galten, gelten nun auch für Kontakte jeglicher Art. Was bedeutet das? Was macht das mit uns?

Bis vor kurzem wäre es bei solchen Aussagen um Leute gegangen, die leicht in eine Ecke gestellt werden können. Treffen mit Unbekannten, des Sexlebens wegen? Selber schuld, wer so etwas sucht!
Nun allerdings müssen sich die allerbravsten Bürger mit genau denselben Fragen herumschlagen: „Geschützt oder ungeschützt? Mit oder ohne?“
Wenn die moralisch Überlegenen nun dasselbe machen, was die moralisch Unterlegenen schon lange tun: Was bedeutet das? Was macht das mit uns?

Bis vor kurzem hatten die moralisch Überlegenen die Deutungshoheit darüber, wer der Gerechtigkeit wegen Heimsuchungen verdient hat. Aus ihrer Sicht war HIV die gerechte Strafe Gottes für die moralisch Unterlegenen – damals die Schwulen.
Heute ist es aus Sicht der moralisch Überlegenen das Coronavirus, das Gerechtigkeit bringt. In der religiösen Variante ist es wieder eine Strafe Gottes. In der säkularen Fassung schlägt nun die Natur zurück. Je nach politischer Ausrichtung geht es bei den Irrwegen der Menschheit um die Globalisierung, um die Massentierhaltung, um den Klimawandel, um Wirtschaftssysteme.
Manche derer, die sich bei HIV noch als moralisch Überlegene präsentierten, müssen sich nun selber rechtfertigen für ihren Lebenswandel. Was bedeutet das? Was macht das mit uns?

Bis vor kurzem war das Thema, sich schützen zu müssen, zunächst eine Erfahrung von Frauen und der Schwulenszene. Schutz vor Schwangerschaft war (und ist) für die Mehrheit der Frauen immer Thema bei heterosexuellem Sex. Wer war (und ist) für diesen Schutz verantwortlich? Die Frau. Der Mann – der mit dem, was er verteilt, eigentlich der Verursacher ist – braucht sich um nix zu kümmern (ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen). Die nächste größere Gruppe, für die Sex damit verbunden war, sich schützen zu müssen, waren Schwule. Mit HIV kam im Lauf der Zeit allerdings auch eine Verallgemeinerung von Safe Sex bis in die breite Öffentlichkeit. Hier zeigte sich zwar schon, dass auch diejenigen in der Verantwortung stehen, die etwas verteilen – aber geäußert hat sich das vor allem als Stigmatisierung.
Nun müssen sich ALLE Menschen damit beschäftigen, ob und wie sie sich schützen. Und verantwortlich sind nicht nur diejenigen, die sich VOR etwas schützen wollen, sondern auch diejenigen, die das Coronavirus (wissentlich oder unwissentlich) verteilen.
Wenn nun die Verantwortung für ein möglichst geschütztes Miteinander nicht mehr nur bei denjenigen liegt, die sich etwas einfangen können: Was bedeutet das? Was macht das mit uns?

Heute am 17. Mai ist der „Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie bzw. -feindlichkeit“ (IDAHOBIT). In Deutschland stellte der Paragraph §175 „sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts“ seit 1872 offiziell unter Strafe – bis 1994. Ausgerechnet in dieser Zeit trafen die HIV-Infektions- und Sterberaten die schwulen Community schwer. Weder Impfung noch Behandlungsmöglichkeiten standen bereit.

Dasselbe gilt aktuell für das Coronavirus: keine Impfung, keine Behandlungsmöglichkeit. Ob sich das Coronavirus nun durch Tröpfcheninfektion überträgt oder durch Aerosole: Der Mundschutz soll vor allem vermeiden, dass es zum Austausch von Speichel kommt. „Geschützt oder ungeschützt, mit oder ohne“, beim Coronavirus geht es darum, die Übertragung von Speichel zu vermeiden. So gesehen ist es auch kein Zufall, dass in Bezug auf Speichel nun dieselben Gespräche stattfinden wie sonst in Bezug auf Sex. (Anders als sonst beim Sex verordnet derzeit allerdings der Staat, dass ungeschützter Speichel-Austausch nur unter bestimmten Bedingungen stattfinden darf…) Speichel ist das Thema der Stunde.

Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis. Da brachten sie zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, er möge ihm die Hand auflegen. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden.

Markusevangelium 7,31-35 (Einheitsübersetzung)

Jesus „nimmt den Mann beiseite (…) und berührte dann die Zunge des Mannes mit seinem Speichel“. Das klingt wie eine typische Szene beim CSD. Hier aber beschreibt diese Szene eine Heilung.

Kurz vorher im Markusevangelium gab es eine große Diskussion darüber, was rein und unrein ist, anders gesagt: wovor sich Menschen schützen sollen und was okay ist. Schon im Alten Testament gibt es Unmengen Gebote dazu, wovor sich Menschen schützen sollen und was okay ist. Jesu Fazit hierzu lautete: Das Problem ist nicht, was von außen in uns hineingelangt, sondern was uns von innen her vergiftet, z.B. „(…) Hinterlist, Zügellosigkeit, Missgunst, Verleumdung, Überheblichkeit und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen heraus und macht den Menschen ´in Gottes Augen` unrein.«“ Mk 7,22f

Damit ist nicht gesagt, dass Krankheiten egal sind. Aber anders als Gott hielten die Menschen damals nicht habgierige Menschen für unrein, sondern kranke Menschen galten als unrein. Deswegen war diese Diskussion so wichtig. Jesus stellt klar, dass sich die Stigmatisierung Kranker nicht auf Gott berufen darf: Wer krank ist, ist krank. Wer habgierig ist, ist unrein. Mit dieser Unterscheidung ist klargestellt, dass Krankheiten eben NICHT eine Strafe Gottes sind, mit denen Gott Einzelne bestraft für deren Lebensstil und innere Haltungen.

Was bedeutet das für Jesus und seinen Speichel? Einerseits werden Krankheiten nun mal übertragen durch Nähe und Berührungen. Andererseits sind Nähe und Berührungen heilsam und segnend.

Wie also können wir Raum für heilsame und segnende Nähe schaffen statt für Nähe, die krank macht?

Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Ich weiß nicht, was das alles genau bedeutet für unseren Umgang mit dem Coronavirus und den Gesichtsmasken und den Abständen. Aber vielleicht machen uns diese Diskussionen ein bisschen sensibler für zwei Aspekte, die auch für unser Gemeindeleben eine Rolle spielen:

1)
Ein sicheres Miteinander gibt es nicht.
Ein sicheres Ohneeinander gibt es aber auch nicht.
Menschen können krank machen – die, die mir nahe kommen. Und die, die mir fehlen.

Menschen, die in gegenseitigem Einverständnis ungeschütztes Miteinander praktizieren, sind nicht zu verurteilen. Auch wenn sie beim Austausch von Nähe auch Krankheiten miteinander austauschen. Ob beim gemeinsamen Brettspiel. Oder beim gemeinsamen Sex. Oder beim gemeinsamen Beten.

Manche Menschen werden krank, weil sie mit anderen zu tun haben.
Andere Menschen werden darüber krank, dass sie NICHT mit anderen zu tun haben.
Beide sind nicht „selbst schuld“, und beide sind nicht „von Gott bestraft“. Ob HIV, Corona oder Depressionen: In Gottesdienstgemeinschaften müssen Erkrankte nicht Schuldzuweisungen und kritische Blicke abbekommen, sondern Raum bekommen. Ohne erzwungene Distanz, und ohne erzwungene Nähe.

2)
Menschliches Miteinander ist intim und riskant. JEDES menschliche Miteinander – auch das sexuelle, aber eben nicht nur. Ich möchte viel öfter entscheiden können, wen ich an mich „ranlasse“ und wen nicht – auch im Alltag und üblichen Miteinander. Und ja, auch im Gottesdienst. So mancher Friedensgruß und Kuschelsegen überschreitet mein Nähebedürfnis. Der aktuell verordnete Mindestabstand entspricht durchaus oft meiner natürlichen Komfortzone. Mir ist klar, dass das kein Dauerzustand werden darf. Aber die Idee, dass es sich dabei um ein „ungeschütztes Miteinander“ handelt, dessen Grenzen ich mit verhandeln möchte, darf gerne noch ein bisschen sacken.

In der MCC Köln reden wir oft von einer heilvollen und heilsamen und heiligenden Gemeinschaft mit Gott, untereinander und mit uns selbst. In diesen Wochen wird so klar wie selten, dass auf jeder diese Ebenen sowohl Nähe als auch Distanz dazugehören müssen. Auch Gemeindeleben kann übergriffig werden, wenn es Nähe zu sehr betont:

  • Manche sind sich selbst auf eine Weise zu nah, die schon wieder ungesund ist. (Oder auf eine Weise fern von sich selbst, die ungesund ist.)
  • Manchmal fordern wir zu viel Nähe untereinander ein, erlauben zu wenig Distanz untereinander oder zum Gemeindeleben insgesamt.
  • Schon gar nicht aber dürfen wir ein bestimmtes Maß an Nähe zu Gott zur Voraussetzung machen. Auch hier muss Distanz erlaubt sein.

Sonst ist „ansteckender Glaube“ ganz schnell kein gesunder Glaube mehr.

 

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