Predigt MCC Köln, 7. Dezember 2025
Elke Böhnke
Gott schien sich nicht mehr an sein Wort zu halten. Alle Gebete nützten nichts. Im Gegenteil. Wo sich ein kleiner Lichtblick im Tunnel der Hoffnungslosigkeit auftat, entpuppte sich dieser plötzlich als herannahender D-Zug. Mit anderen Worten: Alles wurde schlimmer.
„Mit dem Gedanken, dass Gott Gebete erhört, kann ich nichts mehr anfangen.“
Der Schmerz ist noch immer sichtbar. Vor einigen Jahren starb Martinas Mutter an Krebs. Das vertrauensvolle Gebet um Heilung konnte oder wollte Gott nicht erhören. Noch immer füllen sich Martinas Augen mit Tränen. Der Verlust ist zweifach. Die Mutter starb elendig und mit ihr ein liebender, gütiger und vertrauensvoller Gott.
Das war der schleichende Anfang vom Ende. Gebetsaufrufe in der Gemeinde um Heilung, Bewahrung, gutes Wetter und gute Noten, um richtige Entscheidungen in schwierigen Lebenssituationen empfand Martina immer mehr als eine Farce.
Irgendwie war Gott für alles zuständig und doch nicht wirklich vertrauenswürdig. Zwei Antworten darauf hatte Martina immer wieder gehört:
„Gott ist kein Automat“ und die zweite war auch nicht wirklich hilfreich: „Gottes Wille geschehe, aber nicht mein Wille.“
Aber war es Gottes Wille, dass Martinas Mutter so jung starb? Gehörte es zu Gottes Plan, dass Corona in die Welt kam und vielen Menschen die Luft zum Atmen nahm?
Vorschnelle Antworten, religiös untermauert, belegt mit den vermeintlich richtigen Bibelzitaten wirkten nur verstörend.
Unerhört beten. Das kennen wir alle. Wir oft haben wir schon gebetet in der Hoffnung auf Gottes Zusagen. Aber Kranke wurden nicht gesund. Es gab auch keine neue Arbeitsstelle. Die Einsamkeit wohnt noch immer mit in den vier Wänden und die Beziehung zum Partner ist auch nicht besser geworden.
Manchmal scheint es gerade so, dass die dringlichsten Gebete an der großen Pinnwand im Himmel unbeachtet heften bleiben.
Das macht etwas mit uns. Enttäuschung, Wut oder Resignation stellen sich ein. Wir geraten ins Schlingern. Dass Menschen uns enttäuschen, ist schon schwer genug zu verkraften. Dass wir uns aber auf den nicht verlassen können, der doch ständig unser Vertrauen einfordert, bringt unser Glaubenssystem zum Wanken.
In Psalm 28 drückt David das so aus:
„Zu dir, Herr, rufe ich.
Mein Fels, stell dich nicht taub!
Wenn du nämlich mir gegenüber schweigst,
dann gleich ich den Menschen,
die ins Grab hinabmüssen.“
„Stell dich nicht taub.“ Ein verzweifelter Ruf Davids.
Wir sind nicht die ersten, die Gottes Schweigen erleben und auch nicht die letzten. Doch davon erzählen wir seltener. Das Schweigen Gottes verschweigen wir lieber. Vielleicht stimmt ja etwas mit uns nicht. Es muss schließlich Gründe geben, warum Gott es vorzieht, nicht zu reagieren.
Je nach dem in welchen christlichen Kreisen wir uns bewegen, sind die Antworten auch schnell da:
- zu wenig gebetet
- unerkannte nicht benannte Sünde
- zu klein der Glaube
- Gott hat einen anderen Plan
sind nur einige Erklärungen.
Da wendet sich jemand in einer Lebenskrise an Gott, weiß nicht weiter, fühlt sich hilflos, ist verzweifelt, vielleicht auch voller Angst. Und dann kommen die vermeintlichen Gründe, warum Gott schweigt. Dem Verzweifelten wird die Schuld zugeschoben. An Gott kann es ja nicht liegen, als muss es an dem Beter liegen.
Gut gemeinte Ratschläge sind auch Schläge und stoßen den anderen in eine noch größere Krise. Jetzt muss der Beter auch noch schauen, wo und wie er versagt hat. So versagt, dass Gott die Hilfe verweigert. Das ist unbarmherzig, lieblos und sieht den anderen nicht in seiner Verzweiflung.
Hiob hat es so erlebt. Da entgleitet ihm sein Leben. Nichts ist plötzlich mehr wie es war. Katastrophen, Krankheit und Tod – alles bricht über ihn herein.
Er ist am Ende. Schlimmer geht es nimmer. Der liebe Gott hat ausgedient. Die wunderbare Theologie „mit Gott wird alles gut“, entpuppt sich als religiöses Wolkenkuckucksheim. An der Wirklichkeit, wie Hiob sie gerade erlebt, zerschmettern alle frommen Gottesbilder.
In seiner Trauer, seinem Schmerz, seinem unsagbaren Kummer besuchen ihn seine Freunde. Sie setzen sich zu Hiob. Weinen mit ihm. Schweigen mit ihm. Sieben Tage lang.
Aber dann gehen die Überlegungen los: Hiob muss gesündigt haben, sonst wäre so ein Unglück nicht über ihn gekommen. Sie interpretieren es als Strafe Gottes.
Diese Erklärungen sind nicht hilfreich. Anstatt die eigenen Glaubens- und Lebensweisheiten zu hinterfragen, versuchen sie vehement Hiobs Leid zu erklären, in dem sie Hiob die Schuld zuschieben.
Die Freunde irren nicht nur. Sie verschlimmern damit auch Hiobs Situation. An einer späteren Stelle im Buch Hiob macht Gott das auch sehr deutlich.
Diese drei Freunde taugen so gar nicht als geistliche Begleiter, als echte Tröster.
Es war ein Freitagmittag. Das weiß ich noch wie heute, auch wenn es schon einige Zeit her ist. Das Leben war schwer geworden. Sehr schwer geworden. Irgendwie war alles aus den Fugen geraten. Ich sagte Gott all meinen Kummer. Zum einen wollte ich verstehen und ein wenig Hilfe wäre auch nicht schlecht gewesen. Mein Gebet beendete ich mit den verzweifelten Worten: „Was soll ich dir eigentlich sagen? Um was soll ich dich bitten? Du machst doch eh, was du willst.“
Danach setzte ich mich an den Schreibtisch, öffnete meinen Computer und schaute mir auf Facebook etwas an. Ich bin mit einigen Naturfotografen verbunden. So sehe ich am häufigsten Natur- und Tieraufnahmen. Doch zwischen den Bildern erschien ein besonderer Text, den ich niemandem zuordnen konnte. Da stand nur:
„Heute für dich, Psalm 66 Vers 20!“
Das machte mich neugierig. Das musste ich sofort nachlesen:
„Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“
„Der mein Gebet nicht verwirft.“ Das hatte mich tief berührt.
Gott hatte zugehört. Es änderte nichts an meiner Lebenssituation. Aber das Gesehen werden, das Gehört werden, Gottes: Ich bin da – tat so unsagbar gut!
Trost verbessert nicht die Umstände. Aber es kann Leid lindern, ermutigen und Hoffnung ins Leben tragen. Trost ist wie Seelenfutter auf einem schweren Weg.
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, sagt Gott in Jesaja 66.
Das Wort Trost kommt aus dem indogermanischen und bedeutet „innere Festigkeit“. Um das Leben mit allen seinen Anforderungen zu bewältigen, brauchen wir eine innere Festigkeit.
Eine Beziehung, die in die Brüche ging, ein geplatzter Traum, plötzliche Arbeitslosigkeit, Krankheit, der Verlust eines nahen Menschen, Einsamkeit, finanzielle Not – unser Leben ist nur bedingt planbar, Brüche gehören dazu.
Wenn die äußere Festigkeit Risse bekommt, brauchen wir jemanden, der uns stärkt und ermutigt. Wunderbar, wenn Menschen uns dann zur Seite stehen. Nicht mit klugen Worten, sondern mit liebevoller Zuneigung:
Ein Blick, ein Wort, eine Berührung oder gar eine heiße Suppe – alles das kann trösten und zum Leben des anderen dienen.
Wunderbar, wenn Gott uns dann zur Seite steht. Vielleicht durch einen Menschen, vielleicht erleben wir das aber auch in der Stille, wenn wir ganz alleine sind.
Gebet ist Verbindung. Gebet ist Sein vor Gott. Und ich darf Gott alle meine
Zweifel, meine Trauer, meine Wut, meinen Schmerz bringen und zugleich ruhen in dem Wissen, dass ich vollkommen von ihm oder ihr angenommen und geliebt bin.
„Das Schönste am Gebet ist die Nähe Gottes“ singt Martin Pepper in einem Lied. Ich mag das sehr.
Vor drei Jahren war ich in Dänemark unterwegs. In einem Dorf sah ich eine kleine Kirche. Als ich die Tür zum Innenraum öffnete, war es, als ob Gott sagte: „Ich habe schon auf dich gewartet. Ich bin da.“
Fast vierzehn Tage besuchte ich diesen Ort. Es gab viel zu sagen. Es gab viel zu schweigen.
„Seid still und erkennt, dass ich Gott bin“, steht in Psalm 46.
Das hebräische Wort für „still“ bedeutet so viel wie sinken, entspannen, loslassen.
Ich darf in dem Wissen loslassen, dass ich von Gott getragen bin.
Gott lässt sich nicht in die Karten schauen. Es gibt auch keine Formel für erhörtes Gebet. Vieles ist und bleibt ein Geheimnis. Machen wir uns nichts vor: Es gibt Lebensgeschichten, die gehen nicht gut aus. Da findet unser Vertrauen keine Belohnung.
Die mitunter schmerzliche Diskrepanz zwischen den wunderbaren Verheißungen Gottes und dem gelebten Alltag müssen wir aushalten. In diesem Spannungsfeld verändern sich unser Glaube, unsere Gottesbilder und unsere Beziehung zu Gott immer wieder.
In den dunklen Zeiten unseres Lebens brauchen wir keine klugen Ratschläge sondern eher ein Mitfühlen, Mitweinen, eine Umarmung.
Und das können wir Gott genauso sagen: Ich brauche dich so sehr. Kannst du mir begegnen? Und vielleicht geschieht dann etwas Erstaunliches, Großes, Unerhörtes!
Rechnen wir mit Gottes Gegenwart. Gott kennt uns und teilt unsere menschlichen Nöte und Krisen. Er fühlt mit allem mit, was uns das Leben abverlangt. Gott ist uns auch dann nahe, wenn das Wunder ausbleibt. Nöte und Ängste, auch die Niederlagen unseres Lebens werden nicht das letzte Wort haben. Manchmal ist das schwer zu glauben, aber es gibt eine Zusage Gottes durch Jesus Christus uns niemals alleine zu lassen: „Ich bin bei euch alle Tage…“
Oder wie Dorothee Sölle es ausdrückt: „Am Ende der Suche und der Frage nach Gott steht keine Antwort, sondern eine Umarmung.“
Diese Umarmung wünsche ich uns allen!
Amen
