[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Auch „selbstverständlich“ Herabsetzendes darf unser Selbst-Verständnis nicht herabsetzen!

Predigt MCC Köln 6. Sept. 2015
Ines-Paul Baumann

Matthäus-Evangelium 5,38-42: Die Irrtümer von der zweiten Meile, dem letzten Hemd und dem Hinhalten der linken Backe

Sich selbst erniedrigen? Anderen das letzte Hemd geben müssen? Anderen dienen über die eigenen Kräfte hinaus? Wie oft wurden auch diese Worte Jesu dafür missbraucht, dass Christen unterwürfige Diener sein sollten, die stets über ihre Kräfte für andere da sein sollen. Als wären Selbstausbeutung und Aufopferung Kennzeichen wahrer Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen.

Die Menschen, die Jesus damals zuhörten, wussten ein paar Dinge, die wir auch wissen sollten, bevor wir unsere Schlüsse ziehen. Erst dann können wir die Worte Jesus so verstehen, wie sie damals verstanden wurden.

  • „Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halt ihm auch die linke hin.“
    Was hatten die Leute damals bei diesen Worten vor Augen? Schläge auf die rechte Backe erfolgten mit dem Handrücken (Rechtshändigsein vorausgesetzt). Diese Schläge waren nicht nur Ausdruck von Gewalt, sondern von Beleidigung und Erniedrigung. Auf die linke Wange geschlagen zu werden – nun also mit der Innenseite der Hand – war hingegen ein Schlag unter Seinesgleichen.Sich nach einem Schlag auf die rechte Wange wieder hinzustellen und dem Schläger ins Gesicht zu blicken, bedeutete also: Ich nehme deine Erniedrigung nicht an. Ich verweigere es, diese Erniedrigung zu übernehmen. Ich integriere diese Erniedrigung nicht in mein Selbstbild. Ich bin kein Mensch zweiter Klasse. Egal, wie du mich behandelst: In meinen Augen bin ich immer noch ein Mensch, der dir ebenbürtig und gleichwertig ist. Du wirst es nicht schaffen, deine Herabwürdigung in mich hineinzuprügeln.
  • „Wenn einer mit dir vor Gericht gehen will, um zu erreichen, dass er dein Hemd bekommt, dann lass ihm auch den Mantel.“
    Die jüdischen Regeln zum Umgang mit dem, was andere am Leib trugen, sind im Alten Testament an mehreren Stellen sehr deutlich dargelegt: Wenn du schon jemanden seinen Mantel nimmst, gib ihm ihn am Abend zurück. Die Menschen damals trugen oft nur zwei Kleidungsstücke: ihren Mantel und ihr Hemd. Ihr Mantel war zugleich ihre Decke für die Nacht. Hier geht es um das sprichwörtliche „letzte Hemd“, das jemand von dir haben will. Nun auch noch den Mantel auszuziehen, heißt: im wahrsten Sinne des Wortes nackt dazustehen. Vielleicht fordert der andere „nur“ sein Recht ein. Du schuldest ihm etwas, und „wo kämen wir hin“, wenn die Rechtssprechung in solchen Fällen die Gläubiger nicht schützt. Wenn dir also also jemand dein letztes Hemd ausziehen will und du dich dann direkt GANZ nackt hinstellst, zeigst du damit: Hier siehst du (und alle anderen) die Konsequenzen deines Umgangs mit mir, die Konsequenzen deiner Einstellung zu mir.„Du kannst nicht gewinnen; aber du kannst ihm zeigen, was er in Wirklichkeit tut. (…) Das ist genau das, was die Reichen, Mächtigen und Achtlosen tun. Sie reduzieren die Armen auf einen beschämenden Zustand.“ (N.T. Wright)
  • „Und wenn jemand von dir verlangt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.“
    Im Römischen Reich hatten die Soldaten das Recht, die Bürger dazu zu zwingen, ihre Sachen eine Meile weit für sie zu tragen. An allen Straßen befanden sind Meilensteine, um diese Abschnitte genau zu kennzeichnen. Denn genau nach einer Meile mussten die Bürger die Sachen wieder abstellen. Um all zu großen Unmut zu vermeiden, durften sie die Sachen nicht weiter tragen als genau diese eine Meile. Es war sogar unter Strafe gestellt, sie die Sachen noch eine zweite Meile tragen zu lassen.Einem römischen Soldaten anzubieten, seine Sachen eine zweite Meile weit zu tragen, brachte den Soldaten also in Schwierigkeiten. Dieses Angebot ist nicht nur ein Akt dienender Liebe – es ist ein ganz schön subversives Angebot! Lässt der Soldat sich darauf ein, verstößt er gegen Römisches Recht. Lässt er sich nicht darauf ein, muss ER dich davon freisprechen, ihm zu dienen.Beides sind Akte, die sein Selbstverständnis als Soldat des Römischen Reiches durcheinander bringen. Das ganze System von Dienen und Dienenlassen verliert sein Selbstverständnis. Es wird destabilisiert durch diesen kreativen Akt gewaltfreien Widerstands.

Mit diesen drei Punkten vor Augen kann niemand behaupten, dass mich die Jesu Worte zu einem Menschen machen wollen, der sich selbst erniedrigt, der anderen das letzte Hemd geben muss und anderen dienen muss über die eigenen Kräfte hinaus.

Diese Worte Jesu machen das Gegenteil aus mir:

  • Diese Worte Jesu ermutigen Menschen, ihre Selbstachtung zu behalten, egal wie andere sie behandeln.
    Was das für gesellschaftliche und politische Konsequenzen haben muss, liegt auf der Hand.Aber es gilt auch in Glaubensthemen: Troy Perry wurde abgesprochen, ein gleichwertiger Christ zu sein, weil er schwul war. Seiner Mutter wurde abgesprochen, ein gleichwertiger Christ zu sein, weil sie Lippenstift trug. Anstatt dieses Selbstverständnis für sich zu übernehmen, stellte er sich hin und gründete eine Kirche – eine Kirche, die nieals darüber richten sollte, welcher Mitmensch nun gleichwertig genug sein sollte und wer nicht. Auch damit machte Troy sich erneut angreifbar. Und die meisten Angriffe erfolgen immer noch mit der Rückseite der Hand. Es ist noch längst nich so weit, dass die MCC wenigstens als gleichwertige Kirche angegriffen wird. Aber wir schlagen nicht zurück. Wir stehen immer wieder auf und zeigen wieder unser Gesicht.
  • Diese Worte Jesu ermutigen Menschen, anderen die Konsequenzen ihres Tuns vor Augen zu führen, wenn sie meinen, bis aufs letzte Hemd Ansprüche an andere zu haben.
    Was das für gesellschaftliche und politische Konsequenzen haben muss, liegt auf der Hand.Aber es gilt auch in Glaubensthemen: Ich sehe zum Teil gerade in denen, die eigentlich nichts mehr mit Kirche zu tun haben wollen, beherzte Nachfolger dieser Aufforderung Jesu. Wenn Kirche meint, bis ins Persönlichste hinein ein Anrecht zu haben auf die Werten und Meinungen von Menschen, dann muss sie sich nicht wundern, wenn diese dann lieber „ganz ohne“ dastehen wollen – ganz ohne Kirche (Rückgang von Kirchenmitgliedern!), und manchmal auch ganz ohne Klamotten (wie die Femen-Aktivistin im Dom vor ein paar Jahren). Solche Aktionen sind Reaktionen darauf, wie sich Menschen von Kirche wahrgenommen und behandelt fühlen.Auch Magersucht (und Muskel-Kult) sind im weitesten Sinne Reaktionen auf reduzierende Sichtweisen… Sie entblößen nicht nur den eigenen Körper, sondern sie entblößen auch die Sichtweisen unserer Gesellschaft auf Körper…
  • Diese Worte Jesu ermutigen Menschen, Systeme durch gewaltfreien Widerstand durcheinander zu bringen.
    Was das in unserer gesellschaftlichen und politischen Landschaft für Konsequenzen haben kann, liegt nicht so einfach auf der Hand. Jesus stellt hier keine Handlungsanweisung aus. Das könnte er auch gar nicht: Solche Formen von subversivem und gewaltfreiem Widerstand funktionieren nur innerhalb ihrer jeweiligen Bezüge. Andere Systeme verlangen andere Piekser.Manchmal verstehen wir vielleicht auch nicht, warum Menschen ausgerechnet so handeln, wie sie handeln. Sich ausgerechnet dem römischen Soldaten anzudienen, mag verwunderlich und unlogisch und seltsam gewirkt haben. Verräter! Opfer! Schleimer! Streber! Aber innerhalb des Systems war es eine Form von Widerstand.
    Das gilt auch da, wo wir mit unseren Familien, unserem Glauben oder unseren Körperbildern zu kämpfen haben. Wir legen vielleicht manchmal Verhaltensweisen an den Tag, die unverständlich erscheinen. Aber oft liegt ihnen eine kreative, gewaltfreie Form von Widerstand zugrunde.Zum Beispiel wenn Frauen in der römisch-katholischen Kirche nicht nur in dem Rahmen dienen wollen, wie sie es derzeit tun dürfen, sondern sogar als Priesterinnen. Von außen wundern wir uns vielleicht, warum sie das wollen – wie können sie solchen Herren so dienen wollen! Aber es ist so ähnlich wie bei dem Bürger im Römischen Reich, der seltsamerweise ausgerechnet dem Soldat als Unterdrücker sein Dienst-Angebot unterbreitet. Die Kirche muss entweder ihre eigenen Regeln brechen, oder ihren Dienerinnen absprechen, ihnen mit Leib und Leben zu dienen. Die Selbstverständlichkeit des Systems ist jedenfalls gehörig dahin (zumindest für viele Außenstehende – aber auch das kann ein System auslaugen).

    Flüchtlinge aus dem Meer zu fischen und an Land zu bringen – der Kapitän der Cap Anamur hat sich damit strafbar gemacht. Die Nachrichten darüber in der Öffentlichkeit haben ein ausbeuterisches System in seiner schweigenden Selbstverständlichkeit gestört.

    Sperrmüll einsammeln, Containern, Pfandflaschen aus Mülleimern einsammeln. Ein Roma-Mädchen wurde von einer Frau dabei beobachtet, wie sie vor einem Einkaufs-Center in einen Papierkorb schaute und anschließend zu einem Lebensmitteldiscounter ging. Die Frau rief die Polizei, das Mädchen wurde solange festghalten, und es kam zu einem Verfahren. Der Kassenbon wies dann nicht mal einen Pfandvorgang auf. Aber hier wurden gleich mehrere absurde Selbstverständlichkeiten eines Systems störend sichtbar:
    – Was andere wegwerfen, dürfen Bedürftige nicht einsammeln?!
    – Manche Gruppen haben es eben immer noch mehr als andere verdient, ein Exempel statuieren zu bekommen?!
    – Und Kinder müssen genug Strafen zu spüren bekommen, damit sie verstehen lernen?!
    Gut, wenn solche Selbstverständlichkeiten gestört werden.

Vor ein paar Jahren war es selbstverständlich, dass eine Frau nicht Bundeskanzlerin sein kann, ein Homosexueller nicht Außenminister, ein Mensch aus Vietnam nicht Gesundsheitsminister und ein Rollifahrer nicht Finanzminister. Es galt mal als selbstverständlich, dass Frauen zu dumm sind zum Autofahren, in der Ehe vergewaltigt werden dürfen und kein Konto eröffnen dürfen ohne die Zustimmung ihres Mannes. Heute gilt es als selbstverständlich, dass junge Frauen aus armen Ländern ganz freiwillig als Sexarbeiterinnen nach Deutschland kommen, und dass Frauen erst dann Kinder gebären, wenn es in den Karriereplan ihres Arbeitgebers passt.

Manche meinen, es sei selbstverständlich, dass Ehe und Familie ausschließlich gegengeschlechtlichen Paaren offenstehen.
Dass Männer keine Röcke tragen dürfen.
Dass Frauen immer lächeln müssen.
Dass wir alle gesund und schlank sein wollen und nur genug dafür tun müssen.
Dass Europa sich mehr um den Schutz seiner Grenzen kümmert als um den Schutz von Menschen.
Dass diejenigen, die Menschen bei der Flucht helfen, illegaler sind als die ganzen Mechanismen, die Menschen dazu zwingen, das abseits der Legalität durchzuziehen.
Dass Menschen Land und Nahrungsmittel genommen werden, damit Firmen billig produzieren können.
Dass Fimen Saatgut herstellen, was nur ein Mal eine Riesenernte einfährt und nächstes Jahr neu gekauft werden muss, weil es mit Absicht unfruchtbar gemacht wurde.
Dass wir jeden Tag Fleisch zu essen haben.
Dass Wasser privatisiert wird.
Dass nicht gewählte Wirtschaftschefs darüber bestimmen, welche Gesetze die gewählte Regierung eines demokratischen Landes erlassen darf.
Dass Häuser leerstehen, weil das Gewinne bringt.

Es gibt noch so viel, was als selbstverständlich gilt.

Und dazu kommen die vielen Stimmen, dass es genau so selbstverständlich sei, dass wir nichts dagegen unternehmen können. Dass alles sinnlos sei. Dass wir als Einzelne doch eh nichts ändern können.

Jeder einzelne Mensch, der in Würde aufgestanden ist, ohne sich körperliche und seelische Gewalt zu eigen zu machen, bezeugt das Gegenteil

Jeder einzelne Mensch, der sich und anderen entblößt, welche entblößenden Konsequenzen ihre Denkweisen und Handlungen haben, bezeugt das Gegenteil.

Und jeder einzelne Mensch, der Selbstverständlickeiten untergräbt, bezeugt das Gegenteil.

Tu Dinge auf deine Weise.
Unterlass Dinge auf deine Weise.
Sei kreativ, lustig, unlogisch oder so mittellos wie andere dich machen – für alles davon kann gelten: „Zeig es ihnen.“

Jesus hat vorgelebt und dazu ermutigt, weder (Selbst-)Erniedrigung noch (Selbst-)Ausbeutung mitzumachen. „Geh hin und tue desgleichen.“ Überrasche dich und andere mit Gottes Liebe!

*~*

Gott, wir bitten für alle Menschen und Anteile in uns, denen Selbstausbeutung und Aufopferung immer noch als Gottesgehorsam beigebracht wurde. Wo wir es übernommen haben, dass du mit gebietenden Herrschern gleichgesetzt wirst, und die Gläubigen unterwürfige Untertanen sein sollen, die immer über ihre Kräfte dienen müssen. Gott, leite uns stattdessen in die Nachfolge Jesu. Er ist respektvoll und gewaltfrei mit anderen und mit sich umgegangen. Lehre uns, es ihm nachzutun! – Christus, erhöre uns.

Gott, wir bitten für alle Menschen und Anteile in uns, wo wir Menschen und Strukturen erlauben, über unsere Zeit und unsere Kräfte zu bestimmen. Wo wir Diener geworden sind von Systemen, die uns in Form von Statussymbolen und Markennamen im Griff haben. Wo die Armen und Hilfsbereiten als Störfaktor gelten und als Problem – anstatt dass wir die Probleme erkennen wollen, die Armut hervorrufen und Hilfsbereitschaft erfordern. Gott, lass uns stets auf unser Gewissen achten und immer wieder neue, kreative Formen des gewaltfreien Widerstands finden. Lass uns einander auch da unterstützen, wo uns die Strategien anderer auf den ersten Blick seltsam und unlogisch erscheinen mögen. – Christus, erhöre uns.

 

 

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