Predigt MCC Köln, 21. Dezember 2025
Ines-Paul Baumann
Lukas 1,26-38: „Die Ankündigung der Geburt Jesu“
Bibelübersetzungen nehmen hier normative Gleichsetzungen vor. Maria hingegen gibt ein Beispiel für Rückfragen.
Fangen wir an mit Vers 34. Hier ein paar Beispiele aus unterschiedlichen Bibelübersetzungen. Sie beziehen sich alle auf denselben Inhalt. Ihre Formulierungen dafür sind aber recht unterschiedlich. Aber alle gehen davon aus, mit ihrer (unterschiedlichen) Formulierung den (gleichen) Inhalt auszudrücken:
Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?[2]
„Erkennen wird im Alten Orient auch als Umschreibung des ehelichen Verkehrs gebraucht.“Lukas 1,34: Einheitsübersetzung
Maria fragte den Engel: »Wie soll das zugehen? Ich bin doch mit keinem Mann zusammen!«
Lukas 1,34: Elberfelder Bibel
Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß?
Lukas 1,34: Lutherbibel 2017
»Wie soll das zugehen?«, fragte Maria den Engel. »Ich bin doch noch gar nicht verheiratet![17]«
Wörtlich: „Ich erkenne ja keinen Mann“ (d. h. „ich habe ja noch keinen Geschlechtsverkehr mit einem Mann“ )Lukas 1,34: Neue Genfer Übersetzung
Maria fragte den Engel: »Aber wie kann ich ein Kind bekommen? Ich bin noch Jungfrau.«
Lukas 1,34: Neues Leben
Maria war etwas verwundert: „Aber wie soll das denn bitte gehen? Ich hab noch nie mit irgendeinem Mann geschlafen!“
Lukas 1,34: Volxbibel
1) Was sind das für Gleichsetzungen für die (angenommene) Erfahrungswelt einer (angenommenen) heterosexuellen cis Frau?
einen Mann erkennen == mit einem Mann zusammen sein == von einem Mann wissen == verheiratet sein == Geschlechtsverkehr mit einem Mann haben == ein Kind bekommen können == mit irgendeinem Mann geschlafen haben
2) Diese Gleichsetzungen sind nicht zufällig. Vielmehr zeigt sich hier beispielhaft, wie wirksam eine ganze Bandbreite von Vorannahmen (Normatitivitäten) sind, die im Patriarchat unhinterfragt zusammengedacht werden.
Vieles an dieser Gleichsetzung gilt freilich nicht. Menschen, die dem patriarchalen, binären, repronormativen Bild von Geschlechterrollen nicht entsprechen, haben hierfür oft ein gutes Gespür – also Menschen, die z.B. nicht heteroromantisch, nicht heterosexuell, nicht cis-endo-weiblich, nicht monogam, nicht verheiratet, nicht amatonormativ oder nicht allonormativ sind.
3) Was die verschiedenen Bibelübersetzungen eint: Sie sind alle der Auffassung, dass Maria dies alles [auch] NICHT ist!
4) Und genau diese Person, die das alles nicht ist, ist nun diejenige, die G*tt einen Weg bereitet, um in unserer Welt verkörpert zu sein.
Das Gegenbeispiel dazu findet sich im Lukasevangelium direkt daneben (Lukas 1, 5ff): Zacharias IST…
– ein cis Mann
– verheiratet
– Teil einer frommen Ehe (beide „lebten in allen Geboten und Satzungen des Herrn untadelig“)
– und hat (im Gegensatz zu Maria) Zugang zum Tempel.
Zacharias ist also das Paradebeispiel für patriarchale Strukturen, die für sich beanspruchen, die Gegenwart Gottes in der Welt darzustellen. Was sagt es also über G*tt aus, wenn G*tt für Jesus (also die Verkörperung von Gottes Gegenwart in unserer Welt schlechthin!) eine Person ins Auge fasst, die gänzlich abseits dieser Strukturen steht!
Maria steht zudem nicht nur wegen ihrer geschlechtlichen Rolle im Abseits patriarchaler Machtverhältnisse. Auch ihre Reaktion auf die Ansprache durch den Engel fordert etwas ein, das viele von einer „frommen demütigen Frau“ nicht erwarten:
Maria reagiert erstmal ganz „unfromm“, statt demütig alles hin- und anzunehmen:
– Zuerst wird die EMOTIONALE Ebene erwähnt. Marias emotionale Reaktion bekommt Raum.
– Danach bekommt die RATIONALE Ebene Raum. Maria denkt nach und hat Rückfragen.
– Erst dann erklärt Maria ihr EINVERSTÄNDNIS.
In der überlieferten Tradition wird leider zu oft nur der letzte Schritt von Marias Reaktion betont: ihr Einverständnis. Dem gingen aber eine emotionale und eine rationale Reaktion voraus. Diese Reihenfolge ist wichtig.
