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Warum der Bedarf anderer nicht immer der geeignete Maßstab ist. (Angefangen bei Konzepten zu Mann und Frau.)

19. Juli 2026
Ines-Paul Baumann

2. Mose 16,2-3.11-18
14. Juli: Internationaler Tag der nicht-binären Menschen

Manchmal braucht es eine ganze Generation, um alte Muster abzulösen. Wo die vorherige Generation die alten Muster auch unter neuen Umständen wiederholen würde, kann eine neue Generation manches freier und anders angehen.

Auch in der LGBTIAQ*-Community sind solche Entwicklungen sichtbar. Die Stonewall-Riots sind nun ungefähr eine Generation her. Und es gibt spürbare Änderungen.

Allein schon der Wandel im Umgang mit dem Begriff „queer“: Die damalige Generation ist damit aufgewachsen, dass „queer“ ein unerträgliches, herabsetzendes, demütigendes Schimpfwort war. Die „neue“ Generation verwendet „queer“ selbstbewusst als Begriff für ihre Community und denkt sich oft gar nichts mehr dabei.

Die Selbstbezeichnung als „nicht-binär“ ist ein anderes Beispiel, Lange gab es für trans* Menschen vor allem den Begriff „transsexuell“. Das war zwar besser, als gar keinen Begriff für sich zu haben, ist aber heute als eher pathologischer Begriff in den Hintergrund getreten. Bemerkenswert ist aber vor allem der Ausbruch aus den lange rein binär gedachten Geschlechtskategorien (also, dass jeder Mensch entweder Mann ODER Frau ist). Die heutige Generation von trans* Menschen hat ihre Konzepte und Möglichkeiten weiterentwickelt. Seit 2012 ist der 14. Juli der Internationale Tag der nicht-binären Menschen.

Der Text der heutigen Lesung steht in genau so einem Kontext des Auf- und Ausbruchs. Dieser Abschnitt der Bibel heißt treffend „Exodus“. Achtung, setzt im Folgenden die Namen nicht mit den Regierungen heutiger Länder gleich! Die Situation damals ist so: Es geht um Menschen, die mit Gott unterwegs sind bzw. mit denen Gott unterwegs ist (hier: die Israeliten). Diese Gruppe hatte lange in Ägypten gelebt. Dort hatten sie zwar ihr Auskommen und genug zu essen, sie waren aber versklavt und unfrei. Weil Gott nicht will, dass Gottes Menschen in Unfreiheit leben, bewegte Gott sie dazu, diese Situation hinter sich zu lassen und sich zu etwas Neuem aufzumachen. Da es aber wie gesagt manchmal eine neue Generation braucht, um nicht einfach die alten Muster woanders zu wiederholen, konnte dieses Neue nicht einfach mit den Leuten, die nur Unfreiheit kannten, angestrebt werden. Es brauchte eine neue Generation. Und so war diese Gruppe erstmal 40 Jahre in der Wüste unterwegs. In dieser Situation spielt der heutige Predigttext.

Diese so genannte „Wüstengeneration“ zeichnet sich im Text durch zwei Sachen aus:

1) Sie begegnen neuen Sachen.
Im Text ist es das Essen: „15 Die Israeliten sahen es und fragten einander: »Was ist das?[4]« Denn sie wussten nicht, was es war.“
Es geht also darum, Unbekanntes zu entdecken, damit umzugehen, sich Sachen neu anzueignen, Sachen anders zu machen.

2) Sie sind Macht und Mächtigen gegenüber kritischer geworden.
Konkret im Text: „2 Auch hier machten die Israeliten Mose und Aaron wieder heftige Vorwürfe.“
Sie nehmen eben nicht mehr alles hin. Murren, Vorwürfe, Kritik – sie stellen unbequeme Fragen, sie nehmen ihre Bedürfnisse wahr und äußern sie (wenn auch oft mit der Verklärung der „guten alten Zeit“).

Beides finden wir oft bei nicht-binären Menschen wieder:

1) Nicht-Binarität ist für viele neu und unbekannt. Nicht-binäre Menschen passen nicht ins alte Bekannte und fallen aus der Norm.

2) Nicht-Binarität stellt Definitionsmacht in Frage. Nicht-binäre Menschen nehmen ihre eigenen Bedürfnisse wahr und äußern diese.

Im Text wird „das Neue“ dargestellt als Antwort Gottes auf die wahrgenommen und ernstgenommenen Bedürfnisse. Warum sind ausgerechnet christliche Kreise oft so skeptisch gegenüber neuen Entwicklungen? Gerade bei Begriffen für nicht-binäre Geschlechtsidentitäten steht es doch allen frei, sie sich anzueignen oder auch nicht.

Es ist genau wie mit der neuen Speise im Predigttext: Was die einzelnen Menschen davon als Menge brauchen und an sich nehmen, ist INDIVIDUELL UNTERSCHIEDLICH. Haben auf Binarität pochende Christen und Christinnen ihre Bibel nicht gelesen?! Nicht-Binarität ist ja genau so nicht für alle in gleichem Maße wichtig, um mit ihrer Identität „satt“ zu sein. (Und Sattsein bezeichnet ja mehr als nur einen Überlebensmodus; Sattsein ist Grundlage für alles! Erst wenn ich satt bin, bin ich handlungsfähig!)

Die Bibel selbst HAT ihre Texte gelesen; das Neue Testament zieht den heutigen Predigttext durchaus als Argumentationshilfe heran. Auch hier wird der individuell unterschiedliche Bedarf als grundlegende Dynamik anerkannt und befürwortert und auch hier geht es nicht um Speisen (2 Kor 8,15). Thema hier ist im weitesten Sinne die Gestaltung des Miteinanders in und zwischen Gemeinden angesichts unterschiedlicher materieller Voraussetzungen.

Ob es als nun um Nicht-Binarität, Gemeinde- und Glaubenspraxis geht oder was auch immer dich gerade umtreibt – für das, womit G*tt auf Bedürfnisse antwortet, gilt von diesem Predigttext her:

Vielleicht ist es manchmal hilfreich, nicht zu gucken, wie viel oder wie wenig die Menschen um dich herum brauchen, sondern dich wirklich zu fragen:
„Wie viel brauche ICH (und meine Gemeinschaft)?“

Häufig ist die Antwort auf diese Frage verstellt von inneren Grundsätzen:

  • Vielleicht brauchst du bei einer bestimmten Sache eigentlich WENIGER als manch andere. Aber wenn du siehst, was alles liegen bleibt, zögerst du. Dann sei dir gesagt: Keine Sorge! Du bist nicht verantwortlich für alles, was übrig bleibt!
  • Oder vielleicht brauchst du bei einer bestimmten Sache MEHR als manch andere. Aber wenn du siehst, dass andere weniger nehmen, zögerst du. Dann sei dir gesagt: Keine Sorge! Es ist genug da, für alle, egal wie viel du davon nimmst!

Solange es für dich nicht stimmt, stimmt es auch aus Sicht Gottes nicht.
Wenn es für dich stimmt, kann es für alle stimmen.

 

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