MCC Köln: Kirche für/mit Vielfalt

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„Die Zigarette danach“

Impuls MCC Köln, 13. September 2020
Arne Siebert

Hallo ihr Lieben,
Heute gibt es wieder eine Predigt aus der Konserve, dafür ganz ohne Maske. Ich wünsche euch Gottes Segen für diesen Sonntag und diese Woche. Besonders freue ich mich auf die Diskussion zum heutigen Predigtthema: „Die Zigarette danach“ – Ehebruch im One-Night-Stand. Aber ich warne euch vor, das ist kein Thema für mal eben 5 Minuten. Denn es ist Sonntag und nicht theologisches Hauptseminar.
Herzliche Grüße aus Bonn schickt euch Arne

„Die Zigarette danach und der Sekt davor
Und der Kuss mittendrin
Das kann nicht alles sein.“
(Songwriter: Peter Plate / Anna Err; Interpreten: Rosenstolz)
Typisch Gott, dass ich als Einleitung zur Predigt einen der mir unsympathischsten Lieder dieser Band zitiere. Das Lied „Die Zigarette danach“ von Rosenstolz war nicht nur bei LGBTTIQ ein beachtlicher Hit. Es handelt von einem One-Night-Stand, bei dem der Erzähler mehr fühlt als nur intimen Spaß. Sein Partner macht sich schon auf den Weg, als der Erzähler ihn fragt, ob es ihm denn egal ist, was er fühlt. Die meisten One-Night-Stands dienen der sexuellen Befriedigung, und man hat fast nur Interesse am Äußerlichen der Beteiligten. Geht das überhaupt für Christen? Und was bitte hat das mit Ehebruch zu tun?
Dazu muss ich etwas ausholen. Letztes Jahr im Info-Kurs der MCC Köln fragte ich: Wie beschäftigt sich die Gemeinde in ihrer Arbeit mit Grenzen der Vielfalt von Familien- und Sexualleben? Dafür wurde ich fragend und etwas entsetzt angeguckt, denn wir haben doch eine Präventionsbeauftragte. Und unseren Eingangsbereich zieren die Schilder „Nein heißt nein“ als Erinnerung an einen respektvollen Umgang. Vielfalt akzeptieren heißt, dass wir euch nicht sagen werden, wie ihr leben sollt und ob das gut ist.
Ich befürchte trotzdem manchmal: Wer diese Vielfalt für sich als erlaubt annimmt, der hebt vielleicht leichtfüßig Gottes Gesetze auf. Denn wenn alles im Einvernehmen erlaubt ist, klingt das für mich so, als wenn die biblischen Aussagen zu Ehe und Partnerschaft keine Rolle für uns spielen.
Und warum darüber predigen? Gott hat noch so viel mehr mit uns vor, dass Paulus uns im 1. Korintherbrief Kap.7, V.26 rät, besser Single oder Mönch zu bleiben. Wie auch immer ihr darüber denkt, ich komme nach meiner Predigtvorbereitung zum Ergebnis: Jesus sagt sogar sehr viel zu Sexuallehre. Aber ihr wisst: Jeder liest es anders, jeder glaubt anders.
Ich gehe davon aus, dass wir mit unseren Entscheidungen für verschiedene Lebensweisen Verantwortung übernommen haben. Keiner von uns tut das, weil es eine geile Mode ist, einfach so dagegen zu sein. Wenn du dich umfangreich mit Hormonen behandeln und operieren lässt, wenn du dich eher verprügeln lässt oder aus deiner Heimat flüchtest, anstatt wie alle anderen zu leben, dann heißt das: Du hast dir etwas dabei gedacht und du weißt, das geht so schnell nicht vorbei. Fragt Christen, die mit Gott die Schöpfung feiern wollen. Sie haben nicht nur mit der Familie, sondern oft genug auch mit Gott Streit darüber, was denn jetzt richtig ist.
Schauen wir uns das mal am Beispiel von One-Night-Stands an. Was bedeuten Jesu harte Worte zum Ehebruch für diese einvernehmlich gewählte Lebensform? Und wieso soll man sich für das Fremdgehen die Glieder ausreißen?
Das Ausreißen der Glieder ist recht einfach und, wie ich finde, humorvoll zu verstehen: Jemand wird angeklagt für die sexuelle Belästigung einer Frau und erklärt: „Ich weiß auch nicht, die Hand hat auf einmal den ganzen Arm mitgenommen und sich dann gekrümmt – da war leider gerade die Brust.“ – Für Jesus wird das eine billige Ausrede sein, wie für alle, die sowas erleben mussten. Jesus ermutigt hier mit einem absurden Bild, doch einfach bei der Wahrheit zu bleiben. Denn keines unserer Glieder ist von sich aus respektlos oder, wie manche Weltanschauungen glauben, ferngesteuert. Natürlich ist es anders, sollte es wirklich eine körperliche oder psychische Einschränkung gewesen sein.
Jetzt zum Ehebruch. Wenn man hier Buchstabe für Buchstabe die Bibel liest, wird es freilich unmöglich, einen One-Night-Stand überhaupt für akzeptabel zu halten. Wir können aber z.B. ins 1. Buch Mose, Kap. 29-35 schauen, in die Zeit vor dem jüdischen Gesetz. Jakob war mit zwei Frauen verheiratet. Lea heiratete er nur, um Rahel, die er liebte, heiraten zu dürfen. Seine 12 Söhne, die Stammesväter Israels, zeugte er, indem er mit seinen beiden Ehefrauen und deren persönlichen Sklavinnen ins Bett ging. Einige Jahrhunderte später, als das jüdische Gesetz schon in Kraft war, bot die Überlieferung über David und Salomo weitere Einsichten in vielfältige Partnerschaften. Von einigen davon war man fest überzeugt, dass sie grundsätzlich respektlos sind und kannte sie nicht in liebevoller Ausübung.
Ich lese Bibeltexte oft mit der Frage nach der Haltung. Es gibt Gesetze, wie die Ehe umgesetzt wird. Doch Ehe erfordert zuerst die Haltung, dass zwei Menschen miteinander einen Weg so intim wie mit keinem anderen Menschen wählen, in allen Lebenslagen und -bereichen. Nehmen wir die eben genannten Beispiele aus dem Alten Testament. Dann könnte an dieser Stelle offenbleiben, wie viele Personen wie lange und in welcher Art an einer Partnerschaft teilhaben. Wenn wir das weiter durchspielen, ist ein One-Night-Stand also wie eingangs gesagt eine einvernehmlich gewählte zeitlich und gefühlsmäßig begrenzte Partnerschaft mit dem Ziel der sexuellen Befriedigung. Versucht einmal die Vorstellung, auch wenn ihr meiner Auslegung nicht zustimmen könnt.

Worin liegt dann aber ein Ehebruch? Vielleicht fühlt einer beim One-Night-Stand wie im Lied von Rosenstolz plötzlich mehr als nur Befriedigung, oder es geht jemandem sogar plötzlich unerwartet schlecht. Dann ist die Unverbindlichkeit des Gegenübers genau so plötzlich respektlos, auch wenn man die Gefühle nicht beantworten kann. Sie ist so etwas wie Fremdgehen, Ehebruch im Kleinen. Das wäre ebenfalls der Fall, wenn man bei einem unverbindlichen Date gedanklich eher mit der Ex-Partnerschaft Sex hat als mit dem Menschen gegenüber. Dann macht man selbst beim unverbindlichen Sex nur halbe Sachen. Wenn man schon beim Quickie so viel Verantwortung hat, macht es natürlich gar keinen Spaß mehr. Nicht, weil da unrealistische Moralapostel was verboten haben. Mal ehrlich, könnt ihr sicherstellen, dass ihr in der Unverbindlichkeit niemanden ungewollt intim verletzt? Könnt ihr die Konsequenzen der Begegnung mit einem recht fremden Menschen einschätzen, wenn ihr einander noch nicht vertrauen könnt?
Jetzt könnt ihr sagen: Das ist aber nicht im Ansatz eine Ehe. Trotzdem geht man nach Gottes Plan bereits bei der geringsten Begegnung respektvoll miteinander um. Gott erwählt schließlich ein ganzes vielfältiges Volk, in einem neueren Bund sogar ausdrücklich alle, die dazu gehören wollen und den Weg mitgehen. In dieser Beziehung von Gott zu jedem einzelnen von uns hat Jesus uns die Freiheit geschenkt zu gehen und zu bleiben. Aber wenn wir bleiben, erwartet Gott, dass wir treu bleiben und nicht halbe Sachen machen. Gott geht nicht einfach nach der „Zigarette danach“. Gott sagt nicht: „Ich bin euer Gott.“, und dann sind wir nicht mehr wichtig. Nicht einmal bei den Zweifelnden und Suchenden macht Gott das. Was Jesus über den Ehebruch sagt, zählt also in jeder zwischenmenschlichen Beziehung.
Eines weiß und glaube ich ganz sicher: Jesus möchte, dass es jedem von uns gut geht. Die Entstehung und Vielfalt der Heiligen Schrift zeigen, wie einzigartig jede Begegnung ist und wie sich mit der Zeit die Sitten verändern. Jakob, Rahel und Lea könnten sich in unserem Land heute mit Gottes Hilfe sicher anders entscheiden. Ich glaube, es ist sogar Gottes versöhnlicher Zuspruch an uns: Wir brauchen gar kein Gesetz aufzuheben, wenn wir familiäre und partnerschaftliche Vielfalt leben, die nicht in der Schrift aufgezählt sind – das neue iPhone stand schließlich ebenfalls nicht drin. Die beste Nachricht ist dabei: Das Gebot des Respekts wird somit niemals aufgehoben, egal für welche Lebensform man sich entscheidet.
Also was wir auch tun, lasst es uns bewusst tun, im Respekt. Das ist Safer Sex für die Seele. Und es ist unser Zeichen, dass wir auch im Bett Gottes Bund mit uns gedenken.
So darf sich keine Institution anmaßen, die eine richtige Antwort zu wissen. Liebevolle konstruktive Fragen und Denkanstöße können uns allerdings ermutigen und daran erinnern, wie wir unsere intimsten Begegnungen erfüllt gestalten. Wir dürfen mutig unterscheiden zwischen Vielfalt und der Grenze zu respektlosem Umgang. Denn sobald mehr Lebensformen als Ehe und Single möglich sind, ist diese Grenze all zu leicht versteckt unter dem Deckmäntelchen: Ist doch alles erlaubt und meine Privatsache.
Knick ich mir nun die Welt, wie sie mir gefällt, wie es in einem Werbeslogan heißt? Ich lade euch herzlich ein, darüber nach dem Gottesdienst online oder im Gemeindezentrum zu sprechen. Auch Mails und Briefe an die MCC sind wie immer herzlich willkommen. Auch hier gilt natürlich: Ihr dürft allem widersprechen, alles anders sehen, aber Vielfalt geht nur mit Respekt.
Amen.

Verwendete Bibelstellen (Bibel in Gerechter Sprache (BiGS) 2007 [Formatierung angepasst von AS])
Mt 5,27-30
[27] Ihr habt gehört, dass Gott gesagt hat: du sollst nicht ehebrechen. [28] Ich lege euch das heute so aus: Wenn jemand eine Frau durch seinen begehrlichen Blick erniedrigt, hat er in seinem Herzen mit ihr schon die Ehe gebrochen. [29] Wenn dein rechtes Auge dich in die Gefahr bringt, von Gott abzufallen, reiß‘ es aus und wirf es von dir. Denn es ist besser, dass eines deiner Körperteile verloren geht, als dass dein ganzer Körper von Gott verurteilt wird. [30] Und wenn deine rechte Hand dich in die Gefahr bringt, von Gott abzufallen, schlag‘ sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser, dass eines deiner Körperteile verloren geht, als dass dein ganzer Körper von Gott verurteilt wird.
1.Kor 7,26
Ich glaube, dass es wegen der gegenwärtigen schwierigen Verhältnisse gut ist, so zu bleiben; ja, es ist gut für Männer und Frauen, so zu leben.
[In der Predigt ging ich von der Luther-Übersetzung 1984 aus, die übersetzt: So meine ich nun, es sei gut [a] um der kommenden Not willen, es sei gut für den Menschen, ledig zu sein.]
1.Mose 29-35
[Diese Kapitel berichten ausführlich von Jakobs Leben nach dem Traum von der Jakobsleiter in Kap. 28. Hier wird u.a. beschrieben, wie er seine Ehefrauen kennenlernt und die 12 Stammesväter nach und nach geboren werden.]

 

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