[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Keine Beschwichtigungen: Trost aus der Tiefe; Trost, der die Seele trägt.

Predigt MCC Köln, 14. Dez. 2014
Daniel Großer

Matthäus 11, 2-6: „Ist Jesus der Messias? Die Frage des Johannes und die Antwort Jesu“

In der vergangenen Woche haben wir von Johannes dem Täufer gehört als einem unangepassten Wachrüttler, dessen Geschichte mit Jesus ihren Platz in der Bibel verdient. Jesu Tauf-Begegnung mit Johannes dem Täufer ist eine von drei Schnittstellen der Lebenslinien dieser beiden Männer.

Die erste Schnittstelle berichtet uns das Lukasevangelium (Luk. 1). Maria ist mit Jesus schwanger und besucht ihre Verwandte Elisabeth. Elisabeth ist selbst schwanger, und zwar mit Johannes dem Täufer. Der ungeborene Johannes hüpft um Leib seiner Mutter, als Elisabeth und Maria sich begegnen.

Jesus und Johannes sind also nicht nur in etwa gleich alt. Sie sind auch miteinander verwandt. Wenn wir dem Lukasevangelium Glauben schenken möchten, hat bereits der ungeborene Johannes einen ausgeprägten Sinn für die Herrlichkeit Jesu Christi und seine wundervolle Gegenwart. Vor Freude hüpft er, obwohl er den Heiland durch den Bauch seiner Mutter hindurch noch nicht einmal sehen kann. Johannes hat einen angeborenen Sinn, Jesus als den zu erkennen, der von Gott kommen soll.

Die zweite überlieferte Begegnung von Johannes und Jesus ist die Taufe Jesu Christi. Jesus lässt sich von Johannes taufen, und abermals erkennt Johannes in Jesus unmittelbar den Gesalbten, denjenigen, der mit Gottes Geist tauft statt mit Wasser. “Ich soll dich taufen?” fragt Johannes, “Ich bedarf doch, dass du mich taufst.” (Matth. 3, 14) So spricht einer, der ganz genau weiß, wen er vor sich hat. Und in der Tat: Mit Jesu Taufe beginnt der Höhepunkt seines Wirkens. Es folgen die Berufung der Jünger, die Bergpredigt, die Reisen durch das ganze Land.

Wieder vergeht etwas Zeit. Schließlich lesen wir von der dritten Begegnung zwischen Johannes und Jesus. Johannes’ Art, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, hat ihn ins Gefängnis gebracht. Er hat sich mit den Mächtigen angelegt, nun legen sich die Mächtigen mit ihm an. Sein Schicksal ist besiegelt, kurze Zeit später wird er grausam getötet werden.

In dieser Situation hören wir die dritte Begegnung zwischen Johannes und Jesus, vermittelt durch die Jünger des Johannes:

[Lesung: Matthäus 11, 2-6]

Zur Vorbereitung auf diese Predigt habe ich einige Predigten über diesen Predigttext gelesen. 9 von 10 Predigenden sehen in der Frage des Johannes “Bist du es, der da kommen soll?” ein Zeichen dafür, dass Johannes in seiner kalten und harten Gefängniszelle nicht nur von Ungeziefer, sondern auch von handfesten Zweifeln an Jesus geplagt wird. Sollte dieser Jesus wirklich der Retter sein? Richtet sich Jesu Abschlussbotschaft “Selig ist, wer sich nicht an mir stört” zur Warnung an Johannes, stört sich dieser gar an der Art und Weise, wie Jesus das Reich Gottes zu den Menschen bringt? Der verbleibende Prediger hat hingegen den Verdacht, dass die Frage des Johannes ein geschickter Trick ist. Hat Johannes seine Jünger etwa mit dieser Frage zu Jesus geschickt, damit sie mit eigenen Ohren hören, dass Jesus der verheißene Messias ist?

Soviel vorweg: Das alles könnt ihr guten Gewissens glauben.

Mir stellen sich aber Fragen. In den ersten beiden Begegnungen mit Jesus ist Johannes der Täufer geradezu erfüllt von unerschütterlicher Gewissheit, dass Jesus der Heiland ist. Sollte es da nicht auch in der dritten Begegnung so sein? Diese dritte Begegnung beginnt ja damit, dass Johannes Jesus geradeheraus fragt: “Bist du der Messias?” Er fragt nicht: “Bist du der Rabbi?”, “Bist du ein Prophet?” Er fragt nicht wie die schüchternen Jünger und die ahnungslosen Leute aus dem Volk. Johannes fragt: “Bist du der Messias?”
Ich glaube nicht, dass Johannes seinen Glauben verloren hat. Im Mutterleib und bei der Taufe erkannte Johannes den Messias, auch im Gefängnis wird sich daran nichts geändert haben.

Warum also fragt Johannes Jesus: “Bist du der Messias?”

Ich denke, Jesu Antwort verrät uns viel darüber, wie tief die Beziehung zwischen ihm und Johannes wirklich ist. Jesus antwortet nicht einfach “Ja, ich bin der Messias.” Er wusste ja ganz genau: Das weiß Johannes schon. Johannes braucht etwas anderes. Deswegen antwortet Jesus mit einer Serie von Aussagen, die in robustem Bezug zum Buch Jesaja stehen. Jesus muss klar gewesen sein, dass Johannes diese Bezüge herzustellen vermochte.

Jesus sagt: “Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt.” Und Johannes hört insgeheim:

[Folgende Zitate erscheinen mit dem Beamer an der Wand – ich lese nicht vor]

„An jenem Tage hören alle, die taub sind, sogar Worte, die nur geschrieben sind, und die Augen der Blinden sehen selbst im Dunkeln und Finstern. Die Erniedrigten freuen sich wieder über den Herrn, und die Armen jubeln über den Heiligen Israels“ (Jesaja 29, 18f).

„Dann werden die Augen der Blinden geöffnet, auch die Ohren der Tauben sind wieder offen, dann springt der Lahme wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen jauchzt auf“
(Jesaja 35, 5f).

„Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein: blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien“ (Jesaja 42, 6f).

„Deine Toten werden leben, die Leichen stehen wieder auf, wer in der Erde liegt, wird erwachen und jubeln“ (Jesaja 26, 19).

„Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist“ (Jesaja 61, 1).

Welchen Trost mögen diese Worte Johannes gebracht haben? Johannes muss in Erwartung seines Todes furchtbare Angst vor Gewalt und Schmerzen gehabt haben. Die Angst ist berechtigt, denn genau das wird er auch erleben: Gewalt und Schmerzen. Johannes braucht keine Beschwichtigungen, er braucht niemandem, der ihm sagt: “Wird schon wieder”. Nein, für Johannes wird es eben nicht wieder. Wenn Johannes in dieser Situation eines benötigt, dann ist es Trost aus der Tiefe, Trost, der die Seele trägt.

Und genau das ist es meiner Meinung nach, was Jesus ihm schenkt. Ich finde Jesu Antwort ungemein poetisch. Wie mag Johannes innerlich aufgeatmet haben, als er diese Frohe Botschaft hörte.

Wenn du mit einem gebrochenen Bein am Boden liegst und jemand kommt zu dir, kniet sich hin, hält dich fest, legt dir den Arm um die Schulter, und sagt dir: “Ich hab dich, alles wird gut.” – dann ändert das erstmal nichts an deiner Lage. Du liegst immernoch am Boden, dein Bein ist gebrochen und du leidest Schmerzen. Aber glaub mir: Der Trost tut dir so gut, so unendlich gut. Ja, der Trost wird den Schmerz erträglich machen.

“Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt.” – das heißt: “Johannes, es geht alles in Erfüllung. Der Retter der Welt ist da!”

Jesu Botschaft an Johannes endet mit einer Prophezeiung: “Selig ist, wer sich nicht an mir stößt.”
Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Satz als Warnung oder gar Drohung an Johannes gemeint ist. Johannes selbst erlebt in diesem Augenblick ja die tödlichen Konsequenzen daraus, dass jemand sich an ihm stört. Johannes wird zum Opfer derer, denen er ein Dorn im Auge ist. Sollten die Gewalttäter und bösen Herrscher etwa ungeschoren davon kommen?

“Selig ist, wer sich nicht an mir stößt.” Ich glaube, dass auch diese letzte Nachricht Jesu an Johannes ein Trost für Johannes ist, denn sie lässt sich durchaus auch als Drohung an Johannes’ Feinde lesen: Wer sich gegen Johannes und die Sache Jesu stellt, hat schlechte Karten. Auch in Bezug auf Johannes verheißt Jesus das, worum wir in den Fürbitten so oft beten, nämlich dass Gewalt niemals siegt und der Tod nicht das letzte Wort hat.

In der dunkelsten Nacht hat sich Jesus zum Tröster für Johannes gemacht. Wir feiern heute den dritten Advent. Die dritte Kerze kann uns ein Zeichen sein: Der große Tröster dieser Welt hat Johannes getröstet, der große Tröster dieser Welt hat auch Trost für dich und mich. Trost aus der Tiefe. Trost, der die Seele trägt.

AMEN.

 

Gott, wir bringen nun vor dich, was deines Trostes bedarf, was falsch läuft auf dieser Welt, die du uns anvertraut hast. Du hast diese Welt durchlebt, du wirst uns verstehen, auf deine Hilfe hoffen wir.

Gott, heile die Blindheit dieser Welt.
Wo blinde Wut für Terror, Krieg, Gewalt und Tod sorgt…

… mach Blinde sehend, dass Friede und Mitgefühl wachsen können. In Syrien, in Südostasien, in Mexiko, in Nordkorea und andernorts.

Wo blinde Gier um sich greift und die Zukunft der Menschen raubt…

… mach Blinde sehend, damit wir Güte lernen und die Resourcen dieser Erde gerecht für alle teilen. Dass Kinderarbeit und Ausbeutung ein Ende finden.

Gott, heile die Lahmheit dieser Welt.
Wo wir resignieren und uns zurückziehen…

… mach unsere Füße ungeduldig, dass wir uns aufmachen zu neuer Gemeinschaft. Dass niemand alleine sei, dass wir uns nicht mit wenig zufrieden geben.

Wo Streit herrscht und keiner sich auf den anderen zubewegt…

… mach der Lahmheit ein Ende. Versöhne Täter und Opfer von Gewalt. Versöhne unsere Kirchen und schaffe Mut, Gemeinsamkeiten auszubauen.

Gott, heile die Krankheit dieser Welt.
Wo Menschen schlecht mit sich und ihrem Körper oder ihrer Psyche umgehen…

… schenke Verantwortungsbewusstein und sei bei denen, die krank sind und die Hoffnung aufgegeben haben, wieder gesund werden zu können. Tröste sie.

Gott, heile die Taubheit dieser Welt.
Wo taube Ohren dafür sorgen, dass Kinder und Eltern sich entzweien, Beziehungen zerbrechen, Vorurteile geschürt werden…

… mach Taube hörend, damit Familien einander zuhören und Vorurteile überwunden werden können. Dass Kinder und Jugendliche Geborgenheit erleben, dass der Fremdenhass bei uns nicht siegt, dass wir hören, bevor wir reden.

Gott, in der Stille bringen wir vor dich, was vom Licht deiner Guten Nachricht erleuchtet werden möge.

[Stille]

Du, Herr Jesus, bist der Freund der Menschen. Du bewirkst, dass der Tod nicht das Ende ist und Gewalt niemals siegt. Wir wollen darauf vertrauen, dass dein Trost in unsere Welt dringt. Komm und tröste, was deines Trostes bedarf.

AMEN.

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