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Jeremias „inneres Coming-Out“? (Wenn du das nächste Mal denkst, du bist „nicht genug“, mögest du dann Gott erleben als Stärkung und Stütze!)

Impuls MCC Köln, 17. August 2025
Ines-Paul Baumann

Jeremia 1,1-9

Vorweg, meine These heute ist: Der Text meint NICHT, dass wir alle Propheten werden sollen wie Jeremia. G*tt spricht in der Bibel in zu vielen unterschiedlichen Situationen zu viele unterschiedliche Menschen mit zu unterschiedlichen Berufungen an, als dass wir JEDE dieser Berufungen als eine inhaltliche Wegweisung für uns selbst verstehen sollten. Mich beschäftigt vielmehr die innere Dynamik der Gottesbeziehung, die Jeremia hier erfährt.

Anlass für mein Interesse an dem Text ist eine Studie „zur Lebenssituation von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und jungen Erwachsenen“ („Coming-out – und dann…?!“, © 2015 Deutsches Jugendinstitut e. V., gefördert vom Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; s. https://www.dji.de/).

In dieser Studie wurde unter anderem gefragt, wie alt die Beteiligten waren, als sie sich ihrer geschlechtlichen Identität bewusst wurden. Und 27,9 % der Beteiligten antworteten mit: „ich wusste es schon immer“. Keine andere Antwort wurde so oft geäußert:

Als Jeremia bewusst wird, dass Gott ihn eigentlich schon im Mutterleib zum Propheten bestimmt hat, habe ich mich gefragt, ob sich das so ähnlich angefühlt hat. Was genau beschreibt Jeremia mit dieser Formulierung? Ist das vielleicht ein ähnliches „ich wusste es schon immer“ wie in der Studie? Etwas, das so klar ist, dass es einem nie bewusst klar werden musste? Etwas so selbstverständliches, so dazugehörendes, so gesetztes, dass es einfach immer da war?

Die Abwehrreaktion Jeremias, als dieses Wissen sich nun in der Wirklichkeit ereignen soll, scheint erstmal in krassem Widerspruch dazu zu stehen. Allerdings widerspricht Jeremia nicht seiner Identität als Prophet. Sein Widersprechen ist das Resultat davon, dass er vergleicht – und dass er für dieses Vergleichen gesellschaftliche Konventionen heranzieht: „Ich bin zu jung! Ich kann nicht gut reden!“
Vielleicht hatte Jeremia unter „Propheten“ Menschen vor Augen, die alt und erfahren waren und beeindruckende rhetorische Fähigkeiten hatten. Und im Vergleich mit ihnen muss Jeremia feststellen: So bin ich nicht.

Ich persönlich „wusste schon immer“, dass ich keine Frau und kein Mann bin. Aber im Vergleich zu den gesellschaftlichen Konventionen zu Transsexualität aus den 80er Jahren fand ich keinen Raum für eine Identität abseits der binären Geschlechter. Ich war nicht mal „transsexuell“ genug. Aber Maßstab dafür waren eben gesellschaftliche Konventionen, nicht mein inneres Wissen. An meinem inneren Wissen habe ich nicht gezweifelt – daran, ob das „genug“ für irgendwas war, schon.

Ähnlich war es auf meinem Weg zum Pastor. Auch da wusste ich es irgendwann. Es war ganz klar. Und doch habe ich beim Test zu meinen Geistesgaben ein paar Antworten gefälscht, um dem Ergebnis aus dem Weg zu gehen. Ich fühlte mich „nicht genug“ – sobald ich mich mit anderen verglich.

Vielleicht geht es Jeremia hier ähnlich. Sein inneres Wissen steht im Widerspruch zu den gesellschaftlichen Konventionen, dieses Wissen Wirklichkeit werden zu lassen.

Interessant ist die Mischung, in der Jeremia sich in diesem Vergleich als „nicht genug“ erlebt:
– Das eine („zu jung“) lässt sich nicht ändern. Dafür kann er quasi nichts; das ist jetzt nun mal so. Auch Gott dürfte diese „Info“ nicht überrascht haben.
– Das andere („kann nicht reden“) ließe sich ja ändern. Gott müsste nur sagen: „Weiß ich, Jeremia. Geh hin und mache eine rhetorische Fortbildung.“ Macht Gott aber nicht. Gott sagt: „Ich lege meine Worte in deinen Mund.“ Das wäre eigentlich die passende Antwort, wenn Jeremia gesagt hätte: „Aber Gott, ich weiß doch gar nicht, was ich sagen soll.“ Ich weiß nicht, ob rhetorisches und inhaltliches Redenkönnen hier absichtlich voneinander abgekoppelt werden.

Aber ich glaube, dass die Abkopplung des eigenen Lebensweges vom Vergleichen mit gesellschaftlichen Konventionen nicht ohne Grund ein wiederkehrendes Motiv in den biblischen Geschichten ist (und zwar auf beiden Ebenen: sowohl in Bezug auf körperliche Voraussetzungen in einer aktuellen Lebensphase, als auch in Bezug auf die Art und Weise, wie Dinge „üblicherweise“ gehandhabt werden).

Ich erlebe in meinen Seelsorge- und Beratungsgesprächen immer wieder ähnliche Ambivalenzen bei denen, die ich begleiten darf:
Auf der einen Seite gibt es ein inneres Wissen. Dieses Wissen ist oft so selbstverständlich, dass es gar nicht bewusst als Wissen wahrgenommen wird. „Das war schon immer so“, „das kenne ich gar nicht anders“, „da habe ich nie drüber nachgedacht“, diese Form von Wissen.
Und auf der anderen Seite gibt es ein Vergleichen, das mit einem „nicht-genug“-Gefühl endet.
Im Ergebnis steht das Vergleichen der Verwirklichung des eigenen inneren Wissens dann oft im Wege.

Jeremia hat Gott in dieser Situation als Stärkung und als Stütze erlebt.
Und wurde damit ein Teil von Gottes Geschichte in unserer Welt.

Der Weg, der für Jeremia damit anfing, war nicht immer einfach; es brachte ihn in Schwierigkeiten und sein Leben hätte wahrlich bequemer verlaufen können. Aber es war SEIN Weg. Es war der Weg, auf dem er GOTT erfahren hat als Leitung und Begleitung. Es war der Weg, in dem sein inneres Wissen sich verwirklichte im konkreten Hier und Jetzt.
(Deswegen finde ich die Verse 1-3 so wichtig, die in der Lesung heute eigentlich gar nicht vorgesehen waren: Es geht hier nicht um abstrakte, unendliche, von konkreten Umständen losgelöste Weisheiten oder Einsichten. Es geht um Entscheidungen und Schritte inmitten einer konkreten Umgebung, in einer konkreten Lebensrealität. Wie sagte die TX Köln immer: „Das Leben ist draußen.“)

Wenn du das nächste Mal denkst, du bist „nicht genug“, mögest auch du Gott erleben als Stärkung und Stütze.
Wir freuen uns über dich als Teil von Gottes Geschichte in unserer Welt!
Mögen also auch wir als Gottesdienstgemeinschaft dir Stärkung und Stütze sein.

Nachtrag

Im Nachgespräch zum Gottesdienst gab es Widerspruch zu meiner Überlegung, der Verweis auf ein Wissen „schon von Mutterleib an“ könnte sich auf ein inneres Wissen Jeremias beziehen. Der Text sei eher so zu verstehen, dass (nur) Gott von dieser Anlage Jeremias „schon immer wusste“; Jeremia hätte bis jetzt nicht davon ahnen können. Das mag sein! Für die theologische Auslegung des Textes, dass in Jeremias Leben etwas „von Anfang an angelegt“ war, für dessen Verwirklichung das Vergleichen mit anderen nicht wirklich hilfreich ist, macht das aus meiner Sicht keinen so großen Unterschied. So oder so zeichnet Jeremia hier ein Gottesbild, das ihn im Vergleichen stärkt und ihm damit zur Verwirklichung seines Weges (im Sinne einer von Gott gestifteten Anlage) verhilft.

 

 

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