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Es ist nicht egal, wer du bist, wo du stehst und wie es dir geht.

Predigtimpuls MCC Köln, 3. Oktober 2021
Daniel Großer

Lukasevangelium 13,6-8

Drei Jahre lang kommt der Besitzer des Weinberges zu seinem Weinberg mit dem Feigenbaum und findet – KEINE Frucht.

Wer schon mal im Mittelmeerraum war (oder im Mittleren Osten oder im Nahen Osten, wo auch immer der Feigenbaum wächst – der ist ja weit verbreitet), und so einen Feigenbaum mal gesehen hat, den wird das überraschen.

Ein Feigenbaum ist ein sehr starker Baum. Der wächst durch Felsspalten, durch Ritzen, auf körnigem Boden, auf fiesen Untergründen, aus Mauern heraus, der wächst auf Dächern… das ist ein Baum, der strotzt vor Kraft untern den verrücktesten Bedingungen.

Nicht selten kommt es vor, dass – gerade wo die Sonne richtig drall scheint – man wirklich nur Felsen hat, da steht ein Feigenbaum, und unten ist alles voller Früchte. Die liegen da herum und die Wespen laben sich daran.

Drei Jahre lang kommt der Besitzer des Weinberges und findet KEINE Frucht an seinem Feigenbaum.

Das ist ungewöhnlich! Der Feigenbaum ist sozusagen genetisch, von seiner Bestimmung, nicht dazu gemacht, keine Früchte zu bringen. Denn er ist stark, er trägt andauernd Frucht, und er verträgt die krassesten Umgebungen.

Und wenn ein Feigenbaum keine Frucht trägt, dann ist das ein sichtbares Zeichen dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist. Und zwar wirklich bedeutend nicht in Ordnung. Also, es fehlt nicht nur ein Tropfen Regen, sondern es ist wirklich etwas bedeutend nicht in Ordnung mit der ganzen Situation. Das ist die Sachlage, die wir hier vorfinden in diesem Gleichnis.

Unserem Feigenbaum begegnen in der Erzählung aus dem Lukasevangelium nun diese zwei Charaktere: der Besitzer des Weinberges, der feststellt: „Mein Feigenbaum bringt keine Frucht“, und der Winzer, der den Weinberg pflegt, der für den Weinberg verantwortlich ist und der dem Feigenbaum noch eine zweite Chance einräumen möchte.

Einen Feigenbaum in einem Ölberg (oder in einem Weinberg, oder wo auch immer man den pflanzt), den setzt man da – so wie in dieser Geschichte – ja manchmal sogar absichtlich. Der Besitzer des Weinberges hat den Feigenbaum da hin gesetzt. Also, nicht der Feigenbaum hat sich rausgesucht, wo er wachsen will. Der Besitzer hat ihn an seinen Platz gestellt, wo er ihn haben möchte. Und der Feigenbaum hat eine Aufgabe. Nicht nur, dass er leckere Feigen bringt. Er verändert auch das Mikroklima: Er schafft Schatten, er verändert die Luftfeuchtigkeit, es wird kühler, es entsteht eine andere Umgebung um ihn herum, in der die Weinstöcke besser gedeihen können. Er gleicht also aus.

Ich plädiere dafür, dass dieser Feigenbaum viel mit uns zu tun hat. Und dass Gott uns in diesen Rollen begegnen kann, wie sie sowohl der Weinbergbesitzer als auch der Winzer einnehmen.

Es macht einen Unterschied, wer wir sind und wie wir sind und wo wir sind. Es ist nicht egal. Das klingt jetzt nach Armin Laschet, aber ich meine es ganz unpolitisch. Es ist nicht egal, wer du bist, wo du stehst und wie es dir geht. Es macht einen Unterschied, und es wird gesehen. Der Weinbergbesitzer guckt genau hin. Und er sieht die Situation, wie sie ist; er redet das nicht schön. Der sagt nicht: „Ach, mmh, egal, vielleicht wird da irgendwann mal was, ist mir egal.“ Es macht einen Unterschied.

Wenn es dir in der Gemeinde schlecht geht,
oder in deinem Glaubensleben schlecht geht,
oder auch ganz persönlich,
und du bist wie so ein Feigenbaum, der nur so ein paar dürre Äste hat, wo vielleicht mal eine halbe Feige dran hängt, und die Blätter abfallen,
wenn du Unlust hast, zum Gottesdienst zu gehen,
wenn Gemeinde dich eigentlich innerlich aufwühlt und dich hungrig hinterlässt,
wenn sich in dir alles sträubt und strebt,
wenn in dir Sehnsucht aufkeimt, die irgendwie nicht satt wird,
und du hast das Gefühl, du hast deine Bestimmung gar nicht gefunden,
– dann kannst du dich vielleicht in dem Weinberg als Feigenbaum wiederfinden.

Auf der anderen Seite: der Winzer. Mit seinem anderen Blickpunkt auf uns. Derjenige, der bereit ist, etwas zu opfern, etwas zu investieren, damit wieder etwas verändert werden kann und wachsen kann. Quelle der Hoffnung.

Was kann der Feigenbaum dafür, dass er da steht, wo er steht! Vielleicht fehlt ihm einfach das richtige Licht. Vielleicht fehlt ihm das Wasser. Vielleicht fehlt ihm das entscheidende bisschen Nährstoffe im Boden, auf dem er gerade wächst. Manchmal braucht der Feigenbaum Pflege.

Ich brauche auch Pflege. Ich gedeihe nicht von mir heraus. Ich brauche es, dass Menschen Hoffnung in mich setzen; ich brauche es, dass Gott Hoffnung in mich setzt. Ich brauche es, dass mir Räume geschaffen werden, in denen ich mich entfalten kann. Ich brauche Bedingungen. Manchmal brauche ich eine Richtschnur, an der ich wachsen kann. Manchmal brauche ich Platz, um mich zu entfalten. Manchmal ecke ich an, an anderen Feigenbäumen um mich herum, weil wir zu dicht stehen. Dann brauche ich jemanden, der wie der Winzer ist: der mir eine Chance gibt. Der Hoffnung hat. Der mir den Boden nochmal umgräbt. Mich vielleicht woanders nochmal hinstellt. Damit mein Glauben zu etwas wird, was süß schmeckt.

In beiden Sichtweisen – dem Besitzer des Weinbergs und dem Winzer – erkenne ich eine Wahrheit Gottes, die mir entspricht. Denn sowohl die Bestandsaufnahme dessen, was wirklich ist, als auch die Hoffnung in das, was sein kann, entsprechen mir als Mensch. Mit meinen Gegebenheiten UND meiner Zukunft.

Diesen Gott wünsche ich uns allen. Einen Gott, der uns nicht vor Trugbilder stellt, uns nicht zur Illusion werden lässt. Einer, der bereit ist, uns ab zu hauen, wo wir völlig verirrt gewachsen sind. Einen Gott, der bereit ist, uns dorthin zu stellen, wo wir wachsen können. Und der weiß, woran es uns mangelt.

Amen.

(Abschrift von: https://youtu.be/W1G0b864xnA)

Sendung & Segen

Gott segne dich zum Leben eines Feigenbaums nach Lukas 13, 6-9:

Gepflanzt in den Weinberg;

dass du dich an Orten findest, die deinen wahren Bedürfnissen entsprechen.
Vielleicht nicht immer auf einfachem oder vertrautem Grund, aber doch so,
dass du wachsen kannst zu deiner Bestimmung.

Schatten spendend den Weinpflanzen;

dass deine Gegenwart für andere ein schützender Raum ist.
Vielleicht nicht immer bequem für dich und sie, aber doch so,
dass sie mit dir wachsen können zu ihrer Bestimmung.

Fürsorglich gepflegt vom Weingärtner;

der deinen Durst nach tiefem Leben weckt und beantwortet.
Vielleicht nicht immer mit geradlinigem Wuchs zu Wasser und Sonne, aber doch so,
dass deine Neugier seiner geduldigen Liebe begegnet.

In deiner Lebenswirklichkeit ehrlich erkannt vom Besitzer des Weinbergs,

der das leblos- und müde-gewordene nicht beschönigt.
Vielleicht dich nicht immer verschonend vor Zweifeln und Umbrüchen, aber doch so,
dass Gottes Wirken in dir stets ein Samenkorn des Neuanfangs hinterlässt.

Zu diesem Leben des Wachsens, des Schattenspendens, des unstillbar gestillten Durstes und des unsterblichen Neuanfangs segne dich unser vielgestaltiger Gott, der uns begegnet als Vater, Sohn und Heiliger Geist.