Impuls MCC Köln, 15. Februar 2026
Ines-Paul Baumann
Markusevangelium 8,22-24.31-38
„Rom“, das steht hier für die Dominanz eines ungerechten Systems von Unterdrückung, Gewalt und Zerstörung – und all dies geduldet und getragen von der Mehrheitsgesellschaft. Wer hier „(…) auch nur für Indifferenz plädiert, der betreibt die Sache Roms, hat sich also auf die Seite des ‚Satans‘ gestellt“, schreibt Andreas Bedenbender zu dieser Situation.
(Andreas Bedenbender: „Frohe Botschaft am Abgrund – Das Markusevangelium und der Jüdische Krieg“ https://www.eva-leipzig.de/de/frohe-botschaft-am-abgrund-e-book)
Wer sich gegen dieses System „Rom“ stellte, musste damit rechnen, dafür ans Kreuz genagelt zu werden. „Kreuzigungen waren Demonstrationen imperialer Macht, die abschrecken sollten. Sie trafen gezielt Versklavte oder Menschen, die als politische Aufrührer im System wahrgenommen wurden. (…) Kreuzigungen setzten die Betroffenen gezielt in ihrem sozialen und geschlechterbezogenen Status herab.“ (https://fama.ch/artikel/2026-1-held-am-kreuz/)
Das Kreuz war die Spitze der Ausgrenzung aus der Mehrheitsgesellschaft. Das Kreuz war die sichtbarste und vernichtendste Form des Ausschlusses.
Die Vorstellung, dass Jesus leiden und getötet werden soll, gefällt Petrus gar nicht. Er verwehrt sich dagegen, gerade WEIL er so überzeugt ist von dem, was Jesus sagt und tut.
Bedenbender schlägt vor, den Dialog zwischen Petrus und Jesus im Lichte der vorher geschilderten „zweischrittigen“ Blindenheilung zu lesen. Jesu’ erster Versuch, dem Blinden zum Sehen zu verhelfen, endet damit, dass der jetzt zwar sieht – aber er sieht nicht richtig. Er sieht nicht deutlich, nicht scharf. Er sieht die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes falsch.
Und so gesehen (um im Bild zu bleiben) lässt sich auch Petrus hier verstehen als jemand, der die Dinge nicht richtig sieht. „Erkenntnis und Irrtum mischen sich bei ihm so stark, dass kaum zu sagen ist, was von beidem überwiegt.“ (S. 266) Für Jesus bedeutet das: „Wenn er sich verständlich machen will, beißt er nirgends stärker auf Granit als bei den engsten Vertrauten. Petrus: der Fels!“ (S. 267)
Bedenbender sieht hier „ein Modell, wie sich das Petrusbekenntnis jenseits der Alternative ‚richtiges oder falsches Bekenntnis?‘ einordnen lässt. (S. 266)
Mir ist noch eindrücklich in Erinnerung, wie ich vor 30 Jahren im Frauenbuchladen vor einem Buch zu feministischer Theologie stand. Ich war so vehement abwehrend wie Petrus in unserem Text. Heute gehört feministische Theologie zu den Grundwerten, zu den „Felsen“ meines Glaubens. Aus heutiger Sicht habe ich damals „völlig falsch gesehen“.
Und genau so wie bei Petrus – der ja später wirklich zu den tragenden Säulen christlicher Glaubensfiguren gehörte – habe ich erlebt, dass Meinungsänderungen Teil von Glaubenswegen sein können. Zumindest SOLLTEN sie es sein können, anstatt dass nur „das richtige Bekenntnis“ gegen „falsche Bekenntnisse“ steht, also „richtiger Glaube“ gegen „Unglauben“, und dass alle „falsch Glaubenden“ aus der Gemeinde ausgeschlossen werden müssen.
Jesus jedenfalls ist den Weg mit Petrus weitergegangen, auch wenn dieser die Dinge mit seiner Einschätzung hier völlig falsch sah. In der Sache war Jesus kompromisslos, hat sich klar abgegrenzt. Aber diese Abgrenzung galt dem INHALT von Petrus Aussage bezogen auf den Weg Jesu, nicht Petrus selbst.
Ich bewundere Jesus für diese inhaltliche Klarheit und für die deutliche Ansprache – gerade bei einer Stimme aus dem nächsten Umfeld. Mögen wir auch in unseren Gemeinden Abgrenzung und „Nein“ sagen üben können.
Ich verstehe aber auch, dass Petrus Angst hat angesichts des Drucks, den die Normativitäten der Macht- und Mehrheitsgesellschaft aufbauen. Mir begegnen solche Ängste öfter, zum Beispiel bei Eltern von queeren Kindern: „Ich persönlich habe ja nichts dagegen, aber ich habe Angst, dass es mein Kind damit schwerer haben wird!“ Und dann steht die Sorge, dass ein Outing Benachteiligungen mit sich bringen könnte, gegen den Wunsch, zu sich stehen zu können. Auch bei queeren Kindern und Jugendlichen selbst sind solche Sorgen groß vor dem äußeren Outing (https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/aktuelles/alle-meldungen/erste-bundesweite-studie-erschienen-coming-out-und-dann–90012).
Hier sind wir wieder beim Kreuz als höchstem sichtbaren Zeichen des Ausschlusses, als Spitze der Ausgrenzung. „Ich nehme mein Kreuz auf mich“ hieß bei Jesus ja nicht, dass er ständig leidend und gequält durch’s Leben lief und dass jeder Anflug von Lebensfreude verdächtig war. Für ihn hieß „sein Kreuz auf sich nehmen“: „Ich nehme die Konsequenzen auf mich, die eine ungerechte, machtverkorkste Mehrheitsgesellschaft mir dafür auferlegen wird, dass ich bin, wer ich bin – dass ich mich nicht anpasse, nicht unterordne, nicht verstelle, nicht verleugne. Jeder Gedanke daran verbietet sich.“
„Mein Kreuz auf mich nehmen“ heißt bei Jesus also: Trotz der erwartbaren und bereits spürbaren Verurteilung und Diskriminierung gehe ich meinen Weg. Die Nachteile und Benachteiligungen sind mir bewusst, aber sie dürfen nicht die Oberhand haben.
Dass es um das Motiv der Selbstverleugnung geht, bestätigt der letzte Abschnitt des gelesenen Textes. Aus der Zuwendung, mit dem Jesus auch den sich sorgenden Petrus weiter solidarisch begleitet, spricht freilich mehr Verständnis für dessen Sorgen als aus diesen Zeilen. Vielleicht schäme ich mich dafür, wer ich bin, angesichts der herrschenden Mächte und Normativitäten (s. toxische Männlichkeit in dem oben verlinkten Artikel), aber G*tt verspricht auch hier, an der Seite derer zu stehen, die zu sich stehen. Aus Jesu’ Umgang mit Petrus lässt sich eben sehen: Jesus steht für ein*e G*tt, die auch an der Seite derer steht, die angesichts der herrschenden Muster vielleicht gerade zögern und deren Bekenntnis eben noch NICHT „vollkommen“ und „richtig“ ist.
Mögen wir in der MCC beide Aspekte erleben und mitgestalten!
