[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Nicht die christliche Variante vom Komasaufen: Komaspenden

Predigt MCC Köln
Ines-Paul Baumann

Mk 12,38-44: Warnung vor den Schriftgelehrten und das Scherflein der Witwe

„Betrinkt euch für einen guten Zweck und ohne Rücksicht auf Verluste!“ Wenn wir als MCC dazu aufrufen würden, würde das sofort auffallen und alle würden empört darauf hinweisen: Achtung, die MCC bietet ein Mal die Woche eine Party an mit Flatrate auf Alkohol mit Komasaufen! Das geht ja wohl gar nicht!

Komasaufen: Was ist das?
– Eine Person überschreitet die eigenen Grenzen, um zu vergessen, wie schrecklich sie sich fühlt.
– Solange es nicht weh tut, geht’s nicht wirklich zur Sache.
– Wer nicht mitmacht, ist ausgeschlossen.
– Wer hat was davon?
1) diejenigen, die die Person funktionalisieren wollen oder sie mangels Leistungsvermögen an den Rand stellen: Wer sich betrinkt, der wehrt sich nicht! Statt sich mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen, geht es nur noch darum, die Situation irgendwie zu ertragen, und das wird gesehen als ein Problem der Einzelperson statt im Hinblick auf strukturelle Zusammenhänge.
2) diejenigen, denen der Laden gehört: Der Laden brummt, und schließlich wird das das Geld dringend benötigt.
Komasaufen endet oft im „Trinken bis der Arzt kommt“.

Was aber überhaupt nicht auffallen würde und wo niemand empört wäre: Wenn die MCC Köln nicht zum Komasaufen einlüde, sondern zum Komaspenden.

Komaspenden ist strukturell ähnlich wie Komasaufen:
– Eine Person überschreitet die eigenen Grenzen, um zu vergessen, wie schrecklich sie sich fühlt.
– Solange es nicht weh tut, geht’s nicht wirklich zur Sache.
– Wer nicht mitmacht, ist ausgeschlossen.
– Wer hat was davon?
1) diejenigen, die die Person funktionalisieren wollen oder sie mangels Leistungsvermögen an den Rand stellen: Wer sich betrinkt, der wehrt sich nicht! Statt sich mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen, geht es nur noch darum, die Situation irgendwie zu ertragen, und das wird gesehen als ein Problem der Einzelperson statt im Hinblick auf strukturelle Zusammenhänge.
2) diejenigen, denen der Laden gehört: Der Laden brummt, und schließlich wird das das Geld dringend benötigt.
Komaspenden endet oft im „Verausgaben bis der Arzt kommt“.

Das im Christentum oft gepredigte Opferdenken und Strukturen innerhalb von Institutionen fördern leider oft genau so ein Verhalten. Leute bringen sich oder ihr Geld nicht nur ein, sondern verschleißen sich, und genau die gelten dann auch noch als „die vorbildlichen Christen“.

Die Rollenverteilung hierbei ist beileibe nicht struktutell einseitig festgelegt. Es können sowohl die Gemeindemitglieder sein, bei denen so ein Verhalten gefördert wird. Es können aber auch Pastoren oder andere Leitende sein, die sich verausgaben über ihre Grenzen hinaus und denken, das muss so sein „als gute/r Christ/in“ (und von denen genau das auch erwartet wird).

Zwei Punkte, die hier NICHT das Problem sind:

1) OB wir uns füreinander einsetzen können und sollen, steht nicht zur Debatte. Ja! Wir sollen und wir können geben und miteinander teilen, weil Gott die Quelle unseres Lebens ist. Wir können mit Gottes Güte genau so handfest rechnen wie andere berechnen, mit welcher Geldanlage sie am meisten Zinsen bekommen. Unser Verhalten im Alltag ist ein Spiegel davon, auf wen wir in unserem Leben unser Vertrauen setzen. Atmet aus unserem Lebensstil unser Vertrauen auf Gott? (Und zwar auf Gottes Güte, nicht auf Gottes Zorn oder auf eine Gott, die sich nur durch Opfer gütig stimmen lässt?)

2) Das Verhalten der Schriftgelehrten und der Witwe in der Lesung wird oft als Gegensatzpaar betrachtet. Als würde Jesus sagen: Nehmt euch nicht die einen zum Vorbild, sondern die andere. Aber es geht hier gar nicht um ein Entweder-Oder. Das Verhalten der Schriftgelehrten und das Verhalten der Witwe stellen keine Alternativen dar, sondern sind miteinander verwoben.

Kurz zu den Zusammenhängen damals:

– Eine Frau HATTE keinen Besitz, sie WAR Besitz, nämlich entweder von ihrem Vater oder vor ihrem Mann. Diese Männer waren dann dafür zuständig, sie mit zu versorgen. Eine Witwe hatte nun aber keinen Mann mehr und somit gar nix mehr.

– Aufgabe der religiösen Verantwortlichen war es dann, in solchen Situationen einzuspringen. Kümmert euch um die Witwen und Waisen!, heißt es dauernd im Alten Testament. (Leider muss auch dauernd darauf hingewiesen werden, dass das schief läuft.)

Und deswegen ist das, was Jesus hier beobachtet, so fatal: Die Witwe kann ja eigenlich im Vetrauen ihren letzten Cent abgeben, denn die Kirche, der sie diesen Cent gibt, ist ja dafür zuständig, sie und andere zu versorgen. Die Witwe weiß: Mit dem, was sie gibt, ist sie Teil eines größeren Ganzen. Dieses Verhalten ist nicht leichtsinnig oder dumm, es ist angemessen und klug: Sie arbeitet mit denen zusammen, die für ihr Wohl und das anderer sorgen sollen.

Aber genau die, denen die Witwe (ihr Wohl und ihr Geld an)vertraut, verraten ihre Rolle in diesem System. Statt sich darum zu kümmern, dass es der Witwe gut geht, haben sie Gefallen daran gefunden, mit den Reichen und Mächtigen unterwegs zu sein und sich mit deren Statussymbolen und Positionen zu schmücken. Damit verlassen sie ihren Platz als Teil des größeren Ganzen. Sie legen mehr Wert darauf, Teil der Welt der Großen zu sein.

Sicher spielen hier auch strukturelle Zusammenhänge eine Rolle. Die Witwe erfährt sich als Abhängige: Sie ist auf andere angewiesen, um etwas zum Leben zu haben. Das an sich ist nicht schlimm! Und offensichtlich kommt sie gut damit klar: Statt sich an das Wenige zu klammern, was sie hat, und es ängstlich und verbittert zu horten, gibt sie es voller Vertrauen in die Hände derjenigen, die das Wohl auch derjenigen garantieren sollen, die sonst aus dem System herausfallen. Sie ist nicht misstrauisch und kleinherzig, sie vertraut. Der Evangelist erkennt in ihrem Vertrauen zu ihren Mitmenschen ihr Vertrauen zu Gott.

Die Schriftgelehrten können sich so nicht erleben. Sie haben Verantwortung, Macht, Positionen, Einflussmöglichkeiten. Sie sind wichtig. Auch hier gilt: Das an sich ist nicht schlimm! Nur kommen sie offensichtlich nicht so gut mit ihrer Rolle klar wie die Witwe. Sie erfahren andere Dinge im Leben, auf die mensch sich anscheinend verlassen kann. Und woran sie sich gewöhnen und woran sie Gefallen finden, verbindet sie nicht mehr mit Gott, sondern entfernt sie von Gott.

Vom Gemeindeleben her kennen wir strukturell ähnliche Probleme. Ohne unseren Einsatz gäbe es keine Gemeinde. Ohne Leute, die Geld und Zeit investieren, gäbe es keine MCC, weder in Köln noch weltweit. Gibt es bei uns ähnliche Tendenzen, wie sie Jesus im Tempel beobachtet?:

– Wie gehen bei uns diejenigen, denen Aufgaben anvertraut sind, mit ihren Möglichkeiten und ihren Positionen und ihrem Status um?

– Und diejenigen, die im Vertrauen auf die MCC und das größere Ganze etwas von ihrer Zeit und ihrem Geld geben: Bekommen sie dafür das, was sie erwarten können? Wird gut mit ihrem Geld und ihrem Engagement umgegangen?

– Sehen wir immer nur das, was am Ende bei etwas herumkommt, oder haben wir die Zusammenhänge mit im Blick, in denen Menschen leben? Gilt bei uns eine, die 100,- EUR spendet, grundsätzlich mehr als eine, die 5,- EUR spendet? Gilt bei uns einer, der viel Zeit in die Gemeinde investiert, mehr als einer, der weniger häufig da ist und weniger macht?

Was ist die „Währung“, mit der wir in der MCC Köln rechnen? Geld, Zeit, Opferbereitschaft, Positionen, Sichtbarkeit, Verletztheit, Beliebtheit, Komaspenden: Sind das die Dinge, die bei uns Einfluss versprechen, die wir mit unserem Verhalten fördern? Oder ist unsere Währung spürbar die Güte Gottes, in deren Licht wir uns selbst und diejenigen um uns herum betrachten?

Ich denke mit Grauen an die Programme mancher Gemeinden, die Spendenbereitschaft ihrer Mitglieder zu erhöhen: Wie Menschen dazu bewogen werden können, mehr Geld und mehr Zeit in die Gemeinde zu geben, darüber gibt es 1000 Vorschläge und Ideen und Programme. Aber wo ist der Workshop dazu, wie mit ihrem Geld und ihrem Engagement und ihnen selbst gut umgegangen werden kann? Neulich bin ich tatsächlich über so ein Workshop-Angebot gestolpert – aber glaubt nicht, dass das ein Angebot im Zusammenhang von Kirchen und Gemeinden war!

In seinem kurzen Besuch im Tempel hat Jesus gezeigt und gesagt, worauf es ihm ankommt. Die Antwort liegt im www – nicht im Internet, sondern in den folgenden drei Ws:

1. Wahrnehmen.
Jesus hat die Witwe wahrgenommen. Er hat sie gesehen.
Andere achten darauf, ob sie gegrüßt werden und ob sie eingeladen werden und neben wem sie sitzen. Ihnen geht es darum, ob und wie sie selbst und ihre Bedürfnisse wahrgenommen werden. Es war Jesus ein Anliegen, dass und wie die Witwe und ihre Bedürfnisse wahrgenommen werden.
Wen und was nehmen wir wahr? Wann haben wir uns das letzte Mal irgendwo hingesetzt und uns Zeit genommen?

2. Würdigen.
Jesus würdigt die Frau und ihr Handeln. Über die Frau, die einfach unbemerkt und wie alle anderen auch eine Spende gibt, wird bis heute gesprochen.
Wen würdigen wir? Ich möchte keine Listen veröffentlichen mit Namen von „Großspendern“. Ich möchte nicht diejenigen, die am meisten gespendet haben, zu einem Frühstück mit den Personen einladen, die die statusträchtigsten Positionen haben. (Gibt es leider alles, auch in der MCC. *grrr*)

3. Worte finden
Jesus hat sich das, was er beobachtet hat, bei anderen ins Gespräch gebracht. Er hat es nicht einfach hingenommen, schweigend seine Schlüsse daraus gezogen und ist weitergezogen. Jesus sich mit denjenigen um ihn herum ausgetauscht über das, was er gesehen hat. Er hat ihnen mitgeteilt, was er beobachtet hat. Er hat Worte gefunden für Missstände und ungesunde Entwicklungen. Nicht bloß als Kritik und Anti, sondern als liebevoller Hinweis, aber auch mit messerscharfer Beobachtungsgabe.
Wie gehen wir um mit dem, was wir beobachten, insbesondere mit Fehlentwicklungen, aber auch mit Menschen, die gut und angemessen handeln? Finden wir Worte?
Und umgekehrt: Wie reagieren wir auf Leute, die Worte finden? Auf diejenigen, die Missstände benennen? Und auf diejenigen, die uns wahrnehmen und gut von uns reden? Können wir mit beidem gut umgehen – mit Lob und mit Kritik? Fördern wir eine Kultur, in der beides geäußert werden kann und soll?

So weit ich das sehe, sind wir insgesamt auf einem sehr guten Wege, dass wir in der MCC Köln nicht Komaspenden fördern, sondern die Ws praktizieren: Wahrnehmen, Würdigen und Worte finden. Das muss nicht automatisch für alle Teile in der MCC weltweit gelten. Und das muss auch in der MCC Köln nicht immer automatisch gut funktionieren:

Viele der Prägungen, die wir mitbringen, sind vom Komaspenden infiziert:
Die eigenen Grenzen ignorieren…
Glaube muss wehtun…
Andere ausschließen, die das nicht mitmachen…
… wie oft stehen wir als Gemeinde in der Versuchung, das zu fördern. Wir sind jung und brauchen das Geld – und ist doch schön, wenn der Laden brummt!

Der Rausch vom Komaspenden kann so schön sein. Und wie gut lassen sich damit die christlichen Statussymbole bedienen. Wie viele Christen wurden darauf getrimmt, den Glauben anderer zu beurteilen, zu bewerten und ggf. „zu verbessern“. Oft endet es dann darin, dass IN der Gemeinde die Statussymbole für „richtigen Glauben“ gezeigt werden, und außerhalb der Gemeinde nicht. So ein Doppelleben halte ich nicht für gesund. Es gibt zwei Gruppen, für die Statussymbole eine besonders hohe Versuchung sind – das ist genau so wie bei Autos, Handys und Klamotten:

– Die eine Gruppe sind diejenigen, die im Statusdenken „oben“ wahrgenommen werden. Ihre Positionen verleihen ihnen Macht und Einfluss. Ihr Status soll sich in den Symbolen widerspiegeln.

– Die andere Gruppe sind diejenigen, die im Statusdenken „unten“ wahrgenommen werden. Sie suchen Respekt und Achtung und denken, über die Symbole könnten sie bei anderen Status erlangen.

Auch die Statussymbole im Glauben sind eine besondere Versuchtung zum einen für Leitungspersonen (= das Glaubensleben des Pastors und der Ältesten muss immer tadellos daherkommen), und zum andern für Menschen, die entweder neu oder unsicher in ihrem eigenen Glauben sind.
Nicht zufällig sind auch genau diese beiden Gruppen so anfällig für’s Komaspenden.

Dass das NICHT so sein muss, ist so selten, dass es manche Menschen schon fast irritiert, wenn die klassischen christlichen Statussymbole in der MCC Köln fehlen: Kirchengebäude, Glauben muss wehtun, ich muss Opfer bringen, … „Woran soll ich mich dann festhalten“, fragen sie sich. Na, ist doch klar: An der Güte Gottes!


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