[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Vom Segen einer Berührung

Predigt MCC Köln, 9. April 2017
Manfred Koschnick

Markus 14,3-9: „Die Salbung in Betanien“

Vorwort für das Predigtarchiv:
Hört sich vernünftig an, das teure Öl zu verkaufen und den Erlös den Armen zu geben, ist aber wohlfeil, ist billig. „Die Armen“ sind eine statistische Größe. Jesus ist konkret und im Hier und Jetzt. Wir schauen heute auf die Superreichen, die für ihre privaten Vergnügungen unter anderem vielleicht ein Großraumflugzeug und 30 schloßartige Villen da besitzen, wo wir noch nicht einmal Urlaub machen könnten. Ein Kindergeburtstag kann locker 20- bis 30tausend Dollar kosten. Auf Teenagerpartys dürfen Champagnerflaschen für je 2000 Dollar nicht fehlen. Manche aus unseren christlichen Kreisen empört das. Die Empörung blendet aber häufig aus, dass andere und zwar etwa 1 Milliarde Hungernde fassungslos und empört auf unsern eigenen Reichtum z.B. den der Harz4-Empfänger schauen. Nur kein Neid! Bill Gates besitzt 80 Milliarden Dollar, darunter sein Haus für nur 250 Mio. Dollar. Der Missgunst und des Neides der geringer verdienenden wegen bleiben die Superreichen unter sich. Sie eint eine auf sie zugeschnittene Ideologie. Ihr Kirchenlied ist quasi „Lobe den Herren, der Dich erhält wie es Dir selber gefällt“. Ihre paranoide Angst ist es, von den eigenen vielleicht eine Milliarde oder mehrere zu verlieren und dadurch den Absturz in eine „noch ärmere“ Kaste zu erleiden und alte Geschäftsfreunde zu verlieren. Wird man noch eingeladen, wenn man nicht im neuesten eigenen Airbus anreist? Die große Angst der deutschen Mittelschicht, mit Blick auf die Mittelschicht in Spanien und Griechenland, dem gleichen Unglück zu erliegen, finanziell und sozial abzurutschen, ist genau so groß und politisch sogar wahlentscheidend. Werde ich mir den wöchentlichen Kegelabend und 2X im Jahr den Flug zum Ballermann noch leisten können? Also bitte macht mal halblang mit der Empörung! Ich fuhr mal mit einer reichen Frau zu ihr nach Hause. Auf dem Weg entschuldigte sie sich sehr schlechten Gewissens bei mir, dass sie mich nur in einem Mercedes der E-Klasse, nicht der S-Klasse fuhr. Ist das absurd? In meiner eigenen Gesellschaftsschicht kommt es vor, dass jemand sich kokett dafür entschuldigt, nur Billigkaffee vom Discounter anzubieten. Das finde ich nicht weniger absurd. Jeder sollte genug zu essen, sauberes Trinkwasser, Zugang zu Bildung haben usw. Darüber hinaus ist aber vieles, was Armut heißt, relativ. Vermutlich fühlten sich auch die Jünger postfaktisch arm. Es bedeutet, dass der Mammon ihr Herz verführt hatte. Die Seelen der Jünger hätten eine Barmer Erklärung gebraucht, mit der einige Christen sich dazu bekannten, nicht Hitlers Führung, sondern allein Jesus anzuvertrauen und sich von ihm führen zu lassen. Man kann nicht zwei Herren gleichzeitig dienen. Es geschieht nicht durch den Willen der Menschen sondern durch die vollkommene Bereitschaft, Gott im eigenen Leben wirken zu lassen, uns das wegnehmen zu lassen, was Menschen von Gott trennt! Das ist Gnade.

Geliebte Gemeinde!
Ein deutsches Sprichwort sagt:
„Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“.
So macht es anscheinend auch Jesus. Wie teuer irgendein Öl oder Parfum ist, ist jetzt in seiner Situation „sowas von egal“.
In der bedrückenden Lage, demnächst womöglich sein Leben durch Intrige in den eigenen Reihen und wegen der Sorge der Priester und Römer um ihre Macht zu verlieren , kommt diese sicher schön gekleidete „namenlose“ fremde Frau plötzlich mitten in die verängstigte Männerrunde.
An dieser Stelle wünschte ich, eine Frau würde diese Predigt weiterhalten… Auch Markus war eben nur ein Mann, der ihre Beweggründe vielleicht nicht wirklich nachvollziehen konnte. Jedenfalls deutet wenig darauf hin, dass er dies wollte.
– na vielleicht reicht ja ein Schwuler wie ich. Ich kann mir jedenfalls keinen heterosexuellen Mann der Antike vorstellen, der das tut, was diese Frau jetzt macht. Es ist die mutige Anarchie der Frauen! Ich frag‘ mal schelmisch: Hat sie denn den Hinweis vor dem Friedensgruß nicht gehört „Achtet auf Signale von Nähe und Distanz. Nicht jeder möchte von jedem, besonders nicht von Fremden gleich „bekuschelt“ werden“? Grußlos ohne zu Fragen betritt diese fremde Frau die Männerrunde. Zügig geht sie unerlaubt mit Zivilcourage auf Jesus, den ehrwürdigen Rabbi zu, gießt rücksichtslos gleich eine ganze Ampulle Nardenöl, (dass in etwa den Jahreslohn eines Tagelöhners kostet), vollständig einfach über seinen Kopf und massiert es behutsam liebevoll in seine Kopfhaut ein und“ machte ihm die kurzen vermutlich schwarzen Haare schön“. Jeder Rabbi musste damals verheiratet sein. Unverheiratet wäre er vor anderen kein ganzer „Mann“ gewesen und niemand hätte ihn ernst genommen. Sie musste also eigentlich davon ausgehen, dass Jesus verheiratet war. Was für ein Skandal! Vor 2000 Jahren hatte die frauen – und körperfeindliche Philosophie der heidnischen Stoiker großen Einfluss auf Israel. Heutzutage könnte, nein würde sie sich eine Anzeige wegen sexueller Nötigung einhandeln können. Zeugen gibt es ja genug!

Als ich vor Jahren in der Gemeindeversammlung vorschlug, kostenfrei heilsame Berührung durch Handauflegen oder Massage als Teil der Gemeindearbeit zu integrieren, kamen mir meist auf Umwegen über den Pastor aufgeregte Anfeindung, Ängste und entehrende Unterstellungen entgegen. Mich hat das verängstigt, gekränkt, und mein Vertrauen in die Gemeinde bis heute erschüttert. Ich habe den Menschen vergeben, aber bin seitdem auf der Hut – und ich werde den Vorschlag, heilende segnende Körperberührung dieser Art hier zu ermöglichen, niemals wiederholen! Um zu trösten, muss man manchmal die gesellschaftlichen Regeln brechen, auch wenn es bei Anderen Ärger und Angst hervorruft. Diese Zivilcourage fehlt mir.
Und nun diese Frau in der Männerrunde um Jesus…. „Hat sie denn kein Schamgefühl?“
Wenn der Kopf bzw. das Denken angefüllt ist mit unerfüllten sexuellen Wünschen – und noch schlimmer, wenn auch noch allgemeine Angst dazukommt, auch Angst vor allem Neuen, verlieren sich manche Christen in Projektionen oder verlagern das Problem in einen anderen rational und emotional besser handhabbareren Bereich (so wie z. B. die Jünger es in den sozialpolit. Bereich verschoben) – und übersehen das Wesentliche. Es erschließt sich aus der Gesamtsituation. Gewisse Worte der Bibel sind mir immer präsent. Petrus sagte „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“. Jesus antwortete: „Selig bist du, Simon, denn Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel .…aber der Menschensohn wird viel leiden müssen“. Und Jesus beschreibt seinen Leidensweg. Petrus: „Das sei ferne von Dir“ Jesus: „Hebe Dich hinweg Satan! Du nervst! Du denkst nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist.“ Ich glaube, so hockten die Jünger in ihrer Angst vor der Zukunft um den niedrigen Tisch und dachten alle „Das sei ferne von Dir! – und vor allem von uns.“ Jesus war die Angst so in die Knochen gefahren, dass da kein Hoffen denkbar war sondern nur unerträgliche Nähe des Satans in einem Kreis von Menschen, die nicht denken können, was göttlich ist, die die Bedrohung grundsätzlich fern halten wollten
….und einer durfte auf keinen Fall Angst haben, ihr Anführer Jesus. Die Atmosphäre muss sehr verkrampft und starr gewesen sein.
Männer denken gern „digital“ in Gegensätzen in 0en u. 1en, Mann und Frau oder schwarz und weiß, Leben und Tod, gefangen oder frei homosexuell oder heterosexuell. Die schönste Utopie ist aber leider oft lediglich das Gegenteil von etwas. (Z.B. aus der Herrschaft der Bourgeoisie wird die Herrschaft des Proletariats.) Die Vielfalt der Möglichkeiten wird nicht gesehen. Gott, sie kennt aber immer mindestens noch einen dritten Weg, genauso wie starke anarchistische Frauen. Und solch eine Frau bricht leidenschaftlich liebend voller Mitgefühl in die starre Angst. Sie sieht Jesus wie er ist und vielleicht wie er sein könnte. Sie schaut ihn an und erkennt seine Angst, seine Einsamkeit, sein Unverstanden-sein und dass er weiß, was durch den Hohen Priester unausweichlich geschehen wird. Auch Jesus braucht Zuspruch und Trost. Seine Jünger können das vermutlich nicht sehen und Trost nicht geben. Jesus hatte seinem Gott/seiner Göttin die Ehre unter den Menschen zurückgegeben. Sie werden aber behaupten, ausgerechnet er habe sie (Gott) gelästert. Er soll jetzt stark sein – für andere, aber sein Herz ist verzagt. Auch Jesus ist ein Mann und je mehr die Angst den Mann regiert, umso männlicher/digitaler wird der Mann. Z.B. „Dein Wille geschehe“ konnte Jesus jetzt noch nicht denken geschweige denn sagen. Auch er war sicher starr vor Angst. Geschmeidigkeit kann hier nur von einer Frau ausgehen bzw. von einem Menschen mit starken weiblichen Anteilen.
Nardenöl aus dem Himalaja hatte laut WIKIPEDIA folgende aromatherapeutischen Eigenschaften: „Beruhigend, den Geist stärkend, bewusstsseinsfördernd. Es ist verantwortlich für alle Bewegungsabläufe, sowohl physische als auch psychische. Vata im Sanskrit stand für Leichtigkeit und Veränderung, für den Wind – und das Grundprinzip ist Veränderung.“(WIKIPEDIA)
„Liebe wird aus Mut gemacht“, singt Nena.
Was gäbe es heilsameres gegen diese Angst Jesu, als diese Wirkung des Nardenöls, ihr weiblicher Mut und die provozierende Zärtlichkeit ihrer Hände!
LIEBE – UND DANN MACH WAS DU WILLST! Es ist tatsächlich (nach dem Evangelisten Markus) die letzte liebevolle Zärtlichkeit, die ihn vielleicht ein wenig trägt durch Folter und Kreuzigung – und vielleicht einen Ausblick auf Ostern ermöglicht.
Ich kann in dieser Predigt weder einen Zuspruch noch einen Anspruch formulieren. Einen Anspruch kann es grundsätzlich in der Liebe nicht geben. Mit ihrem Liebeseinsatz handelte die Frau sich jede Menge Ärger mit den Jüngern (der „Gemeinde“) ein. Ermutigender Anspruch an sich und tröstender Zuspruch für sich. Beides muss sich unsere MCC-Gemeinde, wenn sie will, wohl selbst erarbeiten!
Gewiss, die MCC tut sich schwer mit Sex und offener Intimität. Und die schwule Szene tut sich schwer mit der MCC. Das weiß ich längst. Die reiche Frau aber ist durch die Kritik der Jünger an dieser nicht irre geworden und hat sich ihr „Wunschbild von Gemeinde“ (Bonhoeffer) weder von der Gemeinde-Realität noch von Gott zerschlagen lassen. Ich kann hier nach dem Desaster in der Gemeindeversammlung leider niemanden ermutigen, genauso zu lieben wie diese Frau, zumal nach meiner Erfahrung diese Liebe nur mit einem beängstigend selbstlosen Gottvertrauen gelingt. Ob dies wünschenswert ist, muss jeder selbst für sich entscheiden. Als Prediger kann ich auch niemanden prinzipiell entmutigen, dem Beispiel der Frau zu folgen. Ich möchte nur nicht, dass es einem geht, wie dem Fernsehmeterologen Kachelmann! Die befreiende Art des Glaubens habe ich 2001 mit dem Einbruch meiner Depression aufgegeben. Die Freiheit von sich selbst ist nämlich beängstigend. Das kann ich Euch sagen – und sie ist wunderbar! Ich jedenfalls hoffe, dass mir das Gottvertrauen eines Tages wieder geschenkt werden wird und ich wieder selbstlos sein kann wie diese Jesus salbende Frau. Dann kann ich mit Gottvertrauen auch z.B. wieder aufhören, zu rauchen!

Was könnte die frohe Botschaft, die gute Nachricht dieses Textes Markus Kapitel 14, Verse 1 – 9 sein? Ich sehe nach allem diese Botschaft: Wenn der Leidende und die Trösterin beide mutig und offen genug sind, Berührung zuzulassen, kann sogar da Trost oder Heilung und Heiligung gelingen und wirken, wo es keine Worte mehr gibt und der tröstliche Akt andere zugleich verängstigt oder wütend macht. Jesus selbst hat das bei seinen Heilungen ja oft erlebt. Beten wir also, dass uns die Angst vor der befreiten Liebe genommen wird! AMEN

Ein Nachwort für das Predigtarchiv:
Als Heilpraktiker(eHP) im Bereich PT (Psychotherapie) habe ich gute Erfahrung mit der Stärke, fürsorglicher Berührung gemacht. Eine Patientin klagte, sie könne in Berührungen mit Männern nie genug kriegen. Sie bettelte dann die Männer an verlangte mehr und war trotzdem immer frustriert. Andere Therapeuten hätten vielleicht eine Sexsucht diagnostiziert. Zunächst gab ich dem Problem einen liebevollen Namen: Die kleine Raupe Nimmersatt. So fand sie einen wertschätzenden freundlichen Zugang zu ihrem Problem.
Ich bot ihr die Deutung an, dass sie lediglich ihre Bedürfnisse, Grenzen und Möglichkeiten nicht kenne und diese nun mit mir in der PT erfahren könne. Ich kuschelte mit ihr in einer Kuschelgruppe, die ich mit einem andern gegründet hatte. Es galt an dem Tag open end. Nach 4 Stunden unentwegten Kuschelns lächelte sie zufrieden und sagte „Ich hab‘ jetzt genug“. Nun wusste sie, dass sie kein „Nimmersatt“ war. Sie geht jetzt selbstbewusster in heterosexuelle Beziehungen hinein. Nicht der Polarisierung von Sexsucht versus Abstinenz zu verfallen – ist das nicht christlich? Es gibt diesen dritten Weg Gottes. So brauchte ganz allgemein manche Krankheit und Sünde nicht mehr erlitten oder gebüßt sondern könnte durch bekennende Liebe verflüssigt werden. Liebe – und dann tu was auch immer du magst. Aber wer sich nur von Gott führen lassen will, muß vorher seinen anderen Führern wie Eitelkeit, Angst, Geldgier, Völlerei und die andern Todsünden nach und nach untreu werden. Der Segen beginnt schon da, wo die größten Killer verlassen wurden. Das mag für den einen der Alkohol sein, für die andere die Arbeitssucht oder neurotische Zwänge.
Noch ein Beispiel: Ein Mann glaubte während einer Gruppentherapie keine Luft mehr zu bekommen. Er röchelte und rang nach Luft. Die Angst hatte ihm die Kehle zugeschnürt. Ich suchte nicht das Gespräch. Auch hier half eine mutige von selbstloser Liebe getragene Berührung. Schnell ging ich auf ihn zu, presste ihn an die Wand und würgte ihn mit meinen Händen. Seine Angst hörte augenblicklich auf und konnte aus der Distanz erforscht und identifiziert werden! Ich hatte nicht lange hin und her überlegt, was zu tun sei, sondern war ernsthaft wie zuvor bei der Patientin voll Gottvertrauen nicht meinen Ängsten und Wünschen gefolgt, sondern meinem ersten liebevollem Impuls in Gehorsam gegenüber Gottes Willen – so wie die reiche Frau ohne Diskussion einfach Jesus, den Todgeweihten mit ihren Händen liebte und „balsamierte“.
Dass sie Jesus in seinem tödlichen Schicksal angemessen und liebevoll wahrgenommen hatte, sich Jesus seinerseits von ihr in seiner Angst und seinen Bedürfnissen tröstlich wahrgenommen fühlte, bestätigt Jesus, indem er sagt: „Ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“
AMEN

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