[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Als Elia alles hinschmeißen wollte.

Predigt MCC Köln, 10. August 2014
Ines-Paul Baumann

1. Könige 19,8-18 Elia am Berg Horeb
Mt 14,22-31 Petrus steigt aus dem Boot und sinkt

Maßloser Einsatz, maßlose Enttäuschung – oder mehr?

Das typische Bild vom stabilen Mitarbeiter sieht anders aus. Hatte Elia vielleicht ein massives Problem mit seiner Selbsteinschätzung? Mit einer psychischen Krankheit? Mit verinnerlichtem Leistungsdenken? Mit Stimmungsschwankungen? Mit Drogen?

Zuerst hatte er die Nase voll von seinem ganzen Leben und wollte nur noch sterben. Dann „stand er auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb.“. Dort verkroch er sich dann in einer Höhle, saß frustriert in der Dunkelheit und wollte alles hinschmeißen.

  • Manch eine/r würde bei so einem Verhalten vermuten, Elia könnte vielleicht manisch-depressiv sein.
  • Der Wechsel von „Ich habe leidenschaftlich alles für dich gegeben“ zu Paranoia und Angst erinnert manche auch an Erfahrungen mit Borderlinern.
  • Von Chrystal Meth gepushte Endlos-Technopartygäste mögen sich auch wundern, was Elia sich da eingeschmissen hat, um ganze 40 Tage und Nächte durchmachen zu können!
  • So manche/r hat mal mit Begeisterung in einem Beruf angefangen und findet sich Jahre später in einem Burn-Out wieder. (Stress am Arbeitsplatz ist übrigens reine Kopfsache, habe ich vorgestern im Radio gehört. Arbeitet an eurer inneren Einstellung und geht joggen, dann wird das wieder!)
  • Auch in der Gemeindearbeit gibt es die Erfahrung, dass eine/r mit Begeisterung etwas anfängt und später entnervt alles hinschmeißt.
  • Dass es verschiedene Phasen gibt, ist irgendwie immer wieder Teil des Lebens:
    Es gibt die Zeiten voller leidenschaftlichen Einsatzes, Anpacken, Energie und Vorankommen. Und dann gibt es andere Zeiten der Enttäuschung, Kraftlosigkeit, Bedrohung und Angst, in denen wir negative Bilanzen ziehen und uns ausmalen, was alles schief gehen kann.

Der Rückzug in die Höhle ist also ein vielfältiges Phänomen, und die Gründe dafür sind nicht eindeutig zu deuten.

Offenbar kennen auch die vorbildlichsten und fraglosesten Gottesleute wie der Prophet Elia so etwas.

Wie erlebt Elia Gott in dieser Situation? Was können wir als Betroffene oder Begleitende in so einer Situation machen (als Glaubende „im Sinne Gottes“, für uns selbst und füreinander)?

Freilich gibt es kein Rezept, das immer und für alle sinnvoll ist. Aber vielleicht können wir aus dem, was Elia in seiner Höhle erlebt, ein paar Impulse mitnehmen.

Die Höhle ist nicht die „verdiente“ Hölle

Wie Menschen ihre Höhlenerfahrungen interpretieren, hängt bei Glaubenden oft eng mit ihrem Gottesbild zusammen. Es sei hier also in aller Deutlichkeit gesagt:

  • Die Höhle ist nicht die „verdiente Strafe“, weil sie „alles falsch gemacht“ haben (oder sogar „eh falsch“ SIND). Das ist nicht die Gotteserfahrung, die Elia hier macht!
  • In der Höhle erfährt sich Elia NICHT als von Gott verlassen, auch wenn er das Gefühl hat, am Ende zu sein. Gott ist nicht nur dann da, wenn wir uns gut fühlen. Gott meint es nicht nur dann „gut mit mir“, wenn in meinem Leben alles gut läuft. (Und wenn alles schlecht läuft, hat Gott uns im Stich gelassen?! Das ist nicht die Gotteserfahrung, die Elia hier macht.)
  • Elia wird von Gott nicht fertig gemacht für seine Mutlosigkeit. „Mangelnder Glaube“ hat keine „negativen Konsequenzen“ von Gottes Seite aus. Das ist nicht die Gotteserfahrung, die Elia hier macht!

Wir beten nicht deswegen, weil Gott unwissend und vergesslich ist

Welche Gotteserfahrung macht Elia also stattdessen, als er sich in seiner Höhle von Gott wahrgenommen und angesprochen erfährt?

Bevor Elia irgendwas VON Gott erfährt, soll er VOR Gott aussprechen, was ihn beschäftigt. Das passiert sogar zwei Mal hintereinander. Elia antwortet beide Mal exakt dasselbe. Der Anlass für die Wiederholung des Gebets kann also nicht darin liegen, dass es etwa Neuigkeiten gegeben hätte.

Elia wird seine Antwort auch nicht deswegen wiederholt haben, weil Gott etwa so vergesslich wäre.

Hier zeigt sich etwas ganz Grundsätzliches über Gebet: Wir beten nicht deswegen, weil Gott sonst womöglich gar nicht wüsste, was Sache ist.
Was wir im Gebet aussprechen, bringen wir vor uns selbst zur Sprache. Wir beten, um es vor uns selbst zur Wahrnehmung zu bringen.

Die Frage an Elia hat nichts damit zu tun, dass Elia in seinem Gebet eine positive Zukunft visualisieren soll. An diesem Punkt geht es um eine ehrliche Wahrnehmung und Anerkennung der eigenen Situation.

„Mund abputzen und weitermachen“?

Elia soll aber nicht nur mit Worten beten, er soll auch was tun: Elia soll aufstehen und an den Rand zur Höhle gehen – da, wo er herkam. (Auf dem Weg aus der Höhle heraus passieren wir vielleicht so manches, was uns auf dem Weg in die Höhle hinein auch schon begegnet ist…)

Gott belässt Elia nicht im Nichtstun. Aber Elia soll nicht einfach „die Zähne zusammenbeißen und weitermachen“.

Gott erinnert ihn auch nicht daran, dass er seine Sache doch mal mit Begeisterung angefangen hat und doch einfach mal joggen gehen soll.

Sondern das erste, was Elia erlebt, bevor er wieder Aufgaben übernehmen soll, ist die Nähe und Gegenwart Gottes.

Ohne Gottvertrauen, aber mit Gottes Vertrauen

Besondere Probleme erfordern besondere Maßnahmen, heißt es so schön. Erfordern große dramatische Krisen auch große dramatische Vergewisserungen der Gottesnähe?

Unsere Event-Kultur scheint es manchmal darauf anzulegen. Rituale, Auszeiten und Feierlichkeiten können gar nicht ausgefallen genug sein.

Bei Elia allerdings entzieht Gott sich den Erwartungen nach dramatischen Offenbarungs-Ereignissen. Light-Show, Sound und sogar Körpererfahrung sind bestens in Szene gesetzt, aber „Gott war nicht im Feuer.“ „Gott war nicht im Sturm.“ „Gott war nicht im Erdbeben.“

Erst nach den Inszenierungen, erst als es stille wird, erst da wird Elia bewusst, dass Gott da ist. Elia erfährt, dass Gott da war und da ist
– in seinem Tun, in seiner Mut, in seiner Kraft
– und in seinem Nichtstun, seiner Angst, seinem Frust.

Der Berg war in der Antike bekannt als Ort besonderer Gottesgegenwart. Das mag uns heutzutage komisch erscheinen, aber mit diesem Wissen zeigt sich etwas in Bezug auf die Höhle: Die Höhle liegt mitten im Berg

Der Ort, an den sich Elia zurückzieht in der Dunkelheit, in dem Frust, in der Enttäuschung, ja mit seiner Wut und seinen Fragen an Gott – dieser Ort liegt inmitten der Gegenwart Gottes.

Elia zieht sich zurück ins Dunkle. Und ist umgeben von der Nähe Gottes.

Und nicht nur das: Genau hier, inmitten seines Frusts und seiner Angst, traut Gott ihm neue Aufgaben an. Vielleicht hat Elia kein Gottvertrauen mehr. Aber Gott hat Vertrauen in Elia.

Es gibt ein ähnliches Beispiel im Neuen Testament. Als Petrus das Boot verlässt, läuft er mitten im Sturm ein paar Schritte auf dem Wasser. Dann nimmt er die ganzen Gefahren wahr und beginnt zu sinken. Jesus streckt sofort seine Hand aus und ergreift ihn.

Dies ist eben nicht die typische Geschichte dafür, dass wir untergehen, wenn wir nicht genug Glauben haben. Diese Geschichte sagt ganz im Gegenteil: Auch wenn wir „nicht genug“ Glauben haben, ist Gott da. Gott ist DA.

Gott ist nicht deswegen da,
– weil Petrus‘ Glaube so groß ist,
– weil Petrus von sich selbst so überzeugt ist,
– weil Petrus alles gelingt
– oder weil Petrus sich plötzlich so gut oder stark fühlt und keine Angst mehr kennt.

Gott ist einfach DA. Ob in unseren Lebenswüsten, unseren Rückzugspunkten, unseren Dunkelheiten, wenn wir einbrechen und absinken: Gott ist DA. Wenn wir nur noch sehen, was alles schief gehen kann und welche Probleme uns überwältigen könnten – Gott ist DA.
Manchmal nur als kaum wahrnehmbare Gegenwart, manchmal als helfende Hand. Das reicht – wir brauchen keine großen Inszenierungen, Überzeugungen, Gefühle, Erkenntnisse, Übungen, Rituale oder Erlebnisse (die mögen alle gut und schön sein, sie sind nur nicht not-wendig).

Etwas moderner formuliert, gestaltet sich die Gotteserfahrung im Angesicht der Angst
1) in Achtsamkeit
2) und im Anpacken.
Und sowohl Elia als auch Petrus bekommen von Gott/Jesus Aufgaben anvertraut.

Konkret bezogen auf unser Gemeindeleben und unsere Glaubenserfahrungen:

1) Sind Menschen in der Höhle „fern von Gott“? Nein!

Unsere Höhle liegt inmitten der umfassenden Gegenwart Gottes.
Auch beim Sinken landen wir nicht in einem gott-verlassenen Abgrund.
Und die ganze Fülle des Segens entfaltet sich in den Menschen und Aufgaben, die im Miteinander mit unserer Umgebung auf uns warten (sie nicht ohne uns, wir nicht ohne sie).

2) Sind Menschen in der Höhle „untauglich für Aufgaben“? Nein!

Gott schickt den manisch-depressiven / frustriert-paranoid-verängstigten / verständlicherweise abgegessenen Elia, und durch sein Handeln wird Segen gestiftet.
Jesus schickt den zwischen Übermut und Untergehen schwankenden Petrus, und durch sein Handeln wird Segen gestiftet.
Und Gott schickt uns mit all unseren Stimmungsschwankungen, Gefühlsschwankungen und Einbrüchen – und durch unser Handeln wird Segen gestiftet.

 

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