Zum Inhalt springen
Home | Wo ist solch ein Gott? Wo ist solch ein Mensch!

Wo ist solch ein Gott? Wo ist solch ein Mensch!

21. Juni 2026
Daniel Großer

Micha 7, 18-20

Lieber Micha,

es ist nun langsam mal an der Zeit, dass ich dir schreibe, denn du hast ja auch ganz schön viel geschrieben und freust dich sicher über Post von deiner Leserschaft.
Kapitel 7 hat es mir übrigens besonders angetan. Das ist das, wo du ganz am Anfang die Gesellschaft auseinander nimmst. Da hab ich gleich gedacht: “Ach, ist schon wieder Kapitalismus oder was?” Naja, du wirst dir schon gedacht haben, dass sich da jetzt in den paar tausend Jahren nicht viel dran geändert hat. Die Reichen sind reicher geworden, die Armen ärmer, und die Sache mit der Gerechtigkeit üben wir noch, von der Sache mit dem Frieden ganz zu schweigen. Frag mich mal in tausend Jahren nochmal danach. Du machst dir ja keine Vorstellung, was hier los ist, Micha.
Jedenfalls kann ich den Zorn und die Wut ganz gut verstehen, von der du schreibst. Nun ja, eigentlich schreibst du aus Gottes Sicht, aber ein bisschen von dir wird schon auch darin stecken.

Ich bin auch manchmal wütend – oder vielleicht eher verzweifelt. Gab es zu deiner Zeit noch nicht, aber wir haben uns jetzt was ganz Neues eingebrockt, nennt sich Klimakatastrophe. Hast du auch schon geahnt, oder? “Die Erde wird wüst sein ihrer Bewohner wegen, um der Frucht ihrer Werke willen.” (Micha 7, 13) – sieht ganz so aus, als ob du Recht behältst, leider.

Heute will ich dir aber ja gar nicht schreiben, um meinen Frust bei dir abzuladen – den kennst du ja selber allzu gut und deswegen fühle ich mich von dir so verstanden, lieber Micha.
Aber das, was du da ganz zum Schluss schreibst, Micha, das wühlt mich auf. “Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!”

Wenn du ein paar Jahrhunderte später gelebt hättest, Micha, dann hättest du die Frage ganz anders stellen können: “Wo ist solch ein Mensch, wie du bist, der die Sünde vergibt” – dann hättest du Jesus getroffen, den du vorausgesagt hast (Micha 5, 1): “du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.”
Der hat ja genau das gemacht, Sünde vergeben.

Ich frage mich allerdings, ist das schon alles? Ist das die wichtigste Eigenschaft Gottes, Sünde zu verzeihen? Klar verstehe ich, dass du Gott in Anbetracht der “Schulden-Masse” dafür bewunderst und preist, dass sie noch Kraft und Würde für Gnade hat, aber eigentlich haben wir doch einen anderen Traum, du und ich und Gott. We have a dream!
Wir träumen von einer Welt, in der Gerechtigkeit regiert und in der die Zusammenhänge von Geld und Macht keine Rolle mehr spielen, in der die Liebe wohnt und Güte, und wo Gott stets mitten unter uns ist. Kann sein, dass bis dahin Vergebung ein wichtiger Teil des Weges ist, geschenkt.
Aber Micha, du und ich, wir glauben fest daran, dass dieser Traum wahr wird, dass er kein Traum bleibt.

Hast du dir eigentlich mal Gedanken gemacht, wie du Gott dann loben willst? Stell dir vor, Schuld spielt keine Rolle mehr, weil es nichts mehr zu vergeben gibt. Wofür willst du Gott dann preisen? “Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der…” ja… was eigentlich?
Irgendwie macht mich das kaputt, ich kann Gott nicht ständig für ihre Geduld und Güte preisen, denn die kann sie nur zeigen, wenn ich Fehler mache. Aber Fehler zu machen, oder zu versagen, oder zu sündigen, das will ich nicht als Teil meiner Identität anerkennen – schon gar nicht seit Jesus -, und ich will es deswegen auch nicht als Anker meines Lobes für Gott; jedenfalls nicht andauernd. Ich will nicht glauben, dass Gott nur groß sein kann, wenn ich es nicht bin. Ich will wenigstens manchmal Gott so preisen, als wäre diese neue Welt schon hier und mitten unter uns. Ich will Gott loben, als stünde ich vor ihr: zwar demütig, aber nicht mehr zerbrochen.

Ich will mit dir zusammen noch sagen können: “Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der…” – und dass uns dann tausend Sachen einfallen, die wunderbar und schön sind an Gott, einfach so.
Ich will, dass Gott mich und alle meine Schwestern und Brüder ansieht, wie am ersten Tag der Schöpfung, als Gott noch “sah, dass es sehr gut war” (1. Mose 1, 31).
Ich will, dass Gott zu dir und mir sagt: “Wo ist solch ein Mensch, wie du bist, der…” – und dass ihr dann tausend Sachen einfallen, die wunderbar und schön sind an uns, einfach so.

Ach Micha… ich ahne wohl, dass du meine Sehnsucht gut kennst, und dass sie auch die deine ist. Hin- und hergerissen zwischen dem Elend dieser Welt und dem Glanz derer, die noch kommt, sind deine Texte.
Ob dir auch manchmal das Singen im Halse stecken geblieben ist? Ich könnt es dir gut nachsehen, lieber Micha. Trotzdem hast du die Hoffnung siegen lassen und deine Worte gefunden. Das hat mir Mut gemacht, dass auch ich Worte finden kann, die zu meiner Hoffnung passen.

Bis wir uns wiedersehen in einer Wirklichkeit, von der wir zuvor nur geträumt haben, grüße ich dich herzlich, lieber Micha. Dein Bruder,
Daniel.

Segen

Der Herr segne Dich.
Er erfülle Deine Füße mit Tanz
und Deine Arme mit Kraft.
Er erfülle Dein Herz mit Zärtlichkeit
und Deine Augen mit Lachen.
Er erfülle Deine Ohren mit Musik
und Deine Nase mit Wohlgerüchen.
Er erfülle Deinen Mund mit Jubel
und Dein Herz mit Freude.
Er schenke Dir immer neu
die Gnade der Wüste:
Stille, frisches Wasser und neue Hoffnung.
Er gebe uns allen immer neu die Kraft,
der Hoffnung ein Gesicht zu geben
Es segne Dich der Herr.

(aus Afrika, gefunden von Anne in: „Mit Herzen, Mund und Händen“ von Margot Käßmann)

 

Zum Inhalt springen