1. März 2026
Ines-Paul Baumann
Johannes 3,14-21 & Römer 5,1-5(6-11)
Diese Texte widersprechen sich nur in den BEGRÜNDUNGEN, mit denen sie den Kreuzestod Jesu als etwas verstehen, in dem sich Gottes Solidarität zeigt. Darin, DASS sich darin Gottes Solidarität zeigt, sind sie sich einig.
Für dieses Muster gibt es zahlreiche weitere Beispiele im Neuen Testament – und zahlreiche weitere in der Geschichte der Theologie.
Alle arbeiten jeweils damit, im Rahmen ihres zeitgeschichtlichen, kulturellen Kontextes Worte und Logiken anzuwenden, die der jeweiligen Kultur entsprach.
- Wenn sich alles darum dreht, dass Schuldscheine getilgt werden müssen, dann ist der Tod Jesu die endgültige Tilgung aller Schuldscheine.
- Wenn sich alles darum geht, dass G*tt Menschen nur annehmen kann, indem er ihnen ihre Sünden vergibt, dann ist der Tod Jesu die endgültige Vergebung der Sünden.
- Wenn sich alles darum dreht, dem Teufel ein Schnippchen zu schlagen, dann ist der Tod Jesu das endgültige Schnippchen dem Teufel gegenüber.
- Wenn sich alles um einen rachesüchtigen Gott dreht, der nur durch Opfer und Blut zufriedengestellt werden kann, dann ist der Tod Jesu das endgültige Blutopfer zur endgültigen Zufriedenstellung Gottes.
Wenn wir heute in einer Zeit leben, in der all das nicht mehr verständlich ist, dann müssen wir solche Denkmuster nicht wieder einführen, nur damit die alten Erklärungsmuster noch funktionieren.
Biblischer wäre es, vor dem Hintergrund UNSERER Kultur zur Sprache zu bringen, wie sich in einer Hinrichtung durch weltliche Machthaber eine Solidarität Gottes mit den Bedrängten erkennen lässt.
(Wenn euch die bisher genannten Denkmuster gefallen und ihr mit diesem Blick aufs Kreuz Befreiung und Glaube erfahrt, dann könnt ihr sie natürlich gerne behalten!)
Ich möchte heute nochmal anknüpfen an den Impuls von neulich, als ich in einem Nebensatz skizzierte, dass eine Kreuzigung im damaligen Römischen Reich die Spitze dessen war, was wie heute als Ausschluss oder Diskriminierung bezeichnen würden:
Menschen, die sich nicht anpassen wollen (oder können), werden marginalisiert, ausgegrenzt, angegriffen, zum Schweigen gebracht, bloßgestellt, verhöhnt und (auch heute) schlimmstenfalls getötet.
Die Passionsgeschichte ist eine Aneinanderreihung dieser Erfahrungen.
Und die Kreuzigung Jesu ist der „krönende Abschluss“ davon.
In den Evangelien und den Briefen im Neuen Testament geht es nicht zufällig immer wieder um die Frage, ob es nicht besser wäre, mit und innerhalb der damaligen Strukturen zu agieren.
(Bsp 1: Mk 8, 32f)
Als Petrus Jesus davon abhalten möchte, konsequent seinen Weg zu gehen, wird er von Jesus harsch angegriffen. Die Intensität dieses kurzen Dialoges zeigt die Intensität des Themas. „Jesus, bring dich in Sicherheit! (…) Der markinische Jesus lässt das nicht gelten. Wer so redet wie gerade eben Petrus, wer in der Sache des Jüdischen Krieges auch nur für Indifferenz plädiert, der betreibt die Sache Roms, hat sich also auf die Seites des >Satans< gestellt.“ (Bedenbender 265f)
(Bsp 2: Judas, der Zelot)
Wie weit geht Judas, um Jesus ein bisschen auf die Beine zu helfen? Damit der endlich mal in die Gänge kommt? In der Systemlogik anfängt, Widerstand zu leisten – eine Form von Widerstand, die alle verstehen, auch die Mächtigen, und die dazu führen würde, selbst die Macht zu erlangen?
(Bsp 3: die ganzen Herrschaftsbegriffe, mit denen Jesus tituliert wird)
Einerseits sind sie angesiedelt im Widerstand (nicht der Kaiser herrscht über uns, sondern Jesus! Gemessen an Jesus hat der Kaiser KEINE Macht über uns!). Aber sie sind halt immer noch angesiedelt in der Logik dieser Herrschaftsverhältnisse. Jesus selbst hat diese Logik lieber unterlaufen, ignoriert, parodiert (s. Einzug in Jerusalem auf Esel; genervte Reaktion auf die Frage, wer neben ihm sitzen darf, …).
Natürlich stellt sich immer die Frage, wie Widerstand aussehen und verstanden werden kann, wenn er sich nicht innerhalb dessen bewegt, was Machtverhältnisse ausmacht.
Das Kreuz war damals jedenfalls keine Hilfe, die Widerstandslogik Jesu verständlich zu machen. Das Kreuz war nicht das heroische, mutmachende, anspornende Zeichen dafür, dass Jesus für eine ganz große Sache stand.
Das Kreuz war der endgültige Beweis dafür, dass mit Jesus im Staate Roms kein Staat zu machen war.
Wenn nun Gott den Kreuzestod Jesu nicht „verhindert“ hat, was ist damit über Gott ausgesagt? Das Gegenteil dessen, was Jesus an Petrus kritisiert: Gott fordert Jesus eben NICHT auf, sich in Sicherheit zu bringen.
Dabei gäbe es sooo viele gute Gründe dafür: Jesus hätte weiterwirken können, mehr Leuten von seiner Botschaft erzählen können, seinen Anhänger:innenschaft vermehren können, hätte noch mehr Follower bei Insta sammeln können, mit noch mehr Leuten eine große, sichtbare Gruppe bei der CSD-Parade bilden können, noch mehr Aufmerksamkeit in den Medien erregen können…
Aber Gott? Verzichtet darauf, sich auf solche Logiken einzulassen. Gott steht lieber an der Seite eines Jesus, der genau das erlebt, was Leute heute erleben, wenn sie nicht angemessen mitmachen (wollen oder können).
Paulus hat viel davon verstanden. Seine Logiken sind zum Teil ähnlich befremdlich: „Wir rühmen uns der Bedrängnisse“.
Wer will so etwas denn hören? „Hält uns das nicht klein? Ist es nicht gerade das Interesse anderer, uns in der Bedrängnis zu sehen, uns in Geduld stille halten zu sehen, immer nur auf Hoffnung zu setzen?“
DAS sind Fragen innerhalb der Machtlogik!
Der Ansatz Jesu, sich nicht in Sicherheit zu bringen, sich nicht zu schützen, sich nicht zu verstellen, sich nicht zu verstecken, sich nicht anzupassen, sich nicht zum Schweigen bringen zu lassen – das sind Erfahrungen derer, die Bedrängnis kennen, denen Geduld zum Weitermachen verhilft und die manchmal nur deswegen nicht aufgeben, weil sie von Hoffnung leben.
Ich möchte das Kreuz heute verstehen als Gottes Solidarität mit denen, die genau das durch alle Zeiten erlebt haben und erleben. Gott steht an unserer Seite; welche Normativitäten und welcher Druck auch immer uns gerade zu schaffen machen. Diejenigen, die uns das Gegenteil weismachen wollen, sprechen gerade NICHT für den Gott, für den Jesus Christus steht – auch und gerade mit seiner Hinrichtung am Kreuz. Sie stehen auf der Seite derjenigen, die Jesus ans Kreuz nageln – nicht auf der Seite des ans Kreuz genagelten Jesus.
