22. Februar 2026: Erster Sonntag der Fastenzeit
Rev. Elder Rich Hendricks
Genesis 2,15-17 & Matthäus 4,1-11
Vorbemerkung von Ines-Paul Baumann:
Einer der häufigsten Fehler beim Bibellesen ist: Wir verstehen Stellen, die uns solidarisch schützen, als Stellen, die uns hinterfragen und kritisieren.
Der folgende Text entfaltet seine volle Botschaft im Kontext der aktuellen Situation in den USA (denkt einfach an Trump, Zuckerberg, Thiel, Musk, …), aber auch Iran, Russland etc: Männer (!) mehren ihre Macht und ihren Reichtum, ohne Rücksicht auf jegliche Maßstäbe von gut und böse. Die Menschenrechte von Frauen und von queeren Menschen sind ihnen ebenso egal wie soziale Gerechtigkeit angesichts von Armut und Diskriminierung. Und ausgerechnet „christliche“ Kreise geben ihnen Rückendeckung; vom „Wohlstandsevangelium“ bis zur „Natürlichkeit von heterosexueller Zweigeschlechtlichkeit“ bis zur Prüderie.
Rich Hendrocks bedient sich im Folgenden zum einen der Wortwahl solcher Christen („Gott der Herr“…) und schreibt damit einen scheinbar ganz harmlosen Text.
Zum anderen gerät dieser Text genau damit aber zu einer massiven Kritik und einem bissigen Widerspruch gegenüber einer Welt, in denen die Kombination aus Kapitalismus, Machtmissbrauch und Patriarchat keine Maßstäbe von gut und böse mehr kennt:
Die Geschichten in Genesis und Matthäus handeln von so viel mehr als nur dem, was in ihnen geschieht, sondern auch davon, was danach geschieht und welche Botschaften sie uns heute noch vermitteln.
Hier ist meine Nacherzählung der Geschichte von der Frucht im Garten, in der Eva eindeutig die Heldin ist:
Gott der HERR setzte Adam und Eva in den Garten Eden, damit sie ihn verantwortungsvoll bewirtschaften und bewahren. Und Gott der HERR gebot ihnen beiden: „Esst, aber nicht von der Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse, sonst werdet ihr sterben.“ Der Mann: OK. Eva rollt mit den Augen, hält aber den Mund.
Später sagt die listige Schlange zu der Frau: „Was hat Gott darüber gesagt, dass ihr diese Frucht hier nicht essen sollt?“ Eva antwortet der Schlange: „Ja, ich habe darüber nachgedacht. Da ist dieser Baum, den Gott mitten in unseren Garten gepflanzt hat und von dem er gesagt hat, dass wir nicht davon essen dürfen, sonst sterben wir. Meine erste Frage: Was ist der Tod? Und zweitens: Warum hat er diesen Baum überhaupt hier gepflanzt und uns dann all diese verrückten Dinge gesagt?
Und die Schlange – oder vielleicht war es auch nur Evas inneres Wissen – sagte: „Ihr werdet nicht sterben, sondern eure Augen werden geöffnet werden; tatsächlich werdet ihr Gut und Böse erkennen, genau wie Gott!“
Also isst diese kluge Frau davon, und da sie gütig ist und nicht will, dass Adam so ein Trottel bleibt, gibt sie ihm auch etwas davon – und Adam sagt OK, mampf mampf!
Und die patriarchalische Sittenpolizei fügt hinzu, dass nicht nur ihre Augen geöffnet wurden, sondern dass ihre Nacktheit irgendwie beschämend war.
Hat Eva sich nicht Gott widersetzt um der Ethik willen? Das ist es doch, was die Erkenntnis von Gut und Böse ausmacht. Sollten wir uns nicht auch den Vorstellungen anderer darüber, wer Gott ist und was Gott will, widersetzen, wenn diese unseren eigenen Lebenserfahrungen zuwiderlaufen?
Und es gibt kein Zurück. In keiner Auslegung der Heiligen Schrift ist es denkbar, dass die Vision Jesu von Gottes Reich beinhaltet, dass wir alle wieder in einen Zustand seliger Unwissenheit über die Erkenntnis von Gut und Böse zurückversetzt werden.
Stattdessen zeigt uns Jesus, indem er der Versuchung widersteht, wie wir richtig mit dem Wissen um Gut und Böse umgehen können. Der Teufel flüstert dir ins Ohr, dass es einen schnellen Weg gibt, an Brot zu kommen – liefer einfach diese Drogen für mich aus, und du bekommst so viel Brot, wie du willst. Jesus lehrt uns, dass die richtige Antwort lautet, dass es wichtiger ist, das Richtige zu tun, als alles Geld der Welt, das uns angeboten wird.
Und der Teufel wird noch dreister und sagt: Du bist unbesiegbar! Du kannst tun, was du willst, und dir passiert nichts, egal wie du andere behandelst, denn du bist Gottes Auserwählter und die Regeln gelten nicht für dich. Jesus lehrt uns, keine Angeber:innen zu werden und nicht zu versuchen, Gottes Gunst uns gegenüber auf die Probe zu stellen, wer auch immer wir sind.
Schließlich flüstert uns der Teufel ins Ohr: Sieh dir all diese weltliche Macht und diesen Reichtum an, sie gehören dir … für den Preis deiner Seele. Und Jesus ermahnt uns, Gott anzubeten, nicht das Geld, nicht die Macht, sondern einfach in einer richtigen Beziehung zu einem Gott zu stehen, der dich liebt, so wie du bist und so, wie du wirst.
Wenn wir dem Weg Jesu folgen, verlässt uns der Teufel. Und Gott schickt Engel zu dir, die sich um dich kümmern.
Rev. Elder Rich Hendricks
