Impuls MCC Köln, 2. November 2025
Ines-Paul Baumann
Matthäusevangelium 19,1-12 (Markusevangelium 10,2-12)
(Zum heutigen Trans Parent Day finde ich die Parallelstelle im Matthäusevangelium passender als den Ausgangstext im Markusevangelium.)
Heute möchte ich den Predigttext erst NACH der Predigt zur Lesung bringen. Wenn wir den Text OHNE einleitende Worte lesen, könnten eingebrannte Auslegungsmuster greifen, bevor wir zusammen über andere Ansätze nachdenken können.
Als Ausgangsperspektive möchte ich heute den Text selbst nehmen. Darin sind zwei wichtige Diskrepanzen zu erkennen:
- Die Auslegungen Bibelkundiger entsprechen nicht immer dem, wie Jesus diese Texte versteht und anwendet. (Mt 19,3ff: Umgang mit Frauen).
- Auch denjenigen, die Jesus nachfolgen, sprechen nicht immer für das, was Jesus will. (Mt 19,13ff: Umgang mit Kindern).
Manchmal gibt es eine Diskrepanz im Verständnis derjenigen, die Jesus nachfolgen wollen, zu dem, was Jesus selbst will.
(Was für beide Seiten übrigens nicht bedeutet, den gemeinsamen Weg aufzukündigen. Jesus schmeißt die Jünger mit der „falschen Meinung“ nicht raus. Und die Jünger hören nicht auf, Jesus nachzufolgen, nur weil sie hier etwas anders verstanden haben als Jesus selbst.)
Beides ist wichtig in Bezug auf den INHALT des heutigen Predigttextes: Weder Kenntnis der Bibel noch Nähe zu Jesus können „richtige Auslegungen“ im Sinne Jesu garantieren.
Der gemeinsame inhaltliche Strang bei Jesu Zugang zu beiden Themen (= Umgang mit Frauen, Umgang mit Kindern) ist sein machtkritischer Blick auf Ausschlussmechanismen.
Ausschlussmechanismen spielten eine wichtige Rolle bei der Gründung der MCC. Troy Perrys Mutter wurde vom Abendmahl ausgeschlossen, weil sie Lippenstift trug. Er selbst wurde ausgeschlossen, weil er schwul war. Es wurde offenkundig Zeit für eine Kirche, die NICHT ausschließt. (Und zwar nicht erst IRGENDWANN, wenn sich auf den Entscheidungspostionen oder in den Strukturen etwas dazu verändert haben würde. So lange würden nicht alle warten können. Sondern JETZT. HEUTE.)
Was NICHT heißt, dass alles egal und beliebig ist (genau wie im heutigen Predigttext).
Es gibt heute also ZWEI Ebenen im Text zu betrachten:
- WER kann sagen, was „stimmt“?
- Und WAS „stimmt“ denn nun inhaltlich?
Wenn weder Bibelkenntnis noch Nachfolge davor schützen, die Ansichten Jesu nicht in seinem Sinne abzubilden, gilt das natürlich auch für mich und den heutigen Impuls.
Ich möchte aber auch betonen: Es gilt auch für alle anderen Auslegungen, die ihr zu diesem Thema vielleicht bereits gehört (und vielleicht bereits verinnerlicht) habt.
Ich möchte also nochmal neu ansetzen, neu gucken, neu fragen, neu forschen.
Ein paar Eckpunkte dafür:
- Das Thema ist NICHT SCHEIDUNG an sich.
Betrachten wir den Kontext: Frauen ziehen mit Jesus nach Jerusalem. Was machen nun ihre Männer, die anderer Meinung sind? Jesus sieht es machtkritisch: Die Männer haben nicht das Recht, nur deswegen die Beziehung aufzukündigen, weil ihre Frauen einen anderen Weg gehen als sie selbst. Auch wenn es ihre Beziehungspartnerinnen zu anderen Personen oder Inhalten „hinzieht“ (im wahrsten Sinne des Wortes), ist das kein Grund, der anderen Person nicht mehr wohlwollend zur Seite zu stehen. - „EIN FLEISCH“ meint nicht, dass es rein um die körperliche Zeugung von Kindern geht: Von der Schöpfungsgeschichte ist hier eine Verwandtschaft ausgesagt, die in gegenseitiger GEMEINSCHAFT gründet. Basis ist ein beidseitiges Commitment zueinander.
- Die Ergänzung Jesu im anschließenden Gespräch mit den Jüngern im Haus macht deutlich:
- Dieses Commitment gilt UNABHÄNGIG VOM GESCHLECHT (Markus 10).
- Bei Mt führt das Gespräch im Haus sogar zu einer Ausweitung des Bezugs auf Geschlechter über Mann ODER Frau hinaus („Eunuchen“).
(Herzlichen Gruß an dieser Stelle an den Trans Parent Day!)
Zusätzlich wird der Entwurf der heterosexuellen Ehe als einzige legitime Lebensform für alle Menschen verworfen.
- „VON GOTT VEREINT“: Wenn es Ehen gibt, die von Gott vereint sind, gibt es auch andere, die nicht (mehr) von Gott vereint sind. Es bedeutet also eben NICHT, dass das für JEDE Beziehung IMMER der Fall ist.
Im Gegenteil: Wenn die (oben erwähnte) beidseitige Unterstützung nicht (mehr) gegeben ist, ist es im Sinne Gottes keine Ehe/Gemeinschaft mehr.
Nicht-konsensuelle sexuelle Aktivitäten sind hierfür nur EIN Beispiel. Das „Ziehen“ der Partnerinnen nicht zu unterstützen bzw. die Konsequenz dieses Ziehens nicht abzuwarten (sondern als Anlass zu nutzen, um sich gemäß Mose scheiden zu lassen), gehört auch dazu. Damit gilt auch umgekehrt: Was auch immer in beiderseitigen Wissen und Einvernehmen geschieht, bricht diese Gemeinschaft eben NICHT auf. - Eine Beziehung gemeinsam und solidarisch zu beenden widerspricht NICHT dem beiderseitigen Gemeinschaftsprinzip. Anders ist das mit Heimlichtuerei, und seien sie gedanklicher Art; HIER fängt der Bruch mit dem Gemeinschaftsprinzip an.
Die Bibelkundigen versuchen, die Bibel auf der Basis von Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexualität und Patriarchat in einem Sinne auszulegen, der auf Kosten der gesellschaftlich Benachteiligten geht.
Jesus aber legt andere Maßstäbe für Gemeinschaft an (sowohl bezüglich der ungleichen Positionen von Geschlechtern als auch in Bezug auf mögliche Lebensformen, in denen Gemeinschaft gelebt werden kann):
1Nachdem Jesus diese Rede beendet hatte, verließ er Galiläa und ging ins Gebiet von Judäa jenseits des Jordan. 2Eine große Menschenmenge folgte ihm, und er heilte sie dort. 3Einige Pharisäer und Pharisäerinnen kamen zu ihm und stellten ihn auf die Probe: »Darf ein Mann seine Frau wegen jeder beliebigen Ursache ziehen lassen?« 4Er antwortete: »Habt ihr nicht gelesen: Am Anfang, bei der Schöpfung, hat Gott sie männlich und weiblich gemacht? 5Und Gott sagte: Deshalb wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und sich mit seiner Frau verbinden, und die zwei werden als °Gemeinschaft zusammengehören. 6Deshalb sind sie nicht mehr zwei, sondern eine Gemeinschaft. Was Gott zusammengefügt hat, sollen Menschen nicht zerreißen.« 7Sie sagen zu ihm: »Warum hat Mose dann angeordnet, der Frau einen Scheidebrief zu geben und sie gehen zu lassen?« 8Er antwortete ihnen: »Mose hat euch wegen der Härte eurer Herzen erlaubt, eure Frauen gehen zu lassen; doch von Anfang an war es nicht so. 9Ich sage euch: Wer seine Frau gehen(681) lässt, außer wegen unverantwortlicher sexueller Beziehungen, und eine andere heiratet, der bricht die Ehe.« 10Seine Jüngerinnen und Jünger sagen zu ihm: »Wenn es so steht mit den Beziehungen zwischen Männern und Frauen, dann ist es überhaupt nicht gut, zu heiraten.« 11Er antwortete: »Nicht alle fassen dieses °Wort, nur die, denen es gegeben wird. 12Es gibt Eunuchen, die so aus der Mutter Leib geboren sind, es gibt andere Eunuchen, die sind von den Menschen dazu gemacht worden, und es gibt weiterhin Eunuchen, die sich selbst wegen der °Nähe Gottes dazu gemacht haben. Wer fähig ist zu verstehen, soll verstehen.«
13Danach brachten Leute Kinder zu ihm, damit er ihnen die Hände auflege und bete. Die Jüngerinnen und Jünger jedoch machten ihnen Vorwürfe. 14Doch Jesus sagte: »Lasst die Kinder in Frieden und hindert sie nicht daran, zu mir zu kommen, denn solchen gehört die °gerechte Welt Gottes.« 15Und er legte ihnen die Hände auf. Von dort zog er weiter.Matthäusevangelium 19,1-15
Bibel in gerechter Sprache
https://www.bibel-in-gerechter-sprache.de/die-bibel/bigs-online/?Mt/19/1-15/
Das gemeinsame Thema beider Diskussionen ist also:
- Wo Machtverhältnisse zu Ungunsten der Schwächeren ausgelegt werden, geht Jesus nicht mit.
- Auch dann nicht, wo diejenigen, die solche Machtverhältnisse abrufen und verfestigen, gut Bibelstellen zitieren können oder Jesus nachfolgen.
- Dass es Diskrepanzen gibt zwischen dem, was Jesus meint, und dem, was bibelkundige oder jesusbezogene Menschen meinen, gehört dazu. Das diskreditiert weder Jesus noch seine Anhänger_innen. Wer Bibeltexte aber nur einsetzt, um Machtverhältnisse zu verfestigen oder Personengruppen zu benachteiligen oder auszuschließen, redet jedenfalls NICHT im Sinne Jesu.
Wie schön, dass die MCC in all diesen Aspekten Raum gibt für Fragen, Suchbewegungen, Perspektivenvielfalt, Meinungswechsel und Annäherungen.
