Impuls MCC Köln, 7. September 2025
Ines-Paul Baumann
Markusevangelium 7,31-37
Auffällig finde ich vor allem, was Jesus in dem ganzen Prozess NICHT sagt:
– Jesus sagt an keinem Punkt: „Du bist geheilt.“
– Jesus sagt an keinem Punkt: „Deine Schuld ist dir vergeben.“
Offenbar gab es hier keine Krankheit zu heilen und keine Schuld zu vergeben.
Dies war mein erster Impuls beim Lesen des Textes. Ich mache das transparent, weil ich diese ersten Impulse immer wichtig finde für meine weitere Reflexion: Inwieweit zeigt sich darin meine Perspektive auf den Text? Oder auch meine Voreingenommenheit? Mit welcher Prägung gehe ich an den Text heran? Und ich welchem Kontext berührt er mich?
In diesem Fall war das relativ eindeutig: Ich lese den Text ganz offenbar vor dem Hintergrund meiner aktuellen Lohnarbeit. Was in der Begegnung Jesu mit dem gelähmten Menschen passiert, hat mich sofort an manche Prozesse im Rahmen psycho-sozialer Beratungen erinnert:
31Aus der Gegend der Hafenstadt Tyrus kommend ging Jesus durch Sidon an den See von Galiläa mitten in das Gebiet der zehn Städte, der Dekapolis. 32Da brachten sie ihm einen Menschen, der taub war und nur mit Mühe sprechen konnte. Sie baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. 33Jesus nahm ihn beiseite, weg von der Menschenmenge, drückte seine Finger in seine Ohren und berührte seine Zunge mit Spucke. 34Dann schaute er in den Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: »Ephata«, das heißt: »Öffne dich!« 35Sofort wurden ihm die Ohren geöffnet, die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete verständlich. 36Jesus gab ihnen die Anweisung, niemandem davon zu erzählen. Aber je öfter er ihnen dies befahl, umso mehr verkündigten sie es. 37Überwältigt sprachen sie: »Gut hat er alles gemacht. Die Tauben verwandelt er in Hörende und Stumme in Sprechende.«
https://www.bibel-in-gerechter-sprache.de/die-bibel/bigs-online/?Mk/7/31-37/
Zweiter Schritt meiner Predigtvorbereitung ist immer der Abgleich mit anderen Impulsen, Theorien, Forschungsergebnissen und theologischen Ansätzen. Und siehe da:
Eugen Drewermann (ui, der war in meinen früheren Gemeinden ein ähnliches Schreckgespenst wie feministische Theologie!) sah hier auch schon in Gleichzeitigkeit verdichtet, was er sonst als typisch für einen zeitlichen Verlauf in der Psychotherapie aufführte:
- Menschen „abseits nehmen“ (= unabhängiger machen von den Urteilen anderer; s.a. Ohren zuhalten…);
- die Person dann hinführen zur Selbstfindung;
- Blick in den Himmel (= eintauchen in Sphäre der Güte und Geborgenheit);
- und (erst!) ganz am Ende ist es möglich, den Schritt zu gehen, sich zu öffnen („Tu dich auf“);
- und Worte für sich zu finden und zu äußern, wer ich bin, was ich brauche, mich verständlich machen („die Fessel seiner Zunge löste sich“, „er redete verständlich“ #
Eugen Drewermann: „Tiefenpsychologie und Exegese“, Band II, Walter-Verlag 1991, S. 242
Der Prozess erinnert mich tatsächlich an psycho-sozialen Beratungen:
- Menschen sind manchmal wie gelähmt: wie erstarrt in einem heteronormativem Umfeld, z.B. in Homo-/Trans-/Bifeindlichkeit (oft dann auch verinnerlicht, insbesondere in religiösen Kreisen).
- Diese Situation ist oft verbunden mit einer hohen Sprachlosigkeit für sich selbst. Es kann helfen, dann erstmal Abstand zu ermöglichen zu den verurteilenden Stimmen, sich dafür quasi „die Ohren zuzuhalten (warum sollte Jesus einem tauben Menschen sonst „seine Finger in seine Ohren“ drücken?!).
- Wichtig ist dann zu gucken, was sie brauchen, damit sich „ihre Zunge lösen“ kann. Wir arbeiten dafür nicht mit Spucke; aber das Angebot hat dasselbe Ziel. Wir bieten dafür Raum, Zeit, Aufmerksamkeit, Bildtafeln, Familienbrett und andere Interventionen.
- Im nächsten Schritt ist es möglich, die eigene Situation neu einzuordnen („in den Himmel schauen“): andere Perspektiven zu ermöglichen, ein anderes Verständnis für die Situation und die Dynamiken aufzubauen. Rosa von Praunheims prägnantes Zitat hat hier schon viele befreit: „Nicht der Schwule ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt!“
- Wie schön, dass Jesus „seufzt“! Manchmal gehört auch einfach dazu, das Leid mit anzuerkennen, auszuhalten und als berechtigt und verstanden zu artikulieren.
- Und DANN, ganz am Ende, können Menschen damit vielleicht zu sich finden, sich öffnen für sich selbst, sich annehmen und verstehen,
- und damit dann auch eine Sprache finden für sich selbst.
Wie gesagt, Ausgangspunkt für das Ganze war das, was Jesus in dem ganzen Prozess NICHT sagt:
– Jesus sagt an keinem Punkt: „Du bist geheilt.“
– Und er sagt an keinem Punkt: „Deine Schuld ist dir vergeben.“
Offenbar gab es hier keine Krankheit zu heilen und keine Schuld zu vergeben.
Hier ging es darum, dass ein Mensch sich dafür öffnen kann, er selbst zu sein.
In religiösen Kreisen war und ist es manchmal immer noch umgekehrt: Menschen möchten zu sich selbst stehen, z. B. auch zu ihrer (a-)sexuellen Orientierung oder ihrer geschlechtlichen Identität… und dann sollen sie einsehen, dass sie damit entweder „krank“ oder „sündig“ sind.
Ich glaube, für Menschen, die mit Diskriminierung, Herabsetzung, Ausschluss und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit konfrontiert waren oder sind, ist das nicht unbedingt der angemessene Weg.
Jesus zeigt hier einen anderen Weg – ohne „du bist geheilt“ und ohne „deine Schuld ist dir vergeben“.
Sondern „einfach nur“ mit:
Geh mal auf Abstand zu dem, was andere sagen;
stelle einen neuen Bezug her zu dir selbst und zu den Einordnungen anderer;
erkenne an, was dir angetan wurde;
und dann öffne dich: zuerst für dich selbst;
und dann fang an, für dich einzutreten und dich zu zeigen.
Was mich daran so berührt: Ich erlebe das nicht nur im rubicon. Sondern auch in der MCC sehe ich immer wieder, wie Menschen diesen Weg gehen – und sich langsam (Schritt für Schritt, irgendwann und immer wieder neu) öffnen können… lernen, sich zu zeigen… eine Sprache finden, Worte finden, Ausdrucksmöglichkeiten finden… und damit Räume gestalten, in denen das dann auch wieder für weitere Menschen möglich wird: neu in Beziehung zu gehen mit sich selbst, miteinander und mit G*tt.
Blessing
Creator God
We seek your blessing as we are a people always becoming always unfolding through faith.
We come as a people unfinished and open
We don’t have all the answers but we long to live in your way with love, with courage and humility.
Bless each one of us and keep us tender when the world hardens.
Bless each one of us to stay honest when power tempts.
Bless each one of us to be generous when fear tries to narrow our hearts.
Bless our life journey as we open ourselves to you may we ok grow and learn to follow your example in the world .
Amen
Pastor Rev. Kai Millar – (They/Them)
Northern Lights Metropolitan Christian Church (MCC)
