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„Hm, irgendwie sind hier nicht wirklich viele Leute, die so sind wie ich.“ Warum das nicht automatisch zu Verunsicherung oder Verurteilungen führen muss.

Impuls MCC Köln, 21. September 2025
Ines-Paul Baumann

Lukasevangelium 17,11-19 („Reinheitsgebote“)

Es ist so unauffällig, dass es fast unbemerkt bleibt: Jesus handelt in dem heutigen Predigttext gar nicht gegen die Reinheitsgebote des Alten Testaments!

Bei anderen Heilungsgeschichten Jesus verletzt immer wieder die Reinheitsgebote des Alten Testaments. Seien es Berührungen mit Leprakranken oder mit der Frau mit Blutfluss: Jesus hat offenbar keine Scheu, die Gebote zu übertreten.
Andererseits ist Reinheit auch für Jesus immer wieder Thema, und in manchem scheint er es noch ernster zu meinen als die verhaltensorientierten Gebote der Überlieferung.

Ich lese gerade ein Buch, das sich in einem Kapitel genau diesem Thema widmet, und möchte euch kurz ein paar Gedanken des Autors dazu vorstellen (James V. Brownson: „Bible, Gender, Sexuality – Reframing the Church’s Debate on Same-Sex Relationships“).
(Ich teile nicht alle Gedanken des Autors, aber das ist ein anderes Thema.)

Ich glaube nämlich, dass wir hier durchaus etwas mitnehmen können, was wir längst machen, aber mit den folgenden Zusammenhängen besser verstehen, erklären und anwenden können.

Im Neuen Testament ändert sich der Umgang mit den überlieferten Reinheitsgeboten.

1) Die persönliche innere Einstellung wird entscheidender als das Befolgen äußerer Verhaltensregeln.

– Bsp Ehebruch: Laut Jesus fängt Ehebruch nicht erst bei der Umsetzung, sondern bei der inneren Erlaubnis zur fantasierten Vorstellung davon an.
– Bsp Opferfleisch: Eigentlich können alle Opferfleisch essen, Paulus sieht hier überhaupt kein Problem – außer, die essende Person selbst hält es für ein Problem: dann soll sie es besser nicht essen.
– Bsp Frömmigkeit: Wer sich damit brüstet und so betet, dass es vor allem alle sehen, wird dafür kritisiert; Gebet solle lieber im „stillen Kämmerlein“ stattfinden.

2) Die Richtung der „Kontamination“ dreht sich um. Aus der defensiven Schutzstrategie wird ein berührungsfreudiges Interesse am Kontakt.

Bei der Berührung mit Unreinen wird nicht Jesus unrein, sondern die Unreinen werden rein: Aussätzige werden geheilt; die Frau mit dem Blutfluss bekommt Anteil am Evangelium, …

In der Folge geht es im Neuen Testament nicht mehr darum, sich zu separieren und abzugrenzen und sich fernzuhalten von unreinen Dingen oder Menschen (also sich defensiv zu schützen), sondern sich mit Zuversicht anderen Menschen und Kulturen zuzuwenden (s. Teppich mit den unreinen Tieren: Heidenmission).

3) Als inhaltliche Ausrichtung dient nicht mehr die Ordnung der alten Schöpfungsgeschichte, sondern die Auflösung trennender Kategorien in der neuen Schöpfung in Christus.

Bei den alten Reinheitsgeboten war noch die alte Schöpfungsordnung mit ihren Trennungen maßgeblich: Entweder/oder, aber nicht beides! Landtier ODER Wassertier. Kleidung darf nicht aus zwei verschiedenen Stoffen gewebt sein. Die Einheit der Hautoberfläche darf nicht durch Tätowierungen unterbrochen sein.

Paulus hingegen blickt auf eine neue Schöpfung mit „weder Mann noch Frau, weder Sklave noch Freier, weder Jude noch Grieche“ – und ohne diese Grenzen können viele alte Reinheitsgebote nicht mehr funktionieren.

Mit der Öffnung hin zu Neuem, Unbekanntem, Unerwartbarem wird die alte Schöpfung vollendet, aber auch verändert und transformiert. Wohin genau, ist eben nicht immer klar.

Das hat Konsequenzen im Neuen Testament:

Bei Paulus und in den Briefen finden sich zwar weiterhin viele Stellen, in denen es um Reinheit und Unreinheit geht. Darin geht es aber selten (so wie früher) um klare Verhaltensregeln, eindeutige Kriterien und äußere Handlungsanweisungen. Stattdessen
a) spricht Paulus die Heiden explizit von manchen Reinheitsgeboten frei,
b) und die eigenen inneren Haltungen werden betont.

Was hat das mit der MCC Köln zu tun?

Immer wieder erlebe ich, dass es Menschen irritiert, dass bei uns so wenige „Verhaltensregeln“ gelten.

In der MCC findet ihr z.B. vielerlei Wege, wie Menschen ihr Beziehungsleben gestalten. Manche sind monogam verheiratet (mit einem Menschen eines anderen oder desselben Geschlechts wie ihr eigenes), manche sind asexuell, manche leben in einer offenen Beziehung, manche lieben zu dritt, manche gehen in schwule Saunen, andere würde das im Leben nicht tun.

Anstatt nun einander dafür zu verurteilen, finden wir auch hier „als Gemeinschaft zusammen, basierend auf der Liebe Gottes für alle Menschen“ (wie es das Glaubensbekenntnis der MCC formuliert).

Es geht nicht darum, dass wir alle den gleichen Lebensstil haben müssen.

Was aber zählt:
1) Ich kann meinen Lebensstil mit meinem Glauben vereinbaren.
(Ein schwuler Mann erzählte mal, wie erleichternd es war, als er sich endlich gestattete, als Christ die Sauna zu besuchen, und er seitdem vor dem Saunabesuch betet und wie damit alles nochmal viel schöner ist.)
2) Wir verurteilen einander nicht, solange wir die Gründe und innere Haltung der anderen nicht kennen.
(Und sogar da, wo ich mich schwer tue mit dem Lebensstil anderer, gilt ja wie im Neuen Testament: der Umgang mit anderen macht mich ja nicht unrein.)

In unserer Mitgliedschaftsvereinbarung ist es so formuliert:
(…) dass „ich mein Leben nach Gottes Willen (wie ich ihn verstehe) ausrichte und mich bemühe, moralisch reife und vertretbare Entscheidungen zum Wohle aller zu treffen“.

Hier finden wir genau alle drei Bewegungen des Neuen Testaments:
– Maßstab sind nicht äußere Verhaltensregeln, sondern das eigene Verständnis
– Prinzipien, deren Ordnung auf Geschlechtern, Abhängigkeitsverhältnissen oder Glaubenszugehörigkeiten beruht, sind keine Anhaltspunkte für Maßstäbe
– die Ausrichtung geht auf ein Leben „zum Wohle aller“, wie auch immer diese neue Schöpfung aussehen mag.

Das haben wir formuliert lange vor diesem Impuls. Seit Jahren stehe ich zu dieser Formulierung. Aber vor dem Hintergrund, wie der Autor die beschriebenen Entwicklungen in der Bibel darstellt, kann ich noch besser begründen, WARUM ich zu diesem Ansatz stehe :)

Der Autor weist darauf hin, dass es bei Reinheitsgeboten nicht nur um Kopfsachen geht. Sie berühren eine Ebene in uns, die mithilfe von Ekel und Abscheu Gemeinschaften herstellt. Die Reinheitsgebote im Alten Testament zeigen, um welche Themen es dabei bis heute oft geht:
Essen,
Kleidung,
Körper,
soziale Rollen und
unsere Beziehungen.

Auf all diesen Gebieten können wir verschieden sein in unseren eigenen Verständnissen und im Umgang mit den Verständnissen anderer.
Für dieses Durcheinander, diese Unsicherheit, diese vielleicht manchmal Verunsicherung brauchen wir uns aber nicht zu verstecken. Genau das ist ganz neutestamentlich, und in diesem neutestamentlichen Sinne weht darin der Heilige Geist.

Vielleicht guckst dich manchmal um in der MCC und denkst: „Hm, irgendwie sind hier nicht wirklich viele Leute, die so sind wie ich.“ Dann bist du vielleicht genau der Farbtupfer, den eine andere Person braucht, damit ihr Glaubensleben in irgendeinem Aspekt bunter werden kann.

 

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