[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Gott richtet (sich) nicht immer nach den richtenden Erwartungen der Gläubigen

Predigt MCC Köln, 25. Jan. 2015
Ines-Paul Baumann

Jona 3,1-5.10 „Jonas Predigt und Ninives Buße“

Wollte Gott wirklich absichtlich und zielgerichtet Unheil auskippen über Ninive?

Für manche Christen war es geradezu eine Genugtuung, als sich in den 80er Jahren AIDS verbreitete – als „berechtigte“ und „verdiente“ Strafe Gottes.

Für manche Christen war das Erdbeben 2010 in Haiti eine berechtigte und absichtliche Strafe Gottes. „Der Herr wollte die Haitianer bestrafen. Oder er liebt dieses Land so sehr, dass er die Einwohner zu sich holen wollte.“ (Die Verfasserin dieses Zitats „hofft“ übrigens auf Letzteres. Nicht alle teilten diese „Hoffnung“, vor allem diejenigen, die es „interessant“ fanden, „dass in Haiti 90 Prozent Anhänger von Voodoo-Kulten sind.“) http://www.arche-internetz.net/viewtopic.php?f=2&t=1525)

Für manche Christen war der Hurrikan “Katrina” 2005 in New Orleans eine berechtigte und absichtliche Strafe Gottes. “Es ist wohl kein Zufall, dass in New Orleans alle fünf Abtreibungskliniken sowie Nachtklubs zerstört wurden.” (http://www.nornirsaett.de/osterreichischer-pfarrer-halt-haiti-beben-fur-strafe-gottes/)

Für manche Christen war die Flutkatastrophe 2014 auf dem Balkan eine berechtigte und absichtliche Strafe Gottes. „Der höchste Bischof von Montenegro, Metropolit Amfilohije, gibt Conchita Wurst indirekt die Schuld an der Flutkatastrophe auf dem Balkan. Die Überschwemmungen seien die Strafe Gottes für derartige gesellschaftliche Ausbrüche.“ (http://www.focus.de/kultur/musik/bischof-aus-montenegro-balkan-flut-als-strafe-gottes-fuer-conchita-wurst_id_3866751.html)

Vielleicht muss ich die Perspektive wechseln, um das zu verstehen. Also:

Was wäre, wenn die nächste Pegida-Demo wegen akuten Unwetters nicht stattfinden kann? Wenn der Bus mit rechtsgesinnten, gewaltbereiten Hooligans auf der Autobahnbrücke von der Fahrbahn abkommt und in die Tiefe stürzt?

Oder muss ich so fragen:

Was ist, wenn die Sportwagenfahrerin nach Ignorieren aller Geschwindigkeitsbegrenzungen im Stauende unter einem LKW ihr Ende findet? Wenn der leitende Angestellte nach Jahren Stress und Ausbeutung einem Herzinfarkt erliegt? Wenn die Raucherin Lungenkrebs bekommt?

Wenn nach Jahrzehnten unbekümmerten Energieverbrauchs der Meeresspiegel ansteigt und Bewohner/innen von ganzen Ländern ihres Lebens oder ihres Lebensraums beraubt?

Was ist mit der Transfrau, die sich nicht outet und schwere Probleme mit sich und ihrem Leben bekommt?

Jona steht nicht zu seinem Ruf, von Gott gesandt nach Ninive zu gehen. Er kommt in Stürme, erleidet Schiffbruch und veschwindet in der Tiefe des Meeres im Dunkel eines Fischbauchs. Dargestellt wird dies als absichtsvolles Handeln Gottes.

Nachdem Ninive sich zu Buße und Umkehr entschieden hat, setzt sich Jona auf einen Hügel um zu schauen, wie es jetzt weitergeht. Ein Strauch wächst – dargestellt wird dies als absichtsvolles Handeln Gottes. Der Strauch geht wieder ein – absichtsvolles Handeln Gottes, klar!

Aber für was? Was für eine Absicht hat Gott, als Jona nicht weit kommt mit seiner Flucht? Was für eine Absicht hat Gott, als der Strauch wächst? Was für eine Absicht hat Gott, als der Strauch wieder eingeht? Sind das alles „Strafen“ und „Belohnungen“? Vermuten jene Christen, die in jedem Unheil eine Strafe Gottes sehen, auch umgekehrt in jeder wachsenden Pflanze eine Belohnung Gottes? Wie viele Belohnungen müsste es dann auf Erden geben! (Auch in der Vielfalt von Flora und Fauna auf Haiti, den Bäumen vor Nachtklubs und auf den Balkonen von HIV-Infizierten und von Conchita Wurst…)

Tatsächlich hat fast alles in der Jona-Geschichte irgendwie mit absichtsvollem Handeln Gottes zu tun. Aber als Ninive umkehrt und nach seiner Umkehr nicht untergeht, fehlt dieser Hinweis. Ninive kehrt um, ohne dass dies „von Gott gesteuert“ wäre. Und dass Ninive anschließend nicht untergeht, ist nicht einem Handeln Gottes zuzuschreiben, sondern einem Verzicht Gottes auf jegliches Handeln.

Wir denken zwar die ganze Zeit: „Hätte Ninive weitergemacht, wäre sein Untergang eine verdiente Strafe Gottes gewesen“, aber uns wird nirgends nahegelegt: „Dass Ninive stattdessen nicht unterging, war die verdiente Belohnung Gottes.“
Es sei denn, wir sehen genau darin, dass Gott nichts tut, eine Belohnung Gottes.

Dabei ist genau das oft ein Vorwurf an Gott: „Ich kann/will nicht an einen Gott glauben, der nichts tut – angesichts all des Bösen und all des Elends in unserer Welt!“

Genau dieses Gottesbild wird in der Jona-Geschichte verhandelt, und zwar durchweg zum Trost des Gottesvolkes. Hier scheint Gott geradezu ein Ende des Bösen zu „erzwingen“: Untergang oder Umkehr – Hauptsache Ende. Ich finde das nachvollziehbar.

Manche „Gläubige“ meinen, „im Namen Gottes“ zu handeln, wenn sie sich genau dieses Muster selber zu eigen machen. „Ungläubige“ und „Böse“ werden dann mit Drohungen und Gewalt „zurechtgebracht“: „Ändert euer Verhalten oder ihr seid tot.“ Ist das auch noch nachvollziehbar?

Hätte Jona sogar seine Freude an ihnen gehabt? Hier bekommen die Bösen, was sie verdienen? Was wäre, wenn Ninive nicht umgekehrt wäre? Ist Gott tatsächlich nur deswegen „friedlich geblieben“ (also inaktiv), weil Ninive umgekehrt ist?

Wir haben es hier mit einer Geschichte zu tun, die viel aussagt über die Nöte und Gottesbilder der damaligen Gläubigen – und noch viel mehr aussagen möchte über ein großes Unbehagen, Hadern, Zweifeln und Verzweifeln, das solche Gottesbilder hervorrufen (müssen!).

Führt dieses Gottesbild nicht letztlich dazu, keine Gnade mehr walten lassen zu können, weil es sonst keine verdienten Strafen mehr gibt?

Oder ist die Reihenfolge genau umgekehrt: Wir wünschen uns gerechte Strafen – und können deswegen keine Gnade walten lassen?

Hat unser Bedürfnis nach gerechten Strafen zur Folge, dass wir einen Gott nur dann als „gerecht“ ansehen können, wenn Leute nicht verschont werden von ihren „gerechten Strafen“?

Ist es uns lieber, dass Leute ihre „gerechte Strafe“ bekommen, als dass sie sich ändern – vielleicht sogar nur für einen Moment, wie Ninive!, und dann weiterleben, als wäre nie was gewesen?

Die Jona-Geschichte setzt sich anschaulich damit auseinander, was solche Gottesbilder für Folgen haben. Gott scheint sich mit dem Bild und der Rolle, die sein eigener Prophet ihm zuschreibt, nicht wohl zu fühlen. Die Erwartungen, die Jona an Gott hat, sind nicht die Erwartungen, denen Gott entsprechen will.

In der Jona-Geschichte erweist sich Gott an allen Stellen, wo er etwas tut, als ein zugewandter und gnädiger Gott. Allein dafür macht sich Gott überhaupt bemerkbar.

(Wen hat Jesus jemals „bestraft“?)

Gott richtet sich nicht immer nach den (richtenden) Erwartungen der Gläubigen

Im Rückblick wirft das weitere Schicksal der Israeliten noch ein ganz anderes Licht darauf, dass Ninive durch Jonas Einsatz vor dem Untergang bewahrt blieb. Für die Israeliten damals wäre ein untergegangenes Ninive viel besser gewesen als ein Ninive, das nach kurzer Zeit wieder „ganz das alte“ ist. Nachdem Ninive nicht untergegangen ist, bleibt es nämlich als fortwährender Aggressor bestehen. Gegenüber den Israeliten, dem „eigentlichen“ Volk Gottes, ist Ninive ein ständiger Quell von Bedrohung und Gefahr. Tatsächlich hätte Jona seinem Volk einen Dienst erwiesen, wenn er Ninive NICHT Gelegenheit gegeben hätte, dem Untergang zu entgehen.

Wie geht es heutzutage denen, die es wagen, beispielsweise Palästinensern zum Überleben zu verhelfen statt sie mit in den sicheren Untergang zu treiben? Jona, der den Feinden der Israeliten den Fortgang ihrer Existenz ermöglichte, wäre in der aktuellen Politik des Staates Israel vielleicht nicht so gerne gelitten wie in unseren Predigten.

Aber auch der Gott der Jona-Geschichte ist bis heute nicht überall gern gelitten. Auch heute fragen sich manche, was sie mit einem Gott anfangen sollen, der ihren Erwartungen an Gerechtigkeit nicht entspricht. Auch heute wollen wir manchmal lieber Recht haben, als allen Menschen Gerechtigkeit zu verschaffen (Gerechtigkeit im Sinne von gerechter Verteilung von Ressourcen in einem gleichberechtigten Miteianander, nicht im Sinne von gerechter Strafe).

In der Jona-Geschichte wird deutlich, „wohin das führen“ kann, wenn Gott den (richtenden) Erwartungen ihrer Gläubigen nicht immer entspricht:

  • Die Männer auf dem Schiff erweisen sich als echte Helfer im Wirken Gottes. Ihre Einflüsse aus anderen Kulturen, Religionen und Traditionen sind dabei kein Hindernis, im Gegenteil: Da, wo sich all diese Menschen mit ihren unterschiedlichen Einflüssen zusammengetan haben, hat der jüdische Gott seine Botschaft an Jona vermitteln können. Weil wir glauben, dass sich genau dieser Gott in Jesus Christus offenbart hat, müsste das also auch für vielerlei Einflüse gelten, dir wir als Glaubende heute erleben. (Nicht nur auf dem Schiff, auch in der Jona-Geschichte selbst sind übrigens unterschiedliche Mythen zusammengeflossen.)
  • Lose werfen, ist das nicht „Aberglaube“ und gehört eher zu den Voodoo-Praktiken, die doch Gottes „gerechte Strafe“ hervorrufen? Auch das Losewerfen ist hier ein von Gott genutztes Mittel (genau so wie übrigens in der Apostelgeschichte im Neuen Testament).
  • Können übel gelaunte, beleidigte, rechthaberische, unreife Nölbacken wahre Mittler auf dem Weg zu Gottesoffenbarungen und Friede auf Erden sein? Jona ist es; trauen wir es auch Menschen in unseren Gemeinden zu!
  • Haben die irdischen „Vertreter/innen Gottes“ immer und mit allem Recht? Nein, wie Jona können sie an einem Punkt mal genau richtig liegen und an anderen voll daneben. (Wann was der Fall ist, wissen sie selber oft am wenigsten einzuschätzen.)
  • Jonas Predigt in Ninive hätte sicher manche Examensarbeit nicht bestanden. Fünf dahin geblaffte Worte, was soll das für eine Predigt sein! Kein Anspruch, kein Zuspruch, nur etwas vor den Kopf geknallt! Offenbar können auch „schlechte“ Predigten berühren… (Und die „besten“ Predigten wirkungslos bleiben…)
  • Sind die Botschafter Gottes auf Erden immer frei von Todeswünschen, Aufs & Abs, Depressionen, Zweifeln und Selbstverleugnung? Nein. Genau so wie in Jona kann in jeder Person, die so etwas durchmacht, eine wichtige Botschafterin Gottes stecken, die das Leben anderer grundlegend verändern kann.
  • Die Auslegungsgeschichte zum Jona-Buch ist vielfältig. Auch im „Hinblick auf die Wachstumsgeschichte von Jona 1-4 gibt es in der neueren Forschung keinen Konsens“ („Arbeitsbuch zum Alten Testament, Hans-Christoph Schmitt, S. 389) Kein Konsens! Warum sollte das, was für das Jona-Buch gilt, nicht auch für die Gottesbilder gelten, die wir darin erkennen können und bis heute verhandeln?
  • Sind Menschen, die nicht aktiv am Miteinander teilnehmen, weiter weg vom Wirken Gottes? Jona macht auch da, wo er sich zurückzieht und „nur“ beobachtet, wichtige Gotteserfahrungen. Gestehen wir das auch heute denjenigen zu, die nicht immer aktiv dabei sein wollen!

So viel von dem, was wir in der MCC Köln erleben, finden wir in der Jona-Geschichte. Jona hat seinen Platz in der Bibel, in der Heiligen Schrift, in dem Offenbarungsgeschehen eines Gottes, der gnädiger ist, als es ihre Anhängerinnen manchmal wahrhaben oder vertreten wollen. Was in der Bibel seinen Platz hat, weil es Gotteserfahrungen widerspiegelt und ermöglicht, das darf auch in der MCC seinen Platz haben – und Gotteserfahrungen widerspiegeln und ermöglichen.

Lasst uns in der Stille bekennen, was uns mit Jona verbindet:

  • Gibt es Verletzungen und Fehler, wo wir mehr auf gerechte Strafen ihrer Verursacher aus sind als auf Vergebung und Umkehr?
    (Stille)
  • Sind wir manchmal dermaßen um unseren Ruf besorgt, dass wir nicht zu uns stehen wollen und lieber verdrängen, wohin Gott uns und unsere Welt führen möchte?
    (Stille)
  • Sind unsere Beziehungen manchmal gestört, weil wir nicht aussprechen, was wir zu sagen haben, und andere zwar merken, dass etwas nicht stimmt, aber keine Lösung finden können, solange wir nicht herauskommen mit der Wahrheit?
    (Stille)
  • Gibt es unter uns Schwächen und Versagen, das wir noch nicht annehmen konnten?
    (Stille)
  • Bleiben wir uns und anderen manchmal Liebe schuldig, auch hier heute in unserer Mitte?
    (Stille)

Jesus Christus weiß um das alles und hat sein Leben dafür eingesetzt, dass auch wir das Leben in Fülle finden sollen. Jesus Christus hat dies getan als Offenbarung eines Gottes, die an uns glaubt, die uns Vergebung schenkt und Umkehr ermöglicht. Jesus Christus schenkt dir heute einen Neuanfang und nimmt dich mit auf einen Weg der Befreiung von allen Bindungen und Prägungen aus deiner Vergangenheit. In Jesus Christus finden wir Heil, Heilung und Heiligung. Sei gesegnet und finde Frieden in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

 

 

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