MCC Köln: Kirche für/mit Vielfalt

Menschen – Christus – Community

Innehalten? Ja. Aushalten? Nein!

Predigt MCC Köln, 7. Juni 2020
Ines-Paul Baumann

Offenbarung 21,1-8

„So viel Gewalt. Das seh ich mir nicht mehr an!“ Berichte über den Rassismus in den USA und die Demos dazu (samt Ausschreitungen) sind derzeit manchen zu viel. Sie halten das nicht mehr aus. Beim Blick in die Bibel geht es manchen ähnlich: „So viel Gewalt. Das tu ich mir nicht mehr an.“

Dass wir uns nicht antun wollen, was uns zu viel ist, halte ich für einen gesunden Impuls. Was also können wir tun?

1) Weggucken

Wenn wir uns etwas nicht mehr mit ansehen können, ist es ein naheliegender Impuls, sich davon abzuwenden.

In Bezug auf die Berichterstattung aus den USA entgeht uns damit aber leider auch viel. Wenn wir gar nichts mehr davon mitbekommen wollen, bekommen wir auch nicht mehr mit, was da zur Zeit für schöne Sachen passieren. Es ist ja in den USA nicht NUR alles voller Gewalt. Wer noch hinsehen konnte, hat auch anderes Szenen zu sehen bekommen: Demonstrierende und Polizeikräfte, die miteinander tanzen. Das größte gemeinsame Singen in den USA jemals. Also auch Ansätze, um der Gewalt etwas entgegenzusetzen (und zwar etwas anderes als nur weitere Gewalt). Heute früh waren die ersten drei Meldungen auf der Tagesschau-Website: 1. Demos gegen Rassismus in den USA 2. Demos gegen Rassismus in Frankreich 3. Demos gegen Rassismus in Deutschland. Wer gar nicht mehr hinsieht, sieht auch den Widerstand nicht.

Das ist mit der Bibel ganz ähnlich. Dass darin Gewalt beschrieben und benannt wird, ist das eine. Der Umgang damit ist das andere. Ganz wie im echten Leben ist das manchmal subtil (zu Gewalt schweigen?), wirkt manchmal hilflos und/oder patriarchal-machohaft („mein Gott soll noch stärker und gewaltiger sein als dein Gott“), und aus aus so manchem spricht Hass und Verzweiflung (Gewaltphantasien gegen die Feinde). Vieles davon verstehen wir ohne Zusammenhang nicht. Und manche Entwicklungen zeigen sich erst viel später (viele Bücher später; viele Jahre später oder viele Jahrhunderte später).

Auch das sind Umgangsweisen, Prozesse, Umgangsformen, die Menschen angesichts von Gewalterfahrungen entwickeln – und die wir in den USA sehen.

Worum geht es gerade in den USA? Es geht längst um „systemchange“. Es geht darum, an die Ursache der Gewalt zu gehen: Rassismus. Historisch, systemisch, persönlich. Solange da keine wirkliche, tiefgreifende Veränderung eintritt, ist jede „gewaltfreie“ Zeit wieder nur eine Zwischenzeit – eine Zwischenzeit, in der die Gewalt innerhalb des Systems so alltäglich ist, dass das als „Normalzustand“ durchgehen kann. Dieser „Friede“ ist nicht gewaltfrei. Nur richtet sich die Gewalt solange halt „nur“ gegen die, gegen die sie sich seit Jahrhunderten richtet: Schwarze. Frauen. Arme. Das ist NICHT „gewalt-FREI“. Das ist „NORMALE“ Gewalt. Dass jetzt wieder eine Auseinandersetzung dazu stattfindet, ist so gesehen schon mal ein gutes Zeichen. Ohne das Aufbegehren, ohne die Unruhen, ohne die Auseinandersetzung würde sich nämlich gar nichts ändern.

Auch das ist in der Bibel ähnlich: Dass von Gewalt berichtet und sie benannt wird, zeigt zwei unterschiedliche Sachen an. Zum einen zeugen solche Berichte von einer Gewalt, die als „ganz normal“ gegolten hat. Zum anderen zeugt die Benennung von Gewalt, dass da eine Auseinandersetzung stattfindet.

Natürlich können wir solche Berichte und Auseinandersetzungen meiden. In den Medien UND in der Bibel. Oh ja, das kann zu viel sein. Oh ja, manches davon ist nicht zum Aushalten. Und genau das ist der Punkt: Wir sollen es ja auch gar nicht aushalten. Was nicht zum Aushalten ist, gehört verändert, nicht ausgehalten.

Nun ist davon, dass wir weggucken, die Gewalt dummerweise nicht weg. (So wie bei Kindern, die sich die Hände vor die Augen halten und dann kundtun, dass sie unsichtbar sind.) Und auch die FOLGEN von Gewalt sind damit nicht weg.

2) Aushalten lernen

Ich glaube, dass auch ohne Medienberichte (und ohne die Bibel) viele Menschen unter Gewalt und ihren Folgen leiden – auch unter der Gewalt, die als „ganz normal“ gilt. Viele Menschen wissen (und spüren, auch an sich selber), dass etwas falsch läuft. Wie oft ist dann die einzige Ebene, auf der Schritte zur Korrektur und Richtigstellung angeboten werden, die individuelle? Oft geht es dabei dann gar nicht mehr um die URSACHEN für das Leiden, also um die Ursachen für all unsere kranken Seelen und kranken Körper.

Wir machen Therapien. Wir versuchen, das eigene Selbstgefühl wiederzufinden, die eigene Balance zu finden, Frieden in der Seele zu finden… Vieles davon muss genau deswegen sein, weil uns vorher etwas diesen Frieden geraubt hat. Uns in Unfrieden gestürzt hat. Gewalt hinterlässt ihre Spuren. Auf vielen Ebenen. Denken wir an die Kriegsenkelgeneration. An Mobbing. Sexismus. Rassismus. Homophobie. Transphobie. Ungleiche Behandlung, ungleiche Bezahlung. Alles hinterlässt Spuren. Eine kranke Welt macht uns krank. Und natürlich ist es wichtig, dass wir uns dann um uns selbst kümmern.

Schon Buddha hat sich aufgemacht, es irgendwie zu schaffen, mit dem ganzen Leid umzugehen, dass er mit ansehen musste. Am Anfang seines Weges stand die Konfrontation mit dem Leid, und dann die Suche nach einem Weg aus dem Leid. Manche, denen in der Bibel zu viel Gewalt ist, folgen diesem Impuls: Sie machen sich auf den Weg dort herAUS und können mit buddhistischen Ansätzen wesentlich mehr anfangen.

Auch Jesus geht es um eine Welt ohne Leiden. Jesus ging dafür mitten in das Leid hinein. Jesus scheut das Leid nicht, er geht ihm nicht aus dem Wege. In der biblischen Vorstellung kann es eine Welt geben auch ohne Leiden. Gott muss nicht das Leben beenden, um das Leid zu beenden. Die Perspektive ist, dass wir uns nicht dem Leben entziehen müssen, um uns dem Leid zu entziehen. Um dieses Ringen geht es oft in der Bibel. Auch sie scheut das Leid nicht. Sie will sich dem nicht entziehen; sie sucht keine Lösungen, die nur für Einzelne funktionieren. Ihr geht es nicht nur um den, der das Leid nicht mit ansehen kann, sondern immer auch um den, der leidet. (Das ist jetzt nicht als gegensätzlicher Weg zum Buddhismus gemeint; nur als Alternative dazu, sich von der Bibel und der darin enthaltenen Gewalt grundsätzlich abwenden zu müssen.)

Oft gelten ausgerechnet die, die sich hinstellen und Leid anprangern, als nervig. Aber sollen wir lieber alle Ruhe geben? Warum ist das Behandlungsziel auch von Therapien und anderen „Maßnahmen“ so oft, RUHE zu finden, anstatt mal zu Unruhestiftern zu werden, wo diese Ruhe heuchlerisch ist? Wo „Ruhe“ heißt, dass die Opfer schweigen sollen? Wer hat denn die Familie kaputtgemacht: die lesbische Tochter? Oder die Eltern, die damit nicht klarkommen? Warum stören in manchen Teilen unserer Gesellschaft zwei lebendige Geflüchtete im eigenen Dorf mehr als 2000 Geflüchtete, die im Mittelmeer ertrunken sind? Wer IST denn hier das Problem? Die beiden Geflüchteten – oder diejenigen, die das als Anlass nehmen, gegen alle zu hetzen, die ihnen nicht deutsch genug aussehen? Und die DANN auch noch so tun, als würden sie die Bibel auf ihrer Seite haben!

Um so wichtiger ist es, dass wir ihnen die Bibel nicht überlassen. Das können wir aber nur, wenn wir auch die Bibel nicht sich selbst überlassen. Das Problem ist ja, dass auch wir die Bibel lesen mit dem, wie wir geprägt sind – und das bedeutet oft, dass wir die Sicht der Mehrheit und der Starken einnehmen (in unserer Geschichte und Gesellschaft ist das immer noch meistens der Blick von weißen Männern). SIE haben Theologie gemacht, SIE haben uns getauft, SIE haben uns konfirmiert.

Oder sie waren schon so abschreckend, dass wir mit Kirche erst gar nicht angefangen haben.

Das ist dann aber so, als wären sexistische Anmachsprüche und Beschimpfungen als „schwule Sau“ der Maßstab für unser eigenes Miteinander. Dann übernehmen wir die Sicht derer auf uns, die es nicht gut mit uns meinen. Aber warum sollten wir gerade denen Glauben schenken, von denen wir eigentlich genau wissen, dass sie NICHT das Sagen haben sollen? Und dann auch noch Therapie machen, um das aushalten zu lernen?

3) Was nicht zum Aushalten ist, gehört auch gar nicht ausgehalten.

Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, mit uns und anderen umzugehen. Andere Möglichkeiten, Bibel zu lesen. Andere Möglichkeiten, als mich von allem abzukapseln. Corona ist dafür ein gutes Beispiel: Selbstschutz ist wichtig, ja. Aber auf Dauer ist abkapseln keine Lösung. Auf Dauer kann das nicht heißen, dass wir nur noch leben können, indem wir andere meiden und auf Abstand halten. Wir müssen entweder einen Umgang mit dem Virus finden, oder das Virus muss wieder raus aus dem Kreislauf menschlicher Körper.

Genau so ist ist es mit den vielen Formen von Rassismus: Abkapseln ist keine Lösung. Und genau das passiert ja gerade in den USA: Die Menschen sehen hin; sie stellen sich dem Rassismus in ihrer Gesellschaft, und das Ziel kann ja nur sein, dass es Rassismus irgendwann nicht mehr gibt (anstatt dass alle ihren Seelenfrieden haben und gut damit leben können – und sei es, weil sie die richtigen Tabletten bekommen oder genug Atemtechniken gelernt haben, um sich innerlich immer wieder runterbringen zu können).

Diese Auseinandersetzung führt die Bibel. Sie zeigt nicht nur Gewalt, sie zeigt auch Strategien, wie Menschen dagegen vorgehen, Gewalt und Gewalttätige aushalten zu sollen. Oft genug ist es dabei Strategie der Täter, dass ihre Untaten verschwiegen und ihre Namen nicht genannt werden sollen. Jedes Benennen von Gewalt und Tätern ist dann schon ein erster Widerstand (auch wenn das, was da benannt wird, nicht zum Aushalten ist). Auch Kritik an Gewalt geht oft verschlungene Wege. Phantasievoll, kreativ, manchmal subtil, manchmal offen. Manchmal mit vielen Worten, manchmal ganz ohne. Alles auch in der Bibel!

Die Gewalt steht nicht in der Bibel, damit wir hingehen und desgleichen tun. Die Bibel ist keine Verfassung. Die Bibel ist eine Bibliothek, sie ist wie ein Tagebuch. Und wo Gewalt Teil des Lebens ist, ist sie auch Teil der Auseinandersetzung mit dem Leben und dadurch Teil des Glaubenslebens. Es wäre irgendwie seltsam, wenn ausgerechnet in der Bibel KEINE Gewalt beschrieben, hingenommen, übersehen, benannt, angeklagt, eingefordert und korrigiert werden würde. Manchmal ist das wie bei Gemälden von Kindern, die Gewalt erlebt haben. Das ist schwer zu ertragen. Aber genau deswegen müssen diejenigen, die handeln können, dann auch handeln. Das geht bis in unseren Glauben hinein.

  1. Erstens, weil Jesus gezeigt hat, wie das gehen kann. Jesus hat sich immer nur zum Gebet zurückgezogen, um dann neu in die realen Situationen hineinzugehen. Gott steht nicht nur an der Seite derjenigen, die Gewalt erfahren, Gott sucht sie auf.
  2. Zweitens, Gott KÖNNEN wir mit allem belasten, was uns belastet. Gott seufzt dann nicht, wie schlimm das alles ist und dass es ja gar nicht zu ertragen ist und dass wir sie doch bitte damit verschonen sollen und wendet sich dann ab. Gott ist da.
  3. Drittens, Jesus stört die falsche Ruhe. Wo es nur noch um Geld ging, hat er die Tische umgeworfen. Er hat keine Gewalt gegen Menschen angewandt, nie, weder körperlich noch seelisch noch verbal (auch nicht, um sie „zum Glauben zu bringen“). Aber er wurde aktiv. Er hat nicht gesagt: „Gott, hilf mir, meinen inneren Frieden mit den Geldwechslern und diesem System zu finden.“ Im Gegenteil, eher hat er denen, DIE ihren Frieden mit allem hatten, ihren Frieden genommen. (So lange, bis er endgültig zum Schweigen gebracht werden sollte.)
  4. Viertens, warum ist der Friede Gottes „höher als unsere Vernunft“? Weil unsere Vernunft doch immer wieder Gründe findet, Gewalt zu rechtfertigen oder auszuhalten.
  5. Fünftens, warum verspricht die Bibel einen neuen Himmel und eine neue Erde? Weil eben BEIDES neu werden muss. Unser Miteinander auf Erden, also wie wir miteinander und mit uns selbst umgehen. Aber auch die Vorstellungen, die wir uns von Gott gemacht haben. Sowohl Erde als auch Himmel sind gewaltverseucht. Sexismus und Rassismus und Homo- und Transphobie verseuchen nicht nur, was wir uns für Bilder von Menschen (und von uns selbst) machen. Sie haben auch verseucht, was wir uns für Bilder von Gott gemacht haben.

Wenn es also gerade abgeht in den USA oder in deinem Glaubensleben oder in deiner Gemeinde oder in deinem Inneren oder in deiner Familie oder in deinen Beziehungen: Die Antwort darauf könnte dieses Mal nicht nur darin bestehen, dass du endlich Ruhe geben sollst. Dass du weggucken sollst. Dass du dich daran gewöhnen sollst. Dass du doch bitte wieder normal werden sollst. Dass DU alles kaputt machst, wenn DU nicht endlich wieder brav alles mitmachst. Vielleicht ist das, was du mitmachen sollst, genau das, was dich oder andere kaputtmacht. Dann geht es jetzt vielleicht auch mal darum, Zeichen zu setzen. Ein ANDERES Miteinander zu gestalten. Schritte zu gehen. Auf manche(s) zu – und von manchem weg.

Gott hat uns Friede und Gerechtigkeit nicht nur für ein Leben NACH dem Tode verheißen – Gott hat uns zu einem Leben in Frieden und Gerechtigkeit VOR dem Tode berufen. Wenn alle daran mitwirken, die es können, kann das allen zuteil werden, die es brauchen.

 

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