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tt*G – im Rückblick erkennbar (und gegenwärtig in einer „pluralen, offenen, facettenreichen und manchmal kontroversen“ Gemeinde): die MCC Köln seit 2 Jahren bis heute

Predigtimpuls MCC Köln, 6. Februar 2022
Ines-Paul Baumann

Exodus 33,12-23

Gotteserfahrungen in der Bibel sind oft durchzogen von Ungewissheit, Unsicherheit, Uneindeutigkeit.

Statt voller Gewissheit dem auferstandenen Jesus gegenüberzustehen, wird ein Gärtner wahrgenommen (Joh 20,14-17), ein Wandergenosse (Lk 24,13-31) oder jemand, der am Seeufer herumsteht (Joh 21,4). Es sind Situationen mitten in der alltäglichen Welt; keine Orte kontemplativer Spiritualität, keine Momente voll hoher Erwartungen inniger Geistlichkeit. Und so un-vermittelt (!) sich Jesus darin als gegenwärtig erkennen lässt, so schnell entzieht er sich auch gerne mal wieder.

Der römische Hauptmann steht vor dem Gekreuzigten, und seine Aussage lässt sich nicht wirklich einordnen, ob sie ein Glaubensbekenntnis oder ein ironisch-höhnischer Kommentar ist (Lk 23,46+47).

Jesus verkörpert auch in diesen Geschichten Gotteserfahrungen des Hebräischen Testaments. Auch der Gott des Mose lässt die Seinen schon mal im Unklaren (Exodus 33,12-23) – ist Gott jetzt mit uns oder nicht? Ist Gott da oder nicht? Geht Gott mit uns oder nicht? Wie sollen wir erkennen können, dass Gott mit uns ist?

In den vergangenen zwei Jahren hatte ich manchmal ähnliche Fragen. In erster Linie waren es ja Coronamaßnahmen, die zu Veränderungen in unseren Sonntagen führten. Handelten wir hier aus („weltlicher“) Notwendigkeit oder aus („geistlicher“) Überzeugung? Statt Zielstrebigkeit fühlte sich manches eher nach Rumstochern an. Das vielversprechendste Konzept, das mich in den letzten zwei Jahren begleitet hat, war, nicht an Konzepten festzuhalten.

Dabei mag ich doch Konzepte so sehr. Die Übersicht behalten, unser Handeln erklären und begründen können. Verstehen und vertreten können, was wir als MCC tun und warum und wofür. Gewissheiten, Vertrauen, Halt und Ermutigung vermitteln können. Die letzten zwei Jahre waren dagegen eher geprägt von Ungewissheiten, Versuchen, Aushalten, Herumtasten.

Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie erleichtert und beglückt ich war, als ich in den vergangenen Tagen plötzlich mehreren tollen Vorträgen und Büchern über den Weg lief, die für all das plötzlich Erklärungen hatten. Die für all die Entwicklungen in Gesellschaft und Kirche Begriffe hatten und in Konzepte gossen.

Sogar für unser Gottesdienst- und Andacht- und online- und offline-Durcheinander hatte ich ein tolles Konzept gefunden. Die Gestaltung von Gottesdiensten lässt sich anhand von zwei Achsen wie in einem Koordinatensystem zuordnen:

Ein Koordinatensytem zur Einordung von Gottesdienststilen

Auf der einen Achse steht links das, was regelmäßig gemacht wird: die Wiederholung, die Übung. Rechts steht dagegen das Einmalige, das Ereignis, das Event. Auf der anderen Achse steht oben das Prinzipielle des Glaubens,sozusagen der „Hintergrund“ des Mysteriums, die ewigen Geheimnisse, die großen Themen und die ganz großen Fragen. Am unteren Ende dieser Achse steht der „Vordergrund“ dazu: das aktuelle, konkrete Erleben im „normalen“ Leben. Theologisch lässt sich der obere Bereich vielleicht auch als „eternal criterion“ (ewiges Kriterium) verstehen und der untere als die „changing experiences“ dazu (also als sich ändernde Erfahrungen davon) (nach Paul Tillich, zitiert von Sabrina Müller auf S. 40).

Im Horizont der evangelischen Kirche sieht das folgendermaßen aus:

Ein Koordinatensytem zur Einordung von Gottesdienststilen

War das nicht DIE Erklärung für das, was wir hier mittlerweile tun? Endlich hatte ich einen Schlüssel gefunden, dem Ganzen wieder eine Form zu verleihen. Fröhlich machte ich mich ans Werk, unsere sonntäglichen Feier-Formen in die Form der Koordinaten einzutragen. Das gehörte ganz klar dahin, das hierhin. Den einen Aspekt setzen wir hiermit um, einen anderen Aspekt könnten wir deutlicher damit angehen. Wunderbar. Die Andachten gehören eindeutig hierher. Abendmahl hier. Der Austausch da. Die Impulse mal hier, mal da. Ostern und Weihnachten eindeutig hier. Toll.

Aber je mehr ich mich hineinarbeitete, desto schwieriger wurden klare Einordnungen. Erlebten wir nicht inmitten des einen mitunter ganz plötzlich das andere? War nicht Wiederholung ein fester Teil unseres Events? Wurde nicht so manches Mysterium geistlicher Prinzipien ausgerechnet anhand sich ändernder Erfahrungen in seiner Tiefe erschließbar? Lagen wir nicht manchmal auch völlig daneben? Kurvten wir nicht manchmal innerhalb von 30 Minuten quer durch alle vier Felder?

Was in dem Buch eben noch so schön sortiert und logisch aussah, stellte sich in der MCC Köln letztlich als großes Knäuel dar.

Ein Koordinatensytem zur Einordung von Gottesdienststilen

Und plötzlich gingen mir die Augen auf: Gott selbst hat die letzten zwei Jahre dafür gesorgt, dass alle diese Aspekte in der MCC lebendig waren. Gott selbst hat es nicht zugelassen, dass wir uns nur auf einen Teilaspekt von Gottesdiensterfahrung einschränkten. Gott selbst hat alles so eingerichtet, dass die Teilaspekte an den MCC-Sonntagen ineinandergriffen und sich ergänzten. Dass alle Teile davon Raum bekamen, aber kein Teil allein die Übermacht.

Was die letzten zwei Jahre passiert ist, war genau richtig so.
Ja, nicht immer passend, nicht immer erwartungsgemäß, nicht immer für alle gleich zugänglich. Stattdessen „plural, offen, facettenreich und manchmal kontrovers“ (SM 89).
Ja, nicht immer voller Gewissheit und unter klarer Leitung durch Pastor und Vorstand. Stattdessen „suchende Nachfolge“ mit „suchender Begleitung“ ohne viel „wissende Belehrung“ (SM 90).
Viel Raum zum „nachdenken, zurückfragen, reframen, trösten, beten“ (SM 90).
Selten „Antwortsicherheit“, sondern viel „fragende Existenz zwischen Anfechtung und Gewissheit“ (SM 38).
Und ja, immer wieder auch ein „Spannungsfeld zwischen Fremdheit und Dazugehörigkeit“ (SM 62).
Aber was für ein „Resonanzraum“ (SM 53), was für eine „Gestaltungssphäre“ (SM 54) – was kann hier alles „Ausdruck finden“ (SM 53), in „Austausch“ (SM 58) kommen und zur „Anregung“ dienen (SM 65).

Und in all dem habe ich auch ein neues Miteinander in der MCC erlebt; viele Einzelne haben Verantwortung übernommen für die Gemeinschaft und für ihren eigenen Glauben – „gemeinsam, abwechselnd und in unterschiedlichen Funktionen“ (SM 16) waren wir hier tätig, in einem oft „gleichberechtigten, würdigendem Umfeld“ (SM 24), und gepaart mit ausgeprägter „Mündigkeit“ und „Wirkungsmacht im Umgang mit der eigenen Religiosität“ (SM 29).

All die letzten Sätze beruhten auf Zitaten aus einem weiteren Buch. Denn auch für das, was wir hier „einfach so“ und ohne klares Konzept in den letzten zwei Jahren erlebt und aufgebaut haben, gibt es einen Namen: „Gelebte Theologie“ heißt es (s.u.).

Im Nachhinein schaue ich mit einem anderen Blick in die letzten zwei Jahre; wie eben im Exodus-Text gehört. Wie viel habe ich nur geahnt, gespürt, geglaubt. Hatte das Gefühl, nicht klar zu sehen. Als würde eine Hand vor meinen Augen liegen. Von hinten gesehen meine ich in all dem nun Gott zu sehen – genau die Gott,die sich einerseits manchmal spürbar macht, und andererseits manchmal in so alltäglichen Begegnungen zeigt, dass mir ihre Gegenwart fast entgeht.

Die „Ich-bin-da“ war hier.
Die ganze Zeit.

Die zitierten Bücher:

  • „Die Zukunft des Gottesdienstes beginnt jetzt“ von Thomas Hirsch-Hüffell (Göttingen 2021)
  • „Gelebte Theologie – Impulse für eine Pastoraltheologie des Empowerments“ von Sabrina Müller (Zürich 2019)

Diese Bücher sind nicht als uneingeschränkte Empfehlung zu verstehen. Naja, das zweite vielleicht schon. Fast :)

Die genannten Vorträge:

  • https://youtu.be/NrkZlrmKcTo (Kirchenentwicklung, auch von Sabrina Müller, ganz toll!)
    „Für die Weiterentwicklung von Gemeinden braucht es die für die Zukunft eine Vielzahl kirchlicher Strukturen, vielfältige kleine Hoffnungsgemeinschaften, in denen Menschen alltagsrelevante Glaubenserfahrungen machen können (…)“
  • https://youtu.be/NZ_OM6PD9vY (eher soziologisch)
    „Braucht unsere Gesellschaft Seelsorge?“ – auf diese vorgegebene Frage für seinen Impulsvortrag zur 75. Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland antwortet der Soziologe Prof. Clemens Albrecht provokant mit einer ersten These: ‚Unsere Gesellschaft braucht keine Seelsorge, sie hat die Therapie.‘ (…)“

Ein paar Aspekte aus dem gemeinsamen Austausch:

  • Manchmal erkennen wir Gottes Wirken wohl nur mithilfe anderer…
  • (Exodus-Stelle:)
    • Was für ein anmaßender und übergriffiger Gott! Von der eigenen Schönheit zu schwärmen anstatt einfach Antwort auf die Bitte um Begleitung zu geben! Und dann auch noch die Augen zuzuhalten!!!
    • Mir wurde immer abgesprochen, selbst Gotteserkenntnisse haben zu können. Was soll das denn, das jetzt auch noch Gott selbst zuzuschreiben!!!
    • Mir wurde immer gesagt: „Allen, die sich nur genug dafür öffnen, zeigt Gott sich auch. Wenn ich Gott nicht erkenne, liegt es an mir (ich muss halt mehr beten, mehr glauben, …).“ Wie entlastend, wenn es eben NICHT nur an mir liegt.
  • Ich gehe fast immer beschwingt nach Hause, wenn ich hier war. Auch wenn das Thema / die Gestaltung mal nicht genau meins war: Das Miteinander, die Offenheit, die Herzlichkeit, das Menschliche, das Aufgenommensein beseelt mich. Was mich manchmal abhält, sind eher meine eigenen Befindlichkeiten (zu Gott, gesundheitlich, …).
  • Mir kam die MCC gar nicht so konzeptlos vor. Es GIBT doch einen roten Faden: Einladung zur Vielfalt an Perspektiven, zu Kontroversen, zum Eigenen, und darin zum Miteinander…

 

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