[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Was ich für mich behalten will, frisst mich auf.

Predigt MCC Köln, 4. August 2013
Ines-Paul Baumann

Lk 12,13-21 („Der reiche Kornbauer“)

Ich war selber verwundert, wie wenig ich das Gottesbild in Frage gestellt hatte, das mich aus dieser Geschichte immer ansprang. Zack, erscheint da Gott und sagt: „Du Narr, heute nacht bringe ich dich um.“ Ja was ist das denn? Ein Mal was Falsches beschlossen und schon hat Gott sein Urteil vollstreckt? (Ich habe bisher nicht erlebt, dass Leute, die Gott so darstellen, von einem weiblichen Gott gesprochen haben.)

„Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort“, sagt das Sprichwort, und wir ahnen gar nicht, wie sehr sich das in uns eingebrannt haben könnte. Du machst irgendwas und schon geht was schief – tia, die gerechte Strafe folgt eben auf dem Fuß. Ein Mal ohne Schlüsselbund an den Briefkasten gegangen, schon kommt ein Windstoß und die Wohnungstür fällt ins Schloss. Ein Mal ohne Regenschirm das Haus verlassen, schon zieht das einzige Gewitter der ganzen Woche herauf.

Freilich bestraft Gott nicht nur die kleinen Sünden sofort, sondern auch die großen. Ein Mal kein Kondom benutzt, schon mit AIDS infiziert. Ein Mal wieder an einer Zigarette gezogen, schon rückfällige Dauerraucherin. Ein Mal den Schlüssel in der Tür stecken lassen, schon wird eingebrochen.

Genau so ergeht es anscheinend dem reichen Kornbauern in der Geschichte. Da ist der  in sein Selbstgespräch vertieft und kommt zu dem Schluss, all seine Vorräte in großen Scheunen aufbewahren zu wollen. Ein Mal einen falschen Gedanken zu Ende gedacht, schon tot.

Ist Gott so?! Ist das der Gott, den Jesus offenbart? Ist Jesus durch Galiläa spaziert, und alle Leute, bei denen er einen falschen Gedanken wahrnahm („Gott sieht alles!“…), fielen auf der Stelle tot um? „Leichen pflasterten seinen Weg“?

Natürlich nicht, und tatsächlich lesen wir auch die Geschichte mit dem Kornbauern schlichtweg falsch, wenn wir Gott hier so verstehen. Ja, es stimmt, Jesus erzählt, dass Gott sich einmischt. Aber – auch wenn manche Übersetzungen das einfach außer acht lassen – Gott sagt hier laut Bibeltext gar nicht: „ICH werde heute Nacht dein Leben von dir fordern.“ Das steht da schlicht und einfach nicht. Gott sagt stattdessen: „In dieser Nacht wird MAN deine Seele von dir fordern.“ (Elberfelder) Wörtlich heißt es: „SIE fordern…“ Die Bibel in gerechter Sprache formuliert es so: „heute Nacht verlangen SIE dein Leben (‚psyche‘) von dir.“ (Hervorhebungen nicht im Original.)

Erstens ist bemerkenswert, dass die Bibel von „psyche“ (Seele) schreibt. In der damaligen Zeit war allerdings auch klar, dass damit das Leben eines Menschen insgesamt gemeint ist – und nicht nur irgendetwas Inneres, was gefälligst richtig zu funktionieren hat, damit der Gesamtmensch ein gutes Leben führen kann. Aber wenn die Seele krank ist, wird auch der Körper und der Mensch insgesamt nicht lange auf gesund machen können.

Zweitens ist zu fragen: Wer sind denn nun „sie“?! Gott? Todesengel? Die Besitztümer des Kornbauern?

Wir müssen nicht Christen sein, um von so manchen Zusammenhängen zu wissen, die zwischen unserem Tun und dessen Konsequenzen bestehen. Wenn ich abends die Milch nicht in den Kühlschrank stelle und sie am nächsten Morgen schlecht ist, weiß ich sehr genau, woher das kommt. Wenn ich meine Pflanzen nicht gieße und sie dann austrocknen, weiß ich sehr genau, woher das kommt.

Und dass Habsucht zwar viel mit Habe zu tun hat, aber eben auch mit Sucht, ist nicht nur ein innerdeutsches Wortspiel, sondern ein Phänomen, um dessen Zerstörungskraft Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen wussten.

Dahinter steckt eine Erfahrung, die nicht nur unsere Reichtümer im materiellen Sinne betrifft. Und auch gar nicht nur das, was wir als Reichtum wahrnehmen. Alles, was wir für uns behalten wollen, kann uns auffressen.

Wenn sich Gott hier also einschaltet und sagt: „Pass mal auf, dass dich das nicht ruiniert!“, sehe ich hier nicht einen Gott, der sich mal eben was ganz Perfides ausgedacht hat, um dem armen reichen Kornbauern genüsslich eins über die Rübe zu ziehen.

(Vielleicht steckt hinter dieser Sichtweise des strafenden Gottes einfach eine ganz menschliche Regung? Der Mann, der von seinem Bruder das Erbe ausgezahlt haben möchte und damit den Anlass dafür gibt, dass Jesus diese Geschichte erzählt, ist auf seinen Bruder sicher nicht gut zu sprechen. Es wäre nicht das erste und nicht das letzte Mal,dass Hinterbliebene sich über das Erbe zerstreiten. Und am Ende sagt dann der eine über den anderen: „Der ist für mich gestorben!“ Es ist verständlich, dass wir Menschen so empfinden, aber wir sollten so eine Haltung nicht Gott unterjubeln.)

Dass Gott sich hier einschaltet, ermöglicht vielmehr eine Unterbrechung der Isolation, in die sich der Kornbauer treibt. Gott VERURSACHT nicht die tödlichen und zerstörerischen Abläufe, Gott möchte sie DURCHBRECHEN: Gott kritisiert sie und stellt sie in Frage.

Wo die Familie untereinander vielleicht sagt: „Mit dem rede ich kein Wort mehr!“, ergreift Gott trotzdem noch das Wort. Vielleicht schafft Gott es ja doch noch, den Kornbauern aufzurütteln. Und ihm Umkehr zu ermöglichen.

Das entspricht dem Gott, den Jesus offenbart: Eine Gott, die sich eben nicht damit zufrieden gibt, dass wir mit unserem Tun alleingelassen sind. Einen Gott, der uns eben nicht kharma-mäßig mit den Konsequenzen unseres Tuns allein lässt. Gott will, dass wir immer und überall erkennen können, was uns von der Gemeinschaft isoliert – und dass wir weiterhin eingeladen sind, Teil der Gemeinschaft zu sein.

Immer wieder passiert genau das in den Selbstgesprächen, die das Lukasevangelium schildert: Menschen fangen an, auf neue Stimmen zu hören, und kehren zurück in die Gemeinschaft. Sie hören auf ihre eigenen inneren Stimmen, oder sie hören – wie der Kornbauer – die Stimme Gottes (wer vermag das schon immer so genau zu unterscheiden). Wessen Stimme es auch ist: Es ist ein Ruf zurück in die Gemeinschaft.

Ob der Kornbauer seine Meinung noch geändert hat, wissen wir nicht. Es ist einfach offengelassen. Aber dass Gott ihn – ungefragt! – warnt, ist aus meiner Sicht nicht ein Zeichen von Vergeltungsfreude, sondern von Zuwendung. Die Stimme Gottes ermöglicht dem Kornbauern, seinen Besitz in anderem Licht zu sehen und anders damit umzugehen als geplant.

Gott lädt den Kornbauern auch noch da in die Gemeinschaft ein, wo er bei Menschen längst seine Sympathien verspielt hatte. Zumindest soll der Kornbauer in vielen Darstellungen unsympathisch rüberkommen: So von Habgier getrieben! So egoistisch! So ungläubig! So ein durchtriebener, kaltherziger, von Ehrgeiz zerfressener Mann!

Nun stellt Jesus den Kornbauern gar nicht so unsympathisch dar. Alles, was der Kornbauer macht und denkt, hat in gewissem Sinne Hand und Fuß. Dass er eine so reiche Ernte einfährt, scheint für ihn selber überraschend zu kommen. Jesus klingt nicht so, als hätte es der Kornbauer bewusst darauf angelegt, so eine große Ernte einzufahren, indem er dafür mehr gerackert hätte als sonst oder andere mehr ausgebeutet hätte. Nach einem von Ehrgeiz zerfressenen Mann klingt das nicht.

Und die Idee, sich nun einen schönen Lenz damit zu machen, ist sogar das Gegenteil davon, nun immer mehr haben zu müssen. Sobald seine großen Scheunen stehen, will er sich zur Ruhe setzen und das Leben genießen. Der will nicht immer noch mehr – der ist zufrieden mit dem, was er hat!

„Ruh dich aus, iss und trink und freu dich des Lebens!“ Das ist nicht einfach die böse hedonistische Welt eines abgedrehten Egozentrikers, die viele Christen heute darin gerne sehen mögen. Diejenigen, die Jesus damals zugehört haben, mögen hier sogar einen biblischen Ratschlag wiedererkannt haben: „Da pries ich die Freude; denn es gibt für den Menschen kein Glück unter der Sonne, es sei denn, er isst und trinkt und freut sich.“, schreibt der Prediger Kohelet als angemessene Reaktion auf Gottes Gaben (Koh 8,15).

Also: Der Kornbauer hat innerhalb seines Berufes keinen besonderen Ehrgeiz an den Tag gelegt, und seine Reaktion auf den Lottogewinn fällt durchdacht aus und lehnt sich an biblische Ratschläge an. Was ist dann das Problem?

Er hat dasselbe Problem wie derjenige, der vor der Geschichte zu Jesus kommt und von seinem Bruder das Erbe ausgezahlt bekommen möchte. Im Gegensatz zum ach-so-habsüchtigen-Kornbauern-Arschloch hat der in christlichen Kreisen alle Sympathien: Der arme Mensch!. Wie ungerecht, wie unfair! Natürlich soll der sein Erbe bekommen!

Natürlich gab es auch zu Jesu Zeiten die Möglichkeit, ein Erbe aufzuteilen, und das wurde auch gemacht. Aber es gab auch eine andere Tradition: Wenn das Erbe NICHT aufgeteilt wird, dann würden die Hinterbliebenen ZUSAMMEN mit dem Erbe weiterleben. Die Idee war, dass ein nicht aufgeteiltes Erbe die Gemeinschaft unterstützen würde (anstatt dass sich alle einzeln und für sich mit ihrem Anteil in der Welt verstreuen).

Sowohl beim Aufteilen vom Erbe als auch bei dem Kornbauern: Wir denken immer, es geht nur um’s Geld. Aber es geht immer auch um Gemeinschaft.

Das Problem liegt darin, dass der Kornbauer sich mit der ihm zugefallenen Habe von der Gemeinschaft isoliert.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Jesus stellt einen Gott vor, der KEIN Problem damit hat, wenn Leute etwas haben. Es ist auch kein Problem, VIEL zu haben. Oder mehr als andere zu haben. Jesus hat die Unterstützung von Hausbesitzerinnen genau so gerne angenommen wie das superteure Öl, mit dem ihm Gutes getan wurde.

Aber diese Gaben wurden alle geteilt. Der Kornbauer hingegen wollte nicht teilen.

Mit wem redet er? Nur mit sich selbst.
Mit wem macht er seine Pläne und tauscht sich aus? Nur mit sich selbst.
Wem soll zugute kommen, was er hat? Nur ihm selbst.

Was er hat, verbindet ihn nicht mit anderen. Es zeigt und fördert seine Isolation.

Reichtum, den jemand nur für sich anhäuft, ist ab hier nicht mehr vertretbar als Gottes Wille. Sowohl Menschen als auch Institutionen, die meinen, auf Kosten anderer mehr haben zu können als andere, können sich hierfür nicht mehr auf Gott berufen. Diejenigen, die ihre Habe für sich behalten, können das nicht mehr mit dem Willen Gottes begründen.

Mit dieser Geschichte lässt sich eben NICHT mehr die Auffassung vertreten, dass diejenigen mit materiellem Wohlstand mehr gesegnet seien von Gott als andere. Als würde der Wert dessen, was wir im Leben angehäuft haben, unseren Wert bei Gott widerspiegeln.

„Oh, wenn ich mir mein Leben so anschaue, werde ich ganz schön sauer auf Gott. Womit bin ich nicht alles gestraft! Warum meint es Gott nicht etwas besser mit mir, warum kann es mir nicht endlich mal einfach gut gehen!“ Und zack, da ist er schon wieder, der belohnende und strafenden Gott!

Damit macht Jesus hier Schluss. „So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.“ Der Wert dessen, was sich in meinem Leben angehäuft hat, ist kein Maßstab für meinen Wert bei Gott.

Das, was uns im Leben widerfährt, ist nicht die Strafe oder Belohnung eines Gottes, der Freude daran hat, uns nach Fehlern eins auszuwischen. Mit diesem Gottesbild räumt Jesus auf.

Damit ist Armut auch nicht „christlicher“ als Reichtum. Das ist nicht das, was Jesus hier erzählt. Jesus lädt uns hier schlicht und einfach ein, alles, was sich in unserem Leben angesammelt hat, nicht für uns zu behalten. Denn dann frisst es uns auf.

Wir alle haben irgendetwas in unserem Leben angehäuft. Die Früchte unseres Lebens bestehen ja nicht nur aus einer so greifbaren Ernte, wie sie der Kornbauer eingefahren hat. Vielleicht stehen wir gerade mit ganz anderen Sachen da, die sich in unserem Leben angehäuft haben.

Wie viel in unserem Leben schauen wir an und sortieren es als „unchristlich“ aus. Wir haben immer so eine komische Favoritenliste, was in Gemeinden passt und was nicht. Was „christlich“ genug ist und was nicht. Was „tauglich“ genug ist und was nicht. Was wir in der Gemeinde „vorweisen“ können und was nicht. Womit ich in der Gemeinschaft Platz habe – und womit nicht.

Ich wünsche mir eine Gemeinschaft, in der alle Platz haben, die in dem Abschnitt aus dem Lukasevangelium Platz haben: von Neid zerfressene Erbstreiter, von ihrer Habe vereinnahmte Kornbauern, und polternde-motzende Stimmen Gottes, wo etwas schief läuft, weil es in die Isolation führt und uns auffrisst.

Ich möchte euch heute einladen, nicht nur mit dem hier zu sein, was ihr für „christlich genug“ erachtet.

Was hat sich in deinem Leben angehäuft?
Frust? Wut? Psychatrie-Erfahrung? Ein Erbe? ;) Hast du Zeit? Irgendein komisches Fachwissen? Tolle Muskeln?  Hast du ein großes Repertoir an Witzen und immer einen Spruch parat? Kannst du gut nörgeln? Hast du viele Fragen? Viel Glauben? Viel Zweifel? Viel Skepsis? Viel Geduld? Kochkünste? Putzkenntisse? Durchwurschtel-Erfahrung? Blick für die schönen Dinge im Leben? Blick für die schrecklichen Dinge im Leben? Perfektionismus? Pragmatismus? Angst?

Was auch immer es ist: Erlaube nicht, dass es dich isoliert. Gib ihm nicht die Macht, dass es dich ausschließt. Unsere Seele gedeiht nicht in der Isolation. Unsere Seele lebt im Miteinander – in der Gemeinschaft mit Gott, mit anderen und mit uns selbst.

„Wem soll all das gehören, was du angehäuft hast?“

Das habe ich angehäuft in meinem Leben:

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Ich möchte es Gott, anderen und mir zur Verfügung stellen und zum Segen werden lassen. Möge es zu den vielstimmigen Offenbarungen Gottes in unserer Welt beitragen!

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