[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Tratsche nicht über andere, sondern beschäftige Dich ehrlich mit Dir selbst

Predigt MCC Köln, 3. Sept. 2017
Manfred Koschnick

Römer 12,9-21 & Römer 13,8-14

Geliebte Gemeinde,

danke für eure interessanten Fragen zum Text. Auf manches wäre ich allein nicht gekommen, hätte darüber hinweggelesen.

Also jemand will wissen, wer denn die Heiligen sind. Für Paulus sind Heilige nicht superfromme Leute, die medizinische Wunder bewirken. Diese Vorstellung hat sich erst später in der katholischen Kirche entwickelt. Für Paulus sind alle Christen und Juden Heilige, d. h. zu Gott gehörige Menschen. „Helft den Heiligen“ ist nicht ganz korrekt aus dem Griechischen übersetzt. Es müsste heißen, „nehmt Anteil, habt Anteil an dem Heiligen in Christen, wenn es nötig ist.

Dann fragt jemand, was der Satz bedeutet „Bleibt niemandem etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer“. Jemand fragt:Wie soll das gehen? Liebe ist doch ein Gefühl, das man nicht kontrollieren kann! Ja, wäre Liebe ein Gefühl, könntest Du vielleicht rechthaben. Liebe ist jedoch eine Geisteshaltung oder Überzeugung, die Gefühle zur Folge hat. Überzeugungen erzeugen Gefühle. Die deutschen polit. Karikaturen zeigten im ersten Weltkrieg die Feinde als Witzfiguren. Die Deutschen lachten und fühlten sich Engländern und Franzosen stolz und entspannt überlegen. Die Folgen sind bekannt. Die Marinesoldaten streikten, andere schlossen sich ihnen an und der deutsche Kaiser musste zuletzt emigrieren. Um den Fehler nicht zu widerholen, wurden unter Hitler die Feinde als gefährlich dämonisch gezeichnet. Die Deutschen hatten das Gefühl der Angst und kämpften daher todesmutig und tapfer teilweise (anders als im 1. Weltkrieg) auch dann noch, als der Krieg offiziell schon beendet war. Gefühle sind Reaktionen auf Gedanken, Vorstellungen und andere Reize. Liebesgefühle können Freude und Glück sein, aber auch Schmerz und Trauer. Diese Gefühle können Taten zur Folge haben, z.B. einen Kuss, Tanz, Gedichte schreiben oder weinen vor Sehnsucht. Paulus sagt in Vers 8 erst mal, man solle anderen nichts schuldig bleiben. Das ist doch wohl selbstverständlich. Gibt der Bäcker Dir ein Brot, bist Du ihm etwa einen Euro oder mehr schuldig. Hast Du das Brot bezahlt, ist der Vorgang abgeschlossen. Anders, sagt Paulus, ist es in Beziehungen von Christin zu Christin oder zu Christ mit der Liebe. Was ist da anders? Liebende zahlen Gedanken, Gefühle und Taten auf ein gemeinsames Liebeskonto ein. Ziel ist es, gemeinsam einen Reichtum an Liebe zu erschaffen, der Zinsen bringt – das Glück. Das Glück ist in Gefahr, wenn einer vorwiegend gibt und der andere vorwiegend nimmt. Ein häufiger Vorgang in Suchtfamilien. Das gemeinsame Konto funktioniert wie eine altertümliche Waage. Ist auf beiden Waagschalen gleich viel Gewicht, ist das Konto ausgeglichen. Der vorwiegend Nehmende ist dem Geber etwas schuldig, der Gebende fühlt sich dem Nehmenden gegenüber moralisch überlegen. Der Nehmende ist für alle der Schuft und wird verachtet. Das macht ihn böse. Zu retten wäre die Beziehung, wenn die Gebende weniger gibt. Dann steigt die Waagschale des Nehmenden obwohl er nichts gibt bis beide wieder auf Augenhöhe sind. Dafür müsste die Gebende allerdings seine moralische Überlegenheit aufgeben. Das geschieht jedoch selten. Eisig wird das Miteinander, wenn beide wie Geschäftsleute genau gleich viel in die Waagschalen werfen. So kann die Liebe nicht wachsen und auch nicht das Glück. Beide einst Liebende verschließen einander ihr Herz. Wenn das gemeinsame Konto an Liebe und Glück aufgebraucht ist, kommt es zur Scheidung. Weil mal der eine, mal der Andere etwas mehr in die Waagschale legen muss als der andere stimmen die Sätze des Paulus: „Die Liebe schuldet ihr einander immer! Seid einander in geschwisterlicher Liebe zugetan, übertrefft Euch (einander) in gegenseitiger Achtung.“ So wird das Liebeskonto größer und das Glück strahlt auch auf andere Heilige aus. „Freut Euch mit den Fröhlichen und weint mit den Traurigen.“ „Automatisch auf Kommando lachen und weinen geht doch gar nicht, schreibt hier jemand“ Ich frage, was uns die Empathie mit anderen so schwer macht. Da wäre zum Beispiel der Neid auf die Fröhlichen, da kann man einfach nicht mit lachen. Außerdem müsste man spontanen Kontakt zur eigenen Fröhlichkeit aufnehmen können. Kann auch nicht jeder. Kann man aber üben, indem Du in Dich gehst und leicht lächelst. Dein Verstand wird dazu die passenden Vorstellungen bzw. Bilder erschaffen und Dein Lächeln wird stärker. Wenn Du merkst, wie verrückt es ist, nicht zu lächeln, beginnst Du vielleicht zu lachen. Wenn Du dafür in den Keller gehen musst, mach das. Viele mussten buchstäblich ganz unten angefangen, um Erfolg zu haben. Wie soll man sich in Trauernde einfühlen, wenn die eigene Trauer einem fremd ist, sie immer unterdrückt wurde? (Ich meine nicht die Depression!) So wenig man sich selbst versteht, so wenig versteht man andere. Menschen mit Helfersyndrom könnten mich jetzt für diesen Satz erschlagen. Willst Du Dich automatisch mit andern freuen und mit ihnen weinen, musst Du Dich vielleicht zunächst mit all dem beschäftigen, was Dich daran hindert, mit andern ihre Trauer mitzufühlen. Immer hat es mit Angst zu tun, Angst vor dem Schmerz dem hilflosen Ausgeliefertsein an den Schmerz und mit Angst vor der Angst. Freu Dich mit den Fröhlichen und weine mit den Traurigen heißt manchmal: Begleite Dich selbst bei Deiner eigenen Trauer. Sei dabei großzügig, milde mit Respekt und Anerkennung Dir selbst gegenüber.

Paulus schreibt: …verabscheut das Böse, haltet fest am Guten!“ Jemand fragt: „Was ist das Böse?“ Seltsam! Selten fragt eine, was denn das Gute sei, an dem man festhalten soll. Merkwürdig! Ich stelle mir vor, ich rutsche in eine Felsspalte. Kleine und dicke Baumwurzeln wachsen aus dem Fels. Bröckelnde Steine rollen in die Tiefe. Andere Felsbrocken geben Halt. Da frage ich nicht was denn da unten unter mir sei und wie und woran ich es beim Fallen als das Böse erkenne, in dasjenige ich hinein fallen könnte. Ich frage doch lieber, welche die gute festsitzende Wurzel im Fels ist, an der ich mich am besten festhalten kann bis einer ein Seil bringt, um mich mit Hilfe aller aus der Spalte zu ziehen. Du solltest dem Bösen nicht zu viel der Ehre geben, zu viel der Neugier, der Angst und des Zweifels. Jesus tat das auch nicht. Er fragte bei der Geschichte vom barmherzigen Samariter nicht, wer der Böseste von den drei Reisenden war sondern wer dem unter die Räuber gefallenen der Nächste war, sich also für das Gute entschieden hat. Das Gute hat den Nachteil, dass es meistens langweilig ist. Die Schweiz z.B. hat nie Kriege geführt, Diktatoren hervorgebracht oder besondere Maler wie Michelangelo. Die Schweiz ist langweilig aber gut und gerade deshalb gut. Verzichte auf den Thriller. Verzichte auf den Kick. Gehe nicht zu nahe an die Felsspalte! Andere sind schon ausgerutscht. Kann Dir auch passieren. Heroin haben auch schon viele probiert. Lerne aus ihren Fehlern. Du musst das Böse nicht kennenlernen, um es beurteilen zu können. Ich könnte lange philosophieren über die Unmöglichkeit im Vorhinein das Böse zu erkennen, zumal das Böse oft das Gute der anderen ist, die die gleichen Rechte haben wie Du. Aber das führt zu einem Relativismus, der uns ratlos im Regen stehen lässt. Daher werde ich konkret: Das Böse erkennen Menschen an der Wirkung, die es hat. Es gilt, vom Ende her zu denken. Beispiel: Asylsuchende verunsichern viele Menschen. Aus Liebe und Treue zu ihrer Heimat tun die Menschen etwas Gutes. Sie verteidigen ihre Heimat gegen die Fremden. Gemeinsam haben sie weniger Angst. Wenigstens unternehmen sie etwas. Das macht ihnen Mut. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Daran beteiligen sich mehr und mehr Neonazis mit Patriotismus aus Liebe zu Deutschland. Schlagkräftig helfen sie denen, die von den Politikern keine Hilfe gegen die Bedrohung durch Asylanten mehr erwarten (können). Die da oben haben doch das Volk ohnehin arrogant verraten, als sie aus deutschen Opfern der Überfremdung potentielle deutscheTäter machten und sich klüger dünkten als das gesunde Volksempfinden. Die Politiker der Eliten sind das Böse, das es zu bekämpfen gilt und das ganze demokratische System, in dem die Bonzen der Industrie das Sagen haben. Wir sind das Volk. Wir sind die Opfer und damit automatisch die Guten. Wenn Du Schritt für Schritt das Böse ausleuchten und dabei das Gute im Bösen finden willst, kannst Du evtl. in die Irre gehen. Irgendwann werden Asylantenheime brennen. Irgendwann gibt es keine Demokraten mehr. Von diesem möglichen Ende her kannst Du die Heimattreue und die Hoffnung des Volkes auf Volksentscheide, direkte Selbstwirksamkeit im Politischen der Menschen ohne parlamentarische Repräsentanz aller als die Keimzelle des Bösen erkennen – als Chauvinismus der Spießer. Na ja, aber hat Paulus (oder wer immer auch von seinen Schülern den Text verfasst hat) in den Versen nicht eine Hurrafrömmigkeit und wohlfeile Durchhalteparolen propagiert im Kampf gegen irdische Lust und die kleinen neurotischen Alltagsdramen, die uns zu typischen Menschen machen?! Sollen wir perfekte Heilige werden im Sinne der katholischen Kirche? Ja, ich glaube, dass der biblische Autor dies wollte – wie eine Trainerin, die in der Halbzeitpause die Fußballmannschaft zur Höchstleistung aufbaut. Sie pusht, sie fordert, sie kritisiert, sie sagt, wie frau es besser machen kann und was genau dringend besser werden muss. Während einige Christinnen mit Zweifeln und Bedenken die poetisch formulierten Verse des Paulus hören, einige die strenge Moral der katholischen Kirche beklagen, andere evangelische Predigten als zu beliebig und gutmenschenhaft langweilen…, hören die Fußballerinnen die Worte der Trainerin mit höchster Aufmerksamkeit , Respekt und bereit, ihre Anweisung für die zweite Spielhälfte exakt umzusetzen. Paulus glaubte, er befinde sich genau in dieser Halbzeitpause. Absehbar bald würde Jesus kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Auf seine Trainerworte kam es jetzt an! Die römische Gemeinde sollte das Spiel, den Kampf gewinnen durch Liebe, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und dem Vermeiden von Fehlern. So wie Fangesänge Glaube, Leidenschaft und Hoffnung der Mannschaft stärken sollen, sollten dies vermutlich auch diese Bibelverse aus dem Römerbrief in der Liturgie der Urgemeinde tun. Jeder sollte an einen möglichen Sieg der Gemeinde glauben und alles dafür einsetzen. Und wir heute? Also wenn dies heute die eschatologische Halbzeit wäre, dann hätten wir ja noch 2000 Jahre bis es heißt „Apokalypse now!“ Wie oft wurde schon das Weltenende und damit die Rückkehr Christi vorhergesagt und nie hatten die Unheilspropheten der Zeugen Jehovas und alle die andern recht. Jetzt heißt es, die beginnende Klimakatastrophe sei der Anfang vom Ende. Ich glaube das nicht. Nach dem HomoSapiens, nach der weitgehenden atomaren oder klimatischen Zerstörung heutiger Flora und Fauna, weiteren Eiszeiten, Sintfluten etc. wird vermutlich anderen Menschenarten der Regenbogen als Friedenssymbol Gottes leuchten. Endzeiterwartung kann vielleicht anders beschrieben werden, nicht als die Zeit des Endes von allem sondern als das Ende einer Zeit. Als einmal ein alter Mann euphorisch davon schwärmte, wie er von jetzt an alles in seinem Leben anders und natürlich besser machen würde, stellte jemand die einfache Frage: „Wie viel Zeit bleibt Dir noch?“ Da soll der Mann ganz still und ernst geworden sein und ganz ruhig konzentriert bei sich selbst – wie angekommen. Die Hoffnung starb, aber nicht zuletzt. Wir haben nicht endlos Zeit. Ein paar Jahre für die Pubertät müssen reichen; danach wird sie sinnlos. Ein paar Stunden für die erste Liebesnacht. Danach ist sie für immer vorbei. Wenn man jetzt aufhört zu rauchen ist erst nach 5 Jahren das Krebsrisiko um 50% gesunken. Wie viel Zeit bleibt Dir noch? Nach den Wechseljahren kannst Du kein Kind mehr gebären. Nicht wahr, jetzt ist die Halbzeit für vieles in Deinem Leben! Und wenn Du jetzt glaubst, dass Paulus mit seinen Anweisungen für die 2. Halbzeit recht hat, die Wiederkunft Christi in Deinem Leben, das Reich Gottes so Du willst nahe ist und Du am Ende Deiner Zeiten für dieses und jenes darum jetzt Gottes Hilfe und Segen fühlen und erleben willst, solltest Du es wirklich wollen. Dafür braucht Gott nicht Deine Meinung sondern Deine Überzeugung. Willst Du sein Heil, das Göttliche erleben, mußt Du danach streben. Du willst endlich Dein Leben ändern, gesund werden, glücklich werden, lieben und geliebt werden? Dann tust Du das, was wir heute als Bibeltext hörten im Angesicht der leider endlichen irdischen Zeit mit nunmehr höchster Dringlichkeit. Du wirst zu Gott schreien: „Sieh her, ich schaff‘ es nicht. Mach Du für mich, was ich selbst nicht kann! Ich übergebe Dir mein Wollen, Fühlen und Denken, meinen Körper und Geist in Deine Hände“. „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden ist’s eine Gotteskraft“ .Du hältst Dich am Guten fest und lässt das Böse los, Du überwindest das Böse mit dem Guten, egal wie naiv das aussieht. Jesus schickt uns wie Schaafe unter die Wölfe. Trotzdem: Du willst die Herrschaft Gottes in Deinem Leben jetzt, weil es in dieser Endzeit vielleicht keine 2. Chance mehr für Dich gibt. Das weißt Du! Du musst jetzt alles auf eine Karte setzen, Jesus voll und absolut vertrauen – und auch dann, wenn das dann z.B. heißt, beruhigende tägliche Gewohnheiten aufzugeben, oder, nur wenn es Dir hilft, Dich in der Gebetshaltung ganz unemanzipiert klein zu machen, um ein Gespür für die große heilende Kraft Gottes zu bekommen und den Segen, den er in jeder Minute zu 100 % für Dich bereit hält. Du wirst Dich womöglich vor angeblich „klügeren“ lächerlich zu machen. „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden ist’s eine Gotteskraft.

Denn dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben“. Du wirst eine Freiheit spüren wie nie zuvor und nüchterne Klarheit im Denken. Tratsche nicht über andere, sondern beschäftige Dich in schonungsloser Ehrlichkeit mit Dir selbst. Der Herr ist Dein Hirte! Halte Dich von Gewalt und geistiger Vergiftung fern. Das kann u.U. für den Sonntag-Abend im Einzelfall bedeuten: Rosamunde Pilcher im ZDF statt Tatort im Ersten anzusehen. Du läßt Dich nicht mehr ablenken. Wie sagte doch die Fußballtrainerin? „Mädels, ab jetzt zählt jede der 45 kommenden Minuten!“ Ich aber sage Euch: Glaube und vertraue. Es hilft, es heilt die göttliche Kraft! Amen

 

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