[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Richtig – oder gut? (Nichts kann denen, die die Regeln lieben, gefährlicher sein als der, der die Regeln macht.)

Predigt MCC Köln, 18. Juni 2017
Daniel Großer

Johannes 5,39-47: (Reaktionen auf die) Heilung eines Kranken am Teich Betesda

In Johannes 5 malt der Evangelist mal so richtig kräftig schwarz-weiß, und heute wird mal nichts relativiert und nichts in Abrede gestellt. Heute schauen wir uns an, wie dunkel die Dunkelheit ist, und wie hell das Licht.
Der Stoff taugt für eine herzzerreißende Seifenoper, denn es geht um nichts weniger als die Frage: Wie steht Jesus zum Verhältnis zwischen Recht und Gerechtigkeit?

Da ist ein See, an den alle wundergläubigen Menschen kommen, die Kranken, die Blinden, die Körperbehinderten, die Depressiven. An diesem See erwarten sie alle ein Wunder, nämlich ihre Gesundung, wenn sie im rechten Augenblick hineinsteigen. Das ganze ist so berühmt, dass sogar Gebäude aufgestellt werden, in denen sich die Menschen tummeln – ein Massen-Heilungs-Spektakel.

Was würden wir typisch-deutschen tun? Na klar, Parkgebühren einführen, einen Kiosk aufstellen und dann eine gut geordnete Warteschlange bilden, damit sich auch ja keiner vordrängelt.

Nicht so in Johannes 5. Dort erfahren wir von einem Menschen, der bereits seit 38 Jahren seine Hoffnung auf den See setzt. Seit 38 Jahren! Für damalige Verhältnisse bedeutet das: Der Mann hat sein gesamtes Leben bisher vergebens gehofft und ist nun ein alter Mann. In all den Jahren ist immer dann, wenn die Zeit kam in den See zu steigen, ein anderer vor ihm in den See gehüpft! Was würdet ihr tun, wenn ihr seit 38 Jahren in der Schlange steht und sich immer jemand vordrängelt? Als unentspannte Mitteleuropäer rufen wir ja schon nach 1 Minute in den Supermarkt hinein, ob nicht bitte jemand endlich Kasse 2 öffnen kann.
Aber dieser Mann kann nichts tun – es ist zum verzweifeln! Immer ist einer vor ihm da. So hat man ihm nie eine Chance gegeben, ihm nie den Vortritt gelassen, ihn nie zu seinem Recht kommen lassen, ihn mit seiner Krankheit allein gelassen. Am See Betesda, so nennt man das Gewässer, ist sich jeder selbst der Nächste. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Und was tut Jesus? Klar, Jesus lässt jetzt natürlich mal so richtig den Heiland raushängen, so eine Chance bietet sich ja schließlich nicht jeden Tag. So lässt er sich erst einmal erklären, welches Problem der Mann am See denn hat. Und dann sagt er ihm: “Pack deine Liege ein und geh, du bist gesund!” Und – typisch Jesus – der Mann ist geheilt! 38 Jahre hat dieser Mensch gelitten, bis sich endlich jemand um ihn kümmert. 38 Jahre, nun hat er nicht mehr viele Jahre vor sich, aber er ist endlich gesund. Was für eine unfassbare Freude er empfunden haben mag, als er sich zum ersten Mal unbeschwert und sorglos gefühlt hat!

“Da sprachen die Juden zu dem, der gesund geworden war: Es ist heute Sabbat; du darfst dein Bett nicht tragen.”

Bitte? Was? 38 Jahre hat sich keiner der anwesenden Leute um den armen Kerl geschert, und jetzt ist alles, was sie zu sagen haben: “Du darfst dein Bett nicht tragen”? Obendrein erfahren wir nicht mal, ob der Mann Jude war, am Ende galt das Sabbat-Gebot womöglich noch nicht mal für ihn! “Es ist heute Sabbat; du darfst dein Bett nicht tragen.”

“Kann ja sein, dass du 38 Jahre lang nicht laufen konntest, aber den einen Tag wirst du ja jetzt wohl auch noch warten können.”
“Kann ja sein, dass Sie das erste Mal in unserer Gemeinde sind, aber auf diesem Platz sitzt sonst immer die Frau Weber.”
“Kann ja sein, dass Ihre Frau gerade entbunden hat, aber hier ist Anwohnerparken.”
“Ist ja schön für dich, dass du dich in deinem Alter doch noch verliebt hast, aber mit dem Sex wartet ihr schön ab bis nach der Trauung, ja?”

Wäre ich der Mann mit der Liege gewesen, ich hätte mir das Ding unter die Arme gesteckt und dann so schnell wie möglich das Land verlassen, am besten weit weit weg, nach Kanada oder Norwegen oder so. Mit dem Glauben der missgünstigen Unken und Neider wollte ich nichts zu tun haben. Anders natürlich bei Jesus. Wo trifft er den Geheilten prompt wieder? Na klar, im Tempel! Das erste, wozu der Geheilte seine neu gewonnene Freiheit nutzt, ist ein Besuch bei Gott. Er geht nicht tanzen, er läuft keinen Marathon, er hüpft nicht über die saftigen Wiesen, er geht zu Gott. Dazu hat Jesus ihn in Wahrheit befreit und darin besteht das ganze Wunder: Hier wurden nicht nur Beine geheilt, sondern auch die Seele.

“Leider” kommt nun im Tempel auch heraus, wem der Mann seine Heilung zu verdanken hat, nämlich Jesus. Dreimal dürft ihr raten, was die Juden dazu sagen:
“Es ist heute Sabbat, du darfst niemanden heilen.”

Und was entgegnet Jesus? “Der Sabbat ist der Tag des HERRN, und zwar meines Alten Herrn, meines Vaters, dessen Sohn ich bin. Der Sabbat gehört Gott und Gott ist in mir und ich in ihm. Also stelle ich mit dem Sabbat auch an, was Gottes Sache ist.”

Jesus entreißt den Sabbat aus seinen Zwängen und Regeln und macht ihn wieder dazu, was er ist, zum Tag Gottes. Das kann er natürlich nur deswegen tun, weil er selbst Gott ist und deswegen mit seinem eigenen Tag bitteschön tun und lassen kann, was er will.

Von da an werden sie danach trachten, ihn zu töten. Denn nichts kann denen, die die Regeln lieben, gefährlicher sein als der, der die Regeln macht.

Was können wir aus der ganzen Sache lernen? Ich für meinen Teil vor allem das: Ich möchte Jesus nachfolgen darin, wie er sich von den Bösewichtern dieser Geschichte abhebt.
Die Schriftgelehrten fragen ja vor allem: “Was ist richtig?!” Sie sind so gefangen in dieser Frage, dass sie Jesus gar nicht mehr folgen können.
Denn Jesus fragt zuerst: “Was ist gut?!” Und dann tut er es.

Ich möchte mich weniger an das klammern, was richtig ist. Aber ich möchte mehr auf das zugehen was gut ist. Und ich bin überzeugt davon, dass es das ist, was unseren Glauben auch für andere begreifbar und schön macht, wenn wir das Gute über das Richtige stellen, Gnade vor Recht ergehen lassen, das Vertrauen der Erfahrung voranstellen, dem Reden das Zuhören überordnen, den Neuanfang trotz der Vergangenheit wagen.

Wenn Gott uns heute etwas gibt, was gut werden kann, dann schenke Sie uns auch die Weisheit, es zu sehen, den Glauben, es zu wagen und den Ansporn, es zu tun.

AMEN.

Fürbitten mit Psalm 116

Ich liebe den Herrn, denn er hört die Stimme meines Flehens. Er neigte sein Ohr zu mir, darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.

Elterlicher Gott, Stimme die ins Leben ruft, wir wollen reden zu dir. Wir wollen dir klagen, was in uns und in dieser Welt nicht gut ist. Wir wollen reden zu dir, damit die uns hörst.

Stricke des Todes hatten mich umfangen, des Totenreichs Schrecken hatte mich getroffen, ich kam in Jammer und Not.

Gott, wir klagen dir das sinnlose Töten und Sterben an allen Enden der Welt, in den Trümmern der Bürgerkriege des nahen Ostens und Afrikas, den Drogenkartellen im Mittel- und Südamerikas, den Folterkellern Zentral- und Ostasiens. Wir sehen auch das Sterben der Ungeborenen in den Leibern ihrer Mütter, weil sie das falsche Geschlecht haben, nicht in die Lebensplanung ihrer Eltern passen, oder weil sie als behinderte Kinder keine Chance auf ein als wertvoll betrachtetes Leben hätten.

Aber ich rief an den Namen des Herrn: Ach Herr, errette mich! Der Herr ist gnädig und gerecht, und unser Gott ist barmherzig.

Du Herr bist gnädig und gerecht. Unsere selbstgemachte Welt ist es oft nicht. Auch bei uns werden Menschen zerrieben vom Arbeitsdruck und dem Anspruch, alles geben zu müssen. Unter dem Deckmantel, die “hart arbeitende Mittelschicht” zu stützen, drängen Parteien aller Seiten diejenigen weiter an den Rand, deren Schritte eh schon unsicher sind.

Der Herr behütet die Unmündigen; wenn ich schwach bin, so hilft er mir.

Gott, du weißt um unsere Kranken, unsere Hoffnungslosen, unsere Verstorbenen und alle, die in tiefer Trauer sind. Manchmal fehlen uns die richtigen Worte, um zu trösten – oft versuchen wir es auch gar nicht erst und fürchten, etwas falsch zu machen. Wir bitten dich, dass du ihnen Grund zur Hoffnung gibst und uns geduldige Diener der Sanftmut und Zuversicht sein lässt.

Denn du hast meine Seele vom Tode errettet, mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten. Ich werde wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebendigen. Ich glaube, auch wenn ich sage: “Ich werde sehr geplagt.”

Wir klagen dir unsere Sprachlosigkeit, unsere Tatenlosigkeit und Resignation. Wir finden uns ab mit dem, was Leben zerstört und leben weiter, als wäre nichts geschehen. Viele schimpfen auf Politiker und Gerichte, auf Europa, auf die Vertreterinnen der Kirchen und Städte. Manchmal sind wir geneigt, da einfach mit zu machen. Wir klagen dir die Bitterkeit und den Neid in unserem Land.

Ich sprach in meinem Zagen: “Alle Menschen sind Lügner.”
Wie soll ich dem Herrn vergelten all seine Wohltat, die er an mir tut?

Wir halten inne angesichts der Verfolgung und Vertreibung von Menschen in fast allen Teilen der Welt. Christen, Muslime, Hinduisten, mal sind sie Verfolger, mal Verfolgte. Menschen werden für ihre Weltanschauung verfolgt und diskriminiert, auch für ihre politischen Ziele, ihre Sexuälität oder Identität, ihren Widerstandswillen. Noch immer müssen Menschen dafür ihr Leben lassen.

Der Tod seiner Heiligen wiegt schwer vor dem Herrn.

In der Stille beten wir zu Gott für das, was noch unausgesprochen ist, auch unsere eigenen Anliegen sind nicht zu klein.

[Stille]

Ach Herr, ich bin dein Knecht, das Kind deiner Magd; du hast meine Bande zerrissen. Dir will ich Dank opfern und des Herrn Namen anrufen.

Denn du, Jesus, bist der treue Freund der Menschen. Du schaffst Wege zum Leben, wo zuvor die Hoffnung versagte.
Wir wollen dir folgen und glauben, auch wenn wir jetzt noch nicht sehen. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens und in deinem Lichte sehen wir das Licht. Deswegen loben und preisen wir dich zusammen mit Gott und ihrem Heiligen Geist.

AMEN.

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