[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Entlasse Gott aus der Elternrolle

Predigt MCC Köln, 24. März 2019
Manfred Koschnick

Johannesevangelium 3,14-18

Geliebte Gemeinde!

In dem heutigen Bibeltext gibt es 2 Geschichten. Jedoch legt Johannes, der Autor, beide Geschichten in Kapitel 03 seines Evangeliums als ein gemeinsames Thema wie Folien übereinander.

Hier ist die erste Geschichte: Das Volk Israel war während der Migration aus Ägypten hungrig, erschöpft und frustriert. So stolperten sie durch die Wüste und achteten nicht auf diese kleinen giftigen Schlangen. Diese bissen nur, wenn sie sich in ihrer Existenz bedroht fühlten. Aber nun traten die ermatteten Menschen unaufmerksam auf sie drauf, wurden gebissen und starben. Zu dem Frust, dem Hunger und dem Durst kam nun auch noch die Angst. Kennst Du es, dass Erschöpfung, Angst und Frust sich manchmal in Dir breit machen? Wenn nicht, stell es Dir einfach vor. „Warum habt ihr uns aus Ägypten herausgeführt?“, so fragen die Menschen Mose und Gott, „…etwa, damit wir in der Wüste sterben?“

Zweifel und Misstrauen gegen Gott nahmen zu. So geht es auch mir manchmal, wenn ich in der Bibel lese. Ich fühle mich durch die Bibel in eine Sackgasse geführt, in ein Dilemma, aus dem es kein Entrinnen gibt. Zweifel und Misstrauen nehmen dann überhand. Noch vertraue ich z.B. der freien deutschen Presse mehr als z.B. den russischen oder chinesischen Medien. Aber gerade um meinen Glauben zu schützen, lese ich die Bibel nicht in der Weise, wie ich die aktuellen Nachrichten lese. Ich frage zu allererst, in wessen und welcher Absicht der Bibelvers damals geschrieben wurde. Ich lese da: “Bemüht euch mit allen Kräften durch die enge Tür (ins Paradies) zu gelangen, denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen (in dem Gedrängel) nicht gelingen.“ (Lk 13,23.24) Also das ist keine gute Nachricht wie z.B. die, dass die Berliner Mauer ohne Gewalt gefallen ist. Ich stelle mir vor, was da los gewesen wäre, hätte man die Arbeiter im Weinberg streng und präzise entsprechend ihrer jeweils nachzuweisenden individuellen Arbeitsleistung entlohnen müssen. Und dann schildert Jesus, wie es denen ergehen wird, die bei diesem Drängen durch die enge Tür nicht hindurch kommen, und sagt jenen, die draußen stehen: „Ich sage euch, ich weiß nicht woher ihr seid! Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan! Da werdet ihr heulen und mit den Zähnen knirschen, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid.“ (Lk 13,27.28) Ist das nun Fakt oder ein Fake? So neu wäre mir die Situation des Außenseiters allerdings wiederum auch nicht. Außenseiter war ich u. a. schon dadurch, dass ich Christ bin. Und Jesus sagt an anderer Stelle, dass er nur zu den Kindern Israels gesandt ist, nicht zu den Heiden. Das meint er ernst, denn er will keine Weltreligion gründen – zumal seiner Überzeugung nach die Welt in den Jahrzehnten nach seinem Tod sowieso untergehen wird. Das war damals eine sehr populäre Angst, die auch Johannes der Täufer verbreitete. Jesus sagt: „Wenn Ihr nicht Busse tut, werdet Ihr alle so umkommen wie die Leute, auf die der Turm von Siloha stürzte“ (LK13, 4-5), und dann erzählt er von dem Feigenbaum, der gefällt wird, bloß weil er keine Frucht bringt. Dem Knecht, der mit dem Geld des Gutsbesitzers keinen Profit machte, weil er kein Risiko eingehen wollte, wird alles genommen, was er hatte. Das Bild zu der Geschichte hing groß im Büro meines Vaters. Also mir wird dabei Angst und Bange, wenngleich Ines-Paul darüber einmal sehr klug gepredigt hat. Diese Verse sind wie Schlangen, die meinen Glauben vergiften und in mir Angst verbreiten. Wusste ich’s doch; Gottes Wort an mich lautet: „Du hast keine Chance, aber nutze sie. Z.B. wenn Du nach Lourdes zum Beten ( z.B. für den Planeten und seine Menschen ) fährst, wirst Du zum Umweltsünder, zerstörst meine Schöpfung. Wie kann ich dich da in den Himmel lassen? Hunger, Kriege und Elend habt doch Ihr Menschen gemacht. Ich war gerade ein Jahr alt und Ihr habt mich im Jemen verhungern lassen. Mit dem Geld, mit dem Du monatlich die MCC unterstützt, hättest du eines meiner vielen Menschenleben retten können. Geht weg. Das ist die Wahrheit, meine Wahrheit. Ich habe Euch nie gekannt!“

So frage ich als Glaubender ähnlich wie Israel in der Wüste: „Gott! Jesus! Bin ich deswegen Deiner Botschaft gefolgt, damit ich nun ängstlich verzweifel und sage: Hätte ich doch nie angefangen zu glauben! Ich fühle mich nicht durch Giftschlangen bedroht, sondern durch Dein Wort, Deine „Heilige Schrift“. Diese erzeugt die Gottesvergiftung in mir. Ich beneide die Ungläubigen, die manchmal ohne Skrupel fröhlich sind. Keiner von denen will Christ sein. Wie werde ich diesen Glauben wieder los, um endlich wie diese Atheisten befreit und unkompliziert fröhlich zu sein.“ Wenn Ungläubige dem Leben vertrauen ohne Gott, brauchen sie auch keine Rechtfertigung aus Gnade. Der Unglauben ist bereits die Unschuld, die Gnade.

Was und wessen Absichten stecken hinter den Drohbotschaften Jesu? Wenn die Sätze tatsächlich von Jesus stammen und nicht von der Urkirche, die ihre Mitglieder mit Angst disziplinieren wollte, dann doch nur, um viele Juden zu retten. Aber Jesus hatte sich geirrt. Der Weltuntergang fiel schon wieder mal aus. Jesu Absicht wird gegenstandslos. Mir muss Jesus vor dem Weltuntergang nicht bange machen. Vermutlich ist die Menschheit vor dem Ende des Planeten längst ausgestorben oder hat sich so verändert wie die die Dinosaurier, von denen die heutigen Vögel abstammen.

Befreiung – wie geht das? In der Wüste beim Volk Israel ging das so: Moses machte eine Schlangendarstellung aus Kupfer an einen Stab. Ein unglaublich starkes Bild ist das, ein Urgestein in den Mythen der Völker, z.B. im Äskulapstab der alten Griechen. Die Schlange war Götterbild der Heiden, folglich Symbol für den Satan im Paradies, freudianisch gesehen vielleicht die unheimliche Seite männlicher Sexualität, …oder die der weiblichen, wenn Du den Stab als Penis deutest und DIE Schlange als Frau. Wie auch immer es sei, ist das Bild stark – auch im kollektiven Unterbewusstsein von Menschen.

Der Stab wurde so aufgestellt, dass die Menschen zur Schlange, dem Objekt ihrer Angst, aufschauen mussten. Sahen sie die Schlange an, wurde das Gift in ihnen wirkungslos. So ähnlich arbeiten heute Verhaltenstherapeuten, wenn sie Patientinnen mit dem Stimulus ihrer Angst konfrontieren. (Der Rückgriff auf den archaischen anmutenden Kult könnte aber auch eine regressive Art der Distanzierung von der Überforderung durch Jahwe sein…). So gesehen sind die Bibelverse von dem Endgericht, der engen Pforte, dem Feigenbaum usw. wie die Darstellung der Schlange und des Gekreuzigten nur Stimuli meiner älteren, tiefer liegenden Ängste. (In der Familie unerwünscht zu sein. Meine Mutter hätte mich lieber abgetrieben.) Ich werde hier nicht weiter aus dem Nähkästchen plaudern. Mag sein, dass sich Christen wie ich mehr von der vertrauten Finsternis dieser Ängste angezogen fühlen als andere…., dass wir eben deshalb die fröhlich im Licht tanzenden Frauen und Männer aus der Diskothek oder dem Club hier in der MCC-Köln nicht sehen. Götter waren schon immer wichtiger, wenn es Menschen schlecht ging, wenn sozialstaatliche Ordnung fehlte. Die Religion wurde in der Zeit erfunden, als die Menschheit anfing, Ackerbau zu betreiben. Nun war sie anders als früher (als Jäger und Sammler) abhängig vom Wetter und anderen bedrohlichen Phänomenen wie Epidemien usw. Nun brauchten die Menschen etwas allmächtiges, das Einfluss nehmen konnte. Wir sind heute nicht anders. Nur, wir trauen heutzutage bei Epidemien in Afrika der Medizin mehr als Gott.

Nach diesen schweren Gedanken mag ich mir eine humorige Bemerkung nicht verkneifen: Vielleicht war die kupferne Schlange nur ein Hinweisschild nach dem Motto „Vorsicht Schlange!“ :) Ich sollte mir so ein Schild in die Bibel kleben.

Doch das 2. Bild…

…in der heutigen Bibellesung ist noch komplexer und vielschichtiger. Die Passionsgeschichte setze ich als bekannt voraus. Es ist das Bild vom gekreuzigten Jesus aus Nazareth, dem seine Jünger den Ehrentitel „Sohn Gottes“ gaben. So wie die von der Schlange Gebissenen zur kupfernen Schlange (symbolisch der Grund ihres Misstrauens gegenüber Gott) aufschauen sollten, so sollen Menschen nun zum Kreuz aufschauen und dem Anblick standhalten, dem Symbol des Wirkens eines Gottes, der sich den götzengleichen Eigenschaften, den Garanten für Wohlstand, Gesundheit und Erfolg – gewissermaßen „den Fleischtöpfen Ägyptens“ – verweigert. Statt zurück zu den Fleischtöpfen führt er Menschen in die Wüste. Auch Jesus hatte keine Wohnung, „da er sein Haupt niederlegen konnte“. Das ist der Unterschied zu dem Gott Baal.
Die Jünger und ersten Priester haben ein Gegenbild gegen den endgültigen Tod entworfen und in den Ostergeschichten zum Ausdruck gebracht. Nach der Theologie des heiligen Paulus wurde Jesus am Kreuz zu Gott. Was passiert, wenn wir auf‘s Kreuz schauen und Gott das Kreuz, die Tragik, die Lieblosigkeit im anachronistischen Menschenopfer Gottes und die Trauer darüber, das Erkennen eigenen Kummers und eigener Angst und eigenem Schmerzes in der Kreuzigung wiedererkennen, ausdrücken und aushalten?

Der springende Punkt dessen, was geschehen kann, ist die utopisch scheinende Behauptung und Vorstellung (die Jesus vermutlich nie hatte), das göttliche Gericht über die Menschheit habe durch Jesu Tod schon stattgefunden. Damit widersprechen Paulus und seine Anhänger dem Teil der Lehre Jesu, in dem dieser als apokalyptischer Bußprediger darauf drängte, dass nur als bußfertig Geläuterte mit radikaler Liebe zu Gott und den Menschen durch die enge Pforte in Gottes Reich gelangen können. Christlicher Glaube ist also das, was die Kirche daraus macht. Die katholische Kirche hat recht, wenn sie sich römisch-katholisch nennt. Kölsch-katholisch geht anders und MCC geht anders. Im Unterschied zur Materie hat der Geist die Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen und in Zweifel zu ziehen; daran ist er zu erkennen. In unserem geistlichen Text aus den Anfängen der Kirche heißt es: „Wer an ihn (Jesus) glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet. (…) Das IST aber (schon) das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist“ – kein zukünftiges Gericht. Das Licht ist schon da. Im Licht ist unsere Schuld offenbart. Du bist freigesprochen ohne einen langwierigen göttlichen Gerichtsprozess!

Dies ist eine spirituelle Reflektion des Glaubens, die über die nackten Fakten hinausgeht. Einer meiner Bekannten starb 1972 bei einem Unfall, war aber noch nicht ganz tot. Seine Seele schwebte über dem Unfallort. Er sah die aufgeregten Menschen hin und her laufen, hörte zu, was seine Eltern zueinander sprachen und wurde mit Reanimation ins Leben zurückgeholt. Die Eltern und Freunde bestätigten alles, was er gesehen hatte. Das Geistige ist mehr als ein Klecks Sahne auf dem Kuchen der Materie. Es ist sozusagen der Kaffee zum Kuchen. Glauben bedeutet u.a. Erkenntnis und Vertrauen. Jesus zu lieben, heißt nicht, alles zu übernehmen, was er angeblich faktisch gesagt haben soll. Wir dürfen in diesem Licht göttlicher Liebe erkennen wie mein sterbender Bekannter und vertrauen. Jene österliche Botschaft des Paulus ist die frohmachende Botschaft der Urgemeinde an alle, die dachten, Gott wolle bösartig Menschen überfordern und jeden verstoßen, der nicht gut genug ist. Spiritualität ist mehr als faktisch 2 Holzbalken und 3 Nägel im Fleisch. Haben alle Glaubenden unter Euch das Licht schon gesehen? Nein…?

Mein Freund sagte, das Schweben über dem Körper sei „nur geil gewesen, so leicht und völlig ohne Angst“. Ich denke, dass das Licht des Auferstandenen und das Licht der Neonreklamen, Laserstrahlen und der Feuerwerke miteinander konkurrieren…, aber einander nicht völlig ausschließen. Die Welt ist zwielichtig, „polivalent illuminiert“ sagt der Klugscheißer. Im Leben braucht das Geistige die Materie, z.B. Gehirnzellen, ohne die wir Wahrnehmungen nicht deuten könnten. Wir können den richtigen Weg für das eigene Leben nicht wissen und nicht entscheiden. Im Zentrum der Widersprüche steht zerrissen der Mensch. Je weniger er sich den Widersprüchen verschließt, um so weiser, zufriedener und spiritueller wird sie oder er.

Zu 90 % haben meine Gene mein Handeln und mein Schicksal bestimmt, wenn man das Gen, das para-sympathisch die Atmung lenkt und die Verdauung etc., dazurechnet. Ich kann mir nicht aussuchen, ob ich schwarze oder blonde Haare habe. Ich bin böse und liebenswert. Auch das ist eine Konstante meines Menschseins. Das ist für andere nicht einfach, für mich auch nicht, aber es ist so. Auch Gott ist, wie er ist bzw. wie er sein oder sich erweisen wird. Das ist für andere nicht einfach, aber es ist so. Darf Gott so sein, wie er ist? Nein?

Et is wie et is, sagt die Kölnerin. Warum aber darf Gott keine Borderlinestörung haben oder eine manisch-depressive Störung? Auch Borderliner können lieben. Wer wollte ihm das (wenn es so wäre) verbieten oder könnte ihn heilen? Wenn er das Lamm des Hirten Abel dankbar annimmt, das schlechtere Obst und Gemüse des Bauern Kain aber ablehnt – ist das nicht seine autonome Entscheidung, die ihm wie jedem anderen zusteht? Wenn jemand mir mühsam ein nicht mehr zu reparierendes Klavier von der Nordsee als Geschenk nach Bonn-Beuel bringt, muss ich dankbar sein? Man erwartet es von mir und ist stinksauer, wenn ich es nicht bin. Muss Gott Dir in Gerechtigkeitsfragen gehorchen, und wenn er es nicht tut, musst Du dann wie Kain Deinen Bruder erschlagen oder den afrikanischen Flüchtling, der in der Wohnung lebt, die Du gern genommen hättest? „Das IST aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist“. Es ist das Licht der Erkenntnis, die das entlarvt, was sich in der Finsternis versteckt und es verwandelt.
Gott hat kein Problem. Wenn Gott sich in Jesus offenbarte, und Jesus sich beim Datum des Weltuntergangs irrte, kann auch Gott irren. Irren ist nicht nur menschlich. Jesus sagt: „Selig ist, wer nicht irre wird an mir!“ Matthäus 11, Vers 6 Aber was ist denn das Problem?
Gott ist kein Problem. Es ist in Dir, was die Probleme erschafft. Du kannst jetzt vielleicht Zwielichtiges im Glauben an Christus besser erkennen, das Zwielichtige außerhalb und innerhalb des Glaubens. Du kannst jetzt vielleicht den lieben Gott GOTT sein lassen, und wenn ein Unglück passiert, sagst Du vielleicht: „Der Alte hat wieder Scheiß gebaut!“ Und Gott lächelt gütig wie ein liebender Vater oder eine liebende Mutter und lässt Dich frei.
Und Du kannst jene goldene Göttin loslassen, der oder die nur zuständig ist für potente Fruchtbarkeit, Gesundheit, gute Ernten, gute Laune und den Erfolg in den Kriegen der je eigenen Nation. Schränke unseren Gott der Vielheit doch nicht auf die Elternrolle ein, auch nicht auf die Rolle eines Kriegsgottes wie zu Zeiten Davids. Gott lässt sich nicht einfach vor Deine nationalistischen, feministischen, sozialistischen, egoistischen oder sonstigen Karren spannen. Entlasse ihn aus der Elternrolle. Werde erwachsen und gib ihm seine ganze eigene Würde als Gott zurück! Gott hat sich, seine Gnade und Gerechtigkeit in Jesus offenbart.

Und Du singst lächelnd mit Blick
1. auf das schreckliche Kreuz und
2. auf die nützlichen Warnhinweise auf giftige Schlangen und
3. auf die unmoralischen Gesetze, nach denen Menschen und Gruppen naturgegeben funktionieren.
Du singst: „Halleluja, halleluja“ …oder wie es die heilige Theresa von Avila sagte: „O Herr, mich zwingen dich zu lieben nicht die Wonnen des Himmels, die du versprochen hast, noch zwingt mich die Angst vor dem Ort der Qualen. … Du – Deine Liebe ist es, die das Herz der Treuen zwingt … Ja, es gibt nichts, nicht Lohn, nicht Strafe, die mich zur Liebe zwingt, als deine Liebe allein.“
AMEN

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