[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Zum Umgang mit falschen inneren Stimmen und äußeren Appellen

Predigt MCC Köln, 24. Juni 2018
(anonym)

Jeremia 23,16-29

Liebe GDgäste, liebe Gott-Suchende,

Ich liebe diese Leidenschaftlichkeit der alttestamentarischen Propheten. Aber wie immer, wenn wir einen Text aus der Bibel lesen: Nicht jedes Wort ist an jeden Menschen persönlich gerichtet, das war damals so und heute ebenfalls.

Aus diesem Blickwinkel möchte ich damit beginnen, dass ich Euch den Bibeltext einmal in meinen eigenen und moderneren Worten wiedergebe:

Gott spricht: „Ich bin der „Ich werde sein“, viel größer, komplexer und tiefer als Ihr es Euch jemals vorstellen könnt, hört auf mein Wort, denn ich liebe Euch trotz allem! Ihr habt mir wieder viel Kummer gemacht, obwohl ich Euch auserwählt habe als mein Volk! Aber schon Eure geistlichen Führer haben mich und meine Gebote vergessen nach dem Motto: „Kenne mer nit, bruche mer net, fott domet.“ Ihr Narren und Hartherzigen! Ihr bildet euch ein, dass was Euer Vorstellungsvermögen übersteigt, nicht existieren kann und darf. Eure Führerinnen haben die echte Demut vergessen, dafür praktizieren sie Demutsgesten in ihren Riten und salbungsvollen Predigten. Eure Gottesdienste und neunmalklugen Reden als „Experten“ in den öffentlichen Debatten stellen meine Langmut auf eine harte Probe. Ich habe die Nase voll, und meine Ohren gellen von eurem Geheuchel!

Demut und Wahrheitsliebe wird an den Taten sichtbar. Kämpft Ihr noch für Gerechtigkeit? Bringt Ihr noch Opfer für die Barmherzigkeit? Richtet Ihr noch eure Ohren auf die Wehklagen der Opfer und Rechtlosen? Verschwendet Ihr auch nur manchmal einen Gedanken an die Welt, die Ihr euren Kindern und Neffen/Nichten hinterlasst? Von Euren Enkeln ganz zu schweigen… Denkt Ihr wenigstens an meinem Feier- und Ruhetag, ob Ihr nun religiös seid oder nicht und nur ruht, weiter als an die nächsten Quartalszahlen oder an die nächste sog.(!) demokratische Wahl?! NEIN, denn an Euren Taten messe ich Euch! Der Fisch stinkt vom Kopfe her, und mein Volk läuft immer nur den selbsternannten Prophetinnen der Selbstbeweihräucherung und des „Seht nur zu, daß ihr nicht zu kurz kommt!“ hinterher. Wo Unrecht geschieht, wird es gerechtfertigt nach dem Motto: „Wir sind die Guten! Und wer nicht zu uns gehört, zerstört unser Volk!“ Ja, geht’s noch?! Kommen abweichende Meinungen immer nur von Idioten? Kann man euch denn gar nichts mehr beibringen, weil Ihr die Weisheit mit Löffeln gefressen habt und alle anderen keine Ahnung haben?! Was macht euch so sicher? Euer wirtschaftlicher Erfolg? Eure Macht und Popularität?! –

Es ist immer dasselbe mit euch Menschen, sogar mit meinem Volk, das ich mit Liebe und Güte überschüttet habe: Wenn sie satt sind, langweilen sie sich und laufen zu fremden Göttern über. Sind sie jedoch hungrig, suchen sie nach schnellen und einfachen Lösungen, die ihnen keinerlei Selbstkritik oder Bescheidenheit abverlangen. Wie ich es auch mache, sie kriegen es in den falschen Hals. Ich bin stinksauer und schon soweit, daß ich mich freue, wenn sie einmal die gerechte Strafe für ihr Tun ernten.

Habt Ihr denn ganz vergessen, dass mein Wort Nahrung für die Seele und Orientierung auf dem Wege ist? Die Seele habt Ihr schon lange vergessen, und ihr kümmert euch nur noch um die Sehnsüchte eures Leibes. Aber mein Licht beleuchtet auch eure Schandtaten: die, die ihr gemeinsam begeht nach dem Motto: „Das tun doch alle.“ – Oder die geheimen Intrigen hinter verschlossenen Türen.
Wenn Ihr nachts nicht schlafen könnt, wird Euer Kissen hart wie Stein, denn Euer Herz ist auch schon wie Stein geworden. – Auf der anderen Seite pocht nachts das Herz derjenigen Wenigen, die noch ein warmes Herz haben, unruhig angesichts der Gräuel, die täglich überall passieren. Wie auch immer: Wenn das Volk meine Gebote missachtet, leiden alle irgendwie. Schade, dass ich versprochen habe, keine Sintflut mehr zu schicken, aber die hat ja auch nichts gebracht, ich muss es immer wieder erleben. Und vergessen kann ich Euch Menschen auch nicht, ich kehre immer wieder zu Euch zurück und entsende meine eigenen Propheten, die Prophetinnen der Wahrheit, in Eure Löwengrube und in Euer Schlangennest.“

Zwar spricht dieser Text nur von der Schlechtigkeit der Menschen, jedoch finden wir auch beim Propheten Jeremias Worte des Trostes und des Zuspruches, ja gerade bei Jeremias, vielleicht weil sein Leben besonders entbehrungsreich war und seine persönliche Verzweiflung über die Menschen seiner Zeit besonders groß.

Nun dürfen wir uns selber fragen, was denn unsere persönlichen falschen ProphetInnen von heute sind, die uns besonders quälen und die es immer wieder schaffen, uns von Gottes Liebe und Weisheit abzulenken oder wegzuführen. Da gibt es viele Möglichkeiten, und mir ist eine Einteilung in 2 Gruppen eingefallen:

  1. gibt es die f. P. (Falschen ProphetInnen), die im Zeitgeist oder in dem gesellschaftlichen Milieu begründet sind, in dem wir aufgewachsen sind. Es sind säkulare Propheten, auf die christlichen komme ich später. Es gibt ganz viele äußere Appelle und Anforderungen, die an uns gestellt werden. Bei Nicht-Beachtung oder Unvermögen, diese zu erfüllen, drohen uns empfindliche gesellschaftliche Nachteile, bis hin zum Ausschluss. Ich nenne einmal ein paar dieser Appelle: „Du musst ständig Leistung bringen!“, „Mach’s wie alle und kritisiere nicht!“, „Du wirst nur beachtet, wenn du lernst, dich selber gut darzustellen!“, „Der Einzelne kann ja doch nichts machen.“, „Wenn du nicht untergehen willst, dann musst du lernen, dich zu wehren und durchzusetzen!“, „Sei beliebt, dann klappt’s auch mit der Selbstliebe!“, „Sei immer gut drauf, sonst machst du etwas falsch!“, „Geiz ist geil!“, „Wer nur will, der kann es schaffen!“, „Wer nicht arbeitet, ist faul und schädigt die Gesellschaft!“, „Man lebt nur einmal, also zögere nicht zuzugreifen, wenn dir etwas gefällt!“ Das ist natürlich keine erschöpfende Aufzählung! Darum lasse ich euch ein paar Minuten Zeit, um über Eure „Lieblings-„f. P.-en nachzudenken. Vielleicht möchtet Ihr Euch auch eine kleine Notiz machen auf dem ersten ausgeteilten Zettel, dabei laßt aber bitte noch etwas Platz frei.
  2. Jetzt kommen wir zu ganz besonders verstörenden inneren und äußeren Stimmen, die uns direkt den Draht zu Gott unterbrechen wollen und unsere Seele verdunkeln können: Den falschen christlichen oder religiösen Predigern, Gurus oder geistlichen Führerinnen jeglicher Art. Also Nahrung für unsere Seele, die vergiftet und nicht wahrhaftig ist. Folgende Sätze möchte ich zitieren:„Du musst glauben! Denn ohne den Glauben, also natürlich unsere spezielle Auffassung von Glauben, bist Du in alle Ewigkeit verloren!“, „Du musst Christus bekennen, überall und so oft wie möglich! Wie soll sich denn sonst am Ende aller Tage Christus zu dir bekennen, wenn du heute zu feige dazu bist!“, „Du musst Gott loben und danken für alles immerdar! – Depressionen? – Dem Dankbaren kann sowas nicht passieren!“, „Du musst bekennen, dass Du selber ein total verlorener Sünder bist und Gott ewig für den Opfertod Jesu danken! – Was, Kinder können noch gar keine Schuld auf sich laden? – Bäh, noch nix von Erbsünde gehört?!“, „Nur Jesu Blut kann Gott dazu bewegen, dir deine Sünden zu vergeben! – Was, du kannst nicht an einen solchen blutrünstigen Gott glauben? – Wirst schon sehen, irgendwann musst auch du daran glauben, nur dann wird es zu spät für dich sein!“, „Seid fröhlich im Herrn allezeit! Wer dauerhaft nicht gut drauf ist, wird von Gott nicht geliebt! – Was, Jeremias war fast immer deprimiert und nicht selten regelrecht verzweifelt? – Was im AT steht, juckt uns heute nicht mehr, das ist doch überholt!“ usw. Auch hier lasse ich euch ein paar Minuten Zeit, über Eure eigenen religiösen f. P. nachzudenken. Hier könnt Ihr bei Bedarf den 2. Zettel nutzen, lasst bitte wiederum noch etwas Platz.

Nun möchte ich Euch einladen darüber nachzudenken, wie wir am besten mit diesen falschen inneren und äußeren ProphetInnen umgehen können. Ignorieren geht nicht, weil sie sich immer wieder ungefragt in unser Leben schleichen oder uns sogar regelrecht belästigen.

Jesus wurde ja auch in der Wüste versucht, direkt nach seiner Berufung. Er hat mit dem Teufel ernsthaft argumentiert und ihn schließlich energisch weggeschickt. Die vielen f. P., denen ich schon begegnet bin und die sich vielleicht auch als innere Stimme in uns eingenistet haben, lassen sich leider nicht alle so verscheuchen, ich habs probiert. Was können wir sonst tun? – Das ist wie mit allen Tipps und guten Ratschlägen: Die Antworten sind individuell unterschiedlich, und man/frau muss viel selber ausprobieren. Ich frage mich zunächst oft: „Wie ernsthaft und stark, vielleicht sogar bedrohlich, ist mein Gegner?“ – Bei sehr tiefsitzenden Ängsten oder Verletzungen muß behutsam vorgegangen werden, auch im Dialog mit inneren Stimmen. Respekt ist auch hier oberes Gebot, und dennoch kann ich klar meine Meinung sagen, was ich über den Streß denke, den mir diese Stimme macht. Eine ganz aufschlussreiche Frage ist oft auch: „Wer sendet Dich, und wem nützt Du?“ Manchmal allerdings ist das nicht so ersichtlich. – Je nach Geschmack hilft auch Humor! Oder einfach Überlegen, vielleicht ist ja ein Körnchen Wahrheit an der Aussage, aber ich will sie umformulieren und ihr einen neuen Sinn geben. Oder ich werfe ihr einen Köder zu: „Schau mal, kümmer dich doch um dieses Problem hier, da trau ich Dir gute Kompetenzen zu!“ – Alternativ akzeptiere ich die Stimmen auch erst einmal als Begleiterin und setzte auf einen langfristigen Dialog. Kleine Schritte sind für beide Seiten besser zu akzeptieren. – Letztendlich können wir nicht alle f. P. neutralisieren oder wegschicken. Paulus hat ja auch vom „Stachel im eigenen Fleisch“ gesprochen und dass dieser ihm Demut lehre. Als selber unvollkommener Mensch kann ich anderen Menschen mit persönlichen Schwächen und Verletzungen viel besser begegnen und sie überhaupt erst verstehen. Jedenfalls ist es sehr wichtig, sich regelmäßig um das eigenes Wohl zu kümmern, also die eigenen Stärken zu entwickeln und einfach zu genießen. Das gibt Kraft in der Auseinandersetzung mit den schwierigen eigenen Anteilen. –

Manchmal allerdings ist es fast schon unmöglich, f. P. von P. Gottes und der Wahrheit zu unterscheiden. Darauf kann ich angesichts der fortgeschrittenen Zeit hier nicht mehr eingehen. Auch hier hilft Demut statt Besserwisserei und Offenheit für die eigenen Fehlbarkeit. Gott führt und begleitet uns auf unserem Lebensweg, selbst in Irrtümern.

Zum Schluss lade ich Euch ein, nochmals auf Eure Zettel zu schauen. Wie wollt Ihr heute mit diesen falschen und schädlichen ProphetInnen umgehen? Ihr könnt Euch eine Erwiderung notieren oder etwas Positives, welches Ihr denen entgegensetzen wollt. Vielleicht möchtet Ihr auch ein Symbol malen, oder später mit dem Zettel ein kleines Ritual vollführen. Lasst Euren Ideen freien Lauf, und wir nehmen uns hierfür nochmals ein paar Minuten Zeit.

Amen.

 

 

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