[MCC Köln]

Menschen – Christus – Community

Gesellschaft und Religion im Wandel

Predigt MCC Köln, 1. Jan. 2017
Ines-Paul Baumann

Ezekiel 36,26 (Jahreslosung 2017)

Der Übergang in ein neues Jahr war selten so geprägt von dem Wissen, dass es nicht mehr so weitergeht wie bisher. Selten habe ich unsere Welt so erneuerungsbedürftig empfunden wie heute.

Manche verschließen die Augen davor. Andere denken, dass nicht die Ausgrenzung von Menschen soziale Missstände verursacht, sondern dass viel mehr Menschen nur wieder ausgegrenzt gehörten, dann wäre die Welt wieder gut. Gottes Augen sehen mit einem anderen Blick auf diejenigen, die unfreiwillig am Rand stehen. Diese Menschen haben seinen besonderen Schutz. Gott sieht nicht sie als Schuldige, sondern die Gesellschaft, die sie an den Rand gebracht hat.

Auch die Propheten im Alten Testament sahen ihre Gesellschaft einem Wandel gegenüber. Religiöses und soziales Leben trugen nicht mehr dazu bei, Ungerechtigkeiten und Nöte zu lindern.

Das „Volk Gottes“ damals glich den Galliern bei Asterix und Obelix (manche sehen heute eher Israel in einer ähnlichen Situation, andere eher die Menschen in Palästina): Ein zahlenmäßig schwaches Volk war umgeben von einem oder mehreren waffenstrotzenden Herrschern, die ihr Territorium ausdehnen wollten.

Die Leute fühlten sich bedroht, und sie hatten allen Grund dazu – nicht nur in ihrer „Identität“, sondern in ihrem gesamten Dasein: in ihrer Kultur, in ihrem gesellschaftlichem Zusammenleben (welche Feste wurden gefeiert, wer durfte wirtschaftliche Gewinne abschöpfen und wofür, wer hat Teil an welchen Teilen im gesellschaftlichen Leben), und auch in ihrem Glauben. Die anderen Herrscher würden andere Götter mitbringen.

Was bedeutete das für ihren Glauben?

Lange Zeit waren die Herrscher, die sie bedrohten, nicht nur die Feinde des Volkes, sondern auch die Feinde ihres Gottes. Klagen über Ungerechtigkeit und unsoziale Zustände waren gerichtet an diese Feinde: Dass es nicht friedlich und gerecht zuging in der Welt, war ihnen anzulasten, und dafür gehörten sie gerichtet und vernichtet.

Dann kehrte aber eine andere Überlegung ein: Diese drohenden und bedohlichen Mächte sind gar nicht Gottes Feinde – sondern seine Werkzeuge! Ungerecht und unfriedlich ist diese Welt gar nicht nur wegen der Feinde Israels, sondern auch wegen Israel selbst. Israel selbst sorgt nicht mehr für Frieden und Gerechtigkeit.

Sie sind nicht nur die Unschuldigen und Bedrohten, die geschützt gehören.
Sie gehören selbst zu denen, die Unschuldige und Bedrohte nicht mehr beschützen.

Damit ist ihre Frömmigkeit hohl geworden. Was nützen Rituale und große Worte und lauthals gesungene Lieder – wenn dem keine Taten zur Seite stehen?

Die Propheten im Alten Testament predigen einen Gott, der die Nase voll hat von diesen Ritualen und einer Frömmigkeit ohne soziale Konsequenzen (z.B. Amos 5,21-24). Das, was so lange dazu gedient hat, diesem Gott zu dienen, ihn zu ehren, ihn zu loben und ihm Freude zu bereiten, das alles ist diesem Gott zur Last geworden.

Was wie hier beobachten, ist nichts geringeres als der anstehende Wandel einer Religion. Nach Auffassung der Propheten ist es Gott selbst, der diesen Wandel einleitet. Und dieser Wandel führt nicht lediglich zu einer neuen Art von Frömmigkeit. Aus diesem Wandel wird Gott selbst verändert hervorgehen – oder sagen wir besser: die Art und Weise, in der Menschen ihren Gott verstehen.

Trotz aller Anzeichen und Hinweise und Verdichtungen an Alarmzeichen ändert sich Israel aber nicht. Und prompt kommt es wie angekündigt: das kleine Land wird eingenommen, es gibt viele Tote, und der Großteil der Bevölkerung muss ins Exil.

Nun ist es gekommen, wie es kommen musste, und eine neue Erkenntnis reift: Eine Änderung der äußeren Verhältnisse war entweder nicht möglich oder nicht gewollt. Die Bevölkerung hat es nicht geschafft, zu einem sozialeren und gerechteren Handeln zu finden.

Solange es dem Volk gut ging, sah es keinen Anlass, auf diejenigen zu achten, die daran keinen Anteil hatten.
Als das Volk bedroht war und zu scheitern drohte – sah es auch keinen Anlass, auf diejenigen zu achten, die am Rande stehen.

Wie kann es also weitergehen nach der Katastrophe? Was bleibt noch, um zu einer sozialen und gerechteren Welt zu finden? Äußerlich nichts mehr.

Dieses Volk muss seine Art zu denken und zu glauben gänzlich neu entwickeln.

In diese Situation hinein spricht die Jahreslosung:

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt.

Hesekiel 36,26+27

Der Gedanke einer individuellen geistlichen Neuwerdung für wiedergeborene Christen ist Hesekiel gänzlich fern. Sein neues Herz und sein neuer Geist sind hier nicht Tickets für einen friedlichen Platz im Himmel für Christen. Hier geht es um einen friedlichen Platz auf Erden – für alle.

Ich glaube, dass uns heute etwas ähnliches bevorsteht, was damals geschah:
Äußere Veränderungen sind unausweichlich.
Ein neues Herz und ein neues Denken aber auch.
Und auch unsere religiöse Welt wird hiervon nicht unberührt bleiben.
Ich glaube, dass Gott selbst auch heute wieder die Nase voll hat von dem, wie es geworden ist. Und dass Gott selbst auch heute die erste ist, die uns beauftragt, diesen Wandel mit zu gestalten.

Deswegen bist du so wichtig. Deine Erfahrungen, deine Fragen, deine Zweifel, deine Unsicherheiten, deine inneren Ahnungen, die Brüche und Umbrüche in deinem Glaubensleben, sie können wichtige Hinweise sein für Brüche und Umbrüche, die für Gesellschaft und Religion jetzt wichtig sind.

Wir sind auf sozialer und religiöser Ebene Teil des Wandels, den Gott gestalten möchte. Es wird nicht immer einfach. Es wird vielleicht nicht ohne Katastrophen gehen. Aber ganz sicher muss und wird diese Welt bald anders aussehen. Die religiöse Welt auch.
Gottes Segen.


(Im Gottesdienst wurde diese Predigt zum Teil ein bisschen anders gehalten.)


Lesetipp zum religiösen Wandel zu Zeiten der alttestamentlichen Propheten:

  • „Die Geschichte von Gott: 4000 Jahre Judentum, Christentum und Islam“ von Karen Armstrong

 

 

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