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Warum eigentlich fühle ich mich bei JEDER Bibellesung angesprochen und schuldig – auch dann, wenn ich gar nicht gemeint bin?…

Impuls MCC Köln, 22. Juni 2025
Ines-Paul Baumann

Johannesevangelium 5,39-47

In meiner christlichen Sozialisation wurde mir beigebracht, dass jede Bibellesung auf mich persönlich zielt.
MIT JEDEM VERS.
MEINT GOTT SELBST.
GENAU MICH.
GENAU JETZT.

Und so staatstragend und ernsthaft und salbungsvoll, wie Bibellesungen meistens vorgetragen werden („Das Wort Gottes“! „Lesung aus der Heiligen Schrift“!), wird mir zudem meistens nahegelegt, dass ich mich für irgendwas SCHULDIG fühlen soll.

Und ja: Ich bin tatsächlich gut darin, immer etwas zu finden, wo ich mich angesprochen UND schuldig fühlen kann. Es findet sich IMMER irgendwas.

Ich werde den Abschnitt heute zwei Mal vorlesen. Achte beim Zuhören mal auf deine Gefühle: Was löst diese Bibellesung in dir aus? Wie reagierst du? Was taucht beim Zuhören in dir auf?

Hier ist die erste Lesung; wir lesen aus dem Johannesevangelium Kapitel 5 die Verse 39 bis 47:

39Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen °ewiges Leben zu haben – und jene sind es doch gerade, die über mich Zeugnis ablegen. 40Aber ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt. 41Ich sammle nicht °Anerkennung von Menschen, 42sondern ich habe euch durchschaut: Ihr habt die Liebe Gottes nicht in euch. 43Ich bin im Namen °Gottes gekommen, die mir wie Mutter und Vater ist, und ihr nehmt mich nicht an; wenn jemand anders im eigenen Namen kommt, den werdet ihr annehmen. 44Wie könnt ihr glauben, wenn ihr °Anerkennung voneinander sammelt, statt nur die Anerkennung von Gott, der Einzigen, zu suchen? 45Meint nicht, dass ich euch bei °Gott anklage, die mir wie Vater und Mutter ist; Mose ist es, der euch anklagt, er, auf den ihr eure Hoffnung setzt. 46Wenn ihr nämlich Mose °glauben würdet, würdet ihr auch mir glauben; denn über mich hat er geschrieben. 47Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr dann meinen Reden glauben?«

https://www.bibel-in-gerechter-sprache.de/die-bibel/bigs-online/?Joh/5/39-47/

Als ich ca. 15 Jahre alt war, wurde ich zum Klassensprecher gewählt. Ich ging freudig nach Hause und erzählte meinem Vater davon. Meinem Vater war immer sehr daran gelegen, dass Menschen sich sozial engagieren; er würde also bestimmt stolz auf mich sein und mit einem Kompliment und mit Glückwünschen reagieren. Bestimmt würde er sowas sagen wie: „Toll, Ines, dass du dich sozial engagierst; viel Erfolg!“ Stattdessen guckte er mich kritisch an und sagte (wirklich, er fragte es nicht, er sagte es): „Aha. Und warum machst du das? Für die Anerkennung der anderen?“

Aus heutiger Sicht finde ich die Anregung von meinem Vater sehr klug. Ja, für wen und warum mache ich Dinge? Das Thema „Anerkennung“ holt mich also durchaus ab. Und von da aus ist es nur ein klitzekleiner Schritt, und schon fühle ich mich bei der heutigen Lesung wieder klein und schlecht und stelle alles infrage. „Oweia, oh ja, Gott hat mich durchschaut! Ich schenke den falschen Menschen Glauben! Ich verstehe die Bibel nicht richtig! Ich achte viel zu sehr auf die Anerkennung von Menschen! Oh oh oh!“

Aber warum eigentlich denke ich bei dem „ihr“ in diesen Versen sofort an mich?
Warum denke ich direkt, dass wieder nur ich gemeint sein kann?
Warum suche ich sofort nach Anhaltspunkten dafür, mich von der Beschreibung der Angesprochenen angesprochen fühlen zu müssen???

Warum komme ich überhaupt nicht auf die Idee, dass mit „ihr“ auch mal andere gemeint sein könnten?

Schauen wir also mal in den Text. Jesus spricht hier mit Männern, die in der religiösen Hierarchie ganz oben stehen, und die es auf Jesus abgesehen haben, weil Jesus die Dinge ein bisschen anders sieht als sie. *)

*) s. Joh 5,16.18.19:

„Von da an begannen die führenden Männer des jüdischen Volkes, Jesus zu verfolgen (…) Das brachte sie noch mehr gegen ihn auf; sie waren jetzt entschlossen, ihn zu töten. (…) Zu diesen Anschuldigungen` erklärte Jesus: (…) (NGÜ)

„Deshalb verfolgte die jüdische Obrigkeit Jesus, (…) Deshalb versuchte die jüdische Obrigkeit umso mehr, ihn zu töten (…) Deshalb antwortete Jesus und sagte ihnen: (…)“ (BigS)

Warum frage ich so gar nicht, ob ich überhaupt zu denen gehöre, die hier beschrieben und angesprochen sind?

In den Versen davor steht nirgends, dass Jesus zu denen spricht, die ihm nachfolgen. Im Gegenteil!

Spricht Jesus mit „ihr“ vielleicht auch heute zu Menschen, die meinen, die Bibel „erforscht“ zu haben? Denen Anerkennung innerhalb patriarchaler, heteronormativer Anerkennungssysteme (Kirche, Staat, Kernfamilie, …) wichtig ist?

Warum frage ich nicht bei IHNEN, wessen Anerkennung ihnen wichtig ist, und ob sie wirklich die Liebe Gottes verkünden und verkörpern? Warum beziehe ich die Worte Jesu auf mich statt auf sie?

  • Was ist mit den „wahren Christen“ auf Insta, die „die Bibel kennen“, und uns deswegen kundtun müssen, dass wir als MCC keine „wahren Christen“ sein können?

  • Was ist mit den Evangelikalen, die mir erzählen, sie „hätten die Bibel erforscht“ und meine Liebes- und Lebensweise stünde dem Willen Gottes entgegen?

  • Was ist mit der Anerkennung, die das homosexuelle Paar im Pfarrhaus „verdient“, weil es ja so normal ist wie alle anderen Ehepaare auch, nur halt mit einer „anderen geschlechtlichen Besetzung“?

  • Was ist mit denen, die nur „privat“ und „nicht auf Fotos“ dabei sein konnten, als die MCC in Köln eingeladen hatte zu einem gemeinsamen ökumenischen Auftaktgottesdienst zu den Gay Games? Weil ihre Gemeindegeschwister oder ihre Dienstherren oder ihre Arbeitgeber das nicht anerkannt hätten?

  • Was ist mit denen, die mir den „guten Rat“ geben, dass ich mit anderen Schuhen und mit Kollarhemd statt T-Shirt viel mehr Anerkennung als Pastor bekommen könnte?

  • Was ist den ganzen „Christen“ in den USA, die transfeindlichen Fake News Anerkennung zollen?

  • Was ist mit denen, die in Gemeinden Anerkennung und Aberkennung als Druckmittel einsetzen? Wie sie mit Blicken, Gesten und Worten reagieren, wenn LGBTIAQ*-Menschen sich in die Gemeinde trauen? „Mach, was du willst, aber bitte: Das gehört nicht hierher! Wehe, ihr haltet hier Händchen! Wehe, du zeigst dich als Mann hier mit einer weiblichen Brust oder weiblichen Kleidern!“

Wenn ich mir vorstelle, dass Jesus in dem heutigen Text zu IHNEN spricht (statt zu MIR), dann wird Jesus zu einem ALLY, der FÜR mich spricht (statt GEGEN mich).

Hierfür setzt Jesus am Schluss sogar noch einen drauf: Wer die Schriften (Mose) nicht so auslegt, dass es im vorurteilsfreien und befreienden Wirken Jesu mündet, legt sie falsch aus. Von wegen, „in der Bibel steht!“…

Ich lese den Bibelabschnitt nun also ein zweites Mal.

Um den vertrauten Anklagemodus („DU! BIST! FALSCH!“) zu durchbrechen, ersetze ich die persönliche Ansprache durch den Verweis auf „sie“ – die herrschenden, patriarchalen, cis-männlichen Bibelausleger, denen das Ansinnen Jesu nicht in den Kram passt.

Schau einfach nochmal, wie du dich jetzt beim Zuhören fühlst:

39Sie erforschen die Schriften, weil sie meinen, in ihnen °ewiges Leben zu haben – und jene sind es doch gerade, die über Jesus Zeugnis ablegen. 40Aber sie wollen nicht zu ihm kommen, damit sie Leben haben. 41Jesus sammelt nicht °Anerkennung von Menschen, 42sondern er hat sie durchschaut: Sie haben die Liebe Gottes nicht in sich. 43Jesus ist im Namen °Gottes gekommen, die ihm wie Mutter und Vater ist, und sie nehmen ihn nicht an; wenn jemand anders im eigenen Namen kommt, den werden sie annehmen. 44Wie können sie glauben, wenn sie °Anerkennung voneinander sammeln, statt nur die Anerkennung von Gott, der Einzigen, zu suchen? 45Sie sollen nicht meinen, dass Jesus sie bei °Gott anklagt, die ihm wie Vater und Mutter ist; Mose ist es, der sie anklagt, er, auf den sie ihre Hoffnung setzen. 46Wenn sie nämlich Mose °glauben würden, würden sie auch Jesus glauben; denn über ihn hat er geschrieben. 47Wenn sie aber seinen Schriften nicht glauben, wie werden sie dann Jesu Reden glauben?«

übertragen von:
https://www.bibel-in-gerechter-sprache.de/die-bibel/bigs-online/?Joh/5/39-47/

Gab es beim ersten und zweiten Hören Unterschiede in deinen Gefühlen?
Wo (nicht)?
Warum (nicht)?
Was nimmst du daraus mit?

 

 

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