Impuls MCC Köln, 13. Juli 2025
Ines-Paul Baumann
Lukas 6,36-42 & Römer 12,17-21
Awareness-Konzepte im heutigen Sinne gab es natürlich noch nicht, als die Texte des Neuen Testaments verfasst wurden. Aber sind Texte wie die Bergpredigt oder Ausschnitte aus den Briefen inhaltlich so weit weg davon entfernt?
Fangen wir von vorne an: Was meint der Begriff „Awareness“?
„Awareness bezeichnet das Bewusstsein und die Aufmerksamkeit für Situationen, in denen die Grenzen anderer überschritten werden oder wurden.
Alle Formen von Diskriminierung und (sexualisierter) Gewalt können dabei eine Rolle spielen, es geht aber auch um Sensibilität für das Wohlbefinden einer Person.
Awarenessarbeit zielt darauf ab, dass sich alle Menschen unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Hautfarbe, Herkunft, Aussehen und körperlichen Fähigkeiten möglichst wohl, frei und sicher fühlen können.“
Hier ein Beispiel für eine Umsetzung; in diesem Falle geht es um Veranstaltungen wie Konzerte, Parties etc:
Unsere Awareness-Regeln
Diese gelten für alle – egal ob Gast, Mitarbeiter:in, Veranstalter:in oder Superstar.
- Respektiere die Grenzen anderer Menschen.
- Akzeptiere Menschen, die anders sind als du. Vielfalt macht das Leben spannend.
- Toleriere keine Form von Diskriminierung, Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Ableism oder Ageism.
- Achte auf eindeutige Signale deiner Mitmenschen.
- Handle und sprich nur mit Menschen, die einverstanden sind.
- Wende dich an unsere Mitarbeiter:innen, wenn du dich unwohl oder belästigt fühlst.
- Wende dich an unsere Mitarbeiter:innen, wenn du übergriffiges Verhalten wahrnimmst.
Anklänge an die Satzung und Geschäftsordnung der MCC Köln sind unverkennbar:
„Der Zweck der Gemeinde ist die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus an alle Menschen ohne sexistische, rassistische oder andere Vorbehalte“
„Im Wissen um eigene Grenzen und Fehler auch bei besten Absichten sind gegenseitiger Respekt, wechselseitige Akzeptanz und die Bereitschaft, einander zu vergeben, die Grundlagen des Verhaltens in der Gemeinde.
(…)
Das Wohl unserer Mitglieder und Gäste ist zentraler Bestandteil unseres Selbstverständnisses. Kinder, Jugendliche und Erwachsene sollen einen Raum der Sicherheit vorfinden, in dem eine Atmosphäre herrscht, die persönliche Grenzen achtet, eine offene Auseinandersetzung über Grenzverletzungen möglich ist und körperliche, verbale und seelische Gewalt per se geächtet wird.“
Diese Dokumente sind nicht ansatzweise so alt wie die Texte des Neuen Testaments, aber auch sie formulieren (mehr oder weniger direkt) Inhalte von Awareness-Konzepten, ohne das damals bereits als solches benannt zu haben.
Wenn wir nun also noch weiter zurückgehen und im Neuen Testament blättern: Sind vielleicht auch manche dieser Texte gar nicht vorrangig moralisch als „gut vs. böse“ zu deuten, sondern im Sinne von Awareness-Konzepten zu verstehen?
Nehmen wir als Beispiel einfach mal die Lesungen aus der Perikopenordnung für heute:
36Habt Mitleid, wie auch °Gott mit euch leidet. 37Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Verurteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet. Sprecht frei und ihr werdet freigesprochen! 38Gebt und Gott wird euch geben. Was dann in euren Schoß fallen wird, ist wie ein gutes Maß Getreide, voll gedrückt, gerüttelt, überfließend! Denn mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird Gott euch im Gegenzug abmessen.«
39Er sagte ihnen auch ein Gleichnis: »Kann eine blinde Person eine andere blinde führen? Werden nicht beide in den Straßengraben fallen? 40Ein Lehrling steht nicht über der Meisterin oder dem Meister; erst wenn sie die Lehre vollendet haben, werden sie sein wie die, von denen sie gelernt haben.
41Warum siehst du den Splitter im Auge deiner Geschwister, nimmst aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht wahr? 42Wie kannst du sagen: Geschwister, wartet, ich werde den Splitter in eurem Auge herausziehen – wenn du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Du machst dir etwas vor! Entferne zuerst den Balken aus deinem Auge, und dann wirst du sehen, ob du den Splitter aus dem Auge deiner Geschwister herausziehen kannst.«Lukasevangelium 6,36-42
https://www.bibel-in-gerechter-sprache.de/die-bibel/bigs-online/?Lk/6/36-42/17Auch wenn euch jemand Unrecht zugefügt hat, zahlt es nicht durch weiteres Unrecht zurück. Bemüht euch darum, allen Menschen gegenüber aufrichtig zu sein. 18Soweit es auf euch ankommt, lebt mit allen Menschen in Gottes Frieden. 19Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt dem Zorn Gottes Raum; denn es ist geschrieben: Die Rechtsprechung liegt in meinen Händen, ich werde alles Unrecht vergelten, spricht die Lebendige. 20Wenn dein Gegner hungert, gib ihm etwas zu essen. Wenn deine Feindin Durst leidet, gib ihr zu trinken. Ein solches Verhalten häuft glühende Kohlen auf ihrem Kopf auf. 21Lass dich nicht vom Bösen unterkriegen, sondern besiege Böses mit Gutem:
Römerbrief 12,17-21
https://www.bibel-in-gerechter-sprache.de/die-bibel/bigs-online/?Roem/12/17-21/
Immerhin bieten beide Texte auch Raum für Fehlerkultur:
Der erste Text berücksichtig ausdrücklich die „Splitter“ bei sich selbst und anderen.
Der zweite Text enthält selber ein Beispiel für ein Nachtreten, das er angeblich unterbinden will („Ein solches Verhalten häuft glühende Kohlen auf ihrem Kopf auf.“).
Trotzdem bleibt natürlich die Frage, was Awareness-Regeln unterscheidet von Benimm-Codes.
Aber von der Frage nach dem Umgang mit Grenzen entbindet das ja nicht.
Wie ist es darum bestellt in der MCC Köln?
Und welche Rolle spielt es, wenn wir uns als eine christliche Gemeinde solche Regeln geben? Was unterscheidet Regeln zum Umgang aus dem Neuen Testament von Regeln zum Umgang auf Parties?
Ich freue mich auf unseren Austausch dazu!
