Zum Inhalt springen
Home | Wie viel Zukunft braucht deine Vergangenheit? (… damit du dich mit deiner Geschichte und deiner Position gesehen und geborgen weißt?)

Wie viel Zukunft braucht deine Vergangenheit? (… damit du dich mit deiner Geschichte und deiner Position gesehen und geborgen weißt?)

Impuls MCC Köln, 4. Januar 2026
Ines-Paul Baumann

Offenbarung 21,5 & Lk 2,36-38

Ich lade uns heute ein, die Jahreslosung 2026 aus der Perspektive einer Person zu lesen, die ihre (herausfordernde) Vergangenheit und ihre (wenig aussichtsreiche) Zukunft mit dem „Neuen“ vereinbart bekommt.

In der MCC gibt es so manche Menschen in einer ähnlichen Situation.
Oder du gehörst zu denen, die in der MCC solchen Menschen begegnen.

Es kann und wird keine eindeutige Antwort auf die Frage nach der Vereinbarkeit geben. Die Frage ist immer eher:

Was brauchst DU, um zu erleben:
– „Meine Geschichte hat ihren Platz.“
– „Meine Gedanken sind für andere wertvoll (insbesondere mit meinen Erfahrungen zu Glaube und Widerständigkeit).“
– „Meine Sehnsucht nach einer besseren Welt inspiriert andere – unabhängig davon, wie viel oder wie lange ich noch dazu beitragen kann.“
Oder ist das alles für dich gar nicht so wichtig?

Wie viel Neues braucht deine Vergangenheit, damit du im Heute Gottes Gegenwart wahrnehmen kannst?

Jahreslosung 2026:
Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!

Offenbarung 21,5 (L)

36Hanna war eine Prophetin, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war sehr alt. Als junge Frau war sie sieben Jahre verheiratet gewesen, 37danach blieb sie Witwe bis ins hohe Alter von 84 Jahren. Sie ging nicht vom Tempel fort, sondern tat kultischen Dienst mit Fasten und Beten, Tag und Nacht. 38Und genau zu dieser Stunde stand sie da, pries Gott und sprach darüber zu allen, die die Befreiung Jerusalems erwarteten.

Lk 2,36-38 (BigS)

Die Prophetin Hanna – bzw. Anna im jüdischen Neuen Testament; „Hanna“ ist die griechische Version ihres Namens – also Anna erscheint in manchem fast wie ein direkter Gegenentwurf zur Frauenfigur der Maria.

Als wäre es wichtig, dass im Lukasevangelium nicht direkt der Eindruck entsteht, allein Maria wäre Maßstab für Frauenbilder im Sinne Gottes:

Maria ist sehr jung, Anna ist sehr alt.
Maria ist mit Josef zusammen; Anna lebt (nachdem ihr Mann nach kurzer Ehe starb) seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr in einer eheähnlichen Beziehung.
Maria hat gerade ein Kind geboren; Anna ist nie leibliche oder soziale Mutter geworden.
Maria lebt als jüdische Familie im römischen Reich; Anna lebt als jüdische Prophetin im jüdischen Tempel.

Inhaltlich steht Anna damit für zentrale Glaubensthemen, bei denen das Lukasevangelium Fehlauslegungen und Missverständnissen anscheinend direkt vorbeugen möchte:

Die Rolle von Frauen im religiösen Kontext besteht eben nicht nur darin, in jungen Jahren Mutter zu werden.
Als Prophetin ist Anna Teil einer religiösen Infrastruktur, in der ihre Erfahrung, ihr Wissen und ihre Einordnungen anderen dazu dienen, die Bedeutung von Jesus angemessen einzuschätzen. (Und wo die einen aus Annas Worten Jesus als Hoffnungsträger feierten, mussten sie anderen direkt als Warnung geklungen haben.)

Anna steht dafür, dass Jesus nicht dafür steht, Neues gegen Altes auszuspielen: Jesus gegen den Tempel, Mensch gegen Gebäude, oder gar Christentum gegen jüdische Glaubenstraditionen.

(Zu dem Zeitpunkt, als die Evangelien verfasst wurden, war der Tempel im Römischen Krieg bereits zerstört worden. Das Lukasevangelium betont also, dass die Zerstörung des Tempels eben nicht als Voraussetzung dafür ausgelegt werden darf, dass Jesus so bedeutsam wurde.)

Anna hat nach dem Tod ihres Mannes ihr Leben lang in religiösen Strukturen gelebt, wie sie damals gewohnt, üblich und etabliert waren. Anna steht dafür, dass es auch innerhalb dieser Strukturen möglich ist, Neues zu erkennen und in diesem Neuen die ersehnte Zukunft zu sehen.

Was ich mich nun die ganze Zeit frage: Was hat Anna in die Lage versetzt, sich so umfassend auf das Neue einzulassen?

Aus der Seelsorge kenne ich ganz andere Dynamiken bei Menschen, die lange Zeit in einem religiösen System verbracht haben, das etabliert und anerkannt ist. Wo gerade die enormen Ressourcen an Strukturen, Finanzen, Gebäuden und Postionen dazu führen, dass Macht und Anerkennung nicht nur genutzt, sondern auch missbraucht werden. Wo um die Verteilung von Macht und Anerkennung gekämpft werden muss, weil Macht und Anerkennung nur bestimmten Personengruppen zuteil werden.

In vielen Fällen führt das eher dazu, dass die benachteiligten Menschen (insbesondere Frauen, aber z.B. auch queere Personen) ihre Kräfte darauf verwenden, für Gleichberechtigung und Teilhabe zu kämpfen. Dafür, dass auch ihnen die angemessene Anerkennung zuteil wird (wohlgemerkt INNERHALB des Systems; Anerkennung von außerhalb ersetzt die Anerkennung innerhalb des Systems nicht!).

Aber auch in denjenigen, die sich von diesem System abwenden, sind die Anerkennungsmuster und Themenschwerpunkte oft innerlich tief verwurzelt. Der Kampf ist nicht vorbei, nur weil eine formale oder gelebte Zugehörigkeit vorbei ist (wohlgemerkt eine Zugehörigkeit, die zu oft eben nicht erleben ließ, dazu zu gehören).

Anna kann noch nicht wissen, wie anders Jesus mit Frauen umgehen wird als es damals üblich war. Wie anders Jesus mit Machtfragen und der Verteilung von Anerkennung umgehen wird, als es damals üblich war. Dass Jesus letztlich doch viel von dem, womit sie ihre Lebenszeit verbracht hat, in Frage stellen und herausfordern wird (in ihrem Sinne – aber reicht das als Würdigung?). Anna konnte nicht wissen, dass das Lukasevangelium Witwen einen besonderen Platz einräumt.

Warum wird Anna nicht von stechendem Schmerz oder gar Eifersucht erfüllt, als ihr Blick auf Maria mit Josef und dem Kind fällt – auf Maria, die alles zu haben scheint, was ihr selber so lange verwehrt geblieben ist? Auf Jesus, natürlich einen SOHN, dem sie für die Zukunft eine Rolle voraussagt, die für sie selber als Frau nie in Frage gekommen wäre?

Viele Menschen in der Situation Annas hätten ganz anders reagiert – mit Abwehr, Unverständnis, Skepsis, Vergleichen, Projektionen.
Oder mit schmerzhafter Trauer, sich jahrzehntelang „umsonst“ beteiligt und aufgerieben zu haben.
Hätten den eigenen Wert ihrer Person oder ihres Handelns davon abhängig gemacht, inwieweit sie damit eine Rolle spielen in dem Neuen. Darin gesehen und mitgedacht werden.

Was versetzt DICH in die Lage, bei Begegnungen die Geschichte zu sehen, die Gott darin gerade schreibt?
Deinen Platz in diesem Geschehen zu sehen, mit all deiner Vergangenheit, deiner Gegenwart und einer Zukunft, in der du vielleicht selber nicht mehr erlebst, für was du dich so lange eingesetzt hast?
Dich mit denen zu verbünden, die auf Erlösung warten, und mit denen, die Teil der Erlösung sein werden?

Was brauchst du, um zu erleben:
– „Meine Geschichte hat ihren Platz.“
– „Meine Gedanken sind für andere wertvoll (insbesondere mit meinen Erfahrungen zu Glaube und Widerständigkeit).“
– „Meine Sehnsucht nach einer besseren Welt inspiriert andere – unabhängig davon, wie viel oder wie lange ich noch dazu beitragen kann.“

Oder ist das alles für dich gar nicht so wichtig?

Wie geht es dir mit Hannahs Reaktion? Kannst du was damit anfangen? Oder ist das für dich eher ein abschreckendes Beispiel?

Wie viel Neues braucht deine Vergangenheit, damit du im Heute Gottes Gegenwart wahrnehmen kannst?

Zum Inhalt springen