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Toxische Männlichkeit muss auch aus Glaubensinhalten verschwinden #InternationalerFrauentag

8. März 2026
Ines-Paul Baumann

Lukasevangelium 19,1-10 („Jesus und der Zöllner Zachäus“)

Anlässlich des #FeministischenKampftags möchte ich die Geschichte vom reichen Zolleinnehmer heute mal aus anderer Perspektive lesen.

Mein Blick gilt heute dem Baum. Der Baum ist hier eigentlich nur eine Nebenfigur. Er ist halt da, aber Aufmerksamkeit bekommt er nicht. Die Kraft des Baumes ist so stark, dass sich Zachhäus davon tragen lassen kann, bleibt aber trotzdem unerwähnt.

Frauen in patriarchalen Gesellschaften sind auf ähnliche Weise oft nur Nebenfiguren. Sie sind halt da; Aufmerksamkeit bekommen sie nicht. Ihre Kraft ist so stark, dass sich Männer davon tragen lassen, und bleibt trotzdem unerwähnt.

Vorgestern stimmte Bundeskanzler Friedrich Merz der Idee zu, dass die Höhe der Rente stärker an die Anzahl der geleisteten Arbeitsjahre gekoppelt sein soll. Er meint natürlich LOHNarbeit, nicht Fürsorgearbeit. Wer kann sein Leben lang für Lohn arbeiten gehen? Der (!), der keine Angehörigen pflegt und keine Kinder großzieht. Die Kraft derjenigen, die Fürsorgearbeit leisten, trägt diejenigen, die das Geld bekommen.

Die meisten Theologien, die Glaubensinhalte bis heute prägen, sind ähnlich:

Natürlich gäbe es diese Theologiegeschichte nicht ohne Frauen. Aber sie bleiben unerwähnt. Und in der Baumkrone des Glaubenslebens haben sich patriarchal-männliche Themen eingenistet. Es wird Zeit, dass wir sie ansehen und herausrufen, so wie Jesus Zachhäus gesehen und herausgerufen hat.

In der römisch-katholischen Lehre gibt es sieben Laster, aus denen Sünden hervorgehen:
1) Hochmut, Stolz, Eitelkeit, Übermut
2) Habgier, Geiz
3) Ausschweifung, Genusssucht
4) Jähzorn, Wut, Rachsucht
5) Maßlosigkeit, Unmäßigkeit, Selbstsucht
6) Eifersucht, Missgunst
7) Ignoranz, Überdruss

Wen beschreiben diese Eigenschaften in einer patriarchalen, sexistischen Gesellschaft? Anders gefragt: Welche Eigenschaft fehlt überhaupt noch, um toxische Männlichkeit anschaulich zu beschreiben?

Wenn sich also der Sündenkatalog an so einer Form von Männlichkeit ausrichtet, tun es die ganzen Bitten um Vergebung logischerweise auch. Hier geht es dann immer um das Gegenteil der Sünde: Gegen den Hochmut wird um Demut gebetet, gegen die Habgier wird um Großzügigkeit gebetet, gegen den Jähzorn um Geduld etc etc.

Für Menschen, die hochmütig, habgierig und jähzornig sind, sind das äußerst sinnvolle Bitten. Eine solche Korrektur ihres Denkens und Handelns geht völlig in die richtige Richtung.

Aber was ist mit den anderen? Mit denen, die übersehen, ignoriert und kleingehalten werden? Noch mehr Demut und Bescheidenheit sind für sie sicher keine angemessenen Aufforderungen!

Damit will ich nicht sagen, dass sie sich etwas mehr von den toxischen Anteilen aneignen sollten. Die angemessene Antwort auf falsche Demut ist sicher nicht falscher Jähzorn.

Und damit sind wir bei der toxischen Männlichkeit, die in den Baumkronen einer Theologie sitzt, die ihre Wurzeln in patriarchalen, sexistischen und rassistischen Strukturen hat:

Die Antwort darauf kann ja nicht sein, an dieser toxischen Mischung Anteil bekommen zu wollen. („Bitte lasst auch Frauen in die toxischen Machtstrukturen von Kirche!“ „Bitte lasst auch trans* Menschen an den toxischen privilegierten Positionen von Kirche teilhaben!“ …)

Passender ist das, was Jesus mit Zachäus macht: Hingucken, herausholen und Veränderung gutheißen. Die Privilegien (und alles, was dazu geführt hat), müssen RAUS aus der Baumkrone, anstatt dass alle so werden sollen.

Und den Gebeutelten und Gebeugten ruft Jesus solange ja NICHT zu, dass sie doch bitte um NOCH mehr Demut und Geduld bitten mögen. Ihnen ruft Jesus zu: „Steh auf – und geh.“

Jesus ging mit Menschen unterschiedlich um, je nachdem, wie sich eine problematische Gesellschaftsform auf sie auswirkte (bzw. wie sie darauf einwirkten). Wo bei den einen zurecht etwas MEHR Demut angemessen wäre, brauchen andere auch mal etwas WENIGER Demut.

Genau so müssen Glaubensinhalte auch heute unterschiedliche Antworten und Gebete finden, anstatt immer nur aus der Sicht problematischer Männlichkeitsbilder zu beten, zu predigen und zu singen. „Steh auf – und geh!“

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