Impuls MCC Köln, 1. Februar 2026
Ines-Paul Baumann
2. Kor. 4,6-10 & Mt 17,1-9
CN: Angesichts von Queerfeindlichkeit, Rassismus, Antifeminismus und sexualisierter Gewalt rückt die Stimmungslage, die Paulus beschreibt, besonders nah:
„von allen Seiten bedrängt“, „uns ist bange“, „wir leiden Verfolgung“, „wir werden unterdrückt“…
Was trägt meine Kirche zu solchen Erfahrungen vielleicht sogar bei? Was setzt mein Glaubensleben dem aber auch entgegen?
Wenn wir den heutigen Text des Evangeliums aus der Perspektive des Korintherbriefs lesen, fällt etwas ins Auge. Ausgangspunkt ist die Feststellung von Paulus, dass wir einen „Schatz in irdenen (vergänglichen) Gefäßen“ herumtragen (2. Kor 4,7):
- Mit „Schatz“ ist gemeint, „dass wir das °Leuchten der Gegenwart Gottes im Angesicht des °Messias Jesus erkennen“. So formuliert es die Bibel in gerechter Sprache.
Oder laut Einheitsübersetzung: „damit aufstrahlt die Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi“.
Genau dies soll auch mit der „Verklärung“ ausgesagt werden, wie sie in den Evangelien beschrieben wird: Beim Blick auf Jesus Christus erkennen wir etwas von der Gegenwart Gottes in unserer Gegenwart. - Mit den „irdenen Gefäßen“ meint Paulus, WO diese Erkenntnis stattfindet, nämlich (erstmal ausgehend von ihm selbst): IN ihm selbst; in seinem irdischen, körperlichen Dasein. Innerhalb seines eigenen Denkens, Fühlens und Handelns. Es geht um eine persönliche, innere Erfahrung.
Die Szene mit der „Verklärung“ unterstreicht das: Diese Erkenntnis lässt sich nicht externalisieren und nicht institutionalisieren.
Petrus möchte sofort drei Hütten bauen und die Erfahrung damit an Orte und Gebäude binden. Genau das ist aber nicht mit diesem Erkenntnis-Moment verbunden! Insgesamt unterstreicht das Neue Testament: Es geht nicht um bestimmte Techniken, es geht nicht um bestimmte Methoden, und es geht nicht um bestimmte Schritte auf einem bestimmten Weg in einer bestimmten Abfolge. Der Zugang zum „Schatz in irdenen Gefäßen“ lässt sich nicht veräußerlichen.
Träger des Schatzes sind nicht Orte oder Gebäude, sondern Träger*innen sind wir Menschen – in und mit all unserer Menschlichkeit.
Paulus macht deutlich,dass dies auch unseren Umgang mit Umständen mit einbezieht:
Wir sind eben nicht nur dann Träger*innen des Schatzes, wenn die Umstände „stimmen“ – z. B. bei einem Retreat, einem Meditationswochenende, einem Empowerment-Workshop oder sonstigen Events, die uns vielleicht eher fühlen lassen als andere, dass wir einen Schatz in uns tragen.
Paulus nennt hierfür beispielhaft Situationen, die (nicht nur) queere Menschen leider oft genug kennen:
- „von allen Seiten bedrängt“
- „uns ist bange“
- „wir leiden Verfolgung“
- „wir werden unterdrückt“
- …
Aktuell beschreibt das durchaus wieder zunehmend die Stimmungslage vieler Menschen.
Auch bei der Gründung der MCC im Jahre 1968 war so eine Stimmungslage maßgeblich.
Ebenso war es bei den Stonewall Riots 1969, an die wir jedes Jahr bei den CSDs erinnern.
Das Besondere daran, dass auch Paulus diese Stimmungslage darstellt, ist: Paulus schreibt hier eigentlich gerade eine Art Bewerbungsschreiben für sich als Leiter.
In welchem Bewerbungsschreiben gilt „mir ist bange“ als Pluspunkt für eine Leitungsposition? Als Qualitätsmerkmal? Als Unterstreichung dafür, um andere davon zu überzeugen: „Ich bin die richtige Person“?
Letzten Sonntag erst lasen wir von dem römischen Hauptmann Kornelius, den Paulus in dessen Zuhause besucht (Apostelgeschichte 10,21-24). Bei Paulus’ Ankunft wirft sich Kornelius vor Paulus nieder. Und Paulus reagiert mit: „Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch!“ Daraufhin unterhalten sie sich ganz normal, und erst dann tritt Paulus als Prediger auf.
Diese Szene unterstreicht, dass (zumindest der früh überlieferte) Paulus die Erkenntnis des Schatzes nicht an äußere Begebenheiten binden will: nicht an Hierarchien, nicht an Posten, nicht an Titel! Und auch hier: nicht an „besondere“ Orte oder an „besondere“ Gebäude. Er bittet Kornelius nicht an besondere Orte oder in besondere Gebäude, sondern er besucht Kornelius in dessen Zuhause. In dessen Alltag.
Das „WIR“ derer, die den Schatz in irdenen Gefäßen tragen, ist insofern durchaus auch auf UNS übertragbar. Das WIR bezieht UNS mit ein, mit UNSEREN Bedrängnissen und Erfahrungen. Die inneren Prozesse vor unseren Hintergründen sind wichtiger als die Hintergründe an sich. Gemeinschaft statt Hierarchie, Miteinander statt Posten, eigene Verortung statt Orte, innere Räume statt Gebäude. So bleibt dann auch der Schatz … der Schatz selbst.
Um so wichtiger wird das, was Paulus angesichts seines Erlebens beschreibt als Konsequenz des Schatzes, den er in sich trägt: Höre mal in dich. Und frage dich:
Erlebe ich meinen Glauben, meine Kirche, meine Gemeinde als Quelle dafür…
- … mich nicht zu ängstigen?
- … nicht zu verzagen?
- … mich nicht verlassen zu fühlen?
- … in den Umständen nicht umzukommen?
- … mich nicht im Stich gelassen zu fühlen
- … Raum zu haben?
